Bereich: B Herausforderungen der Gegenwart

Thema: Natürliche und künstliche Intelligenz

Beitrag 2: Erweiterung menschlicher Möglichkeiten (Bodo Fiebig)

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Themenbereich 4: Herausforderungen der Gegenwart

Thema 4-4: Natürliche und künstliche Intelligenz

Beitrag 4-4-2: Erweiterung menschlicher Möglichkeiten

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Man kann die Entwicklung menschlicher Möglichkeiten (vom ersten Gebrauch einfachster „Werkzeuge“ bis hin zu Robotern mit künstlicher Intelligenz) in eine lange Reihe fortschreitender Erweiterungen von Fähigkeiten der Menschen einordnen.

Der Mensch ist von Natur aus unzureichend ausgestattet: Er ist zwar „Allrounder“, der aufrecht gehen, mit Händen greifen, leidlich gut sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken kann, aber nichts wirklich gut im Vergleich mit verschiedenen Tierarten, dazu ist er ohne Hörner und Hauer, ohne Klauen und Krallen, ohne warmes Fell oder Federn, von Natur aus nackt und wehrlos (Arnold Gehlen nannte den Menschen ein „Mängelwesen“).

Trotzdem konnten sich verschiedene Menschengruppen in allen Klimazonen der Erde und gegen alle tierischen Konkurrenten durchsetzen. Unter anderem dadurch, dass sie sich für die fehlenden natürlichen Eigenschaften selbst künstlichen „Ersatz“ schufen, bzw. die vorhandenen Fähigkeiten künstlich erweiterten. In mehreren Stufen:

1 Erlernte menschliche Fähigkeiten als Ersatz oder Erweiterung für begrenzte biologische Ausstattung

Der „moderne Mensch“ (Homo Sapiens) lebte zuerst in Afrika. Auch für diese Klimazonen war er defizitär ausgestattet, aber er lebte. Dann aber begann er in andere Klimazonen auszuwandern: Zunächst nach Europa und Asien. Dort aber hatte das Lebewesen, das man später einmal den „nackten Affen“ nennen würde, eigentlich keine Überlebenschance. Er würde im Winter erfrieren, in der Kälte verhungern, würde den Kampf gegen Bären und Wölfe verlieren …

1.1 Ersatz für fehlende biologische Ausstattung

Aber die Menschen entwickelten die Fähigkeiten, sich in Gruppen zu organisieren, arbeitsteilige Spezialisierungen zu entwickeln und für ihre biologischen Defizite „Ersatz“ zu schaffen: Das fehlende Fell wurde ersetzt durch Kleidung und Schuhe, der fehlenden Winterschlaf durch Wintervorräte (später durch Warenhäuser und Supermärkte, die das ganze Jahr Nahrung anbieten), das fehlende Nest, das Kokon, die Höhle … durch Zelt, Hütte oder Iglu… (bis zum Wohnhochhaus), die fehlenden Hörner und Krallen … wurden ersetzt durch Waffen wie Speer, Pfeil und Bogen, Axt, Schwert … (später durch Gewehr, Kanone, bis zur Atombombe …).

1.2 Erweiterung vorhandener Fähigkeiten

Auch die tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten des Menschen sind im Vergleich mit vielen Tierarten eher bescheiden. Er kann nicht so schnell laufen wie ein Reh, nicht so gut sehen wie ein Falke, nicht so gut riechen wie ein Wolf, nicht so gut hören wie ein Luchs, ist nicht so stark wie ein Büffel …, aber er war schon vor Jahrtausenden dabei (und ist es bis heute), seine Fähigkeiten künstlich zu erweitern.

Z. B bei der Fortbewegung: Reiten (statt laufen) auf Pferden oder Kamelen … Fahren mit der Postkutsche, Eisenbahn, Auto … Fliegen mit d. Flugzeug, Weltraumrakete …

Sehen: Brille, Fernglas, Lupe, Mikroskop, künstliches Licht, Fernseh-Geräte …

Hören: Mikrophon und Lautsprecher, Hörgerät, Tele-Phon, Radio …

Kraft: Einsatz von Tieren für Kraft und Ausdauer (Schöpfrad, Reit- und Zugtiere …),

Antrieb durch Wasser- und Windkraft, Dampfmaschine, Verbrennungs-Motor, Elektromotor, …

Reichweite des Armes: Erweitert durch Speer, Pfeil und Bogen, Gewehr, Kanone, computergesteuerte Marschflugkörper …

Gestaltungsfähigkeit der Hände: Erweitert durch Werkzeuge (Hammer, Axt, Meißel, Säge…), durch Maschinen und Roboter …

Dann lernten Menschen, nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten, sondern auch ihre Wahrnehmung zu erweitern und zu präzisieren.

1.3 Erweiterung bzw. Präzisierung der Wahrnehmung

Menschen lernten, die Wahrnehmungsfähigkeiten ihrer Sinnesorgane durch technische Vorrichtungen zu steigern, zu erweitern und zu präzisieren: Messgeräte für präzisere Wahrnehmung, z. B. der Zeit (vom Sonnenstab bis zur Atomuhr), oder Gewicht (Waage), Temperatur (gemessen mit dem Thermometer), Entfernungen, (gemessen zunächst in Schritten, Ellen, dann mit Maßstab, optischen Messgeräten …) in Kilometern, Metern, Millimetern, Mikrometern …

Messgeräte zur Wahrnehmung von Realitäten, für die Menschen gar keine Sensoren haben (z.B. radioaktive Strahlung durch Geigerzähler, Weltraumstrahlung durch Radio-Teleskope) usw.

1.4 Erweiterung der Kommunikation

Kommunikation ist die Voraussetzung für Datenaustausch. Erst dadurch, dass Menschen ihre Erfahrungen in ihrer Umwelt mit Hilfe einer immer weiter entfalteten Sprache austauschen und vergleichen konnten, war es möglich, subjektive Wahrnehmungen zu vergleichen und allmählich zu objektivieren.

Nah-Kommunikation: Hand-Zeichen, Laut-Zeichen, Sprache

Fern-Kommunikation: Busch-Trommel, Feuer- und Rauchzeichen, Schrift, Telefon, Internet …

Konservierung von kommunikativen Inhalten: Erst nach Jahrtausenden gesprochener Sprache gelang es, den flüchtigen Klang der Worte festhalten und so deren Inhalte zu „konservieren“: Transportabel und haltbar gemachte Nachrichten auf Tontafeln, Papyrus …, in Büchern, Speichermedien für elektronische Daten…

1.5 Erweiterung des Wissens und des Gedächtnisses

Ein entscheidender, ja der entscheidende Schritt in der Entwicklung des Menschseins war die entstehende und dann immer weiter ausgebaute Möglichkeit, das Wissen vieler Menschen (die gleichzeitig an verschiedenen oft weit entfernten Orten wohnten) und die Erfahrungen vieler Generationen (die zu verschiedenen Zeiten lebten) zu sammeln und aufzubewahren: Tontafel-, Papyrus-, Pergament – Bibliotheken; gesammeltes und konserviertes Wissen in Büchern, im Internet, Wikipedia, Welt-Wissen der Menschheit … Datensammlung im Internet über alles und jeden.

Voraussetzung dafür war eine immer weitergehende Entfaltung einer Sprache, die auch zur Weitergabe zunehmend abstrakter Inhalte geeignet war und ihre Fixierung durch Verschriftlichung.

1.6 Steigerung von menschlichen Denkprozessen (nach Umfang und Geschwindigkeit)

Die Sprache selbst ist ein ungeheuer mächtiges Hilfsmittel zur Steigerung des menschlichen Denkens. Der Mensch denkt in Sprache und je weiter seine Sprache entwickelt ist, desto weiter gehen auch seine Denkmöglichkeiten. Die „Denkwerkzeuge“ der Sprache können auch für spezielle Anwendungen entwickelte „formale Sprachen“ umfassen (z. B. die Symbolsprache der Mathematik oder „Programmiersprachen“ in der Informationstechnologie). Zur Vereinfachung mancher Denk-Operationen haben sich Menschen dann auch noch technische Hilfsmittel erarbeitet (z.B. Zählbrett, mechanische Rechenmaschine, Rechenschieber, elektronischer Taschenrechner…) und in den letzten Jahrzehnten haben durch die Fähigkeiten der Computer (Speicherung und Verarbeitung großer Datenmengen in kurzer Zeit) auch seine Denkleistungen eine ungeahnte Steigerung erfahren. Dazu müssen Menschen aber eine entsprechende technische „Sprache“ erlernen, die es ihnen möglich macht, mit ihren selbst gebauten „Denk-Maschinen“ zu kommunizieren. Erst seit kurzem sind elektronische Geräte fähig, die viel komplexere „Menschen-Sprache“ zu verstehen und in „Maschinen-Aktionen“ umzusetzen.

Trotzdem: Auch hier handelt es sich noch um eine „Erweiterung menschlicher Möglichkeiten“. Erst wenn die von Menschen konstruierten und von Menschen programmierten Maschinen so arbeiten, dass die Menschen nicht mehr verstehen und nicht mehr kontrollieren könnten, was in den Maschinen vorgeht, zu welchen Ergebnissen sie kommen und welche Folgen das haben könnte, erst dann wäre eine Grenze überschritten.

2 Grenzüberschreitung

Solche Grenzüberschreitungen kündigt sich in unserer Gegenwart an, Grenzüberschreitungen, die sich zur tödlichen Bedrohung für die ganze Menschheit entwickeln könnten, z. B. (auf ganz anderen Gebieten) wenn künstlich gezüchtete tödliche Bakterien („biologische Waffen“) eingesetzt werden, deren Ausbreitung dann niemand mehr steuern kann oder wenn in einem medizinischen Forschungslabor eine neue Viren-Variante entweicht, die sich unkontrolliert ausbreitet und die dann eine weltweite Epidemie auslöst. Auch künstliche Intelligenz könnte Grenzüberschreitungen möglich machen, die Menschen nicht mehr kontrollieren und steuern können. Dabei müssen wir uns bewusst machen: Künstliche Intelligenz muss nicht immer eine Horror-Vorstellung sein wie in manchen „Zukunftsromanen“. Sie kann eine hilfreiche „Erweiterung menschlicher Möglichkeiten“ sein. Sie kann aber auch zu einer gefährlichen „Überschreitung menschlicher Möglichkeiten“ werden.

Das sei an je einem Beispiel angedeutet: Eine hilfreiche „Erweiterung menschlicher Möglichkeiten“ wäre es, wenn z. B. bei einer internationalen Konferenz in Nairobi jeder der Teilnehmer (aus 120 verschiedenen Ländern mit mehr als 200 verschiedenen Sprachen und Dialekten) den Redner mit dessen Stimme und Sprechweise, aber in der Simultan-Übersetzung in die eigene Sprache hören könnte. Und wenn dann, nach dem Vortrag, beim Mittagessen die Teilnehmer sich zwanglos in vielen verschiedenen Sprachen am Tisch unterhalten könnten, weil das Smartphone jedes Einzelnen die Gesprächs-Beiträge aller Anderen simultan übersetzen würde. Ansätze zu solchen Übersetzungsprogrammen gibt es ja schon. Aber es wäre noch ein gewaltiger Einsatz an künstlicher Intelligenz nötig, um sie so zu zu optimieren, dass sie auch die Gesprächssituation, den sprachlich-kulturellen Hintergrund der Sprechenden oder spezielle Sprachformen (z. b: ein Witz, eine anzügliche Bemerkung, eine satirische Übertreibung) einbeziehen und entsprechend übersetzen könnte. Aber: Die Anwendung wäre eingegrenzt und zugeschnitten auf ein bestimmtes Ziel, eben einer möglichst guten und sinngetreuen Übersetzung und Kommunikation.

Eine Überschreitung menschlicher Möglichkeiten wäre z. B. ein Übersetzungsprogramm, dessen Algorithmen nicht auf eine möglichst sinngetreue Übersetzung der Rede hin optimiert wäre, sondern daraufhin, einen „Allgemeinen Konsens“ zu ermitteln und zu verstärken. Das Programm würde aus früheren Aussagen der Versammelten (die im System gespeichert sind) und den aktuellen Redebeiträgen eine jeweils aktuelle „durchschnittliche Gemeinschaftsmeinung“ errechnen. Das Argument, eine neutrales Computersystem könnte vorurteilsfrei und besser als jede öffentliche Abstimmung eine exakte (d. h. eine besonders „demokratische“) „Durchschnittsmeinung“ berechnen, leuchtete den Teilnehmern ein. So würden unnötige Auseinandersetzungen, ja Streitigkeiten vermieden. Die Übersetzung der Redebeiträge wäre dann daraufhin optimiert, genau diesen „Allgemeinen Konsens“ zu bestätigen und zu verstärken, auch wenn ein einzelner Redner eigentlich seine Aussagen etwas anders betonen wollte. (Eine solche Vorgehensweise wäre übrigens gar nichts Neues; in der „Französischen Revolution“ 1789 – 1799 hieß diese allem übergeordnete und alle verpflichtende Gemeinschaftsmeinung „Volonté Générale“. Vertretern abweichender Meinungen drohte die Guillotine.)

Auch heute noch basieren alle Ideologien auf einer für alle verpflichtenden „Gemeinschaftsmeinung“. Bei nächsten Konferenzen würden dann die Ergebnisse dieser selektiven Verstärkung wieder zur Datengrundlage für die Neuberechnung der „Gemeinschaftsmeinung“, durch die auch die nächsten Gespräche wieder beeinflusst und gelenkt würden usw. usw. Die Folge: Der „Allgemeine Konsens“ würde sich verselbständigen und keiner der Konferenzteilnehmer könnte sie kontrollieren oder korrigieren. Und niemand könnte wissen, wohin diese Selbst-Verstärkung der vom System errechneten „Gemeinschaftsmeinung dann führen würde und welche Folgen das in der internationalen Politik haben könnte. Letztlich würden dann alle Entscheidungen vom System getroffen, die Konferenzteilnehmer wären nur noch „schmückendes Beiwerk“. So würde aus einem hilfreichen System zur Erweiterung menschlicher Möglichkeiten ein autonomes System, das unabhängig von Menschen lernt, denkt und entscheidet (siehe den folgenden Beitrag 4 „künstliche Intelligenz“).

Eine noch weiter gehende Überschreitung menschlicher Möglichkeiten durch den Missbrauch technischer Möglichkeiten wäre es, wenn künstliche Intelligenz die Übersetzung so steuern würde, dass (von den Zuhören unbemerkt) eine (z. B. von einer autoritären Regierung gewünschte, aber vom Redner selbst nicht beabsichtigte) Tendenz in den Aussagen das Verständnis und die Übersetzung der Rede verfälschen würde.

Trotzdem: Künstliche Intelligenz ist kein „Teufelszeug“, aber sie ist eine gewaltige Herausforderung an die Verantwortung und an die ethischen Grundsätze derer, die sie betreiben. Im Beitrag 3 „künstliche Intelligenz“ wird darauf noch weiter eingegangen.

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Bodo Fiebig, Erweiterung menschlicher Möglichkeiten Version 2021-4

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