Bereich: B Herausforderungen der Gegenwart

Thema: Natürliche und künstliche Intelligenz

Beitrag 5: Verantwortete Intelligenz (Bodo Fiebig)

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Themenbereich 4: Herausforderungen der Gegenwart

Thema 4-4: Natürliche und künstliche Intelligenz

Beitrag 4-4-5: Verantwortete Intelligenz

Wie können aus „autonomen Systemen“ mit „künstlicher Intelligenz“ Systeme mit „verantworteter Intelligenz“ werden? Diese Frage gilt für Menschen und Maschinen gleichermaßen. Beide brauchen, um nicht selbstzerstörende, menschheitsgefährdende, ja lebensbedrohende Tendenzen zu entwickeln, Steuerungsimpulse, die selbstbegrenzend und sinngebend wirken. Jede sich selbst überlassene, Ziel-lose und Sinnlose Entwicklung führt (auf die Dauer gesehen) zwangsläufig in die Selbstzerstörung. Dabei müssen wir uns bewusst machen: Ausschließlich auf die Vermehrung von Gewinn und Macht gerichtete Entwicklungen sind ohne Ziel und Sinn, denn Gewinne und Macht sind ja nur Mittel um sinnvolle Ziele zur verwirklichen; für sich selbst genommen sind sie ziellos und sinnleer. Entwicklungen ohne Sinn und Ziel sind grundsätzlich auch ohne Ethik, denn jede Ethik braucht eine Sinn-und Zielvorgabe, an der sie sich ausrichten kann. Eine „sinnfreie Ethik“ kann es nicht geben (siehe dazu das Thema „Die Frage nach dem Sinn“).

Hier fragen wir zunächst nach den biblischen Perspektiven für eine „verantwortete Intelligenz“ und dann, davon abgeleitet, nach Möglichkeiten, diese biblische Perspektive auch auf Systeme mit künstlicher Intelligenz anzuwenden.

1 Biblische Perspektiven

Was ist der Mensch und was kann er und was soll er sein oder werden? Oder technisch ausgedrückt: Welches ist das „Optimierungs-Ziel“ für das System „Mensch“?

Optimierungsvorgänge in datenbasierten Systemen (ob Mensch oder Computer) gehen davon aus, dass etwas noch nicht optimal ist. Das bedeutet: Sie müssen immer auf eine Zielvorgabe hin orientiert sein (wie sollte man etwas optimieren, wenn niemand wüsste, welcher Zustand besser wäre als der jetzt gegebene?). Das gilt auch für das System „Mensch“. Auch dieses braucht eine Zielvorgabe, die ihm zeigt, was er ist und die ihm sagt, was er werden soll. Die Antwort auf die Frage nach der „Zielvorgabe“ des Menschseins kann sehr verschieden ausfallen, je nachdem, von welcher Religion oder Weltanschauung ein Mensch sein eigenes Welt- und Selbstverständnis ableitet. Hier wird zunächst nach der „Zielperspektive“ des Menschseins auf biblischer Grundlage gefragt (später wird diese Frage noch weiter und allgemeiner gestellt).

1.1 Das „Optimierungsziel“ des Menschseins

Das „Optimierungsziel“ für alles Menschsein in der Schöpfung Gottes ist schon auf der ersten Seite der Bibel angegeben (und es ist ein Ziel, das alle Grenzen autonom-menschlicher Möglichkeiten sprengt):

1. Mose 1, 27: Und Gott schuf den Menschen sich zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Man muss einmal versuchen, sich das bewusst machen: Dazu ist das Menschsein geschaffen, dass es „Bild“ seines Schöpfers wird: Ikone Gottes. Anschaubare Darstellung des Schöpfers in der geschaffenen Welt. Gott will also, dass das Leben jedes einzelnen Menschen, jeder menschlichen Gemeinschaft und der Gemeinschaft des Menschseins als Ganzes (technisch gesprochen) so „optimiert“ wird, dass es zu einem erkennbaren „Eben-Bild“ wird für den „Schöpfer“, der eben diese Menschen und ihre Lebensgrundlagen geschaffen hat. Das heißt: Die Lebens-Geschichte eines Menschen und die Menschheits-Geschichte durch die Jahrtausende soll (jetzt mit den Begriffen aus der Arbeit mit „künstlicher Intelligenz“ ausgedrückt) ein „Optimierungs-Vorgang“ werden für die selbstlernenden, selbstoptimierenden und selbstentscheidenden Systeme des Menschseins in Richtung auf diese Ziel-Vorgabe. Man könnte „solche Optimierungs-Vorgänge“ mit biblischen Begriffen auch „Heiligung“ im Sinne von „Gott-Ebenbildlich-Werden“ nennen (siehe dazu das Thema „sein und sollen“).

Um zu klären, was damit gemeint sein kann, muss ich allerdings ein wenig ausholen:

Der Mensch ist (nach der oben zitierten biblischen Aussage) im Vergleich zu allem Vorangegangenen (vorher wird die Erschaffung des Weltalls und der Erde, der Pflanzen und Tiere beschrieben) eine wirkliche Neuschöpfung Gottes. Und dieses „ganz Neue“ ist nicht materieller und nicht biologischer Art. Materiell gesehen besteht der Mensch aus den gleichen Bauteilen (Atomen) wie die übrige Schöpfung auch und biologisch gesehen ist der Mensch mit den Säugetieren eng verwandt, da ist er gar nichts Besonderes. Das Besondere an ihm besteht nicht in seiner Materie oder seinen biologischen Eigenschaften, sondern in einer besonderen, nur die Menschen betreffenden Berufung: Die Schöpfung „Mensch“ soll „Bild Gottes“ sein, das heißt: sichtbare Darstellung des Schöpfers in der Schöpfung, anschaubare Vergegenwärtigung Gottes mitten in einer scheinbar gottlosen Welt. Dabei ist aber der Mensch keine optische Abbildung Gottes, als wäre Gott ein Wesen mit menschenähnlicher Gestalt, mit Armen und Beinen, mit Augen, Mund und Nase… (dann wäre ja Gott ein Abbild des Menschen, und so haben sich Menschen zu allen Zeiten ihre Götter vorzustellen versucht, schauen wir uns doch die Götterbilder vieler Religionen an).

Nein, der Mensch ist keine optische Abbildung Gottes sondern eine wesentliche. Durch das Menschsein soll das Wesen Gottes in der Schöpfung anwesend sein. Aber, wer ist Gott, was ist denn sein eigentliches „Wesen“? Und wozu hat er uns geschaffen und was erwartet er von uns? Die Antworten auf solche Fragen sind von uns aus nicht zugänglich. Wir können mit den Mitteln menschlicher Erkenntnisfähigkeit nur so viel von Gott erfassen und mit den Mitteln menschlichen Sprache nur so viel von Gott aussagen, als er selbst sich uns offenbart.

Und Gott hat sich offenbart: In der Schöpfung, in der Geschichte Israels, im Leben, Reden und Handeln Jesu, auch in der Geschichte des Judentums und der Christenheit der vergangenen 2000 Jahre und in der Weltgeschichte und Heilsgeschichte bis heute. Und in dieser Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass die Existenz Gottes wesentlich in einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, einem „In-Beziehung-Sein“, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben.

In der Bibel klingt das so (1. Joh 4, 7-8): Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, seine „Substanz”, seine „Identität” und dafür soll das Menschsein zum „Ebenbild“ werden.

Die Bibel beschreibt (in deutscher Übersetzung) das Wesen Gottes in drei Worten: Gott – ist – Liebe. Damit ist alles Wesentliche über den Gott der Bibel ausgesagt: Sein Wesen ist ein „Für-den-andern-da-sein“ in voraussetzungsloser Annahme und uneingeschränkter Zuwendung, in unerschütterlicher Treue und opferbereiter Hingabe. Und diese Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht, die soll nun als sein „Ebenbild” auch das Mensch-Sein des Menschen bestimmen. Das, was das Menschsein des Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zu lieben. Zu lieben aus bewusster Hingabe an ein Du. Zu lieben, auch wenn es für das eigene Ich Nachteile einbringt. Zu lieben, auch wenn es etwas kostet, auch wenn es – in Extremsituationen – viel kostet (Zeit, Kraft, Geld, Einsatz, Hingabe …)

Solche Liebe, die sich bewusst an ein Gegenüber hingibt, die nicht sich selbst erhöhen, sondern dem andern zur Erfüllung seines Menschseins und zur Freude am Dasein helfen will, die sich aus freiem Willen für eine Gemeinschaft engagiert und die sich sogar selbst unter Zurückstellung des eigenen kreatürlichen Lebenswillens für das Gefährdete und Verlorene einsetzen kann, um es zu zu schützen und zu retten, das ist das Göttliche, das sich im Menschsein widerspiegeln soll als sein Ebenbild und das durch den Menschen in der Schöpfung gegenwärtig und wirksam sein soll.

Diese Liebe soll auch zur Überwindung des universalen Ego-Prinzips der Evolution werden im Miteinander der Menschen. Sie ist das Gegenmodell zum „Kampf ums Dasein”, und zum Prinzip vom „Fressen und Gefressen-werden”, die sonst alles Leben beherrschen. Mitten in einer Natur, in der jedes Lebewesen um seinen Lebensraum und seine Lebensmittel kämpfen muss, schafft Gott mit dem Menschen ein Geschöpf, das die Möglichkeit hat (zumindest die Möglichkeit, ob Menschen dann diese Möglichkeit auch bewusst ergreifen und nutzen, ist eine andere Frage), seinen Lebensraum bewusst als Raum der Gemeinschaft zu gestalten und seine „Lebens-Mittel“ im bewussten Miteinander und Füreinander zu erwerben.

Wer mich sieht, der sieht den Vater“, sagt Jesus (Joh 14,9). Aber damit spricht Jesus für sich nur das aus, was eigentlich die Berufung allen Menschseins ist: Bild Gottes zu sein. Wenn man die Menschen anschaut, nicht wie sie aussehen, sondern wie sie miteinander leben und miteinander umgehen, und wie sie einander lieben, dann soll man eine erste, vorsichtige Ahnung davon bekommen: So ist Gott. Und das kann sich in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit menschlicher Gemeinschaft hier und jetzt an jedem Ort dieser Erde vollziehen (und wir erkennen mit Erschütterung unsere Defizite gegenüber dieser Menschheits-Berufung).

Im biblischen Zusammenhang können wir dazu noch eine eindringliche Verdeutlichung wahrnehmen. In dem schon genannten Ausschnitt aus der Schöpfungsgeschichte wird die besondere Berufung des Menschen in der Schöpfung angesprochen. Sehen wir noch genauer hin:

1. Mose 1, 26-28 (weiter oben war nur der Vers 27 zitiert): Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Hier wird zweimal hintereinander die Abbild-Funktion des Menschen für Gott verknüpft mit dem Auftrag „über die ganze Erde“ zu „herrschen“. Diese doppelte Verknüpfung betont, dass das „Herrschen“ des Menschen so sein soll, dass es zum „Abbild des Herrschens Gottes wird, also zur erfahrbaren Vergegenwärtigung seiner Liebe (siehe die Bibelzitate weiter oben). Das heißt: Das Leben und Handeln der Menschen wird nur dann ihrer Berufung als „Ebenbild Gottes“ gerecht, wenn die Menschen ihrer Verantwortung gegenüber der Schöpfung (so wie Gott) „in Liebe“ gerecht werden. Im Bibeltext steht wörtlich „herrschen in der Tierwelt. Gemeint ist also nicht ein Herrschen „über“ die Schöpfung (das steht nicht da), sondern „herrschen“ in Verantwortung für sie, in der Solidarität des Lebens. Das gilt für die ganze Schöpfung Gottes. Gott selbst „herrscht“ in der Schöpfung indem er seine Liebe in ihr wirken lässt (siehe das Thema „AHaBaH – das Höchste ist lieben“). Gott entlässt seine Schöpfung nicht aus seiner Verantwortung, weil es ihm nicht gleichgültig ist, was in ihr geschieht. Gleiches muss aber nun auch für autonome digitale Systeme gelten, die von Menschen „geschaffen“ und in Gang gesetzt werden. Menschen müssen ihre selbstgeschaffenen Systeme so „beherrschen“, dass in ihnen das Miteinander und Füreinander der Liebe zur Auswirkung kommt. Menschen dürfen ihre „Geschöpfe“ nicht aus ihrer Mit-Verantwortung für die Schöpfung und aus der Verantwortung gegenüber der Liebe Gottes entlassen.

Dabei müssen wir wahrnehmen: Die Ebenbildlichkeit des Menschen für Gott ist kein Zustand, sondern ein Geschehen, und sie geschieht durch die Verwirklichung der Liebe Gottes im Miteinander der Menschen und als liebevolle Verantwortung der Menschen für das Ganze der Schöpfung. Diese menschliche Liebe als „Ebenbild“ göttlichen Wesens ist das „Optimierungsziel“ aller menschlichen Lern- und Entwicklungsvorgänge, trotz aller „Daten-Pannen“ (Betrug, Hass, Krieg …) der Menschheitsgeschichte. (Auf die Frage des „freien Willens“ wird hier nicht eingegangen. Siehe dazu das Thema „Freiheit“ im Bereich „Grundlagen der Gesellschaft“).

Aber: Kann man eine biblisch begründete Ethik zur Verantwortungs-Grundlage für weltweite technische Entwicklungen machen, die weit über die christlich-jüdisch geprägten Kulturkreise hinausgehen? Oder, anders ausgedrückt: Kann man aus der biblischen Ethik auch eine Menschheits-Ethik ableiten, die für alle Menschen grundsätzlich akzeptierbar und anwendbar wäre (vgl. z. B. das „Projekt Weltethos“ des Theologen Hans Küng)? Und könnte solch eine Ethik auch zur Grundlage für die Anwendung künstlicher Intelligenz in „verantworteten Systemen“ werden (siehe Abschnitt 3)?

1.2 Zeit und Ziel

Für einen biblisch begründeten Umgang mit „künstlicher Intelligenz“ ist es wichtig, wahrzunehmen, dass die von Gott angestoßenen Entwicklungen in seiner Schöpfung nie ins Leere laufen, dass sie niemals so angelegt sind, dass sie (sich selbst überlassen) einfach endlos weitergehen und immer weiter um sich greifen bzw. in einer unendlichen Zukunft verdämmern, sondern dass sie immer zielgerichtet sind und auf einen zeitlichen Endpunkt zulaufen, der allerdings für Menschen nicht eindeutig erkennbar ist. (Wir erfahren aber aus den biblischen Texten, dass die Gesamtentwicklung der Schöpfung auf ein Ende und ein Ziel zuläuft, an dem sie dann nicht einfach aufhört, sondern in eine völlig neue Daseinsform übergeht, die aber für Menschen jetzt grundsätzlich nicht einsehbar und beeinflussbar ist).

Entscheidend dabei ist (nach der biblischen Botschaft) dass Gott seine Schöpfung nicht nur in Gang setzt und sie dann sich selbst überlässt (Deismus). Die ganze Bibel Alten und Neuen Testaments ist die Beschreibung einer Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und speziell mit den Menschen. Der Schöpfer ist in allen Verhältnissen und Vorgängen in seiner Schöpfung mit dabei als aktiver Gestalter, der seine Schöpfung auf ein Ziel hin lenkt. (Siehe dazu auch die Themen „Zwischen Schöpfung und Vollendung“, „Die Frage nach dem Sinn“ und „Die Frage nach dem Leid“)

Dem entsprechend dürfen auch (im Rahmen dieser Schöpfung) von Menschen in Gang gesetzte Prozesse niemals als „autonome Systeme“ sich selbst überlassen bleiben, dürfen niemals in eine unendliche oder unbestimmte Fortsetzung gestartet werden, sondern sie müssen von ihren Urhebern begleitet und gelenkt, ethisch verantwortet und zeitlich begrenzt werden. Und wenn absehbar ist, dass Systeme und Prozesse Entwicklungen in Gang setzen könnten, die nicht mehr beherrschbar und verantwortbar sind, dann dürfen sie auch nicht in Gang gesetzt werden. Von Menschen in Gang gesetzte Systeme und Prozesse müssen immer als „verantwortete Systeme“ an ethische Bedingungen geknüpft, zeitbegrenzt und zielgerichtet sein, zielgerichtet hin auf die Erfüllung der Menschheitsberufung: Nämlich, dass das Menschsein zum Ebenbild der Liebe Gottes wird im Leben und Zusammenleben der Menschen und dass dadurch auch alles Leben und Zusammenleben auf der Erde gefördert und „bewahrt“ wird.

2 Menschheits-Ethik?

Als Voraussetzung für die Verantwortbarkeit autonomer Systeme wäre es also notwendig, eine Menschheits-Ethik zu entwickeln, die für Menschen in allen Wirtschaftszonen und Technikbereichen, in allen Kontinenten und Völkern, in allen Sprachen und Kulturen, auch in allen Weltanschauungen und Religionen überzeugend und annehmbar wäre.

Aber, kann es so etwas geben: Gemeinsame Wertegrundlagen, die auch von nicht-christlichen, ja sogar von nicht-religiösen Menschen und Gemeinschaften als verpflichtende Ethik anerkannt werden könnten und die man dann auch als Wertefundament für die Programmierung „verantworteter Systeme“ in der modernen Daten-Verarbeitungs-Technologie anwenden könnte?

Für solche ethischen Grundentscheidungen haben die Menschen (und erst recht Maschinen und Programme) in sich selbst keine tragenden Grundlagen. In ihnen ist das mögliche Gute immer gleichzeitig mit dem möglichen Bösen gegenwärtig und wirksam. Das bedeutet. Wir Menschen müssen die Frage nach den ethischen Grundsätzen an den zurückgeben, der diese Welt und das Leben und das Menschsein geschaffen hat und erhalten will, weil er sie liebt (siehe das „Doppelgebot der Liebe“ im AT und NT, Mt 22, 36-40; siehe das „Hohelied der Liebe“ 1. Kor 13, 13; siehe 1. Jo 4, 7-8: „… denn Gott ist die Liebe“; siehe Jo 3,16: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Und viele andere ähnliche Aussagen im Alten und Neuen Testament der Bibel; vgl. das Thema „AHaBaH – Das Höchste ist lieben“).

Die grundlegenden „Werte“ der Schöpfung (oder für nicht-religiöse Menschen: Die grundlegenden Werte der Existenz auf dieser Erde in Raum und Zeit des Universums) sind das Leben und die Liebe. Diese beiden Werte sind für jede Religion und für jede (auch atheistische) Weltanschauung nachvollziehbar. Wobei allerdings der Begriff „Liebe“ so allgemein und so verschieden interpretierbar ist, dass er für die Operationalisierung in Daten-Systemen nur schwer handhabbar wäre. Ich schlage deshalb vor, den Begriff „Frieden“ zu wählen, der zwar nur einen Teilausschnitt dessen anspricht, was biblisch mit „Liebe“ gemeint ist, der aber leichter konkretisiert werden kann. Man könnte auch sagen: Es geht um das Leben und um das Zusammenleben auf dieser Erde (wobei hier nicht nur das Leben und Zusammenleben der Menschen gemeint ist, sondern auch das Leben und Zusammenleben aller Lebewesen auf diesem Globus in einem integrierten „Lebens-Ganzen“).

Das würde bedeuten: Menschen dürfen selbst-lernende, selbst-optimierende und selbst-entscheidende Systeme und Prozesse nur dann in Gang setzen,

1) … wenn sie sicher sein können, dass sie selbst deren Richtung, Ziele und Grenzen bestimmen, kontrollieren und die Prozesse notfalls jederzeit beenden können.

2) … wenn sie sicher sein können, dass durch diese Prozesse das Leben und der Frieden auf unserer Erde nicht beeinträchtigt, sondern gefördert werden.

Ich meine: Diese Grundsätze (das Leben und den Frieden zu schützen und zu fördern im Gesamtsystem des Lebens auf dieser Erde) sind unter allen Religionen der Menschheit und auch für Atheisten naheliegend und zustimmungsfähig. Sie könnten also auch von der Menschheitsgesellschaft im Bezug auf technische Systeme festgelegt und durchgesetzt werden.

Daraus ergeben sich folgende Grundsätze für die Programmierung autonomer (selbst-lernender, selbst-optimierender, selbst-entscheidender) Systeme, damit sie zu „verantworteten Systemen“ werden können:

  • Die verwendete Datenbasis und die grundlegenden Algorithmen autonomer Systeme müssen so angelegt sein, dass die daraus entstehenden Prozesse und deren Ergebnisse darauf ausgerichtet sind und dazu beitragen, das Leben zu fördern. Das bedeutet im Umkehrschluss: Von datenverarbeitenden Systemen durchgeführte und gesteuerte Lernprozesse, Optimierungsvorgänge und Entscheidungsabläufe, die dazu führen könnten, dass das Leben von Menschen (aber auch das Leben in den lebenswichtigen Naturkreisläufen der Erde) gefährdet oder in Frage gestellt wird, müssen im System selbst (durch entsprechende Programmierung einer übergeordneten Kontrollfunktion*, der alle internen Prozesse unterworfen sind) unmöglich gemacht werden.
  • Die grundlegenden Algorithmen autonomer Systeme müssen so angelegt sein, dass die daraus entstehenden Prozesse und deren Ergebnisse darauf ausgerichtet sind und dazu beitragen, den Frieden unter den Menschen (und das Zusammenleben der Menschen mit der Gemeinschaft aller Lebensformen auf der Erde) zu fördern. Das bedeutet im Umkehrschluss: Lernprozesse, Optimierungsvorgänge und Entscheidungen, die dazu führten könnten, dass bestimmte Menschen entwürdigt, entrechtet, unterdrückt, ausgegrenzt, benachteiligt, verletzt, getötet … werden und dass das Zusammen-Leben auf dieser Erde insgesamt beeinträchtigt und bedroht wird, müssen im System selbst (durch entsprechende Programmierung einer übergeordneten Kontrollfunktion*, der alle internen Prozesse unterworfen sind) unmöglich gemacht werden.

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* ANMERKUNG: Gemeint ist hier eine Programmierung auf zwei „Ebenen“: Eine erste Ebene, auf der wie gewohnt die Abläufe und Vorgehensweisen der Lern-, Optimierungs- und Entscheidungs-Vorgänge programmiert werden und eine zweite übergeordnete Ebene, in der ethische Grundentscheidungen festgelegt sind, die alle Vorgänge auf der unteren Ebene steuern und begrenzen (ähnlich wie bei Anwendungsprogrammen, die nur unter einem bestimmten übergeordneten „Betriebssystem“ laufen). Technische Systeme mit „künstlicher Intelligenz“ brauchen zwingend ein „ethisches Betriebssystem“. Das „ethische Betriebssystem“ für den Betrieb von Systemen mit „künstlicher Intelligenz“ muss so angelegt sein, dass Programme, die mit diesem Betriebssystem laufen, darauf ausgerichtet sind, dem „Leben“ und dem „Zusammenleben“ (zwischen den Menschen und in der Lebensgemeinschaft der Biosphäre der Erde) zu dienen und Anwendungen unmöglich zu machen, die dem Leben und Zusammenleben auf der Erde schaden könnten. Die Programmierung dieser Ethik-Ebene sollte auch nicht einzelnen Unternehmen usw. überlassen sein, sondern von einer demokratisch legitimierten, aber an keine Vorgaben irgendwelcher „Mächtigen“ gebundenen Institution geleistet werden. Wobei dann die einzelnen Unternehmen, Institutionen usw. verpflichtet wären, ihre eigenen Programme nur unter dieser Ethik-Ebene anwendbar zu machen.

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Bisher konnten menschengemachte Systeme zwar auch schon missbraucht werden (z. B. in Kriegen, in Vernichtungslagern, Atombombenabwürfen …) jetzt aber kann es geschehen, dass die menschlichen Entwickler von Datenverarbeitungs-Systemen grundsätzlich nicht mehr nachvollziehen können, welche Prozesse in ihnen ablaufen, und zu welchen Ergebnissen sie kommen könnten. Damit würde die Grenze dessen überschritten, was zur schöpfungsmäßigen Verantwortung des Menschen gehört: Sie sollen die Schöpfung bearbeiten, sie aber gleichzeitig bewahren (1. Mose 2, 15). Menschen müssen (aus biblischer Sicht) immer verantwortlich bleiben für Systeme, die sie selbst entwickelt und in Gang gesetzt haben.

3 Verantwortete Systeme

Verantwortete Systeme“ nenne ich hier technische Systeme mit „künstlicher Intelligenz“, die zeitbegrenzt, zielgerichtet und ethisch verantwortlich gestaltet sind, indem an ethische, technische und rechtliche Vorgaben gebunden werden.

3.1 ethische Vorgaben

Eine solche übergeordnete Ethik (siehe den Abschnitt 2 „Menschheitsethik“) auf einzelne Anwendungen von künstlicher Intelligenz zu beziehen, wäre selbstverständlich eine nicht immer leichte Herausforderung. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wenn eine Autoversicherung auf Grund ihrer Kundendaten, ihrer Versicherungsleistungen und allgemein zugänglicher Marktdaten, herausfindet, dass Menschen, die in einer bestimmten Region wohnen und Anhänger eines bestimmten Fußball-Bundesliga-Vereins sind, überdurchschnittlich oft Unfälle verursachen, so könnte sie von all denen, auf die diese Merkmale zutreffen (auch wenn ja die meisten von ihnen persönlich gar keine Unfälle verursacht haben), erhöhte Versicherungsprämien verlangen (in Wirklichkeit kamen die erhöhten Unfallzahlen daher, dass die Zufahrtsstraßen zum Stadion lange Zeit wegen Bauarbeiten gesperrt waren und die Umleitungen durch ohnehin schon belastete Straßen zu chaotischen Verkehrssituationen führten, aber diese Information hatte das Analysesystem nicht). Die betroffenen Kunden wären durch eine solche „Strafprämie“ benachteiligt und außerdem von dem Vorwurf belastet, dass Fußball-Fans schlechte Autofahrer wären. Das würde zwar das Leben der Betroffenen nicht direkt bedrohen, das Zusammenleben aber schon, denn jede Ungerechtigkeit oder falsche Diskriminierung gefährdet auf Dauer das friedliche Miteinander der Menschen. Trotzdem wäre das ein relativ harmloser Fall. Andere sind bedenklicher:

Schon jetzt sind Milliarden von Menschen abhängig von Entscheidungen, die von Maschinen getroffen werden (z. B. wenn es darum geht, ob jemand bei der Bank einen Kredit bekommt oder nicht, ob er einen Handy-Vertrag abschließen kann, ob jemand eine bestimmte Arbeitsstelle bekommt usw. usw.) Solche automatisierten Maschinen-Entscheidungen könnten auf alle Bereiche menschlichen Lebens und Zusammenlebens ausgeweitet werden und wir sehen: Autonome Systeme mit der Fähigkeit selbstlernende, selbstoptimierende und selbstentscheidende Prozesse immer weiter voranzutreiben ohne ethische Verantwortung und Begrenzung, wären Menschheits-gefährdend.

Noch viel atemberaubender wäre die Vorstellung, die „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo) im sog. „Dritten Reich“ (1933-1945) hätte über alle Möglichkeiten der Überwachung verfügt, die „künstliche Intelligenz“ heute zur Verfügung stellt. Man stelle sich z. B. vor, die Computer-Systeme der Gestapo hätten (durch den Abgleich riesiger Datenmengen über jeden Menschen in ihrem Machtbereich) herausgefunden, dass Menschen mit Hochschulbildung, kirchlicher Bindung und hohem ethischen Selbstverständnis (wie es etwa auf Hans und Sophie Scholl zutraf) häufiger als andere Bürger kritische Einstellungen zum Nationalsozialismus hätten. Wieviele Tausende wären allein auf Grund einer solchen Zuordnung im KZ gelandet und dort umgekommen? Selbst die geheimsten und bescheidensten Ansätze von Widerstand wären innerhalb von Tagen aufgeflogen und das System der „Gleichschaltung“ wäre in nie gekannter Weise perfektioniert worden (so wie es ja tatsächlich in einigen Ländern in unserer Gegenwart geschieht).

Eine dritte Stufe der Gefährdung durch „autonome Systeme“ wäre dann erreicht, wenn die technischen Mittel nicht nur missbraucht und zur Unterdrückung unliebsamer „Feinde“ eingesetzt würden, sondern wenn die Systeme ganz aus der Verantwortung von Menschen entlassen würden. Diese Verantwortung an die Maschinen abzugeben, wäre etwa vergleichbar mit der Vorgehensweise einer Raketenbesatzung, die, um einen neuen Geschwindigkeitsrekord im Weltall aufzustellen, einen extra starken Antrieb zündet, ohne zu wissen, wohin die Rakete sie tragen wird und ob sie je zurückkehren könnten.

Freilich, wenn man so etwas verhindern will, muss man schon beim (noch relativ harmlosen) Beispiel der Autoversicherung (siehe oben) ansetzen und solche belastenden Zuordnungen verhindern, damit es nicht (später) zu den Extremformen von computergestützten Überwachungssystemen und der grundsätzlichen Abhängigkeit der Menschen von Vorgaben und Entscheidungen ihrer eigenen „Geschöpfe“ kommt. Denn wenn die einmal etabliert sind, wäre jeder Versuch sie zu überwinden ein lebensgefährliches und (fast) aussichtsloses Unternehmen.

Zusammengefasst: Das Menschsein kann nicht dauerhaft als ein sich selbst und seinen internen Entwicklungsmöglichkeiten überlassenes autonomes System existieren, sondern nur als ein verantwortetes System mit einer ethischen Grundausrichtung. Und der, der dieses autonome System „Mensch“ verantwortet, ist dessen Schöpfer, der dieses System geschaffen hat, es begleitet, zielbewusst ausrichtet und zeitlich begrenzt. Und nur als solches „verantwortetes System“ ist die Menschheit gegenwärtig und erst recht zukünftig lebens- und überlebensfähig.

Und so wie das Menschsein nicht sich selbst verantworten kann, sondern eine verantwortende Instanz außerhalb seiner selbst braucht (also Gott, seinen Schöpfer, der ihm eine ethische Grundausrichtung vorgibt), um sich nicht selbst zu überwältigen und zu zerstören, so braucht auch ein selbstlernendes, selbstoptimierendes und selbstentscheidendes Computersystem die ethische Verantwortung (siehe Abschnitt 2 „Menschheits-Ethik“) dessen, der es geschaffen hat (nämlich den Menschen).

3.2 technische und rechtliche Vorgaben

Ja, Menschen können und dürfen Systeme mit „künstlicher Intelligenz“ entwickeln und nutzen, wenn diese mit unbedingt notwendigen Kontroll- und Steuerungselementen versehen sind.

  • Dazu müssen bei Systemen mit „künstlicher Intelligenz“ grundsätzlich und ohne Ausnahme alle Datenvorgaben für bestimmte Vorhaben, alle Algorithmen für ihre Verarbeitung, alle Zielvorgaben für ihre Optimierung und alle immanenten ethischen Grundsätze für ihre Entscheidungsabläufe offengelegt und für alle interessierten Fachleute freigegeben sein. Geheime Quellcodes und unbekannte Algorithmen sind im Zeitalter künstlicher Intelligenz grundsätzlich Menschheits-gefährdend. (Die Tatsache, dass so etwas heute fast unmöglich scheint, zeigt uns, dass es in der Euphorie des Anfangs des Computer-Zeitalters versäumt wurde, solche notwendigen Vorgaben festzuschreiben, aber damals war die Brisanz der Entwicklung auch noch nicht absehbar. Das Argument, dass ja die Betriebsgeheimnisse der IT-Firmen gewahrt werden müssten, ist wenig überzeugend. Ein Arzneimittel-Hersteller muss auf dem Beipackzettel seines Medikaments auch alle Bestandteile angeben, um möglichen Gefahren vorzubeugen. Die entsprechenden Rezepturen sind dann aber patentrechtlich geschützt und die Arzneimittelhersteller verdienen trotz der Offenlegung ihrer „Rezepte“ gutes Geld. Künstliche Intelligenz ist aber potenziell um ein Vielfaches gefährlicher als jede möglicherweise gefährliche Arznei.)
  • Dazu ist es notwendig, dass die fortschreitende Selbst-Entwicklung autonomer Systeme grundsätzlich und im System selbst zeitlich begrenzt und von Menschen inhaltlich kontrollierbar sein und bleiben muss. Das bedeutet, dass die Ziele der selbstlernenden, selbstoptimierenden und selbstentscheidenden Prozesse vor dem Start dieser Prozesse festgelegt und veröffentlicht und nachprüfbar an ethische Vorgaben (siehe Abschnitt 2 „Menscheits-Ethik“) gebunden sein müssen, dass bei dem Erreichen der Ziele das System selbst alle diese Prozesse beenden muss, und dass (im Umkehrschluss) keine Prozesse in Gang gesetzt werden dürfen, die nicht (ausschließlich!) auf klar definierte und offengelegte Ziele ausgerichtet und an verantwortbare Zeitlimits gebunden sind.
  • Dazu ist es notwendig, dass die Verantwortung für die Folgen der Entwicklung autonomer Systeme auch im juristischen Sinn immer bei den Menschen bleibt, welche sie in Auftrag gegeben, sie entwickelt und in Gang gesetzt haben und nicht an die Systeme selbst oder an anonyme Institutionen oder Prinzipien abgegeben werden darf.

Künstliche Intelligenz als Erweiterung und Unterstützung menschlicher Möglichkeiten bietet große Chancen z. B. auf dem Gebiet völkerverbindender Kommunikation, bei ressourcenschonender Produktion und klimaneutralem Verkehr, bei der Entwicklung medizinischer Diagnostik und Therapie usw., usw. wenn sie von Menschen jederzeit ethisch verantwortet und technisch gesteuert werden kann.

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Bodo Fiebig, Verantwortete Intelligenz Version 2021-4

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