Bereich: mitreden

Thema: gefährliche Entwicklungen

Beitrag 15: Kampf der Systeme (Bodo Fiebig6. Juli 2022)

Noch vor einigen Jahren schien es so, als hätte sich das System der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratien weltweit als das menschlichste und zugleich wirtschaftlich und politisch erfolgreichste durchgesetzt. Das war (wie sich unterdessen herausgestellt hat) schon damals eine Illusion, aber jetzt haben es eine Hand voll autokratischer Herrscher in den mächtigsten Ländern der Welt (Russland, China, auch in den USA unter Trump – und diese Entwicklung ist ja möglicherweise nur vorläufig unterbrochen), und in einigen mittleren Mächten, (wie z. B. in der Türkei oder dem Iran, in Saudi Arabien, Libyen oder Syrien usw.) und in anderen Ländern (wie Brasilien, Indien usw.), wo es noch demokratische Rahmenbedingungen gibt ) der überraschten Welt vor Augen geführt: Der Egoismus autoritärer Systeme mit harten Autokraten an der Spitze weckt in vielen Menschen eine erstaunliche Faszination. Und: Er kann die Demokratie (zumindest vorübergehend) an die Wand spielen, ja an den Rand des Abgrunds drängen.

Welches ist gegenwärtig das attraktivere Gesellschafts- und Zukunfts-Modell? Demokratie oder Diktatur? Bei dieser Frage muss man zwei verschiedene Zielgruppen unterscheiden:

Wenn sich diese Frage an die Mehrheit der Menschen in einem Land richtet, werden sich die meisten Befragten (wenn sie wirklich die freie Wahl haben) selbstverständlich für die freiheitlich-rechtsstaatlich-demokratische Alternative entscheiden, denn sie würden ja die Vorteile eines solchen Systems genießen.

Wenn man die gleiche Frage an die gegenwärtigen Machthaber in den gegenwärtig existierenden Ländern richten würde, dann würden die sich wohl in Mehrheit für die autoritäre Variante entscheiden (scheindemokratische Institutionen wie machtlose Parlamente und angeblich freie Gerichte würden daran nichts ändern). Für Machthaber ist es ungeheuer verlockend, selbst absolut zu herrschen, Macht auszuüben, ohne Widerstand zu dulden und ohne sich für seine Taten rechtfertigen zu müssen.

Die Frage wäre nun: Wer entscheidet denn in einem Land darüber, welches System in Zukunft gelten soll? Ganz einfach: In den Ländern, in denen ein einigermaßen gefestigtes demokratisches Verständnis besteht, entscheiden die Mehrheiten. In den Ländern, in denen schon halbautoritäre Systeme an der Macht sind, werden wahrscheinlich die Machthaber und ihre Mit-Täter und MitLäufer entscheiden.

Das Erstaunliche und Erschreckende in unserer Gegenwart ist nun, dass auch in bisher gefestigten Demokratien Menschen durch „Beeinflussung“ mit hochprofessionellen Strategien und Aktionen in den „Sozialen Medien“, mit systematisch und millionenfach verbreiteten Lügen, mit Hass und Hetzte so verunsichert, umgestimmt und fanatisiert werden können, dass sie zunehmend bereit werden, für autoritäre Systeme stimmen (obwohl sich das auch für sie selbst (!) furchtbar, manchmal auch tödlich aus wirken würde).

Die großen Diktaturen unserer Gegenwart üben eine große Faszination aus auf labile Menschen (auch auf eigentlich demokratisch gesinnte), wenn sie sehen, mit welcher Effektivität und Schnelligkeit die ihre Programme durchsetzen können (die Brutalität, mit der die Völker in diesen Ländern gezwungen werden, ist ja hinter dem Vorhang der allgegenwärtigen Propaganda weitgehend unsichtbar).

Autokratische Systeme können, wenn es um politische oder wirtschaftliche Erfolge geht, schneller und effizienter agieren und reagieren, als parlamentarische Demokratien, denn wenn ein ganzes Herrschaftssystem nur darauf gerichtet ist, den Willen der Machteliten zu vollziehen, braucht es keine Rücksichten zu nehmen auf die Wünsche und Bedürfnisse der Einzelnen. Wobei es nur einen sehr geringen Unterschied ausmacht, dass einige dieser Mächte offiziell ein kommunistisches Hintergrundbild pflegen, die anderen ein nationalistisches oder liberalistisches, wieder andere ein islamistisches, hinduistisches usw. Es geht bei all dem um die Macht der Autokraten innerhalb eines Systems, in welchem (vorgetäuschte!) ideologische oder religiöse Motivationen vor allem die nötige Schubkraft geben sollen für die „Mobilmachung“ der eigenen Bevölkerung zugunsten der Herrschenden.

Nein, es ist kein „Kampf der Kulturen“ entbrannt. Aber es brennt mit hohem emotionalen Erregungspotential und gewalttätig aufgeheizten Temperaturen in harten Auseinander­setzungen ein Kampf der autoritären Mächte dieser Erde gegen die Existenz freiheitlicher Demokratien. Und der wird im digitalen Zeitalter meist mit modernen Mitteln geführt (digital verbreitete Desinformation, Hetze und Lüge, wirtschaftliche Überwältigung, politische Destabilisierung …) wird dann aber auch mit ganz altmodisch-tödlichen Waffen ausgetragen (Folter und Mord, Gewalt und Krieg).

Die Kulturen selbst sind in Wirklichkeit kein guter Brennstoff für Kampf und Krieg, ihnen hängt man zu Unrecht das Etikett vom „Kampf der Kulturen“ an. Aber es gibt politische Systeme, die ohne Kampf und Krieg nicht auskommen, die ohne Gewalt und Unterdrückung nicht wachsen können und keine Erfolge erringen können. Und das sind autokratische Machtsysteme mit Neigung zur Diktatur. Solche Machtsysteme wollen ihr „wahres Gesicht“ (die Machtgier der Machthaber) nicht zeigen, sie brauchen Verschleierungs- und Motivations-Systeme, hinter denen sie sich verbergen können. Es geht bei allen autoritären Systemen darum, ihre „Untertanen“ für den Willen der Machthaber verfügbar zu machen. Und das geht am besten mit emotional aufgeladenen Wir-Geschichten (Narrativen), die eine große Vergangenheit mit einer noch größeren Zukunft verbinden, für die sich auch der äußerste Einsatz lohnt. Es gilt, das Wir-Gefühl der „Untertanen“ so anzuheizen und in nachvollziehbare und mitvollziehbare Demonstrationen und Aktionen gemeinsamer Stärke umzusetzen, dass es für den autoritären Machtgewinn kleiner Machtzirkel nutzbar wird: „Wir – und nur wir sind die „Guten“, die von der Vorsehung, von der Geschichte oder von den Gesetzes des Marktes oder den Geboten der Götter Auserwählten, die sich gegen die heimtückischen Machenschaften der Anderen, der Fremden, der Bösen wehren müssen. Deshalb müssen wir Stärke zeigen und die „Bösen“ (und das sind in ihren Augen alle, die sich ihrer All-Macht entgegenstellen) gnadenlos bekämpfen.“

Die wichtigsten dieser Motivations-Systeme in unserer Gegenwart will ich hier ansprechen, wobei gleich angemerkt werden muss, dass autoritäre Machthaber fast immer Motivationen aus mehreren Systemen verwenden, um möglichst viele zu erreichen (z. B. bei den „National-Sozialisten“ in Deutschland 1933-45, die schon in ihrem Namen die nationalen und die sozialistischen Motivations-Energien zusammenzuführen versuchten).

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1 Die Wiedergeburt der Ideologien

Die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts (des weitaus blutigsten Jahrhunderts der ganzen Menschheitsgeschichte!) waren am Ende dieses Jahrhunderts alle gescheitert: Der Nationalismus nach dem Ende der nationalistischen Diktatur in Deutschland (und anderswo) und der Kommunismus nach dem Ende kommunistischen Diktatur in der Sowjet-Union (und anderswo). Die herrschende Partei in China nannte sich zwar noch „kommunistisch“, pflegte jedoch eher einen Partei-gelenkten Staatskapitalismus (und tut das bis heute). Die Aufteilung der politischen Richtungen in „rechts“ und „links“ schien Ende des 20. Jahrhunderts schon aus der Mode gekommen, ehe sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts neuen Auftrieb bekam. Freilich müssen wir dabei beachten, dass diese politischen Richtungsangaben seitdem mit veränderten Inhalten gefüllt sind, die mit dem, was diese Begriffe im 19. Jahrhundert oder Anfang des 20. Jahrhunderts meinten, nur bedingt vergleichbar sind. Trotzdem verwende ich diese Begriffe hier, weil sie eine allgemein verständliche Zuordnung ermöglichen. Heute dienen diese Begriffe und die dahinter stehenden Welt-Bilder vor allem zur Motivation der Beherrschten, nicht als Ziel der Herrschenden. Ich nenne diese Systeme deshalb z. B. nicht „national motiviert“ (also, dass die Verantwortlichen selbst so motiviert wären) , sondern „nationalistisch motivierend“ (also, dass sie ihre Untertanen damit für sich motivieren wollen).

  1. a) Völkisch-rassisch-nationalistisch motivierende Systeme

Fast alle autoritären Machthaber unserer Gegenwart spielen (hauptsächlich oder nebenbei) auf der nationalistischen Klaviatur. Das „Wir“ wird als nationale, historisch gewachsene, rassisch-völkische Einheit definiert, als eine Nation, die einst in ferner Vergangenheit groß und mächtig war, die dann aber von „den anderen“ unterdrückt, unterjocht und ihres nationalen Glanzes und Stolzes beraubt wurde, wobei die „Fremden“ von „Verrätern“ aus den eigenen Reihen unterstützt wurden. Nun aber sei die Zeit gekommen, sich der Fremden zu erwehren, die Verräter und Volksschädlinge zu vernichten und die einstige Größe wieder zu erkämpfen. In dieses gegenwärtige „Narrativ“ passt die „Neue Seidenstraße“ Chinas (als Wiederherstellung und Vollendung einer Welt-Großmacht auf der Grundlage der Jahrtausende alten chinesische Kultur) genau so hinein, wie die Groß-Persischen Phantasien des Iran, die Wiedererweckung der Idee vom „Osmanischen Weltreich“ in der Türkei, oder von der Wiederherstellung des einstigen Zarenreiches (bzw. der Sowjetherrschaft) in einem „Großrussland“ als Weltmacht, oder die „make America great again“- Bewegung in den USA.

Solche nationalistischen Übersteigerungen werden nicht deshalb verwendet, weil die Machthaber selbst davon überzeugt wären, sondern deshalb, weil sie wissen, dass sehr viele Menschen für national-egoistische Motive besonders leicht ansprechbar sind. Viele der sogenannten „einfachen Leute“ setzen in schwierigen Zeiten auf nationale Stärke, um nicht von anderen abhängig zu sein und man fürchtet den eigenen Niedergang angesichts undurchschaubarer Verhältnisse und unübersehbarer Entwicklungen. Aber: Hinter der angeblichen Stärke des nationalen Kollektivs gegenüber den „Anderen“ steht ja in Wirklichkeit die totale Schwäche der einzelnen Menschen gegenüber den Unterwerfungsforderungen der eigenen Machthaber. Hinter der Sehnsucht nach Überlegenheit gegenüber den „Feinden“ kann sich die ganze Härte und Grausamkeit autoritärer Staatsgewalt gegenüber Abweichlern und Oppositionellen im eigenen Land und Volk verbergen, und so gut verbergen, dass sie im „normalen“ Leben kaum mehr wahrnehmbar ist.

Das richtungsweisende und normgebende Zentrum jedes autoritär-nationalistischen Systems bildet die Person des „Führers“, als eines nationalen „Heilsbringers“, auf den alle Erwartungen für eine große und erhabene nationale Zukunft konzentriert werden (Mussolini, Hitler, Franco …). Und es ist für die begeisterten Anhänger des „Führers“ völlig unbedeutend und keines Gedankens wert, dass in der tatsächlichen Geschichte der Völker die großen „Führer“ meist auf furchtbare Weise gescheitert sind und sie ihre Völker mit ins Verderben rissen.

  1. b) Sozialistisch-kommunistisch-klassenkämpferisch motivierende Systeme

So wie die Sehnsüchte der Völker nach nationaler Stärke missbraucht werden können, um autoritäre Systeme zu entwickeln und zu stabilisieren, so kann auch die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit zu eben demselben Zweck missbraucht werden. Aus der „Diktatur des Proletariats“ wurde aber in der Realität der sozialistisch-kommunistisch-klassenkämpferisch motivierenden Systeme die „Diktatur über das Proletariat“ durch die Machtzirkel an der Spitze der kommunistischen Parteien. So wie im Nationalismus die „Nation“ oder das „Vaterland“ alles ist und der einzelne Mensch nicht zählt, so ist in den kommunistischen Diktatur die kommunistische Partei (bzw. deren Machtapparat) alles und der einzelne Mensch zählt nichts.

Solche sozialistischen Übersteigerungen werden nicht deshalb verwendet, weil die Machthaber selbst davon überzeugt wären, sondern deshalb, weil sie wissen, dass sehr viele Menschen für klassen-egoistische Motive besonders leicht ansprechbar sind. Man setzt auf die Stärke der „Arbeiterklasse“, die (so sagt man) selbstverständlich und unumkehrbar die Zukunft der Menschheit bestimmen wird. Aber: Hinter der angeblichen Stärke der sozialistischen Kollektivs gegenüber den „Anderen“ steht in Wirklichkeit die totale Schwäche der einzelnen Menschen gegenüber den Unterwerfungsforderungen der eigenen „sozialistischen“ Machthaber. Hinter der Sehnsucht nach Überlegenheit gegenüber „den Klassenfeinden“ kann sich die ganze Härte und Grausamkeit autoritärer Staatsgewalt gegenüber den Abweichlern und Oppositionellen im eigenen Land und Volk verbergen, und so gut verbergen, dass sie im „normalen“ Leben kaum mehr wahrnehmbar ist.

Das richtungsweisende und normgebende Zentrum jedes autoritär-sozialistischen Systems bildet die Machtspitze der Partei (Lenin, Stalin, Mao …), die sich in der Person eines sozialen „Heilsbringers“ darstellt, auf den alle Erwartungen für eine große und erhabene kommunistische Zukunft konzentriert werden. Und es ist für die überzeugten Anhänger der „Partei“ völlig unbedeutend und keines Gedankens wert, dass in der tatsächlichen Geschichte der Völker alle großen kommunistischen Systeme auf furchtbare Weise gescheitert sind und sie ihre Völker mit ins Verderben rissen.

c) Liberalistisch-kapitalistisch-materialistisch motivierende Systeme

In liberalistisch-kapitalistisch-materialistisch motivierenden Systemen spielt (im Gegensatz zu den oben genannten Systemen) das Kollektiv als Systemträger kaum eine Rolle. Herausragend und systemtragend ist hier das Narrativ vom „self-made-man“, der aus eigener Kraft vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigt oder vom cleveren Studenten, der in seiner Studentenbude an geheimen Programmen bastelt, und der die Regeln und Chancen des „Freien Marktes“ so optimal und genial (freilich auch so gerissen und rücksichtslos) ausnutzt, dass er zum CEO (zum obersten Chef) eines „Weltunternehmens“ aufsteigt. Wobei dieser „Self-made-Mythos“ wie alle Mythen, nicht die tatsächlichen Verhältnisse beschreibt (in der Realität kann eben nicht jeder Tellerwäscher Millionär werden), sondern der Mythos nur ein Indentifikations-Muster anbietet, das den „kleinen Leuten“ einreden soll: „Jeder kann es schaffen – du auch“ und das die Vielen auf die Ideologie der wirklich Reichen und Mächtigen fixieren soll.

Solche liberalistischen Übersteigerungen werden nicht deshalb verwendet, weil die Machthaber selbst davon überzeugt wären, sondern deshalb, weil sie wissen, dass sehr viele Menschen für kapitalistisch-egoistische Motive besonders leicht ansprechbar sind. Man setzt auf die Kräfte des „Marktes“, die (so sagt man) jedem Einzelnen und der ganzen Welt ein „Paradies auf Erden“ bescheren werden. Aber: Hinter der angeblichen Stärke des „freien Marktes“ steht in Wirklichkeit die totale Schwäche der einzelnen Menschen gegenüber den Unterwerfungsforderungen der politischen und wirtschaftlichen Machthaber, der „Global Player“ und Weltkonzerne. Hinter der Sehnsucht nach „Wohlstand für alle“ kann sich die ganze Härte und Grausamkeit eines liberalistischen Systems verbergen, das millionenfach „Verlierer“ produziert, die mit ihrer Arbeitsleistung zu Hungerlöhnen den maßlosen Reichtum der Reichen finanzieren.

Leider ist in den vergangenen Jahrzehnten in den Köpfen vieler Menschen eine falsche Verknüpfung entstanden. Nämlich die Verknüpfung von „Demokratie“ und „Kapitalismus“. Die Glaubwürdigkeit der modernen „westliche Demokratie“ hat vor allem darunter gelitten, dass sie es zugelassen hat, in vielen Bereichen wirtschaftlichen und politischen Handelns mit einem kapitalistisch-liberalistischen System gleichgesetzt zu werden. Eine „Zulassung“, die dazu führen kann, dass die Demokratie als Alternative zu totalitären Systemen kaum mehr ernst genommen wird und sie deshalb ihre eigentliche Stärke (Freiheit, Gleichberechtigung und Teilhabe für alle) ihre Wirkung verliert. In Wirklichkeit aber ist die freiheitliche Demokratie dem neokapitalistischen Finanz- und Wirtschaftsliberalismus und dem Raubtierkapitalismus unserer Gegenwart genau so fremd, wie dem Nationalismus oder dem Kommunismus.

d) Kulturell-religiös motivierende Systeme

Wer meint, die neue Stärke religiös motivierender Machtgebilde sei auf ein Wiedererstarken des Religiösen im Denken und Glauben der Menschen zurückzuführen, der irrt sich (bzw. wird von Fehlinformationen und Fehlinterpretationen in Verwirrung und Verirrung getrieben). Nicht das religiöse Denken und Glauben der Menschen hat eine neue Dimension erreicht, sondern der Missbrauch des Religiösen für den Ausbau und die Stabilisierung der Machtsysteme der Mächtigen.

Solche religiösen Übersteigerungen (wie z. B. im gewalttätigen Islamismus, Hinduismus usw.) werden nicht deshalb verwendet, weil die Machthaber selbst davon überzeugt wären (also, dass sie das selbst glauben würden), sondern deshalb, weil sie wissen, dass sehr viele Menschen für religiös-weltanschaulich-egoistische Motive besonders leicht ansprechbar sind. Man setzt auf die Stärke der „Glaubensgemeinschaft“, die (so sagt man) von Gott oder den Göttern selbst auserwählt ist und die Zukunft der Menschheit bestimmen wird. Aber: Hinter der angeblichen Stärke der Glaubens-Gemeinschaft gegenüber den „Ungläubigen“ steht in Wirklichkeit die totale Schwäche der einzelnen gläubigen Menschen gegenüber den Unterwerfungsforderungen der eigenen, sehr weltlich-egoistischen Machthaber.

Hinter der Sehnsucht nach Überlegenheit gegenüber den „Ungläubigen“ kann sich die ganze Härte und Grausamkeit autoritärer Staatsgewalt gegenüber den Abweichlern und Oppositionellen im eigenen Land und Volk verbergen, und so gut verbergen, dass sie im „normalen“ Leben kaum mehr wahrnehmbar ist.

Dabei werden Kultur und Religion oftmals praktisch gleich gesetzt und zu einem kulturell-religiösen Motivationsbündel verschnürt (z. B. Islam und Scharia, oder Hinduismus und indischer Nationalismus usw.) : Wir, wir und nur wir sind die einzige wahre Religion mit einer einzigartigen kulturellen Einbettung, die dazu ausersehen ist, unserem Land, ja der ganzen Welt und Menschheit endgültigen Frieden zu bringen. Freilich müssen dazu die „Ungläubigen“ bekämpft und überwunden werden und unser Rechtssystem, das die einzig richtige Lebensweise beschreibt und erzwingt, muss für alle Menschen alternativlos gültig werden (und wer das nicht will, muss durch „Umerziehung“ überzeugt oder durch „endgültige Maßnahmen“ „ausgeschaltet“ werden).

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2 Der Kampf

Im „Kampf der Systeme“ geht es gegenwärtig nicht um die (möglicherweise für lange Zeit entscheidende) Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus, Sozialismus oder Liberalismus, auch nicht um die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen.

Im „Kampf der Systeme“ geht es jetzt um die Frage, ob die weltpolitischen und weltwirtschaftlichen „Spielregeln“ und Herrschaftsformen, die jetzt und in Zukunft in der globalisierten Welt gelten sollen (und die dafür notwendigen Grundsätze des Lebens und Handelns) von autokratischen Eliten und deren Machtinteressen bestimmt werden oder von freiheitlichen Demokratien mit einer offenen, aber doch ethisch begründeten Gesellschaftsform. Dabei müssen wir uns bewusst machen, dass die zum Machtgewinn nach außen dargestellten Begründungen in Form von Ideologien und Religionen, dann auch zum Machterhalt noch lange erhalten bleiben und oft rigoros durchgesetzt werden.

Die großen „Weltmächte“ (USA, Russland, China – dazu einige Regional-Machthaber) kämpfen gegenwärtig um die „Welt-Vormacht“ bzw. „Regional-Vormacht“, weil sie (wahrscheinlich zurecht) meinen, dass in den kommenden Jahren entschieden wird, welche Mächte, Herrschaftsformen, Denkweisen und Lebensstile sich (wahrscheinlich für lange Zeit) in der entstehenden globalen Welt-Gemeinschaft durchsetzen werden. Und sie wollen das offene „Zeitfenster“ nutzen, um jetzt die Entwicklung zu ihrem Gunsten entscheidend zu beeinflussen. Wobei Russland und China schon in einer gefestigten Diktatur gelandet sind und die USA noch in einem inneren Ringen zwischen demokratischen und totalitären Kräften steht. Gegenwärtig erleben wir es in der Ukraine, wie brutal diese Macht-Kämpfe in letzter Konsequenz ausgefochten werden. Die Diktaturen der Welt sind bereit, für die angestrebte Weltvormachtstellung millionenfach Gewalt, Leid und Tod über die Menschen zu bringen und sie scheuen sich auch nicht, Millionen ihrer eigenen „Lands-Leute“ und Anhänger in Krieg und Tod zu schicken, wenn es für ihre Ziele nützlich scheint.

Entscheidend ist jetzt, ob es uns gelingt, die Machtinteressen autoritärer Machthaber unser Zeit hinter der Fassade ideologischer und/oder religiöser Begründungen zu erkennen und bloßzustellen. Dann kann es auch gelingen, den ursprünglichen und auch weiterhin berechtigten Interessen kultureller Eigenständigkeit, sozialen Ausgleichs, freier Entfaltung und religiöser Vergewisserung unter dem Schutz allgemein gültiger Menschenrechte (und damit einer freiheitlichen Demokratie) wieder Geltung zu verschaffen.

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3 Neue Weltordnung?

Gegenwärtig sieht es so aus, also ob die „Alte Weltordnung“ sich wieder durchsetzen könnte, wo die Macht der Mächtigen durch offene Gewalt mit Schwertern (oder heute mit computergesteuerten Bomben) erobert und verteidigt wurde. Oder eine „Neue Weltordnung“ (die eigentlich doch nur die alte ist, nur mit anderen Machthabern und anderen Machtmitteln), in der die Macht der Mächtigen mit versteckter Gewalt durchgesetzt wird, durch geistige Überwältigung, entwürdigende „Umerziehung“, wirtschaftliche Ausbeutung und dem Einsatz modernster Überwachungs-, Informations- und Desinformations-Technologie (oder wahrscheinlicher: durch eine Kombination von offener und versteckter Gewalt).

Aber noch ist der „Kampf um die Zukunft“ nicht entschieden. Noch ist das „Zeitfenster“ offen für beides: Für Leben und Frieden oder Kampf und Tod, für Freiheit und Gerechtigkeit oder Gewaltherrschaft und Unterdrückung, aber es könnte sein, dass es sich bald schließt.

Die „Alte Weltordnung“ (die sich manchmal auch die „neue“ nennt) will

– Macht (ja, vor allem Macht, denn damit kann man sich alles andere erzwingen)

– Ruhm,

– Reichtum

– Gewinn

aber jeder nur für sich und gegen „die anderen“.

Und sie (diese „Alte Weltordnung“) will die Menschheit einteilen

in Sieger und Besiegte,

mit uns, den Siegern, als Herren

und euch, den Besiegten, als Sklaven.

(So war sie immer, die menschengemachte „Weltordnung“,

seit Jahrtausenden.)

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Aber:

Die Jugend der Welt im 21. Jahrhundert

will leben und zusammen-leben

mit allen, in allen Völkern, Kulturen und Religionen

– in Frieden,

– in Freiheit und Selbstbestimmung,

– in Gerechtigkeit,

für alle,

in einer Gemeinschaft globaler Mitmenschlichkeit,

– in Liebe

zu allen*.

* (Ja, biblisch Glaubende wissen: Auch Jugend und Begeisterung und ernsthafter Wille können unsere Erde nicht umfassend von Leid, Gewalt und Krieg befreien, aber sie vertrauen darauf, dass Jugend und Begeisterung und ernsthafter Wille in der Hand Gottes zum Schutzschirm des Lebens und zum Werkzeug des Friedens werden können an vielen Orten unserer Erde, in vielen kleineren und größeren Initiativen.

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Der Kampf

um die Zukunft der Menschheit in einer globalisierten Welt

findet jetzt statt, jetzt in unserer Gegenwart.

Und er ist noch nicht entschieden.

Aber:

Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit für alle

müssen erkämpft und verteidigt werden bevor der Krieg beginnt.

Wenn die Kanonen donnern,

sind sie schon verloren

und die Liebe lebt und wirkt nur noch im Untergrund.

Not-wendend wären (jetzt und jederzeit)

geistige „Friedens-Offensiven“

(lange bevor die militärischen Kriegs-Offensiven in Gang kommen),

in allen Konfliktzonen der Erde,

wäre eine „allgemeine Mobilmachung“ der Friedensfähigen und Friedensbereiten,

wäre eine „Aufrüstung“ des Miteinander und Füreinander der Menschen,

wäre eine kluge „Strategie“ für die Entfremdung der „Fremden“

und die Entfeindung der „Feinde“

in allen Völkern, Kulturen und Religionen.

Not-wendend ist (jetzt und jederzeit und überall, wo es jetzt möglich ist)

der Kampf um Leben und Frieden

für alle.

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Die alten „Dämonen“ des politischen Egoismus (ja, doch, es gibt sie, diese Dämonen, ich nenne einige von ihnen mit Namen: Nationalismus, Kommunismus, Raubtierkapitalismus, kulturell oder religiös motivierter Extremismus usw.) diese alten  Dämonen des politischen Egoismus und Totalitarismus greifen erneut nach der Macht, jetzt aber nach globaler und totaler Welt-Macht!

Demokratie* oder Dämokratie, das ist unsere Zukunfts-Entscheidung!

* Siehe dazu auch das Thema „Reich Gottes und Demokratie“ im Bereich „mitmachen“

Aber haben wir denn überhaupt noch eine Chance Freiheit, Frieden, Rechtsstaatlichkeit und das Miteinander und Füreinander der Verschiedenen trotz ihrer je besonderen „Eigen-Art“, haben wir in der gegenwärtigen Situation noch eine realistische Chance Leben und Frieden für alle Menschen (und für die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde) zu erhalten?

Ja, doch, es ist möglich!  Wenn wir es wirklich wollen und entsprechend handeln, ist es möglich! Und: Wenn wir angesichts unserer Begrenztheiten den um Hilfe bitten, der auch jetzt noch helfen kann, weil seine Macht über alle Menschenmacht hinausgeht. Vielleicht brauchen wir in dieser Entscheidungssituation der Menschheits-Geschichte ein Welt-Gebet des 21. Jahrhunderts.

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Das Gebet des 21. Jahrhunderts

Es gibt ein Gebet (manche kennen es), das ist schon alt,

aber es könnte zum Gebet des 21. Jahrhunderts   werden.

Es redet den Schöpfer des Universums und allen Lebens an wie einen Vertrauten:

„Vater“

Unser Vater im Himmel

Da heißt es ausdrücklich nicht „mein“ Vater oder „dein“ Vater,

sondern „unser“ Vater.

Er ist väterlicher und mütterlicher Helfer und Hüter

der ganzen Menschheitsfamilie

und wir Menschen sind alle „Verwandte“,

nicht nur biologisch,

sondern auch spirituell (im Denken, Hoffen und Glauben).

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„Vater unser im Himmel“,

wer so betet, widerstrebt allen egoistischen Bestrebungen und Wertungen

der Machthungrigen und Gewalttätigen.

Die sagen:

    „Ich bin es! Wir sind es!

    Uns (den Besten, den Edelsten, den Auserwählten)

    uns steht die Weltherrschaft zu!

   Wir werden die Zukunft gestalten

   und euch, wenn ihr euch nicht widersetzt, werden wir euren Platz darin zuweisen,

   wo ihr uns dienen sollt.“

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Wer aber „Vater unser im Himmel“ betet,

der sagt:

„Wir sind alle Kinder des selben Vaters, wir sind alle gleich an Wert und Würde.“

Welch eine Absage an die Machtgier der Mächtigen!

Welch eine Zurückweisung ihrer Selbstverherrlichung!

– Aber es kommt noch schlimmer für sie!:

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geheiligt werde dein Name.

„Was, wie?“ Schreien die Mächtigen

    „Geheiligt, geachtet und hochverehrt kann doch nur mein Name sein.

    Ich bin der Höchste!

    Ich habe die Macht!

    Mir jubeln die uniformierten Massen zu!

    Wer sagt, „geheiligt werde dein Name“ und meint nicht meinen Namen,

    ist ein Verräter, ein Feind alles Guten, ein Terrorist

    und muss aus der Gemeinschaft der Menschheit ausgelöscht werden!

    Mit allen Mitteln!“

– Aber es kommt noch schlimmer!:

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Dein Reich komme,

„Was??

    Welches Reich sollte denn kommen, wenn nicht meines?

    Mein Reich ist schon da!

    Es ist Gegenwart und Zukunft für alle Völker der Erde!

    Ein „Tausendjähriges Reich“ unter meiner Herrschaft

    (und derer, die meine Herrschaft nach meinen Vorgaben weiterführen werden).

    Wer sagt: „Dein Reich komme“ und meint nicht mein Reich

    der soll des Todes sein!“

– Aber es kommt noch schlimmer!:

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dein Wille geschehe,

    „Was denn, wie denn? Was soll der Unsinn?

    Mein Wille geschehe!

    Und ihr seht doch: Mein Wille geschieht!

    Wenn ich etwas befehle, gilt nur bedingungsloser Gehorsam!

    Wehe denen, die einem anderen Willen gehorchen als meinem!“

– Aber es kommt noch schlimmer!:

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… dein Wille geschehe

wie im Himmel, so auf Erden.

    „Ja, soll doch der alte Gott im Himmel regieren wie er mag!

    Dort im Luftschloss der Dürftigen, im Traumland der Bedürftigen,

    dort im Nirgendwo naiven Glaubens, da mag der sich austoben!

    Meinetwegen!

Aber hier, hier auf der Erde regiere ICH! Und nur ICH!“

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So sagen die Mächtigen

und doch geht seit zwei Jahrtausenden,

(in denen alle Machthaber verstorben sind

und alle ihre Reiche vergangen)

dieses Gebet um die Welt:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde dein Name,

dein Reich komme

dein Wille geschehe

wie im Himmel, so auf Erden.

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Freilich, wie sollen, wie können wir Machtlosen

im Herrschaftsbereich der Mächtigen

so beten,

angesichts ihrer Übermacht, Bosheit und Gewalt?

Indem wir so weiterbeten:

Unser tägliches Brot gib uns heute

(auch in Verfolgung, Not und Krieg)

und vergib uns unsere Schuld,

(ja, bitte, nicht nur die Schuld der anderen; auch unsere eigene)

wie wir vergeben unseren Schuldigern

(denn das ist das Maß für die Vergebung unserer Schuld)

und führe uns nicht in Versuchung,

(Nicht in die Versuchung, uns den Mächtigen anzuschließen

und auch nicht in die Versuchung,

selbst maßlos nach Macht, Ruhm und Reichtum zu streben)

sondern erlöse uns von dem Bösen (wörtlich: „… entreiße uns dem Bösen.“)

(Ja, reiße uns heraus aus der Macht der Bösen

und aus dem Machtbereich ihrer Gewaltsysteme

und erlöse uns von dem Bösen um uns und von dem Bösen in uns.)

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit

in Ewigkeit

Amen.

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