Bereich: A Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Wirtschaft

Beitrag 1: Leben in Gemeinschaft (Bodo Fiebig)

Wirtschaftstheorien gibt es genug. Sie werden immer neu den Gegebenheiten und Entwicklungen angepasst (insofern sind sie eher ein Nach-Denken über aktuelles Wirtschaftsgeschehen als Vor-Denken über Kommendes und Notwendiges). Die Themensammlung „lebenundfrieden.de“ hat weder die Aufgabe noch die Möglichkeit, wirtschaftswissenschaftliche Theorien zu entwickeln. Hier geht es vielmehr um die Frage nach den Voraussetzungen, die wirtschaftliches Handeln überhaupt erst möglich machen. (Bei den „Arbeitsbereichen“, siehe linke Randspalte unten, gibt es zusätzlich einen Bereich „Arbeit und Wirtschaft“, der vor allem für eigene Erfahrungen und Überlegungen von Lesern zu diesem Thema vorbehalten ist.)

Dabei muss gleich vorweg gesagt werden: Viele der Aussagen und Vorschläge in den Beiträgen sind (wie bei anderen Themen auf dieser Website auch) unverbindliche „Gedankenspiele“. Aber sie können doch zu Anregungen werden für eigene Überlegungen, vielleicht sogar für gesellschaftlich relevante Veränderungen.

1 Arbeitsteilung

Menschen sind Gemeinschaftswesen. Das ist die einzige Möglichkeit, wie sie existieren können. Auch die frühesten Formen von menschenähnlichen Säugetieren mussten in Gemeinschaften leben, sonst hätten sie nicht überleben können. Auch die Neandertaler wären trotz ihrer Körperkraft und Intelligenz als Einzelgänger nicht auf Dauer lebensfähig gewesen. Noch weniger waren es die Angehörigen der Spezies  „Homo Sapiens“, zu denen auch wir heutigen Menschen gehören. Ihre körperliche Ausstattung machte sie zwar zu „Allroundern“, die aufrecht gehen, mit den Händen greifen, leidlich gut sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen können, aber nichts wirklich gut. Die meisten ihrer Fähigkeiten im Einzelnen waren denen von vielen Tieren unterlegen. Sie konnten nicht so gut sehen wie ein Falke, nicht so gut hören wie ein Luchs, nicht so gut riechen wie ein Wolf, nicht so schnell laufen wie ein Reh… Sie hatten kein warmes Fell wie die meisten Säugetiere, keinen schützenden Panzer, keine scharfen Krallen und gefährlichen Hörner … „Mängelwesen“ nennt sie Arnold Gehlen.  Aber sie entwickelten die Fähigkeit, ihr Leben in Gemeinschaft so zu organisieren, dass sie nach und nach und schließlich immer dominanter allen anderen Lebewesen überlegen waren.

 

Sehen wir uns das am Beispiel des Lebens einer frühen Menschengemeinschaft an:

„Stellen wir uns einen fiktiven Familienklan von Frühmenschen vor. Er hatte sich in der Nähe eines Baches angesiedelt, der weiter abwärts in einiger Entfernung in einen See mündete. Am Ufer des Baches hatte das Wasser schon vor unvorstellbar langer Zeit eine Höhle aus der Felswand gewaschen. Auf der offenen Seite der Höhle zum Bach hin hatten die Menschen die Öffnung mit passenden Steinbrocken teilweise verschlossen und nur einen schmalen Eingang frei gelassen. Der wurde nachts mit dicken Packen dornigen Gestrüpps für größere Tiere und gefährliche Feinde unzugänglich gemacht. In der Höhle, an einer Stelle, wo der Rauch gut abziehen konnte, bewachten und nährten die alten Frauen das Feuer, das nie ausgehen durfte. Und hier fand alles statt, was irgendwie schutzbedürftig war: Ruhe und Schlaf, Genesung von Krankheit oder Verletzungen, Zeugung und Geburt, Kindheit, Schwäche, Alter und Sterben.“

So wurde im Beitrag 1 „Umweltwahrnehmung“ innerhalb des Themas „Der Sturm der Erkenntnis“ eine steinzeitliche Menschengruppe vorgestellt, an deren Leben und  Handeln in verschiedenen Umweltsituationen Schritte der Erkenntnis verdeutlicht werden sollten. Hier, im ersten Beitrag zum Thema „Grundlagen der Wirtschaft“ werden diese Erzählungen noch einmal aufgenommen und weitergeführt, um Aussagen zu diesem Thema zu veranschaulichen. Sehen wir uns zunächst diese Gruppe etwas genauer an:

Die Gruppe der Menschen, die in der großen Höhle am Bach wohnten, bestand im Wesentlichen aus drei Familien, einer größeren, deren Mitglieder fast die Hälfte der Gruppe ausmachte und zwei kleineren. Außerdem gab es noch drei Einzelpersonen, zwei junge Frauen und einen Mann, fast noch ein Knabe, die sich der Gruppe nach heftigen Kämpfen zwischen verschiedenen Sippen in der weiteren Umgebung und der darauffolgenden Notzeit angeschlossen hatten, und die nun in eine der beiden kleineren Familien aufgenommen und integriert waren.

Insgesamt bestand die ganze Gruppe der Höhlenbewohner aus 11 jagdfähigen Männern, aus 10 gebärfähigen und 8 nicht mehr gebärfähigen, aber arbeitsfähigen Frauen und aus 3 alten Männern und 7 Frauen, die nicht mehr voll arbeitsfähig waren und im wesentlichen kleinere Aufgaben in der Höhle oder in der nächsten Umgebung wahrnahmen. (Die Überzahl an Frauen war dadurch entstanden, dass mehrere Männer bei der Jagd bzw. bei der Auseinandersetzung mit einer weiter entfernt wohnenden Sippe gewaltsam ums Leben gekommen waren.) Dazu kamen 8 kleine Kinder im Säuglingsalter (das etwa drei Sommer und Winter dauerte, manchmal auch etwas länger) und 15 ältere, aber noch nicht geschlechtsreifen Kinder. (Diese Einteilung war unbewusst entstanden, entsprechend dem jeweiligen Beitrag, den ein Mitglied zum Leben und Überleben der Gruppe leisten konnte.)

1 Arbeitsteilung

Die Organisation der Abläufe, die Planung der Vorhaben und die Verteilung der Aufgaben innerhalb der Gruppe war Sache der Frauen (die Männer waren ja oft in tagelangen Streifzügen auf der Jagd nach Beutetieren unterwegs). Wobei sich ein Beratungskreis von 4 Frauen (drei jüngere und eine von den alten) gebildet hatte, die von allen anderen als besonders fähig für die Leitungsaufgaben angesehen und geachtet waren. Wenn es um die Belange der Jagd ging, entschieden die Männer selbständig, wenn es um Fragen der Selbstverteidigung der Gruppe gegen Gefahren von außen ging, kamen alle Erwachsenen der Höhlenbewohner zusammen, um zu beraten. Als „Krieger“ für den Notfall eines Angriffs von außen aber wurden im allgemeinen nur die Männer angesehen und eingesetzt. Die jüngeren Frauen waren oft schwanger und die älteren wären Angreifern körperlich unterlegen gewesen. Wenn körperlich schwere Aufgaben im Nahbereich der Höhle zu erledigen waren, dann arbeiteten die Männer meistens unter der Anweisung der „Leitungs-Frauen“.

Die Frauen waren vor allem als „Sammlerinnen“ tätig. Sie kannten alle Pflanzen und wussten, welche bekömmlich waren und satt machten. Sie suchten Wurzeln, Knollen und Blätter, ernteten Baumfrüchte, Beeren und Pilze, sammelten Samenkörner, Nüsse und Honig, sie fingen im Bach kleinere Fische und fanden Krebse und Muscheln (die Jagd nach größeren Fischen im See war Männersache). Sie hatten auch gelernt, Samenkörner von geeigneten Gräsern zu zerstoßen, sie dann mit Wasser zu einem dünnen Brei anzurühren und in Tontöpfen zu kochen. So waren sie leichter zu verdauen und konnten auch von kleineren Kindern gegessen werden. Vor allem waren die Frauen zuständig für die gemeinsame Vorratshaltung der Höhlenbewohner. Von ihnen hing es ab, ob die ganze Gruppe den nächsten Winter überleben würde. Sie wussten, welche Samenkörner man im dunklen, trockenen Teil der Höhle lange genug lagern konnte und welche Früchte durch Trocknen an der Luft haltbarer wurden. Sie kannten auch schon das Verfahren, mit dem man Fleisch durch Räuchern über dem Feuer haltbar machen konnte und wendeten es auch für die Häute und Felle von erlegten Tieren an, damit sie diese im Winter als wärmende Kleidung verwenden konnten.

Die Männer kannten die weitere Umgebung ihrer Wohnhöhle sehr gut. In tagelangen Streifzügen hatten sie in weitem Umkreis die verschiedenen Bereiche in Berg und Tal, im Wald und in offenen  Heideflächen, in Felswänden und Mooren und den weiten Uferbereich des Sees erkundet und wussten, zu welcher Jahreszeit welche Tiere wo und auf welche Weise am erfolgreichsten gejagt werden konnten. Sie hatten einen unter sich als Anführer angenommen. Der war nicht bewusst bestimmt worden; es hatte sich einfach so ergeben, weil er die Fähigkeit hatte, die Jagd effektiv zu organisieren und weil er die Autorität hatte, die Gruppen einzuteilen und die Jagd-Strategie zu planen. Manchmal gingen auch Frauen mit auf die Jagd und es kam auch vor, dass eine der Frauen die Führung einer Jagdgruppe übernahm. Meistens aber gingen nur die Männer in Gruppen von drei oder vier Jägern auf Streifzug. Aber wenn es darum ging, ein größeres Tier zu erlegen, etwa einen Bären, dann mussten alle verfügbaren Jäger (und dazu zählten dann auch die nicht mehr gebärfähigen aber noch rüstigen Frauen) zusammenhelfen. Wenn die Männer im Spätherbst eine Treibjagd organisierten, durften auch die älteren Kinder als „Treiber“ mithelfen.

Das Gesamtsystem des Zusammenlebens und aller Aktivitäten der Gruppe war im Laufe der Zeit so eingespielt, dass die „Menschen aus der Höhle am Bach“ gut leben konnten, solange nicht Störungen von außen das bewährte Zusammenspiel aller Kräfte aus dem Gleichgewicht brachten (z. B. durch einen extrem harten und langen Winter oder durch Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Menschen-Gruppen).

Sammeln und jagen waren nicht die einzigen „arbeitsteiligen“ Beschäftigungen, denen die Höhlenbewohner nachgingen. Zwei der jüngeren Frauen hatten nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen einen einfachen Brennofen gebaut, in dem sie Gefäße verschiedener Größe und Form aus Tonerde herstellen konnten, die sie an einer Stelle flussaufwärts am Ufer des Baches fanden (siehe den Beitrag „Der Kreislauf des Lernens“ zum Thema „Der Sturm der Erkenntnis“). Beim Bau des Ofens und beim Brennvorgang wurden sie von einem der alten Männer unterstützt, der nicht mehr auf die Jagd gehen konnte, der aber ein gutes Verständnis für technische Anlagen und Vorgänge hatte.

Der gleiche alte Mann hatte auch die Fähigkeit entwickelt, aus möglichst gerade gewachsenen jungen Stämmen einer bestimmten Baumart Speere herstellen, die sehr gut in der Hand lagen und ohne Verdrehungen und Verwirbelungen geradeaus flogen. Die machten die Jagd auf größere Beutetiere wesentlich erfolgreicher. Zum Bearbeiten des Holzes benutzte er scharfe Absplitterungen von Steinen, die am Ufer des Sees  zu finden waren.

Einige der Frauen hatten es gelernt, aus langen Ruten von Bäumen, die am Ufer des Baches wuchsen, einfache Körbe zu flechten, in denen man gesammelte Früchte, Wurzeln, Pilze usw. nach Hause tragen konnte. Dazu mussten sie die Ruten erst tagelang im Bach wässern, damit sie geschmeidiger wurden und beim Flechten nicht brachen. Sie konnten auch aus dem Schilf, den sie am Ufer des Sees fanden, Matten flechten, auf denen (wenn sie in mehreren Schichten übereinander gelegt waren) man viel bequemer schlief als auf dem nackten Boden.

Die Verarbeitung von Tier-Fellen zu Kleidungstücken und Schuhen für die kalte Jahreszeit, war Aufgabe einer Gruppe von älteren, erfahrenen Frauen, die verschiedene Methoden anwandten, die Häute von leicht verweslichen Bestandteilen zu befreien, die verbleibenden Felle zu gerben oder durch Räuchern über dem Feuer haltbarer zu machen.

Zwei der alten Frauen hatten sich ein langjähriges Erfahrungswissen angesammelt über  Blätter und Wurzeln, Baumfrüchte und Beeren, Säfte und Harze, die zerrieben oder in Wasser über mehrere Tage angesetzt oder gekocht bei bestimmten Krankheiten und Verletzungen Linderung und Heilung brachten. Vieles davon hatten sie selbst schon von ihren Vorfahren gelernt, manches von „Heilern“ aus anderen Familienklans übernommen. Durch Ausprobieren und Kombinieren verschiedener „Rohstoffe“ und Verarbeitungsmethoden hatten sie ihr Wissen auch selbständig erweitert. Eines der noch nicht geschlechtsreifen Mädchen half ihnen bei der Arbeit, zeigte selbst ein großes Interesse an Heilverfahren und hatte sich schon ein erstaunliches Wissen angeeignet. Sie würde später, zusammen mit anderen, eine gute Heilerin werden.

2 Zusammenarbeit

Es wäre selbstverständlich völliger Unsinn, aus vermuteten Verhältnissen, wie sie möglicherweise vor Jahrtausenden einmal geherrscht haben, Folgerungen für wirtschaftliches Handeln in unserer Gegenwart abzuleiten. Die Verhältnisse von Produktion, Handel und Dienstleistungen sind wirklich kaum zu vergleichen. Aber die Menschen, die in Produktion, Handel und Dienstleistungen arbeiten, die sind noch weitgehend die gleichen. Ihre grundlegenden Eigenheiten, Fähigkeiten und Bedürfnisse haben sich seitdem kaum verändert (ob sie dabei mit den Fingern zählen oder mit dem Computer rechnen, ist gar nicht so entscheidend).

Die moderne Forschung über Menschen-Gemeinschaften aus der Zeit vor der sogenannten „Landwirtschaftlichen Revolution“ (mit der auch die Sesshaft-Werdung der Menschen in wachsenden Siedlungen begann und die in vielen Welt-Gegenden nach und nach das Zeitalter der Jäger und Sammler ablöste), zeigt immer deutlicher, dass damals das Verhältnis von Männern und Frauen noch nicht so einseitig zugunsten der Männer ausgebildet war. Das patriarchalische Prinzip der Herrschaft der Männer über die Frauen entstand wahrscheinlich erst, als sich allmählichen eine ortsfeste Lebensweise durch Landwirtschaft und Siedlungsbau durchsetzte. Die entscheidenden „Treiber“ dieser Entwicklung waren zunächst kaum erkennbar, ihre Auswirkungen aber um so deutlicher:

Erstens: Der Besitz. Die Menschen-Gruppen hatten nun als sesshafte Gemeinschaften einen erweiterten Besitz (z. B. gerodetes und bearbeitetes Land, ein unschätzbarer Wert, in dem die Arbeit von Generationen steckte, dazu Häuser, landwirtschaftliche Geräte, Vorräte, Viehherden bei Hirtenvölkern …). Besitz, der selbstverständlich Begehrlichkeiten weckte. Bis dahin hatten Menschengruppen, die als Nomaden von Lagerplatz zu Lagerplatz zogen und die dabei den Wanderungen ihrer bevorzugten Beute-Tiere folgten, nur so viel Besitz, wie sie selbst tragen konnten: Kleidung und Jagdwaffen, einige wenige Werkzeuge und Geräte, ihre Kleinkinder als kostbarste „Fracht“. Eine nomadisierende Gruppe dagegen, die eine landwirtschaftliche Siedlung eroberte, setzte sich ins „gemachte Nest“. Eroberung war wesentlich einfacher und führte schneller zum Erfolg als eigene Anstrengungen zum Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung. Das aber hatte zur Folge, dass die Verantwortung der Männer für die Verteidigung ihrer Familien, ihres Besitzes und ihrer Lebensgrundlagen nun eine wesentlich größere Bedeutung bekam. Die Folge: Die Männer einer Siedlung hatten nun als Verteidiger der Familien und ihres Besitzes eine herausgehobene Stellung und wurden nach und nach zu deren „Herren“.

Zweitens: Die leichtere Ernährung. Das über viele, viele Generationen angesammelte und sehr umfangreiche Wissen der Frauen über alles, was in der Natur als Nahrung zur Verfügung stand, verlor an Bedeutung. Bis dahin war eine große Bandbreite an pflanzlicher Nahrung (Früchte, Blätter, Pilze, Wurzeln, Knollen …) und tierischer Nahrung (Insekten, z. B. Heuschrecken, Kleingetier, Fische, Krebse, Eier …) nötig, um in jeder Jahreszeit die Sippe zu versorgen (eine nomadisierende Lebensweise ließ ja keine größere Vorratshaltung zu). Dabei machte die Jagd der Männer auf Großtiere wie Rehe oder Wildschweine oder gar einen Bären nur einen relativ kleinen Anteil der gesamten Nahrung aus. Nun aber ernährte man sich hauptsächlich von den wenigen Pflanzenarten, die man selbst anbaute (Reis, Mais, Weizen, Hirse…), und von den wenigen Tierarten, die man selbst domestiziert hatte und züchtete (Schafe, Ziegen …). Das hatte zur Folge: Man lebte jetzt leichter, aber die Frauen waren nun nicht mehr die Wissenden, von deren Kenntnissen das Überleben der Gruppe im Winter oder in der Trockenzeit abhing, sondern sie wurden nach und nach so etwas wie  „Arbeits-Tiere“ auf den Feldern der Gemeinschaften, in denen die Männer nun die tonangebende Rolle spielten.

Zur Zeit der Jäger und Sammler (und das war in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit die weitaus größere Zeitspanne!) war die Zusammenarbeit der Geschlechter und Generationen noch viel unmittelbarer und von den Notwendigkeiten des Alltags und von den Herausforderungen des Lebens und Überlebens bestimmt. Und die jeweilige Besonderheit der Begabungen von Männern und Frauen (die auch heute noch weitgehend noch aus jener Zeit stammen), haben sich seitdem kaum verändert:

Noch immer sind Männer (jedenfalls durchschnittlich und aufs Ganze gesehen) körperlich stärker als Frauen, noch immer sind sie auf der Jagd nach Erfolgen, sind sachorientiert und auf eingeengte Aufgabenstellungen fixiert, noch immer sind sie so sehr auf vorgegebene Ziele fokussiert, dass sie viele andere Gegebenheiten aus den Augen verlieren, wenn sie einer bestimmten Fährte folgen. Das wäre auch gar nicht anders gegangen, wenn sie der Spur eines Rehes oder Wildschweins folgend die Urwälder durchstreiften, da mussten sie zäh und zielorientiert vorgehen.

Diese Eigenschaften sind aber auch noch heute aktiv, wenn Männer auf der Jagd sind, auf der Jagd nach Erfolg, als Manager oder als Fußballer, als Handwerker oder als Drogenhändler… Auch da sind sie sachorientiert, fokussiert, fixiert und kümmern sich wenig um die sozialen Bedingungen und die menschlichen und zwischenmenschlichen Folgen ihres Handelns. Ein extremes Beispiel: Der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, Rudolf Höss, war bis zuletzt, auch als er schon wegen seiner ungeheuerlichen Verbrechen als Angeklagter vor Gericht stand, noch stolz darauf (und hat das auch zum Ausdruck gebracht), wie perfekt und erfolgreich er die ihm übertragene Aufgabe der Ermordung von Millionen Menschen organisiert und durchgeführt hatte (und erwartete dafür Anerkennung!). Nun sind ganz gewiss nicht alle Männer mit solcher Gewissenlosigkeit gegenüber dem Leid anderer ausgestattet und mit solcher Blindheit gegenüber eigener Schuld, aber die Sachorientierung und Zielfixierung ihrer Vorgehensweisen kann auch heute noch dazu führen, dass sie die von ihrem Handeln  betroffenen Menschen mehr oder weniger aus dem Blick verlieren.

Ganz anders die Frauen, damals wie heute. Dass Frauen gerne untereinander Klatsch und Tratsch bereden, über die und den und welche mit wem, ist eine oft belächelte Nebenerscheinung ihres Wesens, die aber gleichzeitig eine ihrer besondere Begabungen anzeigt: Ihre Fähigkeit, ihre Umwelt als soziales Beziehungssystem aufzufassen. Eben dieses soziale Beziehungssystem der erweiterten Familiensippe war ja jahrtausendelang ihr Aufgaben- und Wirkungsbereich! Sie nehmen feinste Nuancen im Verhalten, im Reden und in der Stimmung aller Personen im Nahbereich* wahr und sie können daraus die Art und Intensität von Beziehungen und Beziehungsstörungen zwischen ihnen ablesen.

* Die Fern-Bereiche lagen ja eher im Aufgabenfeld der jagenden Männer

Während die Natur der Männer einem Pfeil gleicht, der sich den kürzesten Weg zum Ziel sucht, entspricht das Naturell der Frauen eher einer Trommel, die die Verstreuten zur Gemeinschaft ruft, deren gespanntes Trommelfell auf alle Schwingen aus allen Richtungen reagiert, die auch gern mal ihren eigenen Rhythmus dazwischentrommelt, um andere aus dem Takt zu bringen, die aber genau so gern alle zum gemeinsamen Tanz aufrufen will. (Das sind freilich Typisierungen, die der ganzen Bandbreite der Veranlagungen von Männern und Frauen nicht gerecht werden. Es gibt ja auf der weiten Skala der Eigenheiten und Fähigkeiten zwischen Männern und Frauen alle denkbaren Übergangsstufen; aber aufs Ganze und im Durchschnitt gesehen entsprechen die oben genannten Schwerpunkte doch den tatsächlichen Verhältnissen.)

Beide Grundkompetenzen (Sach- und Zielorientierung der Männer und Beziehungsorientierung der Frauen) können nur dann ihre je eigenen Einseitigkeiten und Begrenztheiten überwinden, wenn sie sich gegenseitig ergänzen.

Es ist also kompletter Unsinn, wenn sich große Firmen gezwungenermaßen ein paar „Quotenfrauen“ suchen und dabei darauf achten, dass diese möglichst „männliche“ Eigenschaften und Vorgehensweisen aufweisen, damit sie die gewohnten Abläufe nicht stören. Nein, erst dann, wenn Männer und Frauen unmittelbar zusammenarbeiten, (zahlenmäßig und auch von der Verantwortungsebene her einander entsprechend, also nicht „Der Chef und seine Sekretärin“, sondern „Abteilungsleiterin und Abteilungsleiter“ usw.) können sich ihre Grundkompetenzen der Sach- und Zielorientierung einerseits und der Beziehungsorientierung andererseits einander optimal ergänzen. Und das gilt im 21. Jahrhundert noch genau so wie in der Steinzeit.

Idealerweise müsste man innerhalb eines Unternehmens (in jedem Arbeitsbereich bis zur obersten Leitung) kleine Teams bilden, in denen Männer und Frauen (und bei beiden auch verschiedene Altersgruppen!) gleichmäßig verteilt sind und gleichberechtigt zusammenarbeiten. Dass heute immer noch große Firmen meist allein von Männern geleitet werden, liegt unter anderem daran, dass die bestimmenden Gremien (z. B. Aufsichtsräte oder Aktionärsversammlungen usw.) vor allem die kurzfristige Zielorientierung an der Gewinnmaximierung im Blick haben und nicht eine längerfristige Orientierung an der Gesamtentwicklung des Unternehmens (und für eine solche kurzfristige Zielorientierung sind im allgemeinen tatsächlich Männer besser geeignet, wobei dann die notwendigen langfristigen Perspektiven oft vernachlässigt werden).

Dazu eine Beobachtung aus einem Bereich, in dem eine gegenteilige Entwicklung in Gang gekommen ist: Vor einigen Jahrzehnten konnte man an Grundschulen abzählen, dass der ganz überwiegende Teil des „Lehrkörpers“ aus Frauen bestand. Der Schulleiter aber war fast immer ein Mann. An kleineren Schulen waren etwa ein Dutzend Lehrerinnen beschäftigt und der einzige Mann im Kollegium war der Schulleiter. Und man konnte oft sehr deutlich wahrnehmen, wie sehr das weibliche Element der Beziehungsorientierung in der Leitung fehlte und wie sehr das männliche Element der Sachorientierung im unterrichtenden Kollegium. Heute sind meist auch die Schulleitungen von Grundschulen mit Frauen besetzt und die Kinder bekommen frühestens in der Hauptschule oder im Gymnasium einen männlichen Lehrer zu Gesicht. Und auch diese Einseitigkeit tut den Kindern nicht gut.

Zu der notwendigen Ergänzung der Begabungen von Männern und Frauen kommt als zweite Notwendigkeit die gegenseitige Ergänzung durch die Generationen. Jugendliche „Singles“, Männer und Frauen im mittleren Alter (oft mit der Verantwortung für eine Familie mit kleinen und größeren Kindern) und alte Menschen haben (ganz selbstverständlich)  sehr verschiedene Sichtweisen auf ihre Wirklichkeit und verschiedene Herangehensweisen an Aufgaben und Herausforderungen (das ist richtig und muss so sein). Auch diese Verschiedenheiten sind auf Ergänzung angelegt und nicht auf Trennung in altershomogene Gruppen.

Gegenwärtig kann man aber beobachten, wie sich unter den Generationen ein gegenseitiges Nicht-Verstehen breitmacht. Die Älteren verstehen oft die Sprache, die Denkweisen und Verhaltensformen der „Jungen“ nicht und die Jüngeren wehren sich dagegen, die Ansichten, Vorgehensweisen, Absichten und Ziele der „Alten“ zu übernehmen und die Mittelgruppe der Eltern kleiner Kinder hat noch einmal andere Schwerpunkte. Die Folge ist oft ein sprachloses Aneinander-vorbei-Leben der Generationen. In der Realität der Aufgaben und Herausforderungen braucht aber jede Arbeitsgemeinschaft die Impulsivität und Beweglichkeit der Jüngeren, die verantwortungsbewusste Zuverlässigkeit der mittleren und die abwägende Erfahrung der älteren Generation (auch das pauschalisierende, aufs Ganze gesehen aber zutreffende Beschreibungen).

Die gelingende Zusammenarbeit der Geschlechter und Generationen ist eine wichtige Voraussetzung für jedes Gemeinschaftsleben, und das gilt auch für alle Belange wirtschaftlichen Lebens und Handelns, heute genau so  wie früher.

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© 2020 Bodo Fiebig Leben in Gemeinschaft, Version 2021-1

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