Bereich: mitreden

Thema: gefährliche Entwicklungen

Beitrag 12: Die neue Gnosis (Bodo Fiebig)

In den ersten 2-3 Jahrhunderten der Christenheit gab es eine geistige Bewegung, die mit großer Intensität und Durchschlagskraft in die Religionen und Philosophien im damaligen Römischen Reich (rund ums Mittelmeer) und die östlich angrenzen Gebiete (persisches Reich) eindrang: Die Gnosis1. Auch das noch junge Christentum war davon betroffen und zeitweise bis an den Rand des Scheiterns in Frage gestellt. Das Anliegen der Gnostiker war es, den Menschen die Augen zu öffnen für die „Wahrheit“, die hinter allen scheinbaren Wirklichkeiten wirksam sei und die den „Wissenden“ Einblick geben konnte in die wirklichen Zusammenhänge, Machtverhältnisse und Vorgänge in der Welt und in den Himmelssphären.

1„Gnosis“ (griechisch) = Wissen, Erkenntnis

Ähnliches begegnet uns in der Geschichte der geistigen Entwicklung der Menschheit immer wieder: Religionen oder Ideologien (als Welterklärungsmodelle und als Stützen der eigenen Selbstwahrnehmung und Identität) werden in Zeiten tiefgreifender Veränderungen und dramatischer Umbrüche blass und unscharf und genügen vielen nicht mehr als Deutungsrahmen für ihre gegenwärtige bedrängende Situation und erst recht nicht mehr als Hoffnungsanker und Motivationsquelle angesichts einer als „bedrohlicher werdend“ empfundenen Zukunft.

In solchen Situationen blühen gnostische Ideen auf: „Wir müssen die Welt ganz neu verstehen lernen. Wir müssen wahrnehmen, welche Mächte ‚wirklich‘ unser Leben beeinflussen, welche Kräfte ‚wirklich‘ den Gang der Geschichte bestimmen, und welche Entwicklungen ‚wirklich‘ gegenwärtig die Richtung vorgeben. Die ‚Sehenden‘ und ‚Wissenden‘ haben sie schon erkannt. Aber die große Masse der Unwissenden läuft immer noch den alten Ideen, Idealen und Idolen nach. Wir müssen ihnen die Augen öffnen, wir müssen die Wahrheit als Licht bringen!“

Das wirkmächtigste gnostische „Narrativ“2 des 20. Jahrhunderts war die Erzählung vom geheim agierenden, aber übermächtigen „Weltjudentum“, das drauf und dran war, eine „jüdische Weltverschwörung“ in Gang zu setzen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, die diese „geheime  Weltverschwörung“ dokumentieren sollten, wurden zwar schon bald als bewusst zusammengestellte und absichtlich verbreitete Fälschung des russisch-zaristischen Geheimdienstes (1903) entlarvt, aber das konnte nicht verhindern, dass dieses „Narrativ“ von den Nationalisten Europas (und vor allem Deutschlands) als Vorwand für ihre „Machtergreifung“ und später als Rechtfertigung für ihre Vernichtungsfeldzüge verwendet wurde. Und dass dieses Narrativ heute noch (besonders in arabischen Kulturen) als „Durchlauferhitzer“ für den politischen Antisemitismus eingesetzt wird. Auch hier gaben sich die Vertreter dieser Idee als die „Wissenden“ aus, welche die ahnungslosen Völker aufklären mussten, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Dieses gnostische Narrativ hat im 20. Jahrhundert vielen Millionen Menschen das Leben gekostet.

2 Narrativ (von lateinisch narrare erzählen) = Erzählung, die eine Situation oder Epoche deutend und sinngebend erklären will

Die gegenwärtigen gnostischen Erzählungen folgen dem gleichen Muster. Die Verunsicherung durch gegenwärtige Entwicklungen (Globalisierung, Digitalisierung, „Künstliche Intelligenz“ …), verstärkt durch eine unerwartet auftretende Pandemie, bringt neue „Welterklärungs-Erzählungen hervor“: Erzählungen von einem „Tiefen Staat“, dessen pädophil-satanistische Machteliten im Geheimen die Vorgänge steuern und die aus gefolterten Kindern für sich lebensverlängernde Mittel gewinnen (Adrenochrom). Oder: Bill Gates (oder andere sehr reiche Menschen) haben die Pandemie durch die Corona-Viren bewusst in Gang gesetzt. So können sie nun weltweite Impfaktionen erzwingen, durch die den Menschen Steuerungselemente eingesetzt werden, die sie dem Willen der Mächtigen ausliefern, usw. Die Nachrichten der öffentlich zugänglichen Medien sind (nach diesen Erzählungen) alle gleichgeschaltet und dienen den Mächtigen dazu, ihre wahren Absichten zu verschleiern („Lügenpresse“). Und wieder gibt es die wenigen „Wissenden“, die den unwissenden Menschen (man nennt sie „Schlaf-Schafe“) die Augen öffnen müssen, um die schreckliche Wahrheit ans Licht zu bringen und die Welt vor dem Schlimmsten zu bewahren. Und dafür ist jedes Mittel recht.

Nun sollte uns allerdings bewusst sein: Die „neue Gnosis“ ist zumindest zum Teil „Interessen-gesteuert“.  Es gibt seit Jahren einen „Kampf der Systeme“ zwischen den Lebens- und Gemeinschaftsformen der demokratisch verfassen Staaten (mit, historisch gesehen, biblischem Hintergrund) einerseits und der wachsenden Zahl und dem wachsenden Einfluss von Diktaturen verschiedenster Art andererseits.

Und dieser Kampf wird (vorläufig) wesentlich in den Medien ausgefochten, vor allem im Internet. Der Angriff der „Verschwörungstheorien“ zielt vor allen auf eine weltweite Destabilisierung der „westlichen“ Demokratien durch ein allgemeines Misstrauen gegen deren verantwortlichen Personen und Institutionen. Die gegenwärtigen großen Diktaturen der Welt mit scheindemokratischer Außendarstellung (Russland, China, auch einige „mittlere Mächte“ aus dem islamischen Bereich) betreiben diesen Kampf mit großer Intensität und sie nutzen die Pandemie (vor allem in China), um ihr System der totalen Überwachung vor aller Welt als das bessere und effektivere darzustellen. Und Dutzende von kleinen Möchtegern-Diktatoren in aller Welt schauen mit großen Augen auf diese Entwicklungen in der Hoffnung, dass sich die Modelle absoluter Machtausübung durchsetzen und auch ihnen die Wege zu unumschränkter Herrschaft freimachen.

Eine zweite Angriffslinie gegen die noch einigermaßen freien demokratischen Gesellschaften kommt von manchen großen Weltkonzernen, besonders von den Welt-Unternehmen der Informationstechnologie und Unterhaltungsindustrie. Es geschieht eine bewusste und gewollte „Entführung aus der Wirklichkeit“ in eine manipulativ gesteuerte „virtuelle Scheinwelt“ (durch die Filme der Streaming-Dienste, durch Computerspiele, durch die Verteilung von „clicks“ und „likes“ in den „sozialen Medien“ usw.), welche die Menschen mental abhängig und spirituell verführbar machen soll, aber eben nicht durch Gewalt (wie bei den oben genannten Diktaturen), sondern durch ein süchtig machendes, abstumpfendes und entmündigendes Übermaß an emotional hochaufgeladener „Unterhaltung“ und durch weltweite Systeme zur Datengewinnung und Datennutzung, in denen Menschen zu Daten-Objekten reduziert werden, entsprechend der Herrschafts-Formel des 21. Jahrhunderts: Geld+Daten=Macht.

Doch: Es lohnt sich, ein (noch weitgehend) freies und demokratisches Modell menschlicher Gemeinschaft zu verteidigen. Die „neue Gnosis“ ist (wie alle vorangegangenen) nicht nur fragwürdig, sondern auch gefährlich.

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Bodo Fiebig, Die neue Gnosis Version 2021-2

© 2021 Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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