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Thema: Leben und Frieden

Beitrag 0: Die Erzählung von den zwei Bäumen im Garten (Bodo Fiebig)

 

In der Bibel, einer der ältesten und in ihrer Wirkungsgeschichte bedeutendsten Textsammlungen der Menschheit, finden wir einen Hinweis, der uns weiterhilft: Es ist die Geschichte von zwei „Bäumen” in einem „Garten”, dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.  1. Mose 2, 8-9: Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 

Der „Garten” steht hier für den Lebensraum der Menschen, in dem sie die Nähe und Zuwendung ihres Schöpfers erfahren und wo sie selbst eine besondere Verantwortung wahrnehmen sollen. Aber, welche Realität, welcher „Schöpfungsakt Gottes“ steht hinter den Bildern von den beiden „Bäumen“ im Garten?

Eigentlich ist das ganz einfach zu verstehen: Der Baum ist immer ein Sinnbild für etwas, was aus einer gemeinsamen Wurzel wächst, das eine gemeinsame Ab-Stamm-ung hat und sich von da aus immer weitergehend verzweigt. Beim „Baum des Lebens“ ist uns dieses Bild geläufig: Von der ersten Ur-Zelle an hat sich das Leben immer mehr verzweigt und verästelt, bis hin zu der millionenfachen Vielfalt der Arten und Formen, die wir heute kennen. Der „Stammbaum des Lebens“ war zu jener Zeit, als es den frühen Menschen gab, schon voll entfaltet. Der Mensch (als Homo sapiens) war ja, wie die Bibel sagt und die Naturwissenschaft bestätigt, der letzte Zweig an diesem Stamm. Diesen Lebensbaum, den Gott selbst „gepflanzt“ hatte, und dessen Wachstum und Verzweigung er in jeder Phase der Entwicklung sorgsam gestaltet und begleitet hatte, stellte Gott nun dem Menschen vor Augen und er gab ihm den Auftrag, die vorgefundene Vielfalt des Lebens im Garten zu pflegen und zu bewahren.

Beim „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ ist uns das Bild vom Baum als Symbol für Abstammung und Verzweigung nicht so vertraut und wir müssen uns diese Sichtweise erst schrittweise erschließen:

Stellen wir uns frühe Formen menschlicher Gemeinschaft vor: Familien und Sippen, Horden von ein paar Dutzend Menschen, die die Wälder und Steppen auf der Suche nach jagbarem Getier und essbaren Pflanzen durchstreiften, immer den Bedrohungen durch die wechselnden Witterungen und Jahreszeiten ausgesetzt, immer in der Gefahr des Verhungerns, immer im Kampf gegen körperlich überlegene Wildtiere und konkurrierende Menschen-Gruppen. Das Leben in einer so feindlichen Umwelt forderte alle ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten heraus. Nur durch kluge Einteilung der Kräfte und durch überlegene Strategien gemeinsamen Kampfes, bei dem jeder seine spezielle Rolle zu spielen hatte, konnte das Leben des ganzen Rudels gesichert werden. Dazu brauchten diese Lebens- und Jagdgemeinschaften aber Regeln, die ihr Miteinander so effektiv wie möglich ordneten. So entstanden, jenseits der instinktgebundenen Verhaltensmuster, erste Rudelordnungen, die den einzelnen Mitgliedern bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen zuwiesen, an die sie sich zu halten hatten. Wenn sie sich daran hielten, wurde das von der ganzen Gemeinschaft als positiv, also „gut“ gewertet und belohnt (zum Beispiel bei der Zuteilung des Beute-Anteils), wenn nicht, galt das als schädlich für die Gemeinschaft, also als „böse“ und wurde bestraft.

Ebenso wie nach und nach durch die Entwicklung von Einzellern, dann komplexeren Lebensformen und schließlich mit der Ausdifferenzierung im Pflanzen- und Tierreich eine Genealogie (eine Abstammungsfolge) der Lebens entstanden war, so entstand nun im Miteinander von Menschen-Gruppen, von Stämmen und Völkern nach und nach eine „Genealogie“ der Ideen und Werte. Das mögen anfangs nur mündlich tradierte Verhaltensregeln gewesen sein, die das Miteinander der frühen Menschen-Rudel bei der Jagd oder bei der Verteilung der Beute ordneten. Allmählich bildeten sich aber in den Sippen und Stämmen ganze Systeme von ungeschriebenen – und später auch geschriebenen – Ordnungen und Gesetzen aus, die immer engmaschiger festlegten, welches Verhalten erlaubt oder erwünscht (und damit „gut“) wäre und welches Verhalten „böse“ sei, also unerwünscht und verboten. Diese Ordnungen und Gesetze machten (und machen auch heute noch) einen wesentlichen Bestandteil dessen aus, was wir die „Kultur“ einer Gemeinschaft nennen. Die Parallelität der Bilder ist einleuchtend: So wie der „Baum des Lebens“ die gewachsene Abstammung und Verzweigung der Lebensformen symbolisiert, so ist der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ das Symbol für die Abstammung und Verzweigung der Verhaltensregeln und Werteordnungen.

Dieser „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ wuchs von Generation zu Generation, und im biblischen Bericht von den Bäumen im Garten symbolisiert er die „Genealogie der Werte“, die sich bis dahin schon herausgebildet hatte. Jede Rechtsordnung und Rechtsprechung ist noch heute eine Frucht von diesem Baum. Der Mensch hat sich (und heute mehr denn je) eine Lebensumwelt geschaffen, die mit den natürlichen Instinkten allein nicht mehr zu bewältigen ist. Er braucht eine jeweils entsprechende Erkenntnis von Gut und Böse, ohne sie ist menschliche Gemeinschaft auf Dauer nicht möglich. Und Gott selbst hatte dafür gesorgt, dass diese Erkenntnis wachsen und sich verzweigen und zu einem starken „Baum“ werden konnte (siehe oben).

Wenn die Regeln und Ordnungen des Zusammenlebens der Menschen dem Willen dessen entsprechen, der selbst den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hatte „aus dem Boden wachsen” lassen, dann kann das Leben gedeihen wie in einem blühenden Garten und kann das Zusammenleben der Menschen zur Verwirklichung des Friedens werden in einer Welt, wo sonst der „Kampf ums Dasein“ herrscht. Wie aus dieser „Frohen Botschaft” eine „Versuchungsgeschichte“ werden konnte, davon kann hier nicht die Rede sein (siehe dazu die Themenbeiträge „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild” und „gut und böse“, in der linken Randspalte).

Zur „Versuchung“ wird die „Erkenntnis von Gut und Böse“ erst dann, wenn Menschen vom Baum der Erkenntnis „essen“ wollen, d. h. wenn sie dessen „Früchte“ für sich vereinnahmen wollen, um selbst zu bestimmen, was gut oder böse sei und so den eigenen Hunger nach Einfluss und Macht zu befriedigen.  Zum „Sündenfall“ wird das Essen vom Baum der Erkenntnis dann, wenn Menschen „sein wollen wie Gott”, wenn sie selbst, nach ihren eigenen egoistischen Bestrebungen bestimmen wollen, was gut und was böse sei (und dann ist natürlich alles „gut“, was mir bzw. uns nützt, auch wenn es den anderen schadet). Lebensgefährdend und gemeinschaftszerstörend wird die Erkenntnis von Gut und Böse dann, wenn jemand erkennt, was gut ist, weil es dem Leben und dem Zusammenleben der Menschen dient, und sich weigert, entsprechend zu handeln, und wenn jemand erkennt, was böse ist, weil es dem Leben schadet und das Zusammenleben der Menschen stört, und es dennoch tut. Der Baum der Erkenntnis von gut und böse zeigt, wie wichtig es ist, im „Garten des Menschseins”, zwi­schen Gut und Böse, Recht und Unrecht zu unter­scheiden und sich für das Gute und gegen das Böse zu entscheiden. Dazu braucht man die „Erkenntnis von Gut und Böse“, ohne sie ist ja eine ethische Entscheidung gar nicht möglich. Wie es dazu kam, dass Gott den Menschen verbieten musste, vom „Baum der Erkenntnis“ zu essen, das kann hier nicht eingehender dargestellt werden (siehe die beiden oben angegebenen Beiträge).

Der „Baum der Erkenntnis” beschreibt uns die Voraussetzung dafür, dass Frieden sein kann: Wenn jeder erkennt, was nach dem Willen Gottes gut ist (nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Mitmenschen und für die Schöpfung um ihn her) und das tut, und wenn jeder erkennt, was böse ist (weil es dem Leben schadet und das Zusammenleben der Menschen stört) und das lässt, dann ist Frieden. Das klingt so einfach, aber wie weit ist die Menschheit davon entfernt!

Leben und Frieden (Leben und Frieden), bildhaft dargestellt durch die beiden „Bäume“ im „Garten“, so ist Menschsein gemeint. 

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