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Thema: C Kontroverse Diskussion

Beitrag 0: -Die Revolution und ihre Kinder (Bodo Fiebig)

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Die Revolution und ihre Kinder (Version 2017-3)

© Bodo Fiebig 2016

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Art von kommerzieller Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers.

Die Revolution und ihre Kinder

50 Jahre 68er „Revolution“

Inhaltsverzeichnis

1 Die 68er Jahre

2 Die „Revolution“

3 Die Guten und die Bösen

4 Die das Gute wollten

5 Feindbild Familie

6 Das Drama der Revolutionen

Vorbemerkungen

Genau ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass in Deutschland und Europa eine Bewegung in Gang kam, die sich selbst als Revolution verstand, die aber dann doch nicht zu dem angestrebten umstürzenden Erfolg kam und sich schließlich aufspaltete. Ein kleiner Teil der Bewegung radikalisierte sich im Untergrund bis hin zu den Mordtaten der „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF), der große Rest verlief sich scheinbar unauffällig. Erst aus der Distanz der Jahrzehnte wird erkennbar, welche tiefen Prägungen und langanhaltenden Auswirkungen diese Zeit in der gesellschaftlichen Realität Deutschlands und Europas (und darüber hinaus) hinterlassen hat.

„Revolution” – das war 1968 und ist heute noch für die einen ein Schreckgespenst, für die anderen der Inbegriff für Aufbruch, Fortschritt, Zukunft. Dabei ist sie weder das Eine noch das Andere. Sie ist, wie bei den Pilzen im Walde, die sichtbare Frucht eines unsichtbaren unterirdischen Geflechts, hier aber nicht von Pilzfäden, sondern von Ideen, Wünschen, Hoffnungen …, ebenso wie von Ängsten und Nöten, von verzweifelter Suche nach Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme …, ein Geflecht, das lange Zeit unterirdisch wachsen und sich verdichten kann, bis seine auf Veränderung drängenden Kräfte irgendwo durch die Oberfläche der Zeit brechen. Wir können das heute, 2017, gut verstehen, denn auch wir leben heute wieder in einer Zeit möglicher Umbrüche. Freilich: Ihre Verfechter heute nennen sie diesmal nicht „Revolution“, aber sie haben doch ebenso grundsätzliche und systemverändernde Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche im Sinn.

Politische und gesellschaftliche Veränderungen sind von sich aus weder gut oder böse, sie sind Energie, Kraft und Antrieb, die sich in bestimmten historischen Situationen ebenso aufbauend wie zerstörend auswirken können. Wie sie sich dann tatsächlich in einer konkreten Situation auswirken, hängt davon ab, wer diese Energien, Kräfte und Antriebe in die Hände bekommt. In den vergangenen Jahrhunderten der europäischen Geschichte haben wir großartige Aufbauleistungen und furchtbarste Zerstörungen durch gesellschaftliche und politische Auf- und Umbrüche erfahren. Umbrüche müssen nicht gewaltsam und blutig sein. Die friedliche „Wende” in Deutschland 1989 beweist, dass der Satz, man müsse eben Zerstörung, Gewalt und Tod in Kauf nehmen, um Veränderung, Aufbau und Fortschritt in Gang zu bringen, ein schrecklicher Irrtum ist, manchmal auch eine noch schrecklichere bewusste Lüge.

Eines aber ist sicher: In einer Zeit, in der bisher verborgene Energien sich zusammenballen und aufstauen und an die Oberfläche des gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns drängen, ist es entscheidend wichtig, dass wir die Kräfte kennen, die da am Werk sind. Die Rückschau auf die Ereignisse vor 50 Jahren gibt uns dazu einen Einstieg und kann uns helfen, besser zu verstehen, was gegenwärtig bei uns im Gange ist.

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1 Die 68er Jahre

Er hatte es nicht leicht, ja, eigentlich konnte er einem richtig leid tun. An der Pädagogischen Hochschule in Bayreuth kannte ihn jeder. Er war jung, nicht sehr groß, schlank und sportlich. Er konnte unterhaltsam und lustig sein und war im persönlichen Gespräch ein wirklich sympathischer Mensch. Aber – er hatte ein Problem.

Es waren die Semester in den Jahren1968/1969, das heißt, es war „Revolutions-Zeit”. Der Schah von Persien hatte (im Juni 1967) die Bundesrepublik Deutschland besucht und war in Berlin von wütendem Protest empfangen worden. Der Student Benno Ohnesorg war von einer Polizeikugel getroffen worden und gestorben (erst lange nach dem Ende der DDR stellte sich heraus, dass der Todesschütze geheimer DDR-Agent gewesen war, der sich in die Westberliner Polizei eingeschlichen hatte). Im Hintergrund, weit weg und doch stets präsent, tobte der Vietnam-Krieg, dessen furchtbare Gräuel und Verbrechen täglich als Nachrichten-Bilder um die Welt gingen. Die Wogen gingen hoch in Deutschland; noch höher gingen sie an den deutschen Hochschulen. Vorlesungen wurden gesprengt und „umfunktioniert”; es gab jede Menge „Demos” und „Sit-ins”. Die Zeitungen und Nachrichtensendungen hatten ein Hauptthema: Die „Revolution”. Die „Kommune 1” und ihre Mitglieder, allen voran die hübsche und freizügige Uschi Obermaier, dazu Rudi Dutschke, einer der Anführer der „Revolution” und Ulrike Meinhof, die wortgewandte Kolumnistin der linken Zeitschrift „konkret” (und spätere Terroristin der Bader-Meinhof-Gruppe), waren in den Medien präsenter als alle anderen Personen und Ereignisse zusammengenommen

Nur in Bayreuth wollte es nicht so recht vorangehen mit der revolutionären Entwicklung. Bayreuth war eine relativ kleine Stadt im Norden Bayerns, weit weg von den Zentren der Macht und der Gelehrsamkeit. Damals hatte sie noch keine Universität; ihre Pädagogische Hochschule war noch der Uni von Erlangen angegliedert. Die paar Hundert Studenten kamen zum großen Teil aus der näheren und weiteren Umgebung der Stadt und waren in ihrem „revolutionären Bewusstsein” noch nicht so recht in Gang gekommen. So sah man unseren jungen Nachwuchs-Revolutionär durch die Gänge und Hörsäle irren, die kleine rote Mao-Bibel in der Hand, im verzweifelten Versuch, den etwas zu bodenständigen Studenten und Studentinnen eine revolutionäre Gesinnung einzuhauchen und sie zu revolutionären „Aktionen” zu bewegen. Die Erfolge seines Bemühens waren eher bescheiden.

In Bayreuth gab es damals eine evangelische Studentengemeinde, die stand in dem Ruf „fromm” zu sein, was damals eigentlich ein übler Verruf war. Auch ihr Studentenpfarrer galt als „fromm” und das war so ziemlich das Schlimmste und Abfälligste, was man damals über einen evangelischen Theologen, der an einer Hochschule arbeitete und Vorlesungen hielt, sagen konnte.

Zu dieser Zeit gab es turnusmäßig eine Delegierten-Versammlung aller evangelischen Studentengemeinden in Deutschland (West), die irgendwo in der Nähe von Frankfurt stattfand. Die Studentengemeinde Bayreuth durfte zwei Delegierte entsenden. Ich war einer von ihnen. Wie naiv ich war, kann man daran erkennen, dass ich am ersten Tag einen der Mitdelegierten fragte, was denn eigentlich das Wort „Emmel” bedeutete; ständig war von „Emmel” die Rede und ich wusste nicht was „Emmel” war. Er erklärte mir sehr von oben herab und mit deutlicher Missbilligung in der Stimme, dass sei die Abkürzung M-L und bedeute „Marxismus-Leninismus”.

Natürlich waren bei dieser Delegierten-Versammlung die „revolutionären” Ereignisse in Berlin und den anderen großen Universitätsstädten Hauptthema aller Gespräche. Trotzdem versuchte die Versammlungsleitung den vorgesehenen Themenkatalog abzuarbeiten. So erging man sich in manchmal etwas abstrusen Auseinandersetzungen über verschiedene ultra-moderne Gemeindemodelle und deren politische Konsequenzen bzw. in hitzigen Geschäftsordnungsdebatten, als einige Gruppen versuchten, die Versammlung revolutionär „umzufunktionieren”.

In einer der Arbeitsgruppen, bei denen ich mitzuarbeiten versuchte, verkündigte einer der Delegierten stolz, dass er die Bibel jetzt nicht mehr brauche, weil ihm die Schriften von Herbert Marcuse alle wichtigen Einsichten vermittelten. Auf meine Frage, warum er dann in einer christlichen Studentengemeinde sei, antwortete er mit einem Wortschwall, der mir zu erklären versuchte, wie wichtig es sei, gerade in kirchlichen Kreisen die „richtige” (und das hieß damals eine revolutionär linke) Gesinnung zu initiieren. Ein anderer Delegierter bestand erregt darauf, dass alles, was in einer Gemeinde geschehe (ob es ein Gottesdienst sei oder eine Andacht, eine Taufe oder eine Beerdigung, eine Gesprächsrunde oder sonst etwas) in jedem Fall „politisch” zu sein habe. Außerdem habe ja grundsätzlich und ausnahmslos alles, was man sage oder tue „politisch” zu sein. Ich fragte ihn, ob er immer dann, wenn er seiner Freundin einen Kuss gebe, er das nur aus politischen Gründen tue. Er stutzte einen Moment, fing sich aber schnell und insistierte tapfer, dass selbstverständlich auch ein Kuss eine politische „Ak­tion” zu sein habe. So arbeiteten wir zwei Tage lang an unserem revolutionären Bewusstsein im Selbstverständnis einer evangelischen Studentengemeinde.

Am dritten Tage geschah es: Wir redeten im Plenum über ein ziemlich belangloses Thema, als plötzlich Unruhe entstand. Zunächst wussten man nicht, was los war, dann ging es blitzschnell von Mund zu Mund: Einer von den „Kämpfern” aus Berlin war angekommen. Die Erregung im Saal stieg explosionsartig. Dann stand er auch schon am Mikrofon: Groß, schlank, intellektuell und evangelischer Theologe, revolutionär in der Ausdrucksweise und glühend vor Begeisterung. Mit großen Gesten und sich vor Erregung überschlagender Stimme schrie er uns, die er pauschal und ungefragt „Genossinnen und Genossen” nannte, an: „Ihr sitzt hier herum und redet dummes Zeug! Dort in Berlin, da wird gekämpft, da wird gekämpft!!” Er schrie noch mehr ins Mikrofon, an das ich mich aber nicht mehr erinnere. Vielleicht, weil er sehr viele Redewendungen verwendete, die damals fast so etwas wie eine „Geheimsprache der ML-Studetenrevolte” darstellten und ich, als ein in diese Geheimsprache nicht Eingeweihter, vieles nicht verstand. Nun war aber unser Programm ohnehin schon fast am Ende angekommen und so löste sich die Versammlung in einem ziemlich chaotischen Durcheinander auf.

So weit meine persönlichen, von den vergangenen Jahrzehnten schon sehr ausgedünnten Erinnerungen an meine Erfahrungen mit der 68er „Revolution”. Erst später wurde für mich erkennbar, dass hier nicht eine „Revolution” im Sinne eines politischen Umsturzes stattgefunden hatte, sondern eine Umdeutung und Umgestaltung der geistigen Grundlagen unserer Gesellschaft mit einer erstaunlichen Langzeitwirkung, die bis in unsere Gegenwart reicht.

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2 Die „Revolution”

Dass die 68er „Revolution” ein folgenschwerer Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war, steht außer Frage. Frag-würdig aber ist ihre Entstehungsgeschichte: Wie konnten einige poli­tisch völlig unerfahrene Studenten mit wirren Vorstellungen von Marxismus und Maoismus eine solche geistige Veränderung bewirken? Die Antwort müsste sehr diffenrenziert ausfallen. Die „68er Bewegung“ war ja in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Akzenten im Gange, z. B. die Hippi-Bewegung und die Anti-Vietnam-Kriegs-Bewegung oder die Black-Power-Bewegung in den USA, die gegen Rassendiskriminierung kämpfte usw. Für die Vorgänge in Deutschland scheint die Antwort beim genaueren Hinschauen gar nicht so schwer: Die geistige Revolution wurde nicht von der Stärke der demonstrierenden Studenten und ihren „Aktionen” bewirkt, sondern von der Schwäche der damaligen geistigen Eliten und (vor allem!) von der Sensationsgier der Medien, die ohne eigenes geistiges Fundament und ohne eigene ethische Verpflichtung immer nur der Schlagzeile nachliefen, die kurzfristig eine Steigerung der Auflage und der Werbeeinnahmen versprach, und die sich so, zum Teil ungewollt, aber doch sehr effektiv, zum großen Sprachrohr einer kleinen Minderheitsbewegung machten. Außerdem hatten die 68er Ereignisse in Deutschland noch die Besonderheit, dass sie auf dem geistigen Untergrund der NS-Vergangenheit und in scharfer Auseinandersetzung mit der Nazi-Gesinnung stattfanden, die immer noch in großen Teilen der Bevölkerung virulent war.

Die Richtung der Entwicklung wurde durch zwei völlig verschiedene Kräfte bestimmt: Erstens war das eine unauffällige aber zähe und über viele Jahre konstante Arbeit von Organen der DDR (und hinter ihr stehend der Sowjetunion), die darauf abzielte, die geistigen Grundlagen der gesellschaftlichen Entwicklung in der BRD einerseits zu destabilisieren und andererseits in eine gewünschte Richtung zu lenken. Die an Westdevisen arme und wirtschaftlich schon schwer angeschlagene DDR leistete sich einen umfangreichen Apparat, der, vom Osten gesteuert und mit Westgeld bezahlt, in der Bundesrepublik „subversive Einflussnahme” betrieb. Hauptangriffspunkte waren die Medien und die Universitäten. Überall da, wo Entwicklungen in Gang gesetzt und Entscheidungen getroffen wurden, versuche man eigene Leute einzuschleusen und so zu positionieren, dass sie unauffällig Impulse und Weichenstellungen im Sinne der marxistisch-kommunistisch-sowjetischen Ideologie bewirken konnten. Das kam bei vielen Intellektuellen im Westen gut an. Man hatte ja eben erst die furchtbare ethische und menschliche Katastrophe des „rechten” Nationalsozialismus hinter sich und war verunsichert und auf der Suche nach neuen Wegen und Antworten. Das kam den Verfechtern eines Neuanfangs unter „linken” Vorzeichen auch im Westen sehr entgegen: Denn (so dachten viele), wenn die „Rechten” so viel Unheil, Leid und Tod über die Welt gebracht haben, dann müssen ja logischerweise die „Linken” die Guten sein.

Das erfolgreichste Beispiel dieser Untergrundarbeit von Ost-Agenten im Westen war die Studenten-Zeitschrift „konkret”. Deren Herausgeber Klaus Röhl und Chefredakteurin Ulrike Meinhof wurden regelmäßig nach Ostberlin beordert, um dort Rapport zu geben und sich neue Instruktionen abzuholen, wie die Zeitschrift zu gestalten sei (die Protokolle dieser Sitzungen sind erhalten; Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Röhl hat sie in ihrem Buch „So macht Kommunismus Spaß” verarbeitet). Dafür wurden die redaktionelle Arbeit und die Personalkosten großzügig von der „Sozialistischen Einheitspartei“ der DDR gesponsert. Lange vor der Studentenrevolte hatte der „Osten” auf diese Weise in westlichen Intellektuellen-Kreisen eine geistige Strömung in Gang gesetzt, die alles für gut, modern und fortschrittlich erklärte, was „links” ausgerichtet war und die alles, was konservativ und vor allem christlich begründet war, mit den „Rechten” (also den Nazis) identifizierte und über sie kübelweise Verdächtigung und Verleumdung, Hohn und Verachtung goss.

Den DDR-Linken und ihren westdeutschen Genossen gelang es, den „Sozialistischen Deutschen Studentenbund”, eigentlich eine Gründung der SPD, zu unterwandern und schließlich ganz in den Griff zu bekommen. Damit hatten sie ein effektives Werkzeug für ihren „revolutionären Kampf” in der Hand. Sie nannten sich die „Neue Linke” und verstanden sich jetzt als „außerparlamentarische Opposition” (APO).

Das zweite auslösende Moment für die 68er „Revolution” in Deutschland waren kleine und für sich völlig unbedeutende Gruppen orientierungsloser und gelangweilter junger Leute, größtenteils Studenten, die das Studieren längst aufgegeben hatten. Sie verwendeten ihr Studentendasein als Basis für ein Leben als soziale Experimentierstation, aus der heraus sie nun aus Spaß und in der Absicht, ihre Umgebung zu „provozieren”, mit Begriffen und Aktionen auf sich aufmerksam machten, die sie für irgendwie „anstößig” hielten: Männer mit langen Haaren, freier Sex, Drogenkonsum, Lenin, Mao und Ho-Tschi-Minh, Leben in einer „Kommune”, Stören von Vorlesungen, „Umfunktionieren” von Veran­stal­tungen, indem man das Rednerpult stürmte, gewaltsam das Mikrofon an sich riss und wirres Zeug in die Versammlung schrie …

Erstaunlicherweise und für die Provokateure selbst überraschend stürzte sich die gesamte Presse und ebenso die Rundfunkanstalten auf diese Ereignisse. Da war doch endlich mal was los, aus dem sich zündende Schlagzeilen machen ließen! Bilder von den langhaarigen Mannen der „Kommune 1” mit Uschis entblößtem Oberkörper in den Illustrierten: Eine Sensation, ja, eine Revolution!

Allerdings brachte diese heftige Reaktion auf ihre teils lächerlichen Provokationen und die unerwartet große Öffentlichkeit die „Revolutionäre” in einige Verlegenheit. Soviel Aufmerksamkeit von Seiten des „Establishments” hatten sie nicht erwartet. Und da sie selbst politisch ziemlich unbedarft waren, mussten sie sich jetzt ganz schnell mit einer Ideologie ausstatten, mit der sie ihre Aktionen begründen konnten. Also nahmen sie, was ohnehin in Intellektuellen-Kreisen auf dem Markt war: Theodor Adorno und Herbert Marcuse, Marx und Engels, Lenin und Stalin, Mao und Ho-Tschi-Minh, Fidel Castro und Che Guevara, Kommunismus und Antiamerikanismus und vor allem das „Establishment” als Feindbild. Der Begriff „Establishment” stand bei ihnen für alles, was schon vor ihnen existiert hatte und was die „Revolutionäre” als rückständig empfanden, weil sie es nicht selbst erfunden hatten: „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren”.

Zum Glück derer, die sich nun unversehens in die aufregende Rolle von „Revolutionären” versetzt fanden, gab es einige „Revolutions-Profis” unter den Studierenden, die sich ganz der revolutionären Agitation verschrieben hatten, Rudi Dutschke zum Beispiel. Die übernahmen jetzt die Führung der „linken” Studentenbewegung und bauten sie zu einer schlagkräftigen Agitationstruppe aus. Sie lieferten jetzt auch die ideologischen Begründungen nach, mit denen sich die spontanen Provokateure bis dahin so schwer getan hatten.

Genau dies war die Zeit, wo eine begrenzte und vielgesichtige Studentenbewegung zum nationalen Ereignis gemacht wurde: Nicht von den Studenten selbst, sondern von den Medien. Die Kraft, die aus einer konfusen Studentenrevolte die „68er Revolution” machte, kam aus einen Medien-Krieg: Die rechte Presse gegen die linke, die rechten Sender gegen die linken. Der Springer-Konzern mit der Bild-Zeitung an der Spitze wurde zum Feind-Bild einer ganzen Studentengeneration. Das heizte die Medien-Schlacht auf immer höhere Temperaturen. Die „rechten” Medien gierten geradezu nach jeder neuen Provokation der „Revolutionäre”, um zu zeigen, wie schlimm die sind und die „Linken” bejubelten jede „Demo”, und jede revolutionär „umfunktionierte” Großveranstaltung, um zu zeigen: Wir haben die „Massen” auf unserer Seite. Ohne dieses aufgebauschte und hochgeputschte Medien-Spektakel wäre die sogenannte „Revolution” sehr schnell wieder in jene Bedeutungslosigkeit zurückgefallen, aus der sie kam.

So aber wurde die 68er Bewegung allmählich auch für andere interessant. Jeder, der sich selbst zur intellektuellen Elite des Landes zählen wollte, legte nun Wert darauf, als „links” zu gelten. Ja, es gab ganze Universitäten (z. B. die in Bremen, so eines der Gerüchte, die in Studentenkreisen kursierten), bei denen niemand, der nicht glaubhaft nachweisen konnte „links” zu sein, eine Chance gehabt hätte, dort eine Dozenten- oder gar Professorenstelle zu bekommen. Fachliche Qualifikationen spielten dabei kaum eine Rolle. Ich habe etwas später selbst in München einen Professor erlebt, der nach einhelliger Meinung der Studenten (sogar derer, die sich selbst auch „links” positionierten) für ziemlich unfähig gehalten wurde, der sich aber öffentlich in dem Bewusstsein sonnte, eine linke Gesinnung zu haben und allein schon damit zur intellektuellen Elite des Landes zu gehören. Jetzt drängten sich eine Menge mehr oder weniger angesehener Künstler, Philosophen, Schriftsteller … herzu, um auch von der „revolutionären” Dynamik zu profitieren. Wie viel „revolutionärer” Schwachsinn wurde jetzt geredet und geschrieben und nachgeplappert, nur um auch dazuzugehören!

Fast ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen; die „Altachtundsechziger”, die, als sie jung waren, getönt hatten: „Trau keinem über dreißig”, sind in Rente gegangen. Die Revolution verlief im Sande; die erhofften „revolutionären Massen” sind ihnen nicht gefolgt. Warum sollte man dann jetzt noch diese alten Geschichten aufwärmen? Ganz einfach: Weil es höchste Zeit ist, sich mit den Folgen zu beschäftigen, denn: Die Revolution verlief im Sande, nicht aber ihre Ideologie, ihre Denkmuster und Grundannahmen. Die „Revolutionäre” von einst traten den „langen Marsch durch die Institutionen” an (Der Begriff stammt aus der chinesischen Revolution, die mit dem „Langen Marsch” unter Mao begonnen hatte) und sie nahmen als Marschgepäck all ihre verqueren, irrealen und verbohrten Ideen mit, die schon damals gescheitert waren und die einige von ihnen in den Irrsinn des RAF-Terrors getrieben hatten.

Die Ideen und Ideologien der „68er” haben den größten Teil der Bevölkerung in Deutschland (und in anderen Ländern Mittel- und Westeuropas) nicht erreicht. Wirklich prägenden Einfluss hatten sie nur in einer Generation von Studenten und Studentinnen, die ihre intellektuelle Bildungsphase genau in jener Zeit durchlaufen haben. Die allerdings wurden viele Jahre später Staatsanwälte und Richter, Journalisten und Redakteure, Wissenschaftler und Professoren, Abgeordnete und Minister, Pfarrer und Bischöfe. Nicht alle hatten dabei ganz bewusst den „langen Marsch durch die Institutionen” als Fortsetzung der „Revolution” im Sinn, aber sehr viele hatten die Ideen, mit denen sie erwachsen geworden waren, noch im Hinterkopf und richteten mehr oder weniger bewusst ihre Entscheidungen, die sie in ihren herausgehobenen Ämtern zu treffen hatten, daran aus. Die gescheiterte „Revolution” wurde zum gesellschaftlichen Verwandlungsprozess mit Langzeitwirkung. Immer noch steckt es in vielen Köpfen: Alles, was „links” ist, das ist modern, fortschrittlich und gut; und alles, was nicht „links” ist, das ist überholt, rückwärtsgewandt und böse und mitschuldig an den Naziverbrechen. Das Böseste und Verwerflichste aber, das ist der Glaube an einen Gott, der diese Welt geschaffen hat und der den Menschen sagen will, was für ihn (und deshalb auch für die Menschen) gut oder böse sei.

Diese Entwicklung hatte damals schon eine mehr als zweihundertjährige Vorgeschichte und nur in diesem historischen Zusammenhang wird ihre Wirkungsgeschichte verständlich. Deshalb muss die hier kurz angedeutet werden.

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3 Die Guten und die Bösen

Es gibt seit etwa drei Jahrhunderten eine tiefgreifende (im Wesentlichen von Europa ausgehende) Veränderung der Welt-Anschauung, (also der Weise, wie Menschen ihre Umwelt und ihre Geschichte wahrnehmen und verstehen). In der sogenannten „Europäischen Auf­klär­ung“ versuchten die aufstrebenden Naturwissenschaften, aber auch die Philosophie, ja sogar die Theologie, sich von vorgegebenen Inhalten und Denkweisen der Vergangenheit mehr oder weniger radikal zu lösen.

Diese Vorgänge sind hier nicht Gegenstand der Betrachtung. Hier soll nur eine ganz bestimmte Art von Folgeerscheinungen in den Blick genommen werden. Aus dem veränderten Weltverständnis kamen Impulse, die in der Folgezeit in drei (auf dem ersten Blick sehr verschiedenen) politischen Programmen zur Verwirklichung drängten: im Liberalismus, im Kommunismus und im Nationalismus.

Wobei man den Vorgang der „Aufklärung“ selbst gar nicht negativ werten muss, im Gegenteil. Es gab ja davor wirklich viele erstarrte Denkweisen und verkrustete Sozialstrukturen, die sich in der gesellschaftlichen Realität ungerecht, ja oft menschenfeindlich auswirkten und die eine auf Veränderung drängende Reaktion geradezu herausforderten. Wobei schon in der Gedankenwelt der „Aufklärer“ selbst zwei verschiedene Ansätze sichtbar wurden: Ein behutsam aufbauend verändernder und ein radikal umstürzend revolutionärer. Ob dann die politischen Ideologien und und sozialen Utopien, die sich in den drei oben genannten politischen Programmen auswirkten, geeignet wären, den Menschen wirklich zu dienen und in eine bessere Zukunft zu führen, oder ob sie die Menschen nur auf neue und noch radikalere Weise beherrschen und knechten würden, das musste erst noch der Gang der Geschichte in den folgenden Jahrhunderten erweisen.

Gemeinsam war und ist allen drei oben genannten politischen Ideologien (Liberalismus, Kommunismus und Nationalismus) eine Grundhaltung stolzer, sowohl sachlicher als auch moralischer Überlegenheit gegenüber allem Bisherigen, besonders gegenüber den biblischen Religionen Judentum und Christentum, die als Vertreter des „alten Denkens” immer konsequenter abgelehnt wurden:

Wir sind die Vertreter einer neuen, aufgeklärten, modernen, fortschrittlichen Weltanschauung. Und wir stehen gegen eine alte, überholte, rückwärtsgewandte, in dumpfer Unwissenheit gefangene Sichtweise des jüdisch-christlichen Weltbildes.

Wir sind die Vertreter einer modernen, vernünftigen, wissenschaftlich fundierten humanen Idee und stehen gegen eine alte, dumpf gläubige, irrationale, inhumane Religiosität mit ihren verschrobenen Vorstellungen von etwas Übermenschlich-Göttlichen.

Wir sind die Guten, die sich vorgenommen haben, für die ganze Menschheit endlich die Befreiung von den überkommenen Lasten und Hemmnissen durch angeblich göttliche Gebote und Verbote zu erkämpfen.

Wir sind die Vorkämpfer einer besseren Welt.“

Diese Gedankenwelt gibt es schon sehr lange, politische aktiv wurde sie in und seit der Französischen Revolution. Die gilt als die Geburtsstunde der modernen Demokratie, als Initialzündung für ein Leben in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dass sie in eine furchtbare Diktatur mündete (in die Schreckensherrschaft des Robespierre und Saint-Just und deren Anhän­ger), die Hunderttausenden von Menschen das Leben kostete, nicht nur unter der Guillotine von Paris, sondern noch in viel größerem Ausmaß in ungeheuren Menschenschlächtereien in vielen großen und keinen Orten der französischen Provinzen, das nimmt man achselzuckend als kleinen Schönheitsfehler einer großartigen und menschheitsbeglückenden Entwicklung hin.

Wobei gleich hinzugefügt werden muss, dass die ursprünglichen Motive, die zur Französischen Revolution führten, durchaus positive, ja notwendige Grundanliegen vertraten. Mit deren eigenen Schlagworten gesprochen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Begriffe, die alle drei aus der jüdisch-christlichen Gedankenwelt und Tradition stammen. In den politischen Bewegungen des Liberalismus, Kommunismus und Nationalismus aber wurden (und werden immer noch) diese Anliegen in ungesunde, ja menschenfeindliche Extreme übersteigert.

Alle drei Kinder der Französischen Revolution (Liberalismus, Kommunismus und Nationalismus) haben sich als zutiefst inhumane Systeme erwiesen, deren politische Verwirklichung im 19. und 20. Jahrhundert Millionen von Menschen das Leben kostete (Siehe Abschnitt 4 „Die das Gute wollten”). Und sie begingen ihre Verbrechen mit stolz geschwellter Brust, im Bewusstsein, dass sie es sind, die eine neue, bessere Zukunft heraufführen (und dafür muss man eben die Feinde des Guten beseitigen, und wenn es sein muss, auch ausrotten). Es müsste nur erst noch der große böse Feind besiegt werden: der Glaube, genauer der biblische Glaube, Judentum und Christentum, dann könnte sich das Glück der Menschheit ungehindert entfalten. Und so wurden die alten biblischen Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit neuen atheistischen Inhalten gefüllt und schrecklich missbraucht:

1) Aus dem berechtigten und zutiefst menschlichen Streben nach Freiheit wurde im Liberalismus eine zunächst auf wirtschaftliche Belange bezogene, aber dann auch allgemeingültige gesellschaftliche Theorie und Ideologie, die dem „Freien Markt”, dem freien Spiel der Kräfte, den Selbstregulierungsmechanismen der wirtschaftlichen und politischen Prozesse eine geradezu göttliche Allmacht zugeschrieben: Der „Markt” (wenn er nur frei ist von allen einschränkenden Regulierungen) wird alles richten; er wird die Interessen ausgleichen und die Bedürfnisse befriedigen und langfristig gesehen wird er die Lösung aller Menschheitsprobleme in Gang setzen. Wenn man genauer hinsieht, stellt man aber fest, dass diese Ideologie dazu geführt hat, dass heute globale Wirtschafts- und Finanzmächte weltweit das Geschehen bestimmen und die ersehnte Freiheit unter dem Diktat der Marktbeherrschung und Gewinnmaximierung erstickt wird. Freiheit wird nun in der Realität liberalistischer Systeme (z. B. der gegenwärtigen globalen Wirtschafts- und Finanzsysteme) vor allem verstanden und praktiziert als „Befreiung” der Erfolgreichen, Finanz-Starken und Wirtschafts-Mächtigen von allen ethischen Einschränkungen und sozialen Verpflichtungen. So sieht die „Freiheit” des verabsolutierten Liberalismus aus!

2) Das biblisch begründete Streben nach Gleichheit (nach Gleichwertigkeit, nicht Gleichartigkeit) wurde in den vergangenen zwei Jahrhunderten durch den Kommunismus pervertiert. Der biblische Begriff von „Gleichheit”, der in der Berufung aller Menschen zum Ebenbild Gottes begründet ist, wurde zur revolutionären Kampfparole: Wirklich gleich sind (aus der Sicht der kommunistischen Aktivisten) alle Menschen erst dann, wenn sie alle unsere revolutionären Ideen, unsere Weltanschauung übernommen haben, wenn überall unser Gesellschaftsmodell verwirklicht ist und für alle verpflichtend gilt und wenn unsere Partei-Institutionen alle Macht über alle Menschen haben. Der „Allgemeine Wille” (volonté générale, ein Schlüsselbegriff der Französischen Revolution) der für alle das Gute, ja das Beste will, kann nur von der kommunistischen Partei gewusst, gesagt und durchgesetzt werden. Und diejenigen, die diesem Gleichheits-Glück widerstrebten, die mussten eben als „Feinde des Guten” zu Millionen nach Sibirien in die Lager des GULAG verfrachtet und der „Vernichtung durch Arbeit”, so hieß das Konzept, das dahinterstand (siehe die drei Bände „Der Archipel GULAG“ von Alexander Solschenizyn) zugeführt werden. Oder sie mussten zur „Umerziehung” in den Lagern der „Kulturrevolution” in China unter Mao ihr Leben lassen oder heute in den Straflagern in Nordkorea… Gleichschritt unter dem Taktschlag der herrschenden kommunistischen Partei, so sah (und sieht immer noch) die „Gleichheit”, die der Kommunismus meint, in der Realität aus!

Die biblisch gewollte Brüderlichkeit als geschwisterliche Verbundenheit im Miteinander und Füreinander der Menschen aller Völker und Kulturen wurde im Nationalismus umgedeutet als verschworene Bruderschaft der rassisch „Edlen” und „Reinen”, die sich dem Ansturm der Minderwertigen erwehren müsste. Welch eine Anmaßung! (Wogegen ja ein Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk mit seiner je eigenen Geschichte, Sprache, Kultur …, aus dem man auch Teilbereiche der eigenen Identität ableitet, keineswegs etwas Negatives ist.) Negativ ist aber die Übersteigerung des Nationalen in ein Gefühl eigener rassischer Überlegenheit, das sich auf die Abwertung der „Anderen” stützt. Die „Brüderlichkeit” der Nationalisten reichte (z. B. im Nationalismus unter Hitler in Deutschland) nicht über die eigenen Machtzirkel hinaus. Alle anderen waren als willenlose Mitläufer oder als entrechtete Sklavenvölker nur Mittel zum Zweck oder gar als Menschheitsschädlinge auszurotten. Bruderschaft der Angehörigen der edlen „Herrenrasse” (und das sind natürlich wir und nur wir) bei gleichzeitiger Unterdrückung und Versklavung aller, die nicht dazugehören, das war und ist die „Brüderlichkeit” der Nationalisten!

Mehr als zwei Jahrhunderte dauern nun schon die mit allen Kräften angestrengten Bemühungen, alles für fortschrittlich, vernünftig, ja für eigentlich menschenwürdig und gut zu erklären, wenn es nur half, das biblische Menschenbild auszulöschen in den Hirnen und Herzen der Menschen, auch wenn man dazu himmelhohe Berge von Leid und Leichen als nicht existent oder nicht von Bedeutung erklären musste, die diese Ideologien hinterlassen haben und (wo sie noch an der Macht sind) noch immer anwachsen lassen.

Ja, gewiss, es gab (und gibt) auch Unrecht im Namen der Religion. Ja, es hat auch in der Geschichte der Christenheit Fehlentwicklungen gegeben, und deren Folgen, soweit sie sich in Unrecht und Gewalt ausdrückten, sind ebenso zu beurteilen und zu verurteilen wie andere Verbrechen auch. Aber, wo dieser Vorwurf die biblischen Religionen trifft (das Judentum und das Christentum), da muss man festhalten, dass solche Handlungsweisen immer gegen die ethischen Grundlagen des eigenen Glaubens geschehen sind, mit biblischen Worten gesprochen Schuld und Sünde waren, während sie in den oben genannten ideologischen Systemen systemimmanent und zwangsläufige und teils auch gewollte Folge waren – und sind (denn jede Ideologie braucht ihre Feindbilder). Außerdem wurden (wenn man bereit ist, die historischen Tatsachen zu akzeptieren, wie sie wirklich sind) in den Jahrhunderten der Inquisition und der Hexenprozesse nicht mehr Menschenleben zerstört, als in den Vernichtungsfeldzügen der atheistischen Mächte des 20. Jahrhunderts an einem einzigen Tag. Das ist freilich eine starke Behauptung und nicht so leicht nachzuweisen, weil man ja die Opfer-Zahlen einzelner Tage nicht kennt. Zumindest aber für einen bestimmten Tag, den 29. September 1941, lässt sich das auch belegen: Die neuere historische Forschung hat den Mythos von der allgegenwärtigen Inquisition mit Hunderttausenden oder gar Millionen von Opfern anhand historischer Fakten längst widerlegt. Sie geht heute von etwa 6000 Hinrichtungen durch die Prozesse der Inquisition in Spanien (wo sie die weitaus größte Wirksamkeit entfaltete) aus und (für ganz Europa und über mehrere Jahrhunderte hinweg) von etwa 50 000 Hinrichtungen in Folge von Hexenprozessen. (Nach Arnold Argenendt „Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert”) Das sind ungeheuerliche Zahlen, die eine ungeheuerliche Schuld belegen, denn gerade die Christen und die kirchlichen Institutionen hätten es besser wissen müssen und hätten diesem Wahn niemals verfallen dürfen. Trotzdem müssen die Verhältnisse hier klargelegt werden: An jenem 29. September 1941, an einem einzigen Tag, wurden allein an einem einzigen Ort, in der Schlucht von Babi Yar bei Kiew in der Ukraine 33 000 jüdische Menschen, Männer, Frauen und Kinder von Hitlers Nazitruppen ermordet. Gleichzeitig fanden ja auch an diesem Tag an vielen anderen Orten weitere Massenhinrichtungen durch deutsche „Sondereinsatzgruppen“ statt, gingen die Massentötungen in Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern weiter, fanden Tausende unschuldiger Häftlinge in den Straflagern des GULAG unter Stalin in den sibirischen Eiswüsten den Tod und Tausende in den „Umerziehungslagern“ der chinesischen Revolution unter Mao Tse Dong … Für diesen Tag (und für viele, viele andere, wo wir das nicht so genau wissen) stimmt dieser Satz wörtlich: da wurden in den Vernichtungsfeldzügen der atheistischen Mächte des 20. Jahrhunderts an einem einzigen Tag mehr Menschenleben zerstört, als in den Jahrhunderten der Inquisition und der Hexenprozesse zusammengenommen. Das macht die Schuld der Christen nicht kleiner, aber es relativiert die Größenverhältnisse des Unrechts. Dabei geht es nicht um das Aufrechnen von Opferzahlen, sondern um das Zurechtrücken von tatsächlichen Verhältnissen.

Freilich: Die Christenheit und die christlichen Kirchen hatten ihren eigenen Anteil an den geschilderten Fehlentwicklungen:

Es gab Zeiten, wo sich maßgebliche Teile der Kirchen an die Seite der Mächtigen stellten und Unterdrückung und Rechtlosigkeit duldeten oder gar rechtfertigten, statt auf das Unrecht hinzuweisen und Umkehr zu fordern. Als Reaktion darauf wandelte sich die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung und wurde zur politischen Bewegung des Liberalismus, die sich zunehmend ideologisierte und radikalisierte.

Es gab Zeiten, wo sich maßgebliche Teile der Kirchen an die Seite der Reichen stellten und Verarmung und Ausbeutung duldeten oder gar rechtfertigten, statt auf die Not der Menschen hinzuweisen und Umkehr zu fordern. Als Reaktion darauf wandelte sich die Sehnsucht nach Gleichheit und Gerechtigkeit und wurde zur politischen Bewegung des Sozialismus bzw. Kommunismus, die sich zunehmend ideologisierte und radikalisierte.

Es gab Zeiten, wo sich maßgebliche Teile der Kirchen an die Seite der Imperialisten stellten und die Unterdrückung und Ausbeutung ganzer Völker duldeten oder gar rechtfertigten, statt auf das Selbstbestimmungsrechte der Völker hinzuweisen und Umkehr zu fordern. Als Reaktion darauf wandelte sich die Sehnsucht nach ethnischer Anerkennung und nationaler Eigenständigkeit und wurde zur politischen Bewegung des Nationalismus, die sich zunehmend ideologisierte und radikalisierte.

Die Schuld der Kirche wiegt schwerer und ist folgenreicher als jede andere Schuld, denn sie geschah gegen den ausdrücklichen Willen ihres eigenen Gründers und Herren Jesus Christus.

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4 Die das Gute wollten

In den vergangenen Jahrhunderten gab es im wesentlichen drei Versuche, eine religionsfreie Form menschlicher Gemeinschaft zu organisieren, die eine weltweite Bedeutung erlangten: den Liberalismus, den Kommunismus und den Nationalismus. Man meinte jeweils, man hätte nun ein, ja das Gesellschaftsmodell gefunden, das auf religiös begründete Ordnungen verzichten, und die Menschheit dennoch (oder gerade deswegen) in eine vollkommene Zukunft führen könnte.

Wieso ist der große Wurf nie gelungen, warum wurden die hochge­steckten Ziele nie auch nur annähernd erreicht? Es fing doch alles so gut an: Alle Weltanschauungen und politischen Ideologien, die direkt oder indirekt aus der europäischen Aufklärung hervorgegangen sind und weltweite Bedeutung erlangten, wollten doch ursprünglich etwas Gutes, ja sie wollten das Gute. Alle drei genannten Ideologien strebten für die Welt, die von den Menschen aller Zeitalter und Kulturen (mit Recht!) als unvollkommen, ja un-heil empfunden wird, einen Zustand der Vollkommenheit und des Heils an, der das Unheil, das die Menschen bedroht, überwinden sollte.

Dieser Heilszustand, dieses absolut Gute, wäre dann erreicht, so meinten die Ideologen, wenn alle Menschen ihre jeweilige Ideologie übernehmen und in ihrem Gemeinschaftsleben verwirklichen würden. Dann könnte eine Zeit wahren Glückes für alle beginnen. Dabei bleibe es freilich nicht aus, dass Menschen, die der jeweils besonderen Form des Heils widerstreben würden, bekämpft werden müssten, weil sie ja dem großen Ziel im Wege stünden. Um des großen zukünftigen allgemeinen Heils willen müsste man jetzt in der Gegenwart die Feinde des Heils bekämpfen, und, wenn es denn nicht anders ginge, auch ausrotten.

Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht …“ Immer ging und geht es den Ideologien um das „letzte Gefecht“, die letzte große An­strengung, die unternommen werden müsste, um das große Ziel, den „Endsieg“, zu erreichen. Es gelte, die letzte alles entscheidende Auseinandersetzung mit den „Feinden des Guten“ siegreich zu bestehen, und dazu sei der äußerste Einsatz gefordert und jedes Mittel gerechtfertigt. Diese Beschreibung gilt grundsätzlich für alle ideologisch begründeten Herrschaftssysteme der vergangenen Jahrhunderte. Hier soll es an den Beispielen angedeutet werden, die in der Vergangenheit in Europa und weltweit die umfassendste und folgenschwerste Bedeutung erlangt haben: An den Beispielen des Kommunismus, des Nationalismus und des Liberalismus.

Das Ziel der kommunistischen Ideologie einer „Klassenlosen Gesell­schaft“, wo die arbeitende Bevölkerung auch Inhaber allen Produk­tivvermögens ist und somit jeder Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Kapitaleignern und Lohnabhängigen, Herrschern und Beherrschten aufgehoben wird, ist ja ein Ideal, das für viele bis heute seine Faszination nicht verloren hat. Es ist Antwort auf die Ausbeutung der Arbeiter im Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts (der in vielen Ländern bis heute noch nicht überwunden ist). Die Kraft, diesen Idealzustand herbeizuführen, so sagte man, liege in einer zwangsläufigen historischen Entwicklung, die durch revolutionäre Aktivitäten initiiert und beschleunigt werden könne. Träger dieser Kraft sei das Proletariat mit seinen existenziellen Bedürfnissen und seinem revolutionären Bewusstsein. Die Feinde dieser Entwicklung, die Bourgeoisie und die Kapitalisten, müssten im revolutionären Kampf ausgeschaltet werden.

Diese Ideologie hat im Zwanzigsten Jahrhundert einen ungeahnten Siegeszug rund um die Welt angetreten, bis sie am Ende dieses Jahrhunderts in den meisten kommunistischen Ländern, ausgehöhlt und korrumpiert, in sich zusammenfiel. Niemand kann genau sagen, wie viele Millionen Menschen-Opfer der Versuch, diese so menschenfreundlich anmutende Zukunftsvision politisch zu verwirklichen weltweit gekostet hat (z. B. unter Stalin, Mao, Pol Pot …). Einen Teil ihrer Überzeugungskraft bezog die (linke) kommunistische Ideologie nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Gegenüber zu den furchtbaren Gräueltaten der (rechten) Nationalisten. Wenn die „Rechten” so viel Böses getan haben, dann müssen ja die „Linken” die Guten sein. Dieser Satz ist zwar verständlich durch das erfahrene Leid, das hinter ihm steht und er beschreibt die Überzeugung von Millionen Menschen nach dem großen Krieg, trotzdem ist er grundfalsch, ja er führte das 20. Jahrhundert in eine zweite Menschheitskatastrophe. Das kommunistische Gegenextrem zum extremen Nationalismus erwies sich als genau so mörderisch wie dieser (siehe Alexander Solschenizyns „Archipel GULAG”). Erst nach dem Tode Stalins und Maos kam nach und nach zum Vorschein, in welchem furchtbaren Ausmaß auch in den kommunistischen Ländern das Unrecht, die Gewalt und die Mordlust gewütet hatten.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Auch die Nationalisten im „Dritten Reich“ (und ebenso die neueren nationalistischen Bewe­gungen) wollten (und wollen) ja nicht einfach nur eine finstere Diktatur errichten. Es ging ihnen im Letzten um „Weltgenesung“! (Auch wenn diese Motivation in der Realität vielfach von Machtstreben, Habgier und Mordlust überlagert wurde.) Eine neue, lichtvolle Zukunft sollte heraufgeführt werden, das Starke, Schöne und Gute im Menschen sollte wieder herausgebildet werden durch Reinerhaltung bzw. Neuzüchtung einer edlen Herrenrasse, die allein in der Lage wäre, die Geschicke der Menschheit zum Besseren zu wenden und den sonst unaufhaltsamen Niedergang alles Edlen und Wertvollen durch Vermischung mit „minderwertigen“ Rassen aufzuhalten.

Die Kraft zur Erneuerung der Menschheit, so meinte man, sei die Kraft des Blutes, sie liege im Erbgut der reinen nordischen Rasse. Konsequente Rassentrennung und die Ausmerzung von min­derwertigem, ja schädlichem und geradezu menschheitsgefährden­dem Erbgut (in der jüdischen Rasse) seien Not-wendig. Die nationa­listische Erlösungssehnsucht im Deutschland des 20. Jahrhunderts verband die Überkompensation des schmerzlichen Mangels eigener nationaler Identität mit der Hoff­nung auf die reinigende und erneuernde Wirkung von Urkräften der Natur und der Geschichte: Blut und Boden, geschichtliches Erbe und zukunftsgestaltende Vorsehung. Die „Endlösung“ der Judenfrage sollte der erste und wichtigste Schritt zur „Endlösung“ der Rassen­frage überhaupt sein.

Wir wissen: Aus der „Weltgenesung“ wurde nichts. Statt dessen erwachte man nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wie aus einem bösen Traum und stellte fest, dass man gewollt oder ungewollt, be­wusst oder unbewusst zum grausigsten Verbrechen der Menschheits­ge­schich­te seinen Beitrag geleistet hatte. Zu den Millionen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Ermordeten muss man, wenn man die „Frucht“ dieser Ideologie wiegen will, auch einen großen Teil der Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges mitzählen.

Beim Liberalismus, der dritten großen Ideologie unserer Zeit liegen die Dinge etwas anders. Kommunismus und Nationalismus können in ihrem Wesenskern angesehen werden als eine sich selbst absolut setzende kollektive Egomanie eines Teils der Menschheit, der sich entweder als sozial definierte Einheit (Klasse) oder als genetisch de­finierte Einheit (Rasse) versteht, jedenfalls als den Teil der Menschheit, dem von der Natur oder von der geschichtlichen Notwendigkeit her die Weltherrschaft rechtmäßig zusteht.

Im Gegensatz dazu kann man den Libera­lismus eher erklären als Ausformung des individuellen Egoismus einer Vielzahl von Menschen, deren gemeinsames Merkmal der wirtschaftliche und soziale Erfolg ist. Der Liberalismus hat auch von daher kein so leicht erkennbares Feindbild wie die beiden vorgenannten Ideologien. Trotz­dem zeigen sich zu ihnen viele Parallelen: Auch der Liberalismus hat ein übergeordnetes „gutes“ Ziel, nämlich die Befreiung des Menschen aus aller Fremdbestimmung, eine freie Menschheit, wo die Freiheit des Einzelnen nur durch die Freiheitsrechte der anderen begrenzt wird.

Auch das ist ja eine wahrhaft „gute“ und verlockende Idee. Die Kraft dieses Ziel zu erreichen, so meint man, liege im Freiheitswillen jedes Einzelnen. Wenn man diesem Drang nach Freiheit Raum gebe und ihn nicht behindere, dann geschehe durch das freie Spiel der Kräfte ein Ausgleich aller Interessen und es verwirkliche sich das Wohl des Einzelnen ebenso wie der Gemeinschaft.

Das Vorbild des politischen Liberalismus ist der sogenannte „freie Markt“ wo sich durch Angebot und Nachfrage das Marktgeschehen selbst regu­liert. Dieser Selbstregulierungsmechanismus wird nun auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Vorgänge übertragen: Man muss nur jeden in die Lage versetzen, seine Interessen optimal zu vertreten, dann kann man alle gesellschaftlichen Bereiche den Selbstregulie­rungskräften überlassen.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das ist für die Geschickten, An­passungs- und Durchsetzungsfähigen, für die im Kampf um gesell­schaftliche „Marktanteile“ Erfolgreichen eine wahrhaft „frohe Bot­schaft“, ein Evangelium, das man glaubensfroh weltweit verkündigt. Wehe aber den Schwachen, die es nicht verstehen, ihre Freiheit in Er­folge umzumünzen! Sie geraten nicht nur ins Abseits, sondern sie sind nun auch noch selbst schuld daran, denn sie hätten ja (theore­tisch, nicht in Wirklichkeit) die gleichen Chancen gehabt wie alle andern. Der (durch einige mehr oder weniger wirksame soziale Bremsen gezähmte) Liberalis­mus scheint heute auf dem Weg, sich nach dem Scheitern extremer nationalistischer bzw. kommunistischer Experimente als das „menschlichste“ Zukunftsmodell weltweit durchzusetzen.

Der aufmerksame Blick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Realitä­ten zeigt aber schon die Folgen: Der Liberalismus will die Freiheit des Einzelnen und endet im Kampf jedes gegen jeden. Die soziale Atmo­sphäre in der sogenannten „freien Welt“ wird kälter, die Vertei­lungskämpfe werden härter, die Ausgrenzung der „Verlierer“ wird rücksichtsloser und folgenschwerer. Opfer sind nicht nur die Millionen ausgebeuteter Arbeitssklaven des Frühkapitalismus (den es ja in vielen Ländern heute noch oder wieder gibt), sondern auch eine ganze Generation von jungen Menschen, denen außer „Geld machen“ und „Spaß haben“ jeder Lebenssinn abhandengekommen ist.

Die Pflege des individuellen Egoismus in den liberalistischen Systemen führt in letzter Konsequenz (wie bei den beiden anderen angeführten Ideologien) zum Brudermord des Menschen am Mitmenschen. Wenn mein Wohlergehen, mein Besitz und Gewinn zur alles entscheidenden Maxime des Handelns wird, dann spielt es eben keine Rolle mehr, wenn mein Reichtum mit der Armut anderer erkauft ist, wenn meine teuren Luxusgüter mit billiger Kinderarbeit irgendwo weit weg in der „Dritten Welt“ produziert werden, wenn unsere Gewinne bezahlt werden aus der „Konkursmasse“ der „Verlierer“, wenn unsere Übersättigung ihren Gegenpol hat im millionenfachen Hungertod der „armen Verwandten“ unserer Menschheitsfamilie. Dann scheint „normal“ und gerechtfertigt, wenn ausufernde Spekulationen auf dem Weltmarkt für Nahrungsmittel und der zunehmende Aufkauf riesiger fruchtbarer Landflächen durch „Großinvestoren” (nur zur Geldanlage, nicht um dort etwas anzubauen) zu einer zusätzlichen künstlichen Verknappung und Verteuerung von Nahrungsmitteln führen. Auch der Liberalismus erweist sich dort, wo er unbeschränkt zur Verwirklichung kommt, in Wahrheit als menschenmordender Dämon. Sein „Feind” ist allerdings nicht die andere Klasse oder Rasse von Menschen, sondern das ethisch verpflichtende Gebot.

Dabei ist es ja nicht so, dass alle Manager und Konzernlenker, alle Banker, Broker, Finanzmanager … Verbrecher wären, das wäre unsinnig und verleumderisch. Und große Teile der regionalen und mittelständischen Wirtschaft sind eben nicht vom Ungeist eines schrankenlosen Marktliberalismus beherrscht, sondern versuchen, soweit es möglich ist, verantwortungsbewusst gegenüber Mensch und Natur zu handeln. Aber dass es im System der Weltwirtschaft und im System der internationalen Finanzwirtschaft große Ungerechtigkeiten gibt, die dazu führen, dass die Reichen weltweit immer reicher und die Armen immer ärmer werden, Ungerechtigkeiten, die es möglich machen, dass einige ohne eigene Arbeit, nur durch Spekulation, ungeheure Reichtümer ansammeln, während gleichzeitig andere trotz eigener harter Arbeit nicht das Nötigste zum Leben haben, das ist unbestreitbar. Und solche Systeme wirken sich in der Realität so aus, dass sie Armut, Hunger, Leid und Not in der Welt vermehren und dass Menschen, die innerhalb dieser ungerechten Systeme handeln, bewusst oder ungewollt daran mitschuldig werden.

Zur Zeit be­steht die Gefahr, dass ein globalisierter (und damit von keinen staat­lichen Instanzen kontrollierbarer) Kapitalismus auf der Suche nach Zinsen und Gewinnen unvorstellbare Geldsummen auf dem „freien Kapitalmarkt“ hin und her schiebt, sodass dieser die Bodenhaftung in Form von echten Wirtschaftsleistungen und erarbeiteten Werten verliert. Dieses Geld soll gar nicht mehr dazu dienen, irgendwo wirtschaftli­ches Handeln zu ermöglichen, etwas zu produzieren, eine Ware zu handeln oder eine Dienstleistung zu finanzieren, sondern das Geld wird zum „Selbstwert“, das nur dazu da ist, wieder „Geld zu machen“. Das kann eine Zeit lang vordergründig sehr erfolgreich sein, es kann ganze Volkswirtschaften aufblähen und zu schnellen Scheinblüten treiben, bis das ganze System aus Mangel an echt erarbeiteten Werten plötzlich kollabiert und dabei auch die noch gesunden Teile der Wirtschaft mit in den Untergang reißt und ganze Völker in bitterer Armut zurücklässt, während sich das „freie Kapi­tal“ schon längst woanders wieder neue lukrative „Spielräume“ erschließt. Wobei man noch hinzufügen muss, dass ein beträchtlicher Teil der Vermögenswerte, die in der globalen Finanzwirtschaft umgesetzt werden, aus verbrecherischen Systemen des internationalen Drogen-, Waffen- und Menschenhandels stammen, die den internationalen Finanzmarkt als „Geldwaschanlage” nutzen.

Gewiss kann und darf man nicht Millionen von Menschenopfern der einen oder anderen Ideologie miteinander vergleichen und gegeneinander aufrechnen. Dennoch: Wenn man die Opfer des Liberalismus (in seiner entarteten Form des kalten Raubtier-Kapitalismus) zählen könnte, er käme wohl nicht besser weg (weder zahlenmäßig, noch in der kalten Menschenverachtung des Handelns) als der Nationalismus oder der Kommunismus.

Wie man nach dieser Bilanz vor allem des vergangenen 20 Jahrhunderts (des Jahrhunderts der großen atheistisch-ideologisch begründeten Diktaturen) noch meinen kann, eine religionsfreie, atheistische Weltanschauung und Weltordnung wäre eine wünschenswerte Perspektive, ist sachlich nicht nachzuvollziehen.

Trotzdem müssen noch einige Fakten und Entwicklungen genannt werden, die vielleicht manches verständlich machen, was wir heute in unserer gesellschaftlichen Realitä­t wahrnehmen: Das „Feindbild Familie” und „das Drama der Revolutionen”.

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5 Feindbild Familie

Ein gemeinsames Bestreben aller drei genannten Ideologien war es, die Familie als tragende Grundlage der Gesellschaft auszuhebeln und wenn möglich zu zerstören. In der folgenden, sehr gedrängten Zusammenschau werden die entsprechenden Motive bewusst etwas überzeichnet und zugespitzt.

Die Liberalisten mit ihrer verabsolutiert liberalistischen Ideologie (nicht die echten Liberalen, bei denen wirklich das Recht und die Freiheit der Menschen im Vordergrund steht) wollten die Menschheit unter anderem befreien von den angeblichen „Zwängen” überholter Moralvorstellungen. Deshalb war und ist ihnen die Ehe als dauerhafte, auf Vertrauen und Treue beruhende Verbindung von Mann und Frau ein Dorn im Auge. Befreiung der Sexualität war und ist ihr Motto und das heißt für sie: Auflösung aller gegenseitigen Verbindlichkeiten und Verpflichtungen und Sex als reine Spaß- und Lustveranstaltung auf Zeit: kreuz und quer und jeder mit jedem. Kinder sind da ohnehin nur störend. Allerdings: für eine gewinnbringende Produktion und Wertschöpfung für die Märkte der Zukunft braucht man langfristig auch die entsprechend nachwachsenden „Human-Ressourcen”. Aber, alles kein Problem, man kann den fehlenden Nachwuchs ja aus Ländern importieren, wo die Menschen noch nicht so fortschrittlich sind und aus lauter Unwissenheit noch Kinder kriegen und großziehen: Zuwanderung ist immer noch die billigste Lösung des Demographieproblems.

Die Kommunisten mit ihrer realitätsfernen sozialistischen Heilsideologie (nicht die wirklich sozial Eingestellten, die um der Menschen willen eine gerechtere Wirtschaft und Gesellschaft anstreben) sehen in der Familie die Brutstätte allen Unheils, als den Entzündungsherd, von dem immer wieder soziale Krankheitskeime ausgehen, die den „Fortschritt” schwächen und zur Stabilisierung eines alten, überholten und schädlichen Gesellschaftsmodells beitragen. Ja, gut, man braucht Kinder, damit die Gesellschaft nicht ausstirbt, und dazu braucht man Männer, die Kinder zeugen und Frauen, die sie austragen und gebären. Aber dann muss man den Nachwuchs sofort in die Obhut des Staates nehmen, damit die Eltern gar nicht erst in die Gefahr kommen, emotionale Beziehungen zu ihren Kindern zu entwickeln und die Kinder von Anfang an den unkontrollierbaren und gefährlichen Einflüssen der Erziehung in einer Familie entzogen sind. Nur in öffentlichen Erziehungseinrichtungen könnten sie von der Geburt an von staatlich angestellten (und indoktrinierten) Profis im „fortschrittlichen” Geist entsprechend der einzig richtigen Ideologie gleichgeschaltet und ausgerichtet werden. Und nur so wäre auf Dauer das selbstgemachte Paradies zu bevölkern.

Die Nationalisten mit ihrer egomanischen Selbstüberhöhungs-Ideologie (nicht diejenigen, denen ihre Einbindung in eine bestimmte Volks- und Kulturgemeinschaft einen wichtigen Bestandteil ihrer Identität bedeutet und denen gleichzeitig andere ethnische Identitäten eine wertvolle und willkommene Ergänzung sind) standen, als sie (z. B. in Deutschland) an die Macht kamen, vor einem doppelten Problem: Erstens bestand das konkrete Volk, das sie beherrschten, aus einer ziemlich durchwachsenen Mischung von (ihrer Meinung nach) rassisch höchst fragwürdigen Individuen und zweitens würden diese, wenn man ihnen freie Partnerwahl ließe, niemals jene „rassische Aufzüchtung” zustande bringen, die notwendig wäre, die gesteckten Ziele zu erreichen. Also entwarfen sie ein Zuchtprogramm, das einem Verein ehrgeiziger Kaninchenzüchter wohl gut angestanden hätte: In den Einrichtungen des „Lebensborn” sollten rassisch hochwertige Arier (die sich möglichst auch schon im Krieg als Helden bewährt hatten) mit rassisch ebenso einwandfreien Frauen (die natürlich auch eine nationalistische Gesinnung mitbringen müssten, um keine sentimentalen Beziehungen zu den „dem Führer geschenkten” Kindern und deren Väter zu entwickeln) möglichst viele Kinder zeugen, die dann in den Kinderkrippen, Jugendheimen und Ordensburgen des Systems zu den wahren und edlen „Lichtgestalten” erzogen würden, welche die Weltherrschaft erobern und die Sklavenvölker mit dem Zwang zu sinnvoller Arbeit beglücken könnten.

Allen drei ideologischen Systemen war völlig klar: Die neue, bessere Welt könnte nur mit neuen, besseren Menschen in einer neuen, besseren Gesellschaft aufgebaut werden. Und die entsteht nicht von allein, sondern die muss gegen den Widerstand von Menschen durchgesetzt werden, die noch solchen alten und und überholten und das Menschheitsglück gefährdenden Vorstellungen anhingen: Mutter und Vater, die in Liebe und Treue einen Raum der Geborgenheit und der Entfaltung bilden, in dem Kinder zu freien, eigenverantwortlichen und doch auch gemeinschaftsfähigen und den von Gott gegebenen ethischen Maßstäben verpflichteten Menschen heranwachsen können. Und sie hatten recht: Die Erziehung in der Familie ist das gottgewollte und menschenwürdige Gegenmodell zur Indoktrination durch eine selbstgerechte und alles vereinnahmende Ideologie. Wenn diesem Familienmodell die sozialen, rechtlichen und materiellen Grundlagen entzogen werden, dann ist der Weg frei für die Vereinnahmung und Ausrichtung aller gesellschaftlichen Bereiche durch die jeweils beherrschende Ideologie.

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6 Das Drama der Revolutionen

Das Drama der Entmenschlichung in Namen der Humanität läuft immer im gleichen Schema ab (hier auf die Entwicklung in Europa bezogen; außerhalb Europas, z. B. in China unter Mao kann man aber ähnliche Abläufe feststellen). Man kann dieses Drama (das dann zur Tragödie des 20. Jahrhunderts wurde) in fünf Phasen nachzeichnen:

Erste Phase: Ein tatsächlich menschenunwürdiger Zustand spitzt sich zu und wird zu einer Abwärtsbewegung von Verarmung und Verelendung, die immer mehr Menschen in Not, Verzweiflung und Tod treibt. Beispiele dafür waren

  • die Spätformen des absolutistischen Königtums und der Ständegesellschaft in Europa, besonders in Frankreich

  • oder die Auswüchse des Frühkapitalismus in vielen Ländern Europas mit der Verarmung und Ausbeutung großer Teile der Bevölkerung

  • oder die Entrechtung und Unterdrückung des „Proletariats” von Kleinbürgern und Bauern durch eine adelige und besitzende Minderheit, besonders im zaristischen Russland

  • oder die Verarmung der Unter- und Mittelschicht und die politische Desorientierung in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg.

Zweite Phase: Die Not und Verzweiflung treibt Menschen zu Handlungen, der darauf abzielen, die Ursachen dieser Not zu beseitigen. In dieser Phase sind vor allem Menschen aktiv, die aus ehrlichem Bemühen handeln, um einer schlimmen Not zu wehren. Beispiele: Die ursprüngliche Motivation der „Französischen Revolution” (die ihren politischen Ausdruck in der Nationalversammlung von 1789 fand mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit) ebenso wie die der „Russischen Revolution” von 1905-7 (durch die gemäßigteren Kräfte der Menschewiki und später die Februarrevolution 1917), ebenso wie die Entstehung und Entwicklung der „Weimarer Republik” in Deutschland ab 1918 als Antwort auf das Versagen der alten Machteliten des Kaiserreichs.

Dritte Phase: Hier vollzieht sich die Überrumpelung und Vereinnahmung der ursprünglich auf die Abwehr einer konkreten Not zielenden Bewegung durch eine radikale, auf eine extreme Ideologie fixierte Minderheit. Für die steht nicht die Überwindung einer konkreten Notsituation im Vordergrund, sondern die Durchsetzung ihrer ideologischen Ziele und der persönlichen Machtinteressen ihrer „Führer”. Die Ideologie einer abstrakten „Humanität” tritt nun an die Stelle der konkreten Menschlichkeit. Am deutlichsten wird das an der Französischen Revolution. In deren Anfangsphase 1789 gab es wirklich die große Chance, ein „Mehr” an Menschlichkeit zu verwirklichen, aber ihre Ideale wurden, je länger die Revolution andauerte, um so schändlicher missbraucht.

Die großen Werte der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit werden auch heute immer noch von den linken Ideologen für sich vereinnahmt, als ob die sie erfunden hätten; in Wahrheit waren sie die Ersten, die sie mit Füßen getreten und in eine Ideologie des Todes verwandelt haben. Ihre Wahrzeichen waren nicht Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern die Guillotine! Die Weltsicht der Ideologien ist immer an Feindbildern orientiert und sie zielen in letzter Konsequenz immer auf die Vernichtung aller Menschen, die nicht selbst Mittäter oder Mitläufer bei der Verwirklichung ihrer Ideen sind oder die gar Widerstand leisten.

Beispiele dafür sind die Jakobiner und der Nationalkonvent von 1793 in der Französischen Revolution oder die Oktoberrevolution der radikalen Bolschewiken 1917 in Russland oder die „Machtergreifung” der Nationalsozialisten in Deutschland 1933; oder an Personen festgemacht: Robespierre und Saint-Just, Lenin und Stalin, Hitler und Himmler. In dieser Phase wird die Revolution zur Gewalt- und Schreckensherrschaft, die unzähligen Menschen das Leben kostet. Und dies, obwohl immer noch viele Einzelne auf verschiedenen Ebenen des Systems in gläubiger Verblendung meinen, im Rahmen dieses Systems dem ursprünglichen humanen Ziel zu dienen und die Menschheit in eine bessere Zukunft zu führen. Deshalb sind in dieser Phase auch viele bereit, für die Durchsetzung ihrer Ideale selbst furchtbarste Verbrechen zu begehen.

Diese Phase kann kurz sein (Französische Revolution) oder auch Jahre (Nazi-Revolution) oder Jahrzehnte (Russische Revolution) andauern, ehe die Revolution, geistig ausgehöhlt und materiell korrumpiert, in sich zusammenfällt.

Vierte Phase: Nach dem Zusammenbruch der Gewaltherrschaft zeigt sich, dass zwar das „Revolutionäre System” zusammengebrochen war, nicht aber die „Revolutionäre Idee”. Die lebt in zwei Formen weiter: Einmal gibt es da die ehemaligen Teilhaber der Machteliten, die ihrer ehemaligen Macht nachtrauern, die entweder „untertauchen” oder sich geschmeidig „wandeln” und anpassen, die aber im wesentlichen nur die Wiederherstellung ihrer ehemaligen Machtpositionen im Sinn haben. Zum zweiten gibt es da die große Menge der „Immer-noch-Überzeugten”, die der Meinung sind, nur die Art der Durchführung der revolutionären Idee sei fragwürdig gewesen, nicht aber die Idee selbst. Sie verwechseln immer noch das ursprüngliche, berechtigte und hilfreiche Bestreben, eine schlimme und unhaltbare Situation zu verbessern mit der Verwirklichung ihrer Ideologie. Diese Phase ist gekennzeichnet durch den Kampf um die Hirne und Herzen der Menschen im Rahmen einer offenen demokratischen Gesellschaft, die jeder politischen Idee gleiche Chancen gewährt, wobei die Medien und die Medien-Macher eine entscheidende (und leider oft die Ideologen unterstützende) Rolle spielen. Die sogenannte „68er Revolution” war so ein Versuch, eine schon gescheiterte Ideologie (in diesem Falle den Marxismus) gegen die überwältigende Mehrheit eines Volkes durchzusetzen. Dieser (meist unauffällig geführte) Kampf kann sich immer wieder auch gewaltsam äußern (z. B. in den Aktionen der RAF oder der Neonazis in Deutschland).

Fünfte Phase: In der fünften Phase tun sich die Ideologen und die ehemaligen Machteliten der zusammengebrochenen Gewaltsysteme zusammen. Sie versuchen gemeinsam die Offenheit der demokratischen Verfassung der Länder auszunutzen, um ihre Ziele (mit denen sie, als sie selbst die Macht hatten, auf furchtbare Weise gescheitert waren, z. B. in Deutschland oder der Sowjetunion) dennoch zu erreichen. Sie beginnen „den langen Marsch durch die Institutionen” (Der Begriff stammt aus der chinesischen Revolution, die mit dem „Langen Marsch” der Anhänger Maos begann.) In Deutschland wurde in der Folge der sogenannten „68er Revolu­tion” dieser „lange Marsch” (in diesem Falle der „linken” Ideen) ausdrücklich als politisches Programm proklamiert, nämlich zu der Zeit, als die „Revolutionäre” merkten, dass ihr Programm bei den sogenannten „Massen” keine Unterstützung fand und deshalb ein gewaltsamer Umsturz nicht möglich war.

Unauffällig, aber beharrlich boxen sie sich seitdem linke und rechte „Seilschaften“ ebenso wie Netzwerke der Wirtschafts- und Finanzeliten durch die Hierarchien, helfen sich gegenseitig beim Aufstieg auf der Karriereleiter, nutzen die Entscheidungsspielräume ihrer Positionen aus, um mit scheinlegalen Mitteln ihre Ziele zu verfolgen. Sie sind zuerst an Wahlen und Wahlerfolgen wenig interessiert (dieser Teil der Strategie folgt erst in einer späteren Phase). Sie wissen, wie schwer es ist, mit offen antidemokratischen Inhalten demokratische Wahlen zu gewinnen. Viel wichtiger ist es für sie, vor allem bei den Medien und in der Rechtsprechung Schlüsselpositionen zu besetzen. „Mögen doch die demokratisch gewählten Parteien Gesetze beschließen, wir haben genug Juristen in verantwortlichen Positionen, die legen sie so aus, wie es für unsere Zwecke passt und irgendwann folgen dann die Gesetze unserer Auslegung (und nicht unsere Auslegung den Gesetzen, wie es eigentlich sein sollte), vor allem dann, wenn wir genügend Meinungsmacher und Entscheidungsträger bei den Medien auf unserer Seite haben.”

So haben wir in Deutschland und anderen Ländern Europas drei „halböffentliche Untergrundbewegungen”: Erstens eine „linke” (die Neo-Kommu­nisten, die sich -noch- aufgeklärt und gemäßigt geben, aber in Wirklichkeit keine andere gesellschaftliche „Vision” haben als den alten Marxismus-Leninismus – vielleicht vorerst mit ein bisschen weniger stalinscher Ausrottungspolitik), zweitens eine „rechte” (die Neo-Nationalisten, die darauf hinarbeiten, den immer noch vorhandenen Bodensatz von rassistischer Einstellung und heimlicher Hitler-Bewunderung für ihre Ziele zu reaktivieren). Beide lauern auf ihre Chance, den freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat auszuhebeln und ihre eigene Ideologie (und damit sich selbst) wieder an die Macht zu bringen. Und das, während gleichzeitig die dritte Ideologie, (der hemmungslose Liberalismus und Raubtier-Kapitalismus) mit ihren weltweit vernetzten Wirtschafts- und Finanzeliten weltweit ihre tödlichen Triumphe feiert.

In dieser fünften Phase befinden wir uns in Europa jetzt. Auf diese Weise wurden in den vergangenen Jahren viele (ursprünglich extremistische, unterdessen ganz „normal” erscheinende) Entwicklungen vorangetrieben, die bei demokratischen Wahlen nie eine Mehrheit bekommen hätten. Vor allem bei der Zerstörung von Ehe und Familie als tragende Fundamente der Gesellschaft haben diese „Seilschaften” große Erfolge zu verzeichnen.

Möglich wurden und werden solche „Erfolge” unter anderem durch das mangelnde Selbstbewusstsein und Gottvertrauen, durch die mangelnde Einsatzbereitschaft und Zusammenarbeit von Christen, die es zuließen und zulassen, dass die Ideologen (ungeachtet aller Gräueltaten, die im Namen ihrer Ideologie begangen wurden) mit Fingern auf die Christen zeigen und sagen: „Seht, das sind die ewig Vorgestrigen, die die ganze Menschheit mit den überkommenen Lasten und Hemmnissen durch angeblich göttliche Gebote und Verbote unterdrücken wollen: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht verleumden, du sollst nicht haben wollen, was einem anderen gehört, welch ein Quatsch! Folgt uns nach, denn wir sind die Vertreter einer neuen, aufgeklärten, modernen, fortschrittlichen Weltanschauung. Wir sind die Guten, die sich vorgenommen haben, für die ganze Menschheit endlich die Befreiung von der Knechtung durch angeblich göttliche Gebote und Verbote zu erkämpfen. Wir sind die Vorkämpfer einer besseren Welt.”

Es ist manchmal wirklich verblüffend, mit welcher Selbstüberzeugtheit und Arroganz Vertreter längst gescheiterter Ideologien sich selbst als „Befreier und Wohltäter der Menschheit” aufspielen und ihre Vorhaben als richtige und notwendige Kurskorrektur auf dem Weg in eine bessere und menschlichere Zukunft verkaufen und mit welcher Selbstverständlichkeit sie erwarten, dass zumindest alle klugen und vernünftigen Menschen ihnen folgen werden. Und tatsächlich: Viele kluge und vernünftige Leute sind den atheistischen Ideologen gefolgt (und folgen ihnen immer noch), weil man ihnen geschickt einredet, nur so könnten sie beweisen, dass sie wirklich klug und vernünftig sind. Und wer möchte nicht als klug und vernünftig gelten und an der Seite derer stehen, die eine bessere und menschlichere Zukunft heraufführen? Da noch an das vergangene Scheitern zu erinnern und an die Millionen Menschen-Opfer, die diesem Scheitern vorausgingen, gilt geradezu als unanständig. So fest haben die Ideologen die Rolle der guten und fortschrittlichen Menschheitsbeglücker für sich vereinnahmt, dass es manchem intellektuell anspruchsvollen Menschen (trotz aller propagierten Meinungsfreiheit) einige Überwindung abverlangt, sich öffentlich anders zu positionieren.

Die Revolution und ihre Kinder haben die Geschichte Europas und der Welt in den vergangenen Jahrhunderten entscheidend mitgeprägt. Aber: Die (anfangs) das Gute wollten, brachten (am Ende) unendlich viel Böses hervor. Die Geschichte der atheistisch-ideologisch begründeten Diktaturen des 20. Jahrhunderts ist das blutigste, tödlichste und von seiner bedenkenlosen Grausamkeit her erschütterndste Kapitel der ganzen Menschheitsgeschichte. Trotzdem sind die Ideologen immer noch überzeugt: Wir sind die Guten und nur wir können euch in eine bessere Zukunft führen . Verhärtete Ideologen lassen sich selbst durch offensichtlichste Realitäten nicht von ihren einmal eingespurten Denkmustern abbringen. Aber: Sollten wir ihnen wirklich weiter folgen oder gibt es Alternativen, die uns zeigen, wie das „alte Denken”, das von der biblischen Verkündigung herkommt, zur Grundlage für sehr moderne und zukunftsweisende Lebens- und Gemeinschaftsformen in einer globalisierten Welt werden kann (siehe die Themenbeiträge „Globalisierung“ und „Reich Gottes und Demokratie“)? Diese Alternativen zu suchen und in die realen Beziehungen unserer Welt einzubringen, ist eine der wichtigsten und erfolgversprechendsten Herausforderungen unserer Gegenwart.

Bodo Fiebig Thema (Version )

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