Bereich: A Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Wirtschaft

Beitrag 4: Wert und Gegenwert (Bodo Fiebig)

Wie schon in einigen der vorangehenden Beiträge, werden hier grundlegende Vorgänge anhand des Lebens und Handelns einer Gruppe von Menschen angedeutet, die von einigen Tausend Jahren in einer Höhle am Ufer eines Baches wohnten, der in einiger Entfernung in einen See floss.

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1 Tauschgeschäfte

Auf der anderen Seite des langgezogenen Sees hatte eine andere, etwas kleinere Gruppe von Menschen ihr Sommerlager aufgebaut. Sie blieben nicht das ganze Jahr am gleichen Ort wie die Gruppe aus der Höhle am Bach. Nur im Sommer lebten sie am Ufer des Sees im Wesentlichen vom Fischfang und vom Sammeln von pflanzlicher Nahrung im Buschwerk, das gleich hinter dem schmalen, freien Uferstreifen begann. Im Winter zogen sie in den Wald, lebten von der Jagd und wohnten in Unterständen, deren Rückseite sie ein Stück weit in einen Berghang eingruben und die sie auf der Vorderseite mit starken Ästen bis auf einen schmalen Eingang verschlossen. Da die Äste entsprechend der Lage des Hanges schräg angestellt waren, konnten sie zusätzlich noch Erde darauf häufen und so ihre Wohnung noch besser vor Wind und Regen schützen. Hier am See hatten sie ihre Behausungen in die Uferböschung eingegraben und dabei die Reste ihrer Anlage vom vergangenen Sommer genutzt.

Die Menschen von der Höhle am Bach wussten von ihren fernen Nachbarn aber es gab kaum jemals direkte Begegnungen. Den See zu überqueren schien unmöglich und der Weg am Ufer um den See herum war lang und wegen eines Sumpfgebietes beim Ausfluss sehr beschwerlich.

Jetzt aber suchten sie die Begegnung. Nach einem heftigen Sturm hatten die Männer beim Fischfang im See einige Baumstämme gefunden, die im See schwammen. Und einer der älteren Jungen, die dabei waren, um das Fischen im See zu lernen, hatte versucht, auf einen der Baumstämme zu klettern und sich von ihm tragen zu lassen. Aber der Baumstamm hatte sich jedesmal gedreht und den „Reiter“ unter dem Gelächter der Zuschauer abgeworfen. Aber mehrere Tage später hatte einer der Männer die Idee, zwei Stämme mit den langen Ruten, welche die Frauen zum Korb-Flechten benutzten, zusammenzubinden. Und siehe da, nun konnten sich die Stämme nicht mehr so leicht drehen und so konnten einige Mutige ein Stück über das Wasser fahren, sogar dort, wo es so tief war, dass man da nicht mehr stehen könnte. Schließlich, zwei Vollmonde später, hatten sie bei vier relativ geraden Stämmen die störenden Äste abgeschlagen und immer zwei Stämme mit den Ruten so verbunden, dass ein stabiles Floß entstand. Die Korbflechterinnen hatten sogar eine neue Methode entwickelt, die Flechtruten so zu verbinden, dass sie sich nicht ungewollt lösen konnten. Die Männer unternahmen nun immer weitere Fahrten auf dem See und konnten so an Stellen, wo es viele Fische gab, die aber bisher unerreichbar gewesen waren, reiche Beute machen. Da, wo es zu tief war, um sich mit langen Stangen am Grund abzustoßen, verwendeten sie geeignete Äste, die sie an einer Seite abgeflacht hatten, als Ruder.

Und dann war die Idee aufgetaucht, dass man mit dem neuen Floß ja auch hinüber ans andere Ufer des Sees fahren könnte. Lange war diese Idee umstritten, aber dann beschloss man doch, den Versuch zu wagen. Zwei Männer, nicht mehr ganz jung, aber erfahren und stark und eine der Frauen im nicht mehr gebärfähigen Alter, aber klug und energisch, wollten das Abenteuer wagen. In zwei geflochtenen Körben nahmen sie einige Schüsseln und Töpfe aus gebranntem Ton und einige Stücke vom geräucherten Fleisch mit, die wollten sie als Tauschware anbieten und sehen, was die Menschen am anderen Ufer als Gegenwert zu bieten hatten.

An einem sonnigen, fast windstillen Tag wagten sie den Versuch. Die Überfahrt dauerte viel länger, als sie erwartet hatten. Die Ruder waren nicht sehr effektiv und die Entfernung war doch größer, als es vom Ufer aus geschienen hatte. Aber das Floß war stabil, die Verbindungen mit den Flechtruten hielten. Die Sonne war schon dem Horizont nahe, als sie endlich das gegenüberliegende Ufer erreichten. Und: Sie wurden erwartet. Schon lange bevor sie sich dem Ufer näherten, hatten die Menschen der fremden Gruppe sie gesehen und als das Floß auf das flachen Ufer auffuhr, war die ganze Sippe am Strand versammelt.

Zunächst war das eine sehr angespannte Situation, wie würden die Fremden sie aufnehmen? Sie waren ja um ein Vielfaches in der Überzahl. Und auch die Menschen der fremden Sippe waren misstrauisch: Was wollten diese Fremden von ihnen, die über das große Wasser fahren konnten? Aber die Szene entspannte sich schnell, als die „Seefahrer“ eines ihrer Tongefäße mit einem Stück vom geräucherten Fleisch einem älteren Mann als Geschenk überreichten, der der Anführer der Fremden zu sein schien. Das Gefäß wurde von allen betastet und bestaunt. Offensichtlich kannten sie so etwas noch nicht. Da die Sonne nun unterging, wurde am Strand ein großes Lagerfeuer entzündet. Der Schein des Feuers in der Dunkelheit der Nacht war auch das Zeichen gewesen, an dem die Menschen aus der Höhle am Bach trotz der großen Entfernung erkannt hatten, dass jetzt am jenseitigen Ufer des Sees Menschen wohnten. Die Menschen der Sippe, die im Sommer vor allem vom Fischfang lebte, hatten am Tag offensichtlich viele Fische gefangen, denn sie bewirteten ihre Gäste reichlich und sie gaben ihnen noch Pflanzen-Knollen dazu, die wie die Fische an einem dünnen Stock aufgespießt und am Feuer gebraten wurden.

Die Nacht war sommerlich warm und so schliefen die „Seefahrer“ und auch die meisten der „Fischer“ direkt am Strand. Am nächsten Morgen gaben die „Fischer“ durch Gesten zu verstehen, dass sie noch mehr von den Tongefäßen haben wollten. Am geräucherten Fleisch waren sie nicht interessiert, sie kannten und verwendeten selbst schon seit langem die Methode des Räucherns. Aber was wollten sie als Gegenwert für die Tonwaren bieten? Da brachten die „Fischer“, die im Winter vor allem Jäger waren, etwas, was die „Seefahrer“ überraschte: Einen langen dünnen Stock aus elastischem Holz, entrindet und offensichtlich sorgfältig zugerichtet. Die beiden Enden des Stockes waren mit einer Tiersehne so verbunden, dass sich das Holz leicht bog und unter Spannung stand. Die „Seefahrer“ staunten: Was sollte denn das sein? Da nahm einer der „Fischer“ den Stock mit der Tiersehne und noch einen kleineren, geraden, dünnen und zugespitzten Holzstab und spannte diesen zwischen Stock und Sehne. Als er den kleinen dünnen Stab losließ, flog der, schneller als die „Seefahrer“ sehen konnten über eine Entfernung von vielen Schritten und bohrte sich tief in die weiche Erde der Uferböschung. Jetzt erkannten die „Seefahrer“ den Sinn dieser Vorrichtung: Wenn dort, wo der Stock eingeschlagen hatte, ein Tier gewesen wäre, ein Reh vielleicht oder ein Hase …

Man wurde sich schnell einig: Drei Tongefäße gegen drei Pfeil-und-Bogen-Jagdhilfen und noch drei Pfeile dazu. Dann drängten die „Seefahrer“ zum Aufbruch. Die Überfahrt würde wieder lange dauern und sie wollten vor Einbruch der Dunkelheit das heimatliche Ufer erreichen. Und sie mussten ja dann noch ein ganzes Stück bachaufwärts bis zu ihrer Höhle laufen.

Nun kann man natürlich die Frage stellen: Haben sich die Begegnungen von sonst isoliert lebenden Menschengruppen wirklich immer so harmonisch vollzogen? Sicher nicht immer, aber meistens doch. Selbstverständlich hätten die „Fischer“, weil sie weit in der Überzahl waren, auch die Möglichkeit gehabt, die „Seefahrer“ zu überwältigen, hätten sie gefangen nehmen, sie vielleicht sogar töten können. Sie hätten ihnen zumindest gewaltsam das Floß und alle Waren wegnehmen können. Sie haben es nicht getan. Nicht nur in dieser Beispiel-Erzählung, sondern auch in der Realität der Jahrtausende in vielen ganz verschiedenen Formen der Begegnung zwischen, Gruppen, Völkern und Kulturen. Sie haben es (im allgemeinen) nicht getan, sonst hätten sich die verschiedenen Sippen, Gruppen und Völker schon in der Frühphase menschlicher Entwicklung längst gegenseitig ausgerottet. Ihre Waffen hätten (angesichts der geringen Bevölkerungsdichte) auch damals schon dazu ausgereicht. Die Tatsache, dass es noch Menschen gibt, spricht dafür, dass die Grundsituation der Begegnung zwischen frühen Menschengruppen durch die Jahrtausende eben nicht nur Gewalt, Kampf und gegenseitige Ausrottung war, sondern (und deutlich öfter) gegenseitige Bereicherung durch den Austausch von Waren, Worten und Werkzeugen, von Informationen, Ideen und Idolen. (Siehe dazu den Beitrag 6 „Sinn-voll wirtschaften“, vgl. auch das Thema „Friede auf Erden?“)

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2 Werte

Was ist ein Tontopf wert oder ein „Pfeil-und-Bogen-Jagdgerät“? Das kann man nicht sagen, denn die Frage ist falsch gestellt; sie müsste heißen: „Was ist mir (oder uns) in der jetzigen Situation und für die absehbare Zukunft so ein Tontopf oder Jagdgerät wert?“ Es gibt keine absoluten Werte für handelbare Waren (für ethische Werte gelten andere Gesichtspunkte, die sind aber hier nicht das Thema), sondern immer nur aktuelle Wertungen. Der Wert einer „Ware“ bemisst sich immer am angebotenen Gegenwert (z. B. in Form von Geld oder einer Tauschware oder einer Dienstleistung). Wenn kein Gegenwert geboten wird, ist auch die beste „Ware“ aktuell nichts wert. Und solche Wertungen sind situationsabhängig veränderlich. Der große Maler und Vorläufer des Expressionismus, Vincent van Gogh, konnte zu Lebzeiten keines seiner Werke gewinnbringend verkaufen (und so war er immer auf die Unterstützung seines Bruders Theo angewiesen) und er verzweifelte daran, bis er schließlich Selbstmord beging. Heute werden für die geringsten seiner Werke Millionen Euro oder Dollar geboten, die berühmtesten sind unbezahlbar.

Wert und Gegenwert, diese beiden Begriffe bestimmen alles wirtschaftliche Handeln.

Solche jeweils aktuellen Wertungen werden von vielen, sehr verschieden Faktoren bestimmt:

Materieller Wert: Der Wert der Tonerde für die Herstellung von Tongefäßen war für die „Töpferinnen“ aus der Gruppe in der Höhle am Bach sehr gering. Es gab ja genug davon und außer ihnen interessierte sich niemand dafür. Wichtiger war für sie der Aufwand an Zeit und Arbeit für das Formen, Verzieren, Trocknen, Brennen …, also der

Arbeitswert, gemeint ist aller Arbeits- und Zeitaufwand zur Gewinnung der Rohstoffe, zu deren Verarbeitung, zur Entwicklung von Arbeitsmethoden usw.).

Noch wichtiger als der reine Arbeitswert war beim Beispiel der gebrannten Tonwaren der Wert der Ideen, die diese Arbeit überhaupt erst möglich machten: Der Brennofen, das Brenn-Verfahren und die Erfahrungen bei der Steuerung des Brennvorgangs…, das heißt, der Wert der Ideen, Erfindungen, Entwicklungen, das Know-how der Verfahrenstechnik und die notwendigen Werkzeuge und Geräte, die in einer Ware oder Dienstleistung stecken. Ohne diese Ideen könnte ja diese Ware gar nicht hergestellt werden. Schon die Herstellung eines sehr einfachen Werkzeugs wie z. B. eines Hammers setzt eine riesige Zahl von Ideen und Erfindungen voraus, die in Jahrtausenden entwickelt wurden: Die Gewinnung des Eisenerzes, die Verhüttung und die Gewinnung von Roheisen, die Verarbeitung zu einem Stahl mit bestimmten Eigenschaften und die Formung des Hammerkopfes. Sogar die Herstellung des Stiels setzt einiges Wissen voraus: Welche Holzart ist geeignet, welche Form passt am besten, damit der Hammer gut in der Hand liegt … Und wieviele Ideen, Erfindungen und Entwicklungen stecken in einer komplexeren Ware wie einem modernen Auto?

Der Wert der Qualität. Nicht jeder Tontopf gelingt gleich gut. Mancher ist ungleichmäßig geformt, hat beim Brennen einen Riss bekommen … Vielleicht war auch schon das Ausgangsmaterial nicht so gleichmäßig wie bei anderen Töpfen. Bei einem Auto können die Qualitätsunterschiede der Einzelteile und des ganzen Produkts noch vielfältiger sein.

Wert der Organisation und Verwaltung von Produktion, Dienstleistung und Handel. Computergesteuerte Produktion und Verwaltungsabläufe waren bei der Herstellung von Tonwaren vor Jahrtausenden nicht möglich. Trotzdem war die Organisation der Abläufe wichtig für das Ergebnis: Die Temperatur im Brennofen musste während des gesamten Brennvorgangs überwacht und durch Regelung der Luftzufuhr gesteuert werden. Auch die vorausgehende Phase der Trocknung der geformten Rohlinge musste geplant und überwacht werden … Das kostet Zeit, Erfahrung und Arbeitskraft.

Der Transport, die Verteilung und Darbietung von Waren ist nicht erst in modernen Wirtschaftsformen wichtig. Wären die Menschen aus der Höhle am Bach nicht mit ihrem Floß über den See gefahren, dann hätten sie ihre Tonwaren dort nicht anbieten können und sie hätten auch nicht erfahren, dass es so etwas wie „Pfeil und Bogen“ gibt.

Das zeigt den Wert von Information und Werbung für ein Produkt. Ein Mensch wird ja erst dadurch zu einem möglichen Kunden, dass er von der Existenz und den Eigenschaften einer Ware oder Dienstleistung erfährt. Dass Werbung meistens nicht nur reine Information ist, sei hier nur am Rande vermerkt.

Finanzierung Die „Töpferinnen“ z. B. brauchten für die Herstellung ihrer Tonwaren auch eine gewisse „Fremdfinanzierung“ (obwohl es so etwas wie „Geld“ noch gar nicht gab). Sie mussten zeitweilig ihre normale Arbeit in der Gruppe, also das Sammeln von essbaren Pflanzen, das Zubereiten der Nahrung für ihre Familie, die Pflege und Aufsicht der Kinder, die Teilnahme an gemeinsamen Unternehmungen der Gruppe … zurückstellen, um ihre Töpferarbeiten durchzuführen. Da mussten andere Frauen der Gruppe diese „normalen“ Arbeiten für sie mit übernehmen (sie gaben den beiden Töpferinnen einen „Zeit- und Arbeitskredit“). Dafür mussten die natürlich entschädigt werden. Sie bekamen je einen besonders schönen Topf umsonst.

Wert von Steuern und Abgaben Normalerweise mussten Mitglieder der Gruppe, die einen Topf oder eine Schüssel für sich haben wollten, dafür einen Gegenwert bieten, vielleicht zwei Hasenfelle, aus denen man Schuhe für den Winter machen konnte. Einen besonders großen und schönen Topf aber gaben die beiden Töpferinnen kostenlos für den gemeinsamen Gebrauch in der Höhle, ebenso wie andere kostenlos das Holz für das gemeinsame Feuer lieferten und das Fleisch und andere Zutaten für gemeinsame Mahlzeiten.

Ideeller Wert einer Ware oder Dienstleistung, welche diese durch die persönliche Bedeutung für bestimmte Menschen erhielten (z. B. Erinnerungswerte, Sammlerwert). Den ersten Topf, der beim Brennen nicht zerborsten war, würden die beiden „Töpferinnen“ nie hergeben (obwohl der ziemlich hässlich aussah), auch wenn man ihnen einen frisch gejagten Hirsch dafür bieten würde.

Gemeinschaftswert: Manche Waren oder Dienstleistungen sind für die Gemeinschaft wichtiger als andere („systemrelevante Tätigkeiten“ allgemein und in bestimmten Situationen z. B. Pflege auf der Intensivstation eines Krankenhauses während der Corona-Pandemie). Für die Menschen in der Höhle am Bach war das die Kunst des Feuermachens. Normalerweise ließ man das Feuer in der Höhle nie ausgehen. Aber es konnte doch geschehen und dann war die ganze Gruppe auf das Können derer angewiesen, welche die Kunst des Feuermachens (ohne Streichhölzer oder Feuerzeug!) beherrschten.

Künstlerische Werte (Verzierung der Tonwaren) Der Gebrauchswert eines besonders schön geformten und verzierten Tongefäßes ist nicht höher als der eine schlichten und doch spricht das „schöne“ Gefäß einen möglichen „Kunden“ mehr an, so dass er bereit ist, einen höheren Gegenwert dafür zu bieten.

Bei Dienstleistungen spielen noch ganz andere „Werte“ eine wichtige Rolle: Freundlichkeit, Zuverlässigkeit, Kompetenz …

In jeder handelbaren Ware stecken eine Vielzahl ganz verschiedener „Werte“, die bei der Festsetzung eines Gegenwertes berücksichtigt werden müssen. Und trotzdem kann sich die aktuelle Wertung einer Ware (ihr „Marktwert“) weit von den in ihr enthaltenen Werten entfernen (Siehe Abschnitt 4 „Zweierlei Märkte“).

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3 Werte erhalten

Nehmen wir einmal an, einer der Jäger aus dem Clan der Bewohner der Höhle am Bach (siehe oben Abschnitt „Tauschgeschäfte“) hätte im Umgang mit seiner „Pfeil-und-Bogen-Jagdwaffe“ Pech gehabt: Die Sehne wäre gerissen. Was würde er tun? Na klar: er würde den Bogen und die Pfeile wegwerfen, würde wieder über den See fahren und sich neue kaufen. Wirklich? Selbstverständlich nicht! Selbstverständlich würde er versuchen die Sehne zu ersetzen, damit er den Bogen und die Pfeile weiter nutzen kann.

Unsere moderne Wirtschaft ist aber weitgehend darauf aufgebaut, dass genau dies massenweise geschieht: Waren werden weggeworfen, wenn sie irgendeinen Fehler haben. Reparieren ist oft teurer als neu kaufen. Vielfach werden aber auch Waren bewusst so konstruiert, dass sie nicht repariert werden können. Ich sehe mich in der Wohnung um: Mein Notebook-Computer hat einen Akku, aber den könnte man nicht einfach selbst austauschen, wenn seine Leistung nachlässt. Der Akku ist aber der „Zeit-limitierende Faktor“ im Computer. Das bedeutet: Das Bauteil, das normalerweise am ehesten kaputt geht, wird ganz bewusst so eingebaut, dass ihn ein Nicht-Fachmann nicht selbst austauschen kann (und wenn er es doch selbst versucht, erlischt die Garantie, so steht es im Kleingedruckten des Kaufvertrags). Einen Computer aber, der schon ein paar Jahre alt ist, zum Akku-Tausch an eine Service-Stelle zu schicken, ist mühsam, aufwendig und teuer, weil ja der Akku bewusst so konstruiert ist, dass er erst dann kaputt geht (bzw. in der Leistung deutlich nachlässt), wenn die Garantiezeit abgelaufen ist (oft gibt es den dazu nötigen Akku auch gar nicht mehr, weil der des neuen Modells bewusst so verändert wurde, dass er nicht mehr passt und der alte wird nicht mehr produziert). Also kauft man einen neuen Computer. Oder ein neues Smartphone, oder ein neues Tablet … Im Bad finde ich gleich mehrere Kandidaten. Beim Elektro-Rasierer das gleiche Bild: Der Akku ist nicht austauschbar. Ebenso bei der elektrischen Zahnbürste, da ist der Akku sogar völlig unzugänglich eingeschweißt (also auch vom Fachmann nicht tauschbar). Wenn der Akku schlapp macht, kann man sie nur noch wegwerfen, obwohl die Geräte mit neuem Akku noch jahrelang funktionsfähig wären. Immer mehr Elektrogräte werden mit Akkus ausgestattet (z. B. Rasenmäher oder Staubsauger …), ist ja auch bequem, so ganz ohne Kabelsalat. Aber wenn ich daran denke, wie lange ich meinen (Kabel-)Staubsauger schon in Betrieb habe (und er funktioniert immer noch prima)?? In der Zeit hätte ich schon drei Akku-Staubsauger wegwerfen müssen. Selbstverständlich könnte man die Geräte ohne jeden Mehraufwand auch so bauen, dass man die Akkus jeweils mit einem Handgriff selbst austauschen könnte (und dass man dazu Standard-Akkus verwenden könnte, die es überall zu kaufen gibt), aber das würde der eigenen der Hersteller Verkaufsstrategie widersprechen.

Alle diese Waren haben Menschen aber mit ihrem mühsam verdienten Geld bezahlt. Aber die Herstellerfirmen erdreisten sich einfach, diese gekauften und bezahlen Waren (die ja nun eigentlich Eigentum der Kunden sind) einfach zu zerstören (möglichst zu dem Zeitpunkt, wo sie das neue Modell herausbringen), indem sie den zerstörenden Faktor von vorn herein einbauen, damit die Kunden nun ein neues Gerät kaufen müssen.

Und damit ist ja noch lange nicht Schluss: Zurückgesandte Waren (weil sie nicht gefallen haben, zu groß oder zu klein waren…) zu überprüfen, sie neu zu verpacken und zum Wiederverkauf herzurichten, ist manchen der großen Versandhändlern zu teuer, also wird das alles weggeworfen, eingestampft, vernichtet, obwohl es neuwertige Ware ist.

Das alles will man uns schmackhaft machen mit dem Argument, dass ja nur durch den schnellen Umsatz der Waren die Innovation und der Fortschritt der Technik weiterentwickelt werden können (allerdings zeigen manche der Testergebnisse z. B. der Stiftung Warentest, dass die neuen Modelle technischer Geräte nicht immer besser sind als die vorigen). Und dieser „schnelle Umsatz“ durch bedeutet nicht nur so etwas wie eine gewollte Entwertung eigentlich funktionstüchtiger Waren (und damit auch eine Art von heimlicher „Enteignung“ der Eigentümer), sondern zugleich auch auch eine ungeheure Belastung der Umwelt, indem man wertvolle Ressourcen völlig unnötig zu Müll macht.

4 Zweierlei Märkte

Wert und Gegenwert einer Ware werden nicht nur von den für die Herstellung aufgewendeten Werten (siehe oben) bestimmt, sondern wesentlich auch vom jeweils aktuellen „Marktwert“. Und dieser Marktwert wird jeweils aktuell entweder von der Notwendigkeit oder der Begehrlichkeit bestimmt. Von der Notwendigkeit und der Verfügbarkeit bei lebensnotwendigen Waren, von der Begehrlichkeit und der Verfügbarkeit bei allen anderen Waren. Dabei zeigt sich ein seltsames und eigentlich widersinniges Phänomen:

Wenn eine Ware lebensnotwendig ist (z. B. sauberes Trinkwasser oder Lebensmittel oder eine Wohnung oder Kleidung oder lebensrettende Medikamente usw.), dann werden die ausgleichenden Kräfte des freien „Marktes“ in Notzeiten außer Kraft gesetzt. So war das auch am Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine Frau erzählte mir später, wie sie auf der Flucht verzweifelt versuchte, Lebensmittel für ihre 7 Kinder aufzutreiben, und wie sie dann einen wertvollen goldenen Ring für ein Brot eintauschen musste (und das war wirklich ein Akt der Verzweiflung, den sie nicht hätte wiederholen können; sie trug ja nicht Taschen voll wertvoller Goldringe mit sich herum). Aber es entsprach den Gesetzen des „freien Marktes“: „Je begehrter die Ware (in diesem Fall das Brot), desto teurer“. Dann, wenn eine lebensnotwendige Ware so knapp wird, dass der steigende Preis von denen, die sie dringend brauchen, nicht mehr bezahlt werden kann, dann wird sie nicht billiger (wie es eigentlich Not-wendig wäre, damit alle genug zum Leben haben), sondern noch teurer. Und diese noch höheren Preise können dann nur noch die bezahlen, die jene lebenswichtigen Waren eigentlich gar nicht unbedingt brauchen, weil sie sich auch Alternativ-Waren leisten könnten. Das heißt, wenn eine lebenswichtige Ware knapp ist, führen die „Spielregeln“ des „Freien Marktes“ zwangsläufig in massives Unrecht und lebensbedrohliche Not.

Je größer die Not, desto teurer die Ware, ein wahrhaft sinnwidriges und menschenfeindliches System, das in Extremsituationen auch kaum durchzuhalten ist: In den Hungerjahren vor und nach dem Ende des Krieges wurde dann (z. B. in Deutschland) auch dieses Markt-Prinzip offiziell weitgehend außer Kraft gesetzt, indem man „Lebensmittel-Marken“ ausgab, die auch den Bedürftigen das Notwendigste sichern sollten. Inoffiziell waren die Marktregeln (auf dem Schwarzmarkt) weiterhin gültig.

Dabei zeigt sich: Alles Lebenswichtige kann dann, wenn die Menschen die geforderten Preise nicht mehr leisten können, erpresserisch missbraucht werden (z. B. zu ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, indem man die Notleidenden zwingt, um des Überlebens willen zu ungerechten, ja versklavenden Bedingungen zu arbeiten). Das galt vor Jahrtausenden genau so, wie nach den Kriegen im 20. Jahrhundert und das geschieht auch heute im 21. Jahrhundert noch millionenfach in vielen Ländern, wo die Völker unter Krieg, Ausbeutung, Hunger und Armut leiden. Und diese „Marktregeln“ wirken sich immer dort Not-verstärkend aus, wo die Not am größten ist.

Im Bereich des Begehrenswerten dagegen funktionieren die Regeln des „Freien Marktes“ tatsächlich und zuverlässig: Ein Käufer, der etwas haben will, das er nicht unbedingt zum Leben braucht, der wird nur bereit sein, einen Preis zu bezahlen, den er für sich selbst als angemessenen betrachtet und der für ihn nicht ruinös ist. Er kann ja darauf verzichten, wenn es ihm zu teuer wird. Für den Handel mit Waren, auf die Menschen im Zweifelsfall auch verzichten können, ist der „Freie Markt“ das ideale Instrument. In unserer Szene von den Menschen am See wird so ein „Freier Markt“ beschrieben. Weder die „Fischer“ noch die „Seefahrer“ waren auf die Warenangebote der anderen angewiesen. Sie hatten ja schon über viele Generationen ohne Töpferwaren bzw. ohne Pfeil und Bogen gelebt. Aber Vorteile boten diese Waren schon und deshalb war man bereit, einen angemessenen „Preis“ zu bezahlen.

Für das Lebensnotwendige dagegen darf es keinen „freien Markt“ geben, weil der für diejenigen, die sich das Lebensnotwendige nicht leisten können immer Ungerechtigkeit und zunehmende Not bedeutet. Hier muss ein ganz anderes „Marktmodell“ verwendet werden, wie es z. B. im folgenden Beitrag „Völker ohne Armut“ dargestellt ist.

Der sozialistisch-ideologisch staatsgesteuerte „Markt“ ist für beides, das Lebensnotwendige und das Begehrenswerte, ungeeignet. Es gibt von den Dutzenden Ländern, die im 20. und 21. Jahrhundert solche sozialistischen Marktmodelle ausprobiert haben, nicht ein einziges Beispiel, das man als halbwegs gelungen bezeichnen könnte (das Wirtschaftssystem im gegenwärtigen China ist kein Sozialismus, sondern Staatskapitalismus unter der Herrschaft einer Partei, die sich „kommunistisch“ nennt, aber einfach nur als Partei-Diktatur handelt).

Man muss also die Märkte teilen: In einen Markt für das Notwendige und einen Markt für das Begehrenswerte. Und diese zwei Märkte müssen von gänzlich unterschiedlichen Regeln geordnet werden: Freie Marktwirtschaft für das Begehrenswerte und soziale Bindung für das Lebensnotwendige. Eine ideologische Fixierung auf eines der beiden „Markt-Modelle“ (Sozialismus oder Kapitalismus), das dann für alles zu gelten hätte, wäre sinnwidrig und schädlich.

Wie das im Einzelnen konkret aussehen könnte, das wird im folgenden Beitrag „Völker ohne Armut“ an einigen Beispielen angedeutet.

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Bodo Fiebig Wert und Gegenwert,  Version 2020-12

© 2020 Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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