Bereich: mitreden

Thema: A Grundlagen der Gesellschaft

Beitrag 3: Wahrheit und Wirklichkeit (Bodo Fiebig)

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Dies ist ein Kurzbeitrag ohne eigene Kommentarseite. Für angemeldete Leser ist aber am Ende des Textes die Möglichkeit vorgesehen, kritische Stellungnahmen oder eigene Gedanken zum Thema anzufügen.

© Bodo Fiebig Wahrheit und Wirklichkeit (Version 2017-1)

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser. Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers

Wahrheit und Wirklichkeit

Inhalt

Wahrheit und Wirklichkeit

1 Wahrnehmung, Wahrheit und Wirklichkeit

1.1 Weltwahrnehmung und Weltverständnis

1.2 Wahrheit und Wirklichkeit

2 Relativismus und Konstruktivismus

2.1 Die relativierte Wahrheit

2.2 Die relativierte Wirklichkeit

2.3 Die relativierte Ethik

3 Reale und virtuelle Welt

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1Wahrnehmung, Wahrheit und Wirklichkeit

Ist das, was ich wahrnehme, auch wahr oder scheint es mir nur so, weil ich selbstverständlich das, was ich wahrnehme, auch für wahr nehme? Ist meine Wahrnehmung nicht doch sehr begrenzt und von der Wahrnehmungsfähigkeit meiner Sinne abhängig? Ich sehe, höre, fühle, schmecke, rieche …, ja, aber können sich meine Sinne nicht auch täuschen? Vielleicht sind die Eindrücke, die meine Sinne von meiner Umwelt haben, nur subjektive Empfindungen und gar keine objektiven Tatsachen? Vielleicht ist das, was ich für die Realität halte, nur mein eigenes Konstrukt, meine selbstgemachte Wirklichkeit? Ja, ist nicht jede Wahrheit in Wirklichkeit eher eine subjektive Für-Wahr-Nehmung als eine objektive Realität?

Solche Fragen sind nicht neu, aber noch nie haben sie eine so allgemeine Bedeutung gewonnen wie in unserer Gegenwart (siehe Abschnitt 2 „Relativismus und Konstruktivismus“). Und noch nie wurde so allgemein in Frage gestellt, dass es so etwas wie „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ überhaupt gibt. Schafft sich nicht jeder Mensch seine eigenen Wahrheiten und Wirklichkeiten?

Zunächst geht es hier um die Begriffe „Wahrnehmung“ und „Verständnis“, „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“. Wir brauchen Begriffe, um etwas „begreifen“ zu können. Es ist entscheidend wichtig für unser Verständnis unserer Umwelt, welche Begriffe wir verwenden und wie wir sie verstehen. Deshalb sollen zunächst die genannten Begriffe angesprochen werden, um zu klären, in welcher Weise sie in diesem Beitrag Verwendung finden: Was ist das eigentlich: Wahrnehmung und Verständnis, Wahrheit und Wirklichkeit?

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1.1 Weltwahrnehmung und Weltverständnis

Das Universum bestand schon Milliarden von Jahren, bevor es Lebewesen gab, die etwas davon wahrnehmen konnten. Seine Existenz ist nicht von unserer Wahrnehmung abhängig, wohl aber die Vorstellung, die wir von unserer „Welt“ haben. Nein, gewiss kann sich nicht jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit schaffen, aber jeder Mensch muss sich ein eigenes Bild machen von den Wirklichkeiten, in denen er lebt. Wir Menschen brauchen ein Verständnis dessen, was wir wahrnehmen. Wir leben ja nicht mehr instinktgesteuert in einer natürlichen Umwelt. In der sozialen und technischen Umwelt des 21. Jahrhunderts kann man nicht mit den Mitteln der Frühzeit des Menschseins existieren. Wir sind darauf angewiesen, dass wir die Gegebenheiten und Vorgänge in unserer Umgebung wenigstens in Ansätzen durchschauen und verstehen, um angemessen reagieren und handeln zu können. Jeder Mensch braucht also eine persönliche Verstehensweise und Deutung seiner Umweltwahrnehmungen, sozusagen eine „Arbeitshypothese“ für die Erklärung der Dinge und Vorgänge um ihn her als Grundlage für sein Leben und Handeln in dieser Welt.

Wir müssen also unterscheiden zwischen den Realitäten (die ja Realitäten bleiben, auch wenn verschiedene Menschen sie sehr verschieden betrachten) und der Art und Weise, wie wir unsere Wahrnehmungen von diesen Realitäten deuten und verstehen. Ein Hund bleibt ein Hund (also ein Tier, das dem entspricht, was man in der deutschen Sprache mit „Hund“ bezeichnet oder in Englisch mit „dog“ usw). Freilich kann ein Hund für verschiedene Menschen sehr verschiedene Bedeutung haben. Der eine, ein Hundeliebhaber, sieht in ihm einen wahren Freund des Menschen. Ein anderer, der schon einmal von einem Hund gebissen wurde, fürchtet ihn als gefährliche Bestie.

Jeder Mensch macht Erfahrungen („Erfahrung“ hier verstanden als Ergebnis von einer Fülle von Wahrnehmungen, die sich auf bestimmte Dinge und Vorgänge unserer Umwelt beziehen) und diese Erfahrungen können sehr unterschiedlich ausfallen. Diese unterschiedlichen Erfahrungen bedeuten allerdings nicht, dass da unterschiedliche Wirklichkeiten vorliegen müssen. Wir nehmen nur (bedingt durch unsere verschiedenen persönlichen Vor-Erfahrungen, Einstellungen und Sichtweisen) verschiedene Aspekte der gleichen Wirklichkeit wahr und ordnen sie auch verschieden in die Gesamtheit unserer Vorstellungswelt ein. Erfahrung ist also schon eine Zusammenfassung und Deutung von Wahrnehmungen. Unser „Weltverständnis“ („Weltbild“ wäre hier zu statisch formuliert) wird gebildet im Verlauf der jeweils aktuellen und persönlichen Auseinandersetzung mit den Wahrnehmungen und Erfahrungen in unserer Umwelt.

Wir machen uns die Dinge und Vorgänge der Welt zu Eigen, machen sie uns verstehbar und handhabbar, indem wir uns (auf der Grundlage unserer Erfahrungen) eine persönliche Vorstellung, eine innere Entsprechung von ihnen gestalten. Wobei unsere bildhaften Vorstellungen von den Dingen und Vorgängen unserer Umwelt ja keine unverbundenen Einzelbilder sind, sondern eher Mosaiksteinchen für ein Gesamtbild unserer Vorstellungswelt, das ich hier als „Weltverinnerlichung“ bezeichne. Jeder Mensch braucht und hat so eine „Verinnerlichung“ von der Welt, in der er lebt, von den Dingen und Vorgängen, denen er begegnet, von seinen Mitmenschen und deren Beziehungen zu ihm und von sich selbst. Diese „Weltverinnerlichung“ (als Übertragung und Aneignung seiner Umwelt- und Selbsterfahrungen in die eigene Vorstellungswelt) ist für jeden Menschen die größte geistige Lebensleistung, die er im Laufe seiner Lebenszeit vollbringt, auch wenn das bei dem Einem vielleicht eine sehr enge und schlichte Vorstellungswelt sein mag, bei einem Anderen vielleicht eine innere Schau von großartiger Weite, Vielfalt und Kreativität.

Diese „ Weltverinnerlichung“ ist allerdings kein statisches Gebilde wie ein Mosaikbild, das ein Mensch im Laufe seines Lebens nach und nach, Steinchen für Steinchen, vervollständigt, bis es „fertig“ und unveränderbar vor ihm steht, sondern sie ist bei jedem Menschen ein sehr formbares Gebilde, das in ständigen Veränderungsprozessen allmählich immer weiter auf- und ausgebaut, geformt und gefüllt wird, das manchmal auch in Umbruchsituationen des Lebens völlig neu konzipiert werden muss. (Siehe den Themenbeitrag „Wer bin ich?“, Abschnitt 1, „Selbstbild und Weltbild“)

Wenn man nun die subjektive Vorstellungswelt mehrerer Menschen vergleichend betrachten könnte, würde man feststellen, dass sie zumindest in Teilbereichen sehr unterschiedlich sind. Die gleichen Dinge, Vorgänge, Ereignisse können von verschiedenen Menschen sehr verschieden betrachtet, verstanden und bewertet werden. Trotzdem sind Menschen keine isolierten Einzelwesen, die der Vorstellungswelt ihrer Mitmenschen völlig ahnungslos und verständnislos gegenüberstehen. Viele Erfahrungen sind ja für die meisten Menschen sehr ähnlich, z. B. die Erfahrung von Tag und Nacht, Hitze und Kälte, Sommer und Winter, Saat und Ernte, Essen und Trinken, Fülle und Mangel, Jugend und Alter, Mann und Frau, Geburt und Tod … Diese gemeinsame Erfahrungsgrundlage ermöglicht auch ein in Ansätzen gemeinsames Welt- und Selbstverständnis.

Darüber hinaus haben Menschen aber noch ein besonderes Instrument für den Austausch ihrer Erfahrungen und Vorstellungen entwickelt: Die Sprache. Mit ihrer Hilfe können Menschen ihre Erfahrungen und ihr Verständnis dieser Erfahrungen untereinander mitteilen und vergleichen. Wenn nun viele Menschen durch sprachliche Kommunikation ihre je eigene „Weltverinnerlichung“ (bzw. Teile davon) einander mitteilen, sie untereinander austauschen und vergleichen, dann entsteht unter ihnen nach und nach ein kollektives Welt- und Menschenbild als gemeinsamer und Gemeinsamkeit stiftender Kulturbesitz (wobei ja immer noch große Anteile individueller Anschauungen beim Einzelnen verbleiben). Freilich: Auch die kollektive „Weltverinnerlichung“ in einer bestimmten Kultur besteht nicht einfach nur aus objektiven Tatsachen, beruht aber doch auf der Wahrnehmung von Tatsachen und deren Interpretation. Und diese Wahrnehmungen (und ihre Deutung im Gesamtzusammenhang unserer Umwelterfahrung) können durch fortwährende Kommunikation (auch Kommunikation wissenschaftlicher Forschungsergebnisse) zunehmend objektiviert werden, so dass sich unser Weltverständnis allmählich der realen Welt annähert (wie es ja in den vergangenen Jahrhunderten tatsächlich geschehen ist und noch heute täglich millionenfach geschieht). Wenn wir z. B. die Mythologien der germanischen Stämme in Mitteleuropa zur Zeit der „Völkerwanderung“ im 3. bis 6. Jahrhundert vergleichen mit dem Weltwissen und dem Weltverständnis der Menschen in Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts, dann erkennen wir, welch weite Strecke wir bei der Annäherung der menschlichen Vorstellungswelt an die Realitäten unserer Welt bereits gegangen sind. 

Unser je eigenes Weltverständnis ist eine innere Entsprechung der äußeren Welt, subjektiv und individuell und doch auch Teil eines großen kulturspezifischen, in manchen Bereichen auch menschheitsumfassenden Weltbildes, gemalt mit den Formen menschlichen Denkens und mit den Farben menschlichen Empfindens, aber doch auch Widerspiegelung unserer Wahrnehmungen von einer realen Welt. So hat die Menschheit jahrtausendelang gelebt und gedacht und ihr Weltverständnis weiterentwickelt und so sind die Kulturen der Welt entstanden.

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1.2 Wahrheit und Wirklichkeit

Die Begriffe „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ sind sehr abstrakt und nur schwer mit unserer dinglich-konkreten Erfahrungswelt in Einklang zu bringen. „Was ist Wahrheit?“ fragte schon Pilatus beim Prozess gegen den Angeklagten Jesus aus Nazareth und er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass ja eigentlich jeder seine eigenen Vorstellungen hätte, davon, was „Wahrheit“ sei. Gibt es so etwas wie „die Wahrheit“ oder ist alles nur „Ansichts-Sache“? Viele Menschen reagieren verunsichert und skeptisch, wenn es um die Wahrheitsfrage geht. Es ist daher für das Gespräch zu diesem Thema und für das Verständnis dieses Beitrags notwendig, erst einmal in wenigen Sätzen darzulegen, was denn in den folgenden Ausführungen mit den Begriffen „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ gemeint ist, das soll hier in den folgenden 8 Punkten geschehen.

1) Nehmen wir zuerst ein ganz einfaches Beispiel: Die Tasse Kaffee vor mir ist eine Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit setzt sich für unser Verständnis aus verschiedenen sachlichen Wahrheiten zusammen: Die Tasse ist aus Porzellan, der Kaffee ist aus Bohnen der Sorte „Arabica“ geröstet, gemahlen und aufgebrüht.

Der Kaffee ist heiß, auch das ist eine objektive Wahrheit, allerdings mit einer subjektiven Komponente: Was ich als „heiß“ empfinde, kann für jemand anderen höchstens „lauwarm“ sein. Wir können aber unsre Wahrheiten über die Temperatur des Kaffees objektivieren, indem wir ein Thermometer verwenden: Er hat 53,1 Grad Celsius.

Manche Wahrheiten über die Tasse Kaffee weiß ich gar nicht. Ich kenne nicht die genaue chemische Zusammensetzung der Glasur des Porzellans; ich weiß auch nicht im Einzelnen, welche Geschmacksstoffe sich beim Rösten der Bohnen gebildet haben. Ich muss das auch nicht wissen, mir genügt es, wenn mir der Kaffee schmeckt. Es gibt Experten, die haben ein viel detaillierteres Wissen über Porzellan oder Kaffee. Für einen Kaffeespezialisten z. B. ist die Wirklichkeit „Kaffee“ aus viel mehr und viel komplexeren Teilwahrheiten zusammengesetzt als bei mir.

Wir können als erstes Ergebnis unserer Betrachtung festhalten:

Eine Wirklichkeit ist ein komplexer Gegenstand oder Vorgang, der sich mit vielen sich ergänzenden Teilwahrheiten beschreiben lässt. Manche dieser Teilwahrheiten sind sachlich begründet und wissenschaftlich objektivierbar. Andere sind eher subjektiv begründet und von der jeweiligen Sichtweise des Betrachters abhängig.

Unsere Wahrheiten, aus denen sich unser Verständnis von einer bestimmten Wirklichkeit zusammensetzt, stammen von den Erfahrungen, die wir mit dieser Wirklichkeit gemacht haben (z. B. der Farbe, dem Geschmack, der Wirkung des Kaffees …) oder auch von Wissen, das wir von anderen übernommen haben (z. B. von der chemischen Zusammensetzung des Koffeins und seiner Wirkungsweise im Körper; das habe ich ja nicht alles selbst erforscht, sondern aus dem Wissensbestand der Menschheit übernommen).

2) Die Tasse Kaffee ist nur eine von sehr, sehr vielen Einzel-Wirklichkeiten, die zusammengenommen die Gesamtwirklichkeit unserer Umwelt ausmachen. Diese Gesamtwirklichkeit ist so umfangreich, so detailliert und so komplex, dass kein Mensch in der Lage wäre, sie ganz und in allen Aspekten zu erfassen. Ein Physiker wird andere Aspekte der Wirklichkeit erfassen als ein Biologe, ein Kind andere als ein Erwachsener, ein Maler wird eine Landschaft anders sehen als ein Geologe usw. Jeder Mensch kann nur eine begrenzte, ausschnitthafte, auf seine besonderen Interessen zugeschnittene Wahrnehmung seiner Umwelt-Wirklichkeit haben. Und diese Wahr-nehmung wird für ihn, wenn sie sich in ähnlicher Weise wiederholt und bestätigt, allmählich zur Wahr-heit, die es ihm erlaubt, angemessen und sinnvoll in dieser Welt zu leben und zu handeln.

3) Sehr viel umfangreicher und vielschichtiger sind die Teilwahrheiten von der Wirklichkeit unserer Umwelt dann, wenn wir nicht eine Tasse Kaffee vor uns haben, sondern einen Menschen, vielleicht einen, den wir durch jahrelange Beziehungen sehr gut kennen. Hunderte, vielleicht Tausende Wahrheiten über ihn fallen uns ein, wenn wir uns Zeit lassen, darüber nachzudenken. Allerdings, wenn wir dann mit einem Dritten über diesen Menschen sprechen würden, würde sehr schnell deutlich werden: Unsere Wahrheiten über ihn sind nicht alle deckungsgleich. Wir haben in manchen Teilbereichen ganz verschiedene Erfahrungen mit ihm gemacht. Unsere Wahrheiten über diesen Menschen sind nicht alle die selben. Aber dennoch ist er ein Mensch und eine Wirklichkeit.

Unsere Erfahrungen mit einer Wirklichkeit (besonders bei sehr komplexen Wirklichkeiten), und davon abgeleitet unsere Wahrheiten über sie, können von Mensch zu Mensch verschieden sein, ja sich sogar widersprechen, ohne dass sie deswegen unwahr sein müssten.

4) Dass seine Freundin eine liebenswerte Person ist, gilt für einen frisch verliebten jungen Mann als absolute Selbstverständlichkeit. Aber es ist seine persönliche Wahrheit, die andere nicht teilen müssen. Dagegen gilt die Behauptung 2×2=4 für fast alle Menschen in allen Völkern und Kulturen gleichermaßen als wahr.

Dass Adolf Hitler ein schrecklicher Diktator war, der furchtbare Verbrechen befohlen hat, gilt keineswegs überall als Wahrheit. Manche sehen in ihm immer noch den „Führer“, der Deutschland und die Welt befreien wollte vor der Übermacht der Bösen (z. B. der Juden) und der Überzahl der Minderwertigen (z. B. der Behinderten oder der Angehörigen „minderwertiger“ Völker). (Siehe auch den Beitrag „Hitlers Kampf“)

Es gibt persönliche Überzeugungen, die einzelne Menschen für wahr halten und es gibt allgemein anerkannte Wahrheiten, die bei fast allen Menschen gültig sind. Darüber hinaus gibt es auch Wahrheiten, die nur innerhalb einer bestimmten Gruppe von Menschen (z. B. in einem bestimmten Kulturkreis, in einer Religionsgemeinschaft oder einer Partei) als unumstößlich wahr gelten.

5) Scheinbar objektive Wahrheiten sind nicht immer unwandelbar gültig. Menschen können sich in der Beschreibung und Deutung von Wirklichkeiten auch täuschen. Ihre Wahrheiten sind manchmal nur innerhalb eines bestimmten Denk- und Deutungssystems „wahr“. Kopernikus und Galilei stellten das damals gültige Weltbild in Frage (welches die Erde im Mittelpunkt der Welt und die Sonne um sie kreisen sah), weil neue Erkenntnisse sie zu einer neuen Deutung der Wirklichkeit und damit zu veränderten Wahrheiten über sie führten.

Wahrheiten müssen nicht unveränderbar für alle Zeiten „wahr“ sein, manchmal sind sie auch nur in einer begrenzten Zeit mit einem bestimmten Denk- und Deutungssystem gültig. Aber die Tatsache, dass sich Menschen über bestimmte Einzelwahrheiten bezüglich einer bestimmten Wirklichkeit geirrt haben (und diese Irrtümer manchmal jahrhundertelang tradiert haben), bedeutet nicht, dass es keine Wirklichkeiten und keine Wahrheiten über sie gibt. Es ist möglich (z. B. durch Beobachtung und wissenschaftliche Forschung), das eigene Verständnis so zu verändern und anzupassen, dass es immer mehr den Wirklichkeiten der realen Welt entspricht.

6) Unsere „Wahrheiten“ mögen zu einem Teil aus Irrtümern bestehen, die aber können sich doch allmählich einem angemesseneren Verständnis der Wirklichkeit annähern. Anders ist es bei der Lüge. Wenn jemand bewusst lügt, dann kennt er ja die Wahrheit, aber er verfälscht sie bewusst, um für sich einen Vorteil dabei herauszuholen und/oder um anderen zu schaden.

Aber: Die Tatsache, dass wir manchmal belogen werden, bedeutet nicht, dass es keine Wahrheit gibt. Wahrheit ist im konkreten Fall das, was die beteiligten Personen bezüglich einer bestimmten Wirklichkeit (einer Sache oder einem Vorgang) in ehrlichem Bemühen, dieser Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen, für wahr halten. Es ist für die Kommunikation unter Menschen entscheidend wichtig, dass jeder der Beteiligten sicher sein kann, dass alle Botschaften über eine bestimmte Wirklichkeit, die sie empfangen, im Wesentlichen so weit „wahr“ sind, dass sie keine bewusst verfälschten Elemente enthalten. Andernfalls würde die Kommunikation unter dem gegenseitigen Misstrauen zusammenbrechen oder zumindest stark belastet sein (eine unbewusste Unwahrheit, weil jemand sich irrt oder jemand die tatsächlichen Gegebenheiten und Vorgänge falsch einschätzt, ist für das Vertrauensverhältnis zwischen Menschen viel unproblematischer).

7) Vergangene Ereignisse sind so etwas wie unveränderbar „eingefrorene“ frühere Gegenwart (siehe auch den Beitrag „Zeit und Ewigkeit“). Ein tatsächliches Geschehen kann nicht nachträglich verändert werden, ohne dass diese Veränderung zur Unwahrheit wird. Historische Wahrheit ist nicht veränderbar; der Ablauf der Zeit lässt einen nachträglichen Eingriff aus der Gegenwart in die Vergangenheit nicht zu. Historische Wahrheit ist auch dann wahr, wenn sie von niemandem geglaubt wird.

Veränderbar ist allerdings unser Wissen über die historische Wahrheit. Manchmal dauert es lange, bis wir genügend zuverlässige Fakten haben, um eine vergangene Situation zutreffend zu rekonstruieren und manchmal gelingt das nie. Jedes ordentliche und faire Strafverfahren vor einem Gericht ist ein Mühen, die Wahrheit über ein vergangenes Geschehen zu ergründen und entsprechend dieser Wahrheit zu urteilen. Allerdings: Manchmal behindern bewusste Fehlinformationen und bewusste Fehlinterpretationen vergangener Ereignisse die Suche nach der historischen Wahrheit.

Veränderbar ist auch unsere Interpretation der Fakten, die wir von einem früheren Ereignis wissen. Selbst wenn diese Fakten nicht durch Lügen verfälscht sind, können sie doch in verschiedenen Situationen von verschiedenen Personen oder Gruppen verschieden wahrgenommen und interpretiert werden.

Trotzdem: Die Tatsache, dass unsere Informationen über die Vergangenheit durch Irrtümer und Lügen verfälscht sein können, bedeutet nicht, dass es keine historische Wahrheit gibt. Historische Fakten sind unabhängig von unseren Einschätzungen wahr. Und diese (möglichst unverfälschte) Wahrheit über die Vergangenheit ist die Grundlage für das Leben und Handeln in der Gegenwart. Selbstverständlich können sich Menschen auch über bestimmte Tatsachen und Vorgänge der Vergangenheit irren. Und selbstverständlich werden die Angehörigen verschiedener Konfliktparteien bestimmte Situationen und Erlebnisse ihrer gemeinsamen Konfliktgeschichte verschieden erinnern und beurteilen. Solche Einseitigkeit liegt schon darin begründet, dass jeder Beteiligte ja nur die eine Seite des Geschehens erlebt (siehe auch den Abschnitt “die relativierte Wahrheit“). Eine befriedigende Lösung eines Konfliktes kann es aber nur geben, wenn beide Parteien sich ehrlich darum bemühen, der ganzen und unverfälschten Wahrheit zumindest näher zu kommen.

8) Ein Zwischenstadium und Sonderfall zwischen Irrtum und Lüge ist die Ideologie, die, um bestimmte politische Ziele zu verfolgen, ein eigenes Denk- und Deutungssystem erfindet, in das sie alle Wirklichkeiten hineinzupressen versucht. Dabei werden, um dem gewünschten politischen Ziel optimal zu dienen, die eigenen unbewussten Einseitigkeiten und Irrtümer so mit bewussten Lügen aufpolstert, dass ein in sich geschlossenes System von „Wahrheiten“ entsteht, welches nicht der Wirklichkeit verpflichtet ist, sondern nur der Durchsetzung der eigenen Ziele. Das Gefährliche an solchen bewussten Verfälschungen der Realität liegt darin, dass sie zu einem so umfassenden System von „Wahrheiten“ verdichtet und vernetzt werden können, dass sie eine neue von den Realitäten der Welt unabhängige „Wirklichkeit“ darstellen, zu der es für die darin Gefangenen gar keine Alternative mehr geben kann. Solche absichtliche Wirklichkeitsverfälschung gibt es nicht erst heute im Zeitalter der elektronischen Massenmedien, sondern schon seit Jahrtausenden, z. B. zur Zeit der Niederschrift des biblischen Alten Testaments (Jes 5,20): Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! Am leichtesten gelingt die Verfälschung der Wirklichkeit durch die Umdeutung der Sprache. Indem man Gutes „böse“ nennt und Böses „gut“ usw. kann man die Realitäten und deren Wertung im Bewusstsein der Menschen so umfärben, dass die inneren Einstellungen und äußeren Handlungsweisen von Millionen von Menschen auf das politische Ziel der Sprach- und Wahrheitsfälscher ausgerichtet wird (vgl. auch den Roman von George Orwell „1984“, der noch lange vor der Erfindung von Internet und Smartphones geschrieben wurde).

Denk- und Deutungssysteme, die sich nicht an den erkennbaren Wirklichkeiten orientieren, sondern ihre „Wahrheiten“ an politischen Zielvorstellungen ausrichten, und dazu historische, sachliche und persönliche Wahrheiten verfälschen, können zum Motor von unmenschlichen und menschheitsgefährdenden Handlungsweisen werden (und sind es in der Vergangenheit oft geworden). Beispiele dafür sind die Propaganda-Systeme der Diktaturen unter Hitler, Stalin oder Mao in Deutschland bzw. in der Sowjetunion und China, deren Inhalte für Millionen von Menschen zu unerschütterlichen und unanfechtbaren Wahrheiten wurden und denen Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Die bisher dargestellten Aussagen über Wahrnehmung und Verständnis, Wahrheit und Wirklichkeit sind weder neu noch ungewöhnlich, die meisten Menschen haben irgendwie ähnliche Vorstellungen. Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert hat sich allerdings eine Denkrichtung weltweit Gehör verschafft und zum Teil auch politisch durchgesetzt, welche den Erfahrungsraum und Handlungsrahmen von Wahrnehmung, Wahrheit und Wirklichkeit grundsätzlich in Frage stellt: Relativismus und Konstruktivismus.

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2 Relativismus und Konstruktivismus

Der Relativismus ist eine philosophische Denk­richtung, die im zwanzigsten Jahrhundert eine erstaunliche Bedeutung und Wirkung erreichte, besonders in seiner konsequentesten Form, dem sogenannten „radikalen Konstruktivismus“. Er geht davon aus, dass es dem Menschen unmöglich sei, die „Dinge“, die „Wirklichkeit“ der Welt und die „Realität“ seiner eigenen Existenz unvoreingenommen wahrzunehmen. Das, was Menschen von den Dingen, von der Welt und von ihrer eigenen Existenz wahrzunehmen meinen, sei tatsächlich nur ihr eigenes Konstrukt. Das Auge des Betrachters gibt vor, was er sieht. Es gibt gar keine objektive „Realität“, die unabhängig von einem Betrachter existieren würde, meint der Konstruktivismus, sondern der Mensch konstruiert sich seine „Realitäten“ selbst. Also gibt es so viele „Realitäten“ wie es Menschen gibt (siehe auch den Kurzbeitrag „Das Gender-Konstrukt“).

Die relativistisch-konstruktivistische Sichtweise bedeutet allerdings, und das betonen ihre Vertreter selbst, dass es grundsätzlich keine objektiven Tatsachen (historischer bzw. sachlicher Relativismus) und keine allgemeingültige Erkenntnis geben kann (erkenntnistheoretischer Relativismus), keine allgemeingültigen Wahrheiten (Wahrheitsrelativismus) und keine allgemein verpflichtende Ethik (ethischer Relativismus). Was das für das Leben und das Zusammenleben der Menschen bedeutet, wird uns noch zu beschäftigen haben.

Das Phänomen des Relativismus selbst ist alt, neu ist seine weltumspannende und alle Lebensbereiche durchdringende Wirksamkeit. Schon Plato (im 4./5. Jahrhundert vor Christus) zweifelte an der Realität seiner Wirklichkeit. In seinem „Höhlengleichnis“ versuchte er darzustellen, dass unsere „Realitäten“ eigentlich nur Schattenbilder seien von den wahren Dingen, den „Ideen“, die sich nur dem philosophischen Denken erschließen. Seitdem hat diese Frage immer wieder nachdenkliche Menschen bewegt: Sind unsere Ideen Schattenbilder der Wirklichkeit oder sind die wahrnehmbaren Erscheinungen unserer Wirklichkeit nur Schattenbilder unserer Ideen? Solche Fragen blieben über viele Jahrhunderte im Innenraum feingeistiger Zirkel und erreichten kaum je einmal die raue Luft gesellschaftsrelevanter Diskussion.

Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich das radikal geändert. Die Ideen des Relativismus und Konstruktivismus wurden von philosophischen Gedankenspielen zu Machtinstrumenten, mit denen man gesellschaftliche und politische Prozesse anstoßen und fast nach Belieben steuern konnte (davon wird noch zu reden sein).

Heute, im 21. Jahrhundert, sind die Begriffe und das Bewusstsein von Wahrheit und Wirklichkeit in vielen Bereichen aufgelöst und haben ein diffuses Gefühl von Verunsicherung und Ratlosigkeit hinterlassen.

Relativismus und Konstruktivismus treten mit hohem intellektuellen Anspruch auf. Das müssen sie auch, denn sie treten gegen einen mächtigen Gegner an: Die Wirklichkeit der Dinge und Vorgänge um uns her. Das ist ja auch (von einer unbefangenen Denkweise her) nur schwer einzusehen, dass die Realitäten vor unseren Augen gar nicht real sein sollen, sondern nur persönliche Wahrnehmungen, die man so oder auch ganz anders interpretieren kann, weil hinter ihnen keine objektive Wirklichkeit steht. Und es widerspricht ja unseren elementarsten Erfahrungen, dass es keine Wahrheit geben soll, sondern nur Meinungen und Überzeugungen, die alle gleich berechtigt sind, weil hinter unseren Wahrheiten keine unabhängigen Tatsachen stehen. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen, um so eine Theorie durchzudrücken.

Es ist fast wie bei dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Man muss den Menschen nur einreden, dass jeder, der intellektuell einigermaßen mithalten kann, selbstverständlich die Richtigkeit des Relativismus versteht, und dass jeder, der diese Denkweise ablehnt, einfach nur zu dumm ist, um ein wirklich modernes Verständnis der Welt nachzuvollziehen. Und wer will schon gern zugeben, dass er sooo dumm ist! So plappern es viele, allzuviele nach: Es ist alles relativ. Es gibt keine allgemeingültigen Wahrheiten, sondern nur persönliche Interpretationen, es gibt keine objektiven Realitäten, sondern nur individuelle Wahrnehmungen, es gibt keine allgemein verpflichtende Ethik, sondern nur kulturbedingte Moralvorstellungen. Es gibt keine historischen Tatsachen, sondern nur interessengesteuerte Deutungen vergangener Vorgänge und Verhältnisse. Das klingt so liberal und tolerant, so weltoffen und weitherzig! Die Konsequenzen einer solchen Haltung werden erst bei genauerem Hinschauen sichtbar. Hier sollen sie kurz angesprochen werden:

Die relativierte Wahrheit

Die relativierte Wirklichkeit

Die relativierte Ethik

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2.1 Die relativierte Wahrheit

Herr A. war mit dem Auto in der Stadt, hat einige Dinge besorgt und war dann noch in der Bank um etwas Bargeld abzuheben. Einige Zeit später bekommt er einen Brief von der Polizei, dass er sich bei der Wache melden soll. Dort erfährt er, dass eine Anzeige gegen ihn vorliege, weil er einen Unfall verursacht habe, dabei war zwar nur ein Außenspiegel des anderen Fahrzeugs zerstört worden, aber er habe Unfallflucht begangen. Der Geschädigte hatte sich sein Autokennzeichen notiert. Herr A. ist erschrocken und verunsichert; er kann sich an den Vorfall nicht erinnern. Zu Hause sieht er in seinem Kalender nach und stellt fest: Am angegebenen Unfalltag war er gar nicht in der Stadt und er kann das auch beweisen. Die Nachfragen der Polizei ergeben: Der angeblich Geschädigte hatte selbst einen kleinen Unfall verursacht, bei dem der Spiegel kaputt ging. Allerdings nicht am angegebenen Tag sondern einen Tag zuvor. Um von sich selbst abzulenken, hatte er die Nummer eines Autos notiert, das am Unfallort vor der Bank parkte und dann am nächsten Tag den Unfall angezeigt. Wenn Herr A. nicht hätte beweisen können, dass er am angeblichen Unfall-Tag nicht in der Stadt war, hätte er nun ein Problem: Aussage steht gegen Aussage, welche ist wahr? Wem wird man glauben?

Solche Fragen nach der „historischen Wahrheit“ gibt es täglich tausendfach. Schwierig wird es, wenn nun eine Denkrichtung wie der Relativismus behautet, dass es so etwas wie eine historische Wahrheit gar nicht gibt.Jeder hat seine eigene Wahrheit“, sagt man; „meine Wahrheit kann eine ganz andere sein als deine. Und selbst, wenn meine Wahrheit eine von mir selbst erfundene Lüge wäre, so bestehe ich doch darauf, dass sie ebenso ernst genommen wird, wie alle anderen „Wahrheiten“ auch (von denen wir ja auch nicht wissen, wie „wahr“ sie sind). Wichtig ist nur, dass du die Wahrheit des Relativismus anerkennst, ansonsten magst du für wahr halten, was du willst. Eine alleinige Wahrheit (die gegenüber allen anderslautenden Behauptungen wahr ist) gibt es nicht und kann es nicht geben.“ So sagt man das leicht dahin und empfindet sich dabei als intellektueller Riese, der verächtlich auf die geistigen Zwerge herabschaut, die noch an so etwas wie „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ glauben. Aber: Die Relativierung der Wahrheit hätte in diesem Fall die Potenz in sich, Herrn A. rechtlos zu machen. Freilich, in diesem Falle ist die Sache eindeutig: Herr A. war nicht Verursacher des Unfalls, er kann es beweisen. In anderen Fällen kann der Wahrheitsrelativismus den Ausgang eines Streitfalles ganz anders entscheiden:

Aber es ist doch wahr, ich bin meinem Mann nie untreu gewesen, ich habe immer versucht, die Kinder gut zu versorgen und ordentlich zu erziehen, obwohl das schwer genug war, als mein Mann immer öfter bei seiner Geliebten blieb und er immer weniger Zeit und Geld für seine Familie übrig hatte.“ „Das mag wahr sein“, sagt dann der Scheidungsrichter, „aber es ist irrelevant. Die Beiden haben sich auseinandergelebt, die Ehe ist „gescheitert“ (1976 wurde in Deutschland das Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt). Also müssen nur noch die „Scheidungsfolgen“ (Unterhalt, Sorgerecht usw.) geregelt werden. Die Schuldfrage kann und darf nicht gestellt werden. Außerdem sieht ja sowieso jeder den anderen als Schuldigen. Und eine objektive Wahrheit kann es da nicht geben.“ So bekommt eine sehr seltsame philosophische Denkweise plötzlich gesellschaftspolitische Wirkkraft per Gesetz. Das Recht hört auf, der Gerechtigkeit zu dienen, denn Gerechtigkeit kann nur auf Wahrheit aufgebaut werden.

Das ist nur ein Beispiel, es gibt schlimmere: Selbst die Überzeugung, dass das Töten von Menschen etwas Verbotenes ist, wird auf einmal ganz relativ, wenn man es „Euthanasie“ nennt und „Gnadentod für Lebensunwertes“ (oder heute: „Recht auf einen selbstbestimmten Tod“ durch gut bezahlte „Helfer“). Ja selbst der grauenvolle Mord an Millionen Menschen wird zur guten Tat, wenn wir ihn „Endlösung“ nennen für ein schwieriges Problem: Die „Judenfrage“. Mit der Relativierung der Wahrheit kann man jedes (eigene) Vorgehen, und sei es noch so verbrecherisch, rechtfertigen und jedes Handeln (anderer), und sei es noch so menschenfreundlich, zum Verbrechen erklären. Der Relativismus wirkt heute nicht als philosophische Idee, sondern als Machtinstrument, weltweit tausendfach erfolgreich angewendet!

Die Relativierung und Umdeutung der Wahrheit ist Hauptmerkmal jeder Ideologie, und Voraussetzung für jede totalitäre Herrschaft.

Ein besonders deutliches gegenwärtiges Beispiel für die politische Seite der Wahrheitsfrage ist der seit Jahrzehnten andauernde israelisch-palästinensische Konflikt (siehe den Beitrag „Konfliktherd Heiliges Land“). Jede Seite des „Nahost-Konflikts” hat ihre eigene Wahrheit (genauer gesagt: ihre eigenen Wahrheitsansprüche). Und diese „Wahrheiten“ könnten kaum unterschiedlicher und gegensätzlicher sein. Jede Seite hat ihre eigene Geschichtsschreibung entwickelt, und auch die sind kaum widersprüchlicher denkbar. Es existieren zwei völlig unterschiedliche Geschichtsbilder bezüglich der historischen Fakten bei der Entstehung und Entwicklung des Konflikts, so als ob man über völlig verschiedene Vorgänge reden würde, wobei jede Seite ihre Interpretation für die einzige objektiv richtige Wahrheit hält. Das muss uns nicht überraschen, das ist in solchen Konfliktfällen mehr oder weniger immer der Fall. Trotzdem hat die Sache zwei Aspekte, die man auseinanderhalten muss: Einmal geht es um das subjektive Erleben der Menschen auf beiden Seiten, und das muss man trotz aller Widersprüchlichkeiten und Einseitigkeiten (die in der Natur der Sache liegen, denn jeder erlebt ja nur die eine Seite des Konflikts) sehr erst nehmen. Es gibt aber nicht nur das tatsächliche Erleben, sondern auch bewusste Übermalungen, Verfälschungen und Fehlinterpretationen solchen Erlebens, die bewusst als „Kampfmittel“ im Konflikt eingesetzt werden. Und diese Verfälschungen bekommen nach und nach (vor allem in der nächsten Generation, die das Geschehen nicht mehr selbst miterlebt hat) einen subjektiven Wahrheitswert, der sich gegen die tatsächlichen und objektiven historischen Fakten durchsetzen und diese völlig verdrängen kann.

Wenn es um historische Vorgänge geht, gibt es eben nicht nur subjektives Erleben, sondern auch objektive Tatsachen. Wer das leugnet, ist unfähig zu einem ehrlichen Dialog. Richtig ist, dass man nur ins Gespräch kommen kann, wenn man das Erleben und Erleiden der Menschen auf der jeweils anderen Seite wahrnimmt und ernst nimmt. Absolut zerstörerisch für das Gespräch ist es aber, wenn die eine Seite verlangt, dass man ihre Verfälschungen zur Grundlage des Dialogs macht. „Nur wenn du meine Interpretation der Ereignisse (bis hin zur Geschichtsfälschung und Kollektiv-Lüge) als unsere gemeinsame Wahrheit akzeptierst, bin ich bereit, mit dir zu reden.“

Es gibt eine ganze Reihe von Geschichts-Lügen, die für die meisten (moslemischen) Araber (innerhalb und außerhalb Palästinas) unterdessen zur unumstößlichen Wahrheit geworden sind (hier können nur einige wenige Beispiele genannt werden): „Es gab nie in der Geschichte einen jüdischen Staat auf dem Gebiet des heutigen Israel und nie einen jüdischen Tempel in Jerusalem. Der Holocaust ist eine jüdische Erfindung, um die Völker der Welt unter Druck zu setzen und die Notwendigkeit eines jüdischen Staates zu begründen. Die Juden haben uns das Land weggenommen, das uns seit Jahrhunderten gehörte. Wir allein (die Palästinenser) sind die Opfer des Konflikts und ihr allein (die jüdischen Israelis) seid die Täter …“

Fatal ist es nun, wenn von außen kluge und einflussreiche Politiker, Journalisten, auch Vertreter von Kirchen usw. kommen und sagen „Nun, wir sehen, es gibt zwei unterschiedliche Wahrheiten bei euch. Die Gerechtigkeit verlangt, dass wir beide Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen. Die Frage nach einer objektiven historischen Wahrheit ist irrelevant und bringt uns nicht weiter.“ Das klingt sehr weise, ausgewogen und abgeklärt. Wenn aber auf diese Weise die Lüge gleichberechtigt neben die Wahrheit gestellt wird und (Propaganda-) Lügen zur Grundlage von Gesprächen und Verträgen werden, so ist deren Scheitern vorprogrammiert.

Ein Beispiel: Im Herbst 2016 hat die UNESCO (unter dem Druck einer arabisch-freundlichen Mehrheit in diesem Gremium) eine Resolution veröffentlicht, die mit aller Autorität einer Organisation der Vereinten Nationen behauptet, dass es keinerlei historische Beziehungen gibt zwischen dem Tempelberg (Haram Al-Sharif) in Jerusalem und dem Judentum. Die vielen archäologischen Funde, die das Gegenteil beweisen, spielen keine Rolle. Was Wahrheit ist, bestimmen die Meinungsmacher. Die bessere Propaganda entscheidet darüber, was „wahr“ ist und geglaubt wird.

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2.2. Die relativierte Wirklichkeit

Postfaktisch“ nennt das „Wort des Jahres 2016“ unsere Gegenwart. Diejenigen, die dieses Wort wählten, wollen damit andeuten, dass die Fakten, die Realitäten, die Wirklichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion immer unwichtiger werden. Was zählt, ist die Stimmung, die man mit einer „Nachricht“ machen kann, egal, ob sie wahr oder frei erfunden ist. Und da sind die „Fake-News“, die raffiniert erfundenen und bewusst eingesetzten Nachrichtenlügen eindeutig im Vorteil. Echte faktenbasierte Nachrichten sind fast immer vielschichtig, mehrdeutig, interpretationsbedürftig, also ein wenig mühsam zu verstehen und einzuordnen. Erfundene Neuigkeiten dagegen sind einschichtig, eindeutig, suggestiv, und auf einen bestimmten Effekt ausgerichtet. Sie können so aufgestylt und zurechtfrisiert werden, dass sie genau den Nerv treffen und genau die Stimmung bestärken, für die eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen empfänglich ist. Und die erleben es nun als Bestätigung, ja geradezu als Befreiung, jetzt ihre eigenen unausgegorenen Emotionen in einfache und leicht verständliche Worte gefasst als veröffentlichte „Wahrheit“ zu erleben.

Indem man falsche „Wahrheiten“ erfindet und so darbietet, dass sie als echte Wahrheiten aufgenommen und geglaubt werden, erzeugt man nach und nach eine neue „Wirklichkeit“ (Wirklichkeit hier verstanden als Summe der Wahrheiten, die bezüglich einer bestimmten Sache oder eines bestimmten Vorgangs geglaubt werden). Eine auf falschen „Wahrheiten“ aufgebaute falsche „Wirklichkeit“ zwingt jedoch die Menschen, die in dieser verfälschten Wirklichkeit leben, zu Handlungsweisen, die mit den Realitäten dieser Welt nichts mehr zu tun haben, die aber den Interessen, dem Aufbau oder dem Erhalt bestimmten Machtsysteme bzw. dem Machtgewinn bestimmter Machthaber dienen. Millionen von Menschen leben in einer Scheinwelt von Falschinformationen und Verschwörungstheorien, von Scheinwirklichkeiten und ideologischer Verblendung, die ihr Handeln bestimmen. Der Relativismus ist vom Gedankenspiel zum Machtinstrument geworden! Die Möglichkeiten, vertrauliche Daten illegal abzugreifen und falsche Informationen weltweit zu verbreiten, werden ja nicht nur von Kriminellen genutzt, sondern unterdessen auch von von bestimmten Machthabern und ihren staatlichen Geheimdiensten.

Demokratisch geführte Gemeinwesen sind besonders anfällig für solche Angriffe aus dem Hinterhalt, denn im Rahmen einer allgemeinen Meinungsfreiheit können selbst die Lüge, der Hass und die Bosheit sich ungehindert Gehör verschaffen. So kann man in einer verfälschten Wirklichkeit mit gesteuerten Fehlinformationen gesellschaftliche Bewegungen in Gang setzen, politische Wahlen beeinflussen und ein Klima des Misstrauens erzeugen.

Kriege werden heute grundsätzlich an zwei Fronten geführt, einer realen Front, an der real gekämpft, geblutet und gestorben wird und einer Propaganda-Front, wo die realen Ereignisse gedeutet und umgedeutet werden, übermalt und verfälscht, wo die realen Schlachten propagandistisch ausgeschlachtet werden, um die jeweiligen Gegner als monströse und gewissenlose Kindermörder darzustellen und die eigenen Kämpfer als die edlen Verteidiger der Unschuldigen und Verfolgten.

Die Vordenker des Relativismus und Konstruktivismus haben den Boden dafür bereitet, dass der Same der Lüge und der Manipulation aufgehen und sich weltumfassend ausbreiten konnte. Propaganda-Lügen gab es schon immer, aber die Welt-Sicht des Relativismus, vereint mit den technischen Möglichkeiten der modernen Kommunikationsmittel haben ein Weltklima geschaffen, in dem jede Wahrheit mit Misstrauen betrachtet wird und jede Lüge als gleichwertige Gegen-Wahrheit (neuerdings „alternative Fakten“ genannt). Bevor dieser Same in unserer Gegenwart auch politische Wirksamkeit entfalten konnte, wurde er jahrzehntelang auf dem Feld der sozialen Beziehungen gezüchtet und erprobt. Das oben genannte Beispiel mit dem von der Wahrheit losgelösten Scheidungsrecht beschreibt nur einen ersten Impuls in diese Richtung. Unterdessen sind fast alle sozialen Realitäten und Beziehungen „relativiert“: Dass z. B. ich ein Mann bin (und kein geschlechtsunbestimmtes Gender-Wesen), das soll ab jetzt keine Realität mehr sein, sondern nur noch eine Ansichtssache, die sich aber jederzeit ändern kann, schlimmstenfalls auch gegen meinen Willen (siehe den Beitrag „Das Gender-Konstrukt“).

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2.3 Die relativierte Ethik

Jeder Mensch in jeder Kultur hat den Eindruck, dass diese Welt, so wie ist, nicht durchgängig so ist, wie sie sein sollte, sondern ethisch ungenügend, verbesserungsbedürftig hinsichtlich der Mitmenschlichkeit im Miteinander der Menschen. Manches ist manchmal wunderschön, aber vieles sollte anders sein. Menschen haben in sich nicht nur ein Bild von der Welt wie sie ist (siehe Abschnitt 1.1 „Weltwahrnehmung und Weltverständnis“), sondern auch, wie sie sein sollte (siehe den Beitrag „sein und sollen“). Die Welt, wie sie sein sollte, hat überall bei allen Menschen, in allen Kulturen ähnliche Grundzüge: Ohne Schmerz und Leid, ohne Sterben und Tod, ohne Mangel und Hunger, ohne Neid und Betrug, ohne Gewalt und Krieg … Das bedeutet leider nicht, dass alle Menschen bereit wären, selbst entsprechend zu leben und anderen Menschen entsprechend zu begegnen. Trotzdem gibt es diese Sehnsucht nach der „guten“ Welt. Und es gibt Menschen, die nach ihren Möglichkeiten und trotz aller menschlichen Schwächen und Fehler versuchen, das Gute zu tun.

Sie ernten den Spott der Relativisten: Naive „Weltverbesserer“ seien sie, „Gutmenschen“ ohne Verstand. Sie verstünden eben nicht, dass es so etwas wie richtig oder falsch, gut oder böse gar nicht geben kann, weil es keine Maßstäbe gäbe, an denen man das festmachen könne. Der Spott ist billig; es kostet ja keinerlei Anstrengung, allem Geschehen freien Lauf zu lassen, solange man selbst auf der Seite der Gesunden, Starken und Erfolgreichen ist. Ich aber wünschte mir, es gäbe mehr „Weltverbesserer“, die nach ihren Möglichkeiten an irgendeiner Stelle versuchen, diese reale Welt wenigstens ein wenig besser zu machen (Gott sei Dank gibt es viel mehr davon, als es uns die Meinungsmacher einreden wollen). Weltverschlechterer (wie die Relativisten und viele, viele andere) gibt es genug. Ich wünschte mir, es gäbe noch ein paar mehr „Gutmenschen“, die versuchen, in ihrem alltäglichen Leben etwas Gutes zu verwirklichen. Schlechtmenschen, die, wo sie nur können, ihren Mitmenschen das Leben schwer machen, gibt es viel zu viele.

Ethik (wir könnten auch sagen: „Mitmenschlichkeit“) ist keine Theorie im luftleeren Raum, sie ist immer an wirkliches Handeln im wirklichen Leben gebunden. Wenn es aber keine Wahrheit gibt, gibt es auch keine Maßstäbe für unser Tun und lassen. Wer will die Täter tadeln, wenn doch die Leiden der Opfer vielleicht nur Einbildung sind? Ja, gewiss, es gibt in Einzelfällen auch falsche Anschuldigungen und erfundenes Leid. Aber dem gegenüber gibt es viele Millionen von Menschen, die leiden jetzt, während Sie diese Zeilen lesen, unter Unrecht und Gewalt, die ihnen von anderen Menschen angetan werden. Wer wird ihnen zu Hilfe kommen, wenn eine allgegenwärtige Propaganda den Menschen in ihrem Land einredet, dass das doch alles (vom Säugling bis zum Greis) „Terroristen“ sind? Und Terroristen muss man doch bekämpfen – mit allen Mitteln! Es sind ja nicht wenige Länder, in denen jetzt in unserer Gegenwart genau so geredet und gehandelt wird. Gleichzeitig gibt es auch die wirklichen Terroristen, die sich als harmlose Asylanten ausgeben, um ihre Gewalttaten ungestört vorbereiten zu können. Und es gibt bei uns und in bestimmten Weltgegenden Millionen von Menschen, die meinen, wenn sie den Holocaust leugnen, dann hat er auch nie stattgefunden.

Mit der Wahrheit und der Wirklichkeit stirbt auch die Mitmenschlichkeit. Was sollte denn unter den Menschen als Maßstab für mitmenschliches Verhalten gelten, wenn es keine Wahrheit und keine Wirklichkeit mehr gäbe? Um des Leben jedes einzelnen Menschen willen und um des Überlebens der Menschheit willen muss es einen Minimalkonsens geben, welches Verhalten als richtig und hilfreich (also gut) anzusehen ist und welches als falsch und schädlich (also böse) gelten muss. Ohne Wahrheit gibt es keine Ethik und ohne Ethik gibt es keine Menschlichkeit; nur die Unmenschlichkeit kommt ohne sie aus.

Die Vertreter des Relativismus sehen sich selbst gern als intellektuelle Speerspitze der Moderne. Sie „übersehen“ dabei bewusst oder unbewusst, dass es ohne objektive Tatsachen, ohne allgemeingültige Wahrheiten und ohne eine allgemein verpflichtende Ethik auch kein Recht gäbe, das Menschen vor Unrecht in Schutz neh­men könnte (siehe den Themenbeitrag „Recht und Unrecht“) und dass damit jedem friedlichen Miteinander von Menschen die Grundlagen entzogen würden.

Die Bibel kennt keinen Relativismus: Sie kennt richtig und falsch, gut und böse: „Du sollst“ und „du sollst nicht“. Und sie fordert die Menschen auf, sich zu entscheiden. Sprüche 8, 13: Die Furcht des Herrn bedeutet, Böses zu hassen (Das Wort, das hier für „Furcht“ steht, bedeutet in der Beziehung zu Gott Achtung und Ehrfurcht; das Wort, dass hier mit „hassen” übersetzt wird, meint nicht Wut und Gewalttätigkeit, sondern entschiedene Ablehnung mit leidenschaftlichem Engagement). So macht es auch Gott und so sieht das Gottesbild aus, das uns die Bibel vor Augen malt: Ein Gott, der liebt und hasst. Im Neuen Testament finden wir einen ganz ähnlichen Satz (Röm 12,9): Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Wir sehen: Wir sollen wie Gott lieben und hassen.

Aber darf denn Gott hassen; ist er nicht der „Liebe Gott“? Nein, diesen „Lieben Gott“, den gibt es nicht, jedenfalls nicht in der Bibel. Das ist ein selbstgemachtes Zerrbild Gottes. Gott liebt und hasst; aber was liebt er und was hasst er? Gott liebt die Menschen, alle Menschen, alle, ohne Ausnahme, auch die, die Böses getan haben; er liebt sie mit der ganzen Kraft seines göttlichen Herzens und er hasst das Böse, alles Böse, mit aller Gewalt seines göttlichen Zorns, und das ist kein Widerspruch, denn es ist die Kraft seiner Liebe zu den Menschen, mit der Gott das Böse hasst, und zwar deshalb hasst, weil es die Menschen, die er selbst um der Liebe willen geschaffen hat, in ihrem eigentlichen Menschsein in Frage stellt, und weil es alle positive Beziehungen, alles Gute und Hilfreiche und Schöne zwischen den Menschen zerstört. Gott liebt Menschen, alle Menschen, aber er hasst Einstellungen und Handlungsweisen, die Menschen Schaden zufügen und wehtun und das Miteinander von Menschen zerstören wollen. Wie sollte Gott das Böse nicht hassen, angesichts einer Welt voll Ungerechtigkeit und Gemeinheit, Raub und Betrug, Unterdrückung und Ausbeutung, Gewalt und Krieg, Folter und Mord?

Gott liebt die Menschen, alle Menschen, und er liebt alles Gute und er hasst das Böse und er fordert uns auf, es auch so zu halten: Die Menschen und das Gute lieben und das Böse (auch das Böse in uns selbst) entschieden abzulehnen. Wer sagt, so etwas wie gut und böse kann es nicht geben, weil es so etwas wie Wahrheit und Wirklichkeit nicht gibt, ist ein Feind aller Menschlichkeit.

Wir Christen in Europa haben uns ein sehr wohltemperiertes, auf Ausgleich und Gleichmaß bedachtes Christsein angewöhnt. Wir hassen nicht und wir lieben selten. Entschiedenheit ist, wenn es um den Glauben geht, fast schon etwas Ungehöriges. Wir haben den Glauben zum besinnlichen Postkartenspruch degradiert. Gott aber hasst das Böse, leidenschaftlich, hasst es, weil er die Menschen leidenschaftlich liebt, besonders die, die in den Fesseln des Bösen gefangen sind – als Täter oder als Opfer. Vielleicht hassen wir das Böse so wenig, weil wir die Menschen zu wenig lieben?

Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Jesus sagt nicht „Geht nur, wohin ihr wollt, tut, was euch Spaß macht, ich gehe jeden Weg mit.“ Er sagt: „Mein Weg ist der Weg der Wahrheit und nur der führt zum Leben“.

Eines allerdings dürfen wir bei all dem nie aus den Augen verlieren: Es gibt keinen Menschen, der „von Natur aus“ gut oder böse wäre (siehe den Themenbeitrag „gut und böse“), aber es gibt böse Absichten und Taten. Und es gibt erst recht keine Menschengruppen (Parteien, Klassen, Völker, Rassen, Kulturgemeinschaften, Religionsgemeinschaften usw.) deren Mitglieder schon allein deshalb abzulehnen wären, weil sie dieser Gemeinschaft angehören. Jeder Mensch ist grundsätzlich zum Guten bestimmt und zum Bösen fähig und jeder tut manchmal auch Böses, obwohl er die Möglichkeit hätte, sich für das Gute zu entscheiden. Es geht also nicht darum, die Menschen abzulehnen, die Böses tun, wohl aber das Böse abzulehnen, das sie tun oder veranlassen. Wir sollen die Lüge hassen, nicht den Lügner, den Betrug, nicht den Betrüger, den Mord, nicht den Mörder (auch wenn ein Staat die Lügner, Betrüger und Mörder bestrafen muss, um weiteren Lug, Betrug und Mord zu verhindern). Und man muss die Bestrebungen bekämpfen, die unter Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten in der Gemeinschaft ein Klima das Hasses und der Feindschaft erzeugen, um das Böse für ihre Zwecke zu nutzen und ebenso jene, die Wahrheit und Wirklichkeit zu verschleiern, um Menschen zu verunsichern und sie so leichter für ihre Zwecke missbrauchen zu können.

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3 Reale und virtuelle Welt

Was ist das eigentlich für ein Ding, was ich da in der Hand halte? Es verbindet mich mit der Welt, aber ich weiß nicht, ob die Welt, mit der es mich verbindet, überhaupt existiert. Sind die Orte und Ereignisse, von denen ich Texte und Bilder empfange, real oder nur elektronisch gesteuerte Phantasie? Ich bin verbunden mit mehr als 300 „Freunden“, aber sind das wirklich meine Freunde? Oder werden der „Freund“ oder die „Freundin“, denen ich etwas Vertrauliches zuschicke, mich morgen damit bloßstellen vor der Weltöffentlichkeit des Internet? Ich chatte mit einem Unbekannten irgendwo im Universum, aber ist der wirklich ein Junge aus Hannover, wie er mir schreibt, zwei Jahre älter als ich, Schüler der 8. Klasse im Gymnasium, der sich für mich und mein Leben interessiert, oder ist er vielleicht ein pädophiles Monster, das massenweise (möglichst freizügige) Bilder sammelt von Mädchen wie mich und sie dann an Gleichgesinnte verkauft? Wie passt die „virtuelle Wirklichkeit“ des Internet, in der ich mich immer länger aufhalte, mit meiner „realen Welt“ zusammen, in der ich mich oft so isoliert und unverstanden fühle? Wer bin ich wirklich? Herrin in meiner virtuellen Welt oder ahnungslose Konsumentin von Werbung, Beeinflussung und Irreführung? Ich bin 12 Jahre alt und ich weiß alles; für alles und jedes gibt es einen Suchbegriff und tausend Antworten, aber wer sagt mir die eine Wahrheit? Oder gibt es das gar nicht mehr: „Wahrheit“? Tausend Bilder, tausend Filme, tausend Songs, tausend „Freunde“, tausend „Tweets“, tausend Meinungen, tausend Wahrheiten … und ich – allein.“

Dieses fiktive Selbstgespräch eines jungen Menschen spiegelt ein Dilemma unserer Zeit: Die Frage „Was ist Wahrheit und was ist Wirklichkeit“ bleibt ohne Antwort. So entsteht ein großes Misstrauen gegenüber allem, was wahr und wirklich zu sein scheint. Aber: Wie lebt man in einer Welt, in der jede „Wahrheit“ auch eine Lüge sein könnte und jede „Wirklichkeit“ etwas Erfundenes?

Es mag provozierend klingen, aber es ist wahr: Die Rede von der „virtuellen Wirklichkeit“ ist eine der großen „Fake-News“ unserer Gegenwart, eine Welt- und Menschheits-Lüge im 21. Jahrhundert! Es gibt sie schlichtweg nicht, diese zweigeteilte Wirklichkeit aus „realer Welt“ und „virtueller Welt“. Alle Inhalte, die in der sogenannten virtuellen Welt in Erscheinung treten, sind von realen Menschen erdachte und gemachte Realitäten. Auch die Bits und Bites einer Computer-Datei sind reale Gegebenheiten in unserer realen Welt, physikalisch fassbare Zustände auf der Festplatte, der CD, dem Stick … Sogar die Daten in der „Cloud“ sind nicht irgendwo in den Wolken, sondern ganz reale Inhalte auf großen Speichereinheiten in realen Rechenzentren, die reales Geld kosten.

Die Computer-Welt und das Internet sind kein virtueller Zauber, dessen Zaubersprüche nur die Zauberlehrlinge von Google, Facebook und Co kennen, sondern sind reale Fakten in der wirklichen Welt. Freilich sind ihre Inhalte nicht auf Leinwand gemalt oder auf Papier gedruckt wie in früheren Jahrhunderten, sondern in einer digitalen Zeichensprache programmierte Bildfolgen, Tonfolgen, Anweisungen, Reaktionen … Nur, wenn das schon eine virtuelle Parallelwelt ausmachen würde, dann wäre schon jedes auf Leinwand gemalte Bild, das nicht eine reale Landschaft abbildet, und jeder auf Papier gedruckte Roman, der eine erdachte Geschichte erzählt, schon eine „virtuelle Welt“. Aber bei Leinwand und Papier hat man noch den realen Bezug, weil man das Bild oder das Buch in die Hand nehmen kann. Man kann sogar die Pinselstriche des Malers noch sehen, aus denen sich das Bild zusammensetzt. Deshalb ordnet man Bild und Buch leichter der vertrauten Realität zu.

Bei einer programmierten Darstellung (z. B. bei einem Computerspiel) dagegen bekommt man den „Pinselstrich“ des Programmierers (die Zeichenfolge seines Programms) fast nie zu Gesicht, und wenn, dann würden nur ausgebildete und hochspezialisierte Fachleute sie „lesen“ können. Dieser „Erfahrungsabstand“ zwischen den Zeichen des Programmierers und der sichtbaren Darstellung auf einem Bildschirm lässt sich vom „Nutzer“ des Programms nur schwer überbrücken. Und so entsteht dann auch ein „gefühlter“ Abstand zwischen den Realitäten der eigenen alltäglichen Umwelt und den Darstellungen des Programms. Dieser Abstand wird noch bewusst vergrößert, indem man die „virtuellen Welten“ optisch möglichst realistisch gestaltet, aber von den Inhalten her möglichst phantastisch und realitätsfern. So bekommen die Phantasiegebilde einer geschäftstüchtigen Unterhaltungsindustrie nach und nach den Anschein einer eigenen elektronisch erzeugten Realität neben der dinglichen Realität unserer Umwelt. Es geschieht eine bewusste und von einer bestimmten Absicht gesteuerte „Entführung aus der Wirklichkeit“. Das will ich in einem Vergleich noch deutlicher darstellen:

Wer schon einmal bei dichtem Nebel mit dem Auto unterwegs war, kennt die Situation: Die reale Landschaft mit ihren realen Bergen und Ebenen, ihren Häusern und Bäumen, mit Tieren und Menschen ist fast nicht mehr erkennbar hinter der grauen Nebel-Wand, auf die unsere Autoscheinwerfer bizarre Licht-Erscheinungen malen. So ergeht es uns mit der realen und virtuellen Wirklichkeit im Zeitalter der digitalen Wirklichkeitstverschleierung und Wahrheitsvernebelung: Die reale Welt ist selbstverständlich noch da, mit all ihrer Vielfalt an Schönem und Schrecklichem. Aber zwischen diese Realität und unsere Wahrnehmung schiebt sich nun der Nebel künstlich erzeugter Scheinrealität. Es ist so, als würden die Scheinwerfer unseres Autos nicht nur weißes Licht auf die Nebelwand werfen, sondern eine vielfarbige mit großen Soundeffekten untermalte Darstellung eines emotional hoch aufgeladenen Geschehens voller Liebe und Hass, Schönheit und Erotik, Brutalität und Grausamkeit, überwältigenden Glück und abgrundtiefem Leid, das uns herausfordert, uns als „Retter der Welt“ zu bewähren. Gefangen von irrealen Bildern und Ereignissen fahren wir durch eine vernebelte reale Landschaft! Ein wirklicher Autofahrer wäre nun in einer hochgefährlichen Situation: Sein Auto fährt ja immer noch auf der realen Straße seines realen Lebens, die Bäume und Häuser hier entlang des Weges, dort die kaum noch wahrnehmbare steile Kurve und der Abgrund auf der anderen Seite, die sind ja alle noch da. Eigentlich bräuchte er seine ganze Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit, um das Auto gut und sicher da hindurch zu steuern, aber er starrt voll Faszination und emotionaler Erregung auf die farbenprächtige Projektion auf der Nebelwand. Wie lange wird das gut gehen?

Nein, es gibt keine virtuelle Wirklichkeit neben unserer realen Welt, sondern die sogenannte „virtuelle Welt“ ist ein von Menschen gemachter und von Menschen zu verantwortender Teil unserer einen Wirklichkeit. Alles, was uns die sogenannte „virtuelle Welt“ so unwirklich erscheinen lässt, ist von Menschen bewusst so gestaltet, um damit besserte Geschäfte machen zu können. Die heutigen technischen Möglichkeiten könnten genau so gut auch so genutzt werden, dass sie „kombatibel“ sind mit unseren realen Erfahrungen in unserer realen Umwelt, durchschaubar und bewusst handhabbar für jedermann. Das ungeheure Potential der elektronischen Datenverarbeitung und des Internet könnte auch so eingesetzt und gestaltet werden, dass es Menschen nicht bewusst „weltentfremdet“. Aber diese „Weltentfremdung“ wird ja bewusst gestaltet, eingesetzt und genutzt um die Nutzer dieser Techniken als Geldquelle und Datenquelle auszubeuten. (Ein Beispiel dafür ist das „Pokemon“ – Spiel, das Millionen von Teenagern begeistert hat. Hochrangige Mitarbeiter großer IT-Unternehmen brüten über der Frage: Wie kommen wir an das Geld und die Daten von Millionen Menschen? Wenn wir sie zwingen wollten, würden sie sich wehren. – – Das ist die Idee! Wir machen ein Spiel, einfach, aber faszinierend, das virtuelle Figuren in die reale Welt zaubert. Jeder, der dieses Spiel mitspielen will, muss mit unserem Rechenzentrum verbunden sein, und uns ständig seine Daten über seinen Aufenthaltsort usw. zusenden. Die Menschen geben uns freiwillig ihre Daten für ein Spiel, das sie von uns kaufen müssen: Perfekt!)

Es ist die bloße Gier nach dem wirtschaftlichen Erfolg und Gewinn, verbunden mit dem Streben nach weltweiter Wirtschaftsmacht, die Unternehmer dazu antreibt, die „Nebelwand“ zu verdichten und die Projektion zu perfektionieren, die uns eine virtuelle Wirklichkeit vorgaukelt, auch wenn wir auf diese Weise auf einen realen Abgrund zusteuern. Es geht um Geld und Daten. Geld + Daten = Macht, das ist die Realität des 21. Jahrhunderts, und die ist ganz gewiss nicht virtuell!

Für die großen IT-Weltkonzerne hat die Rede von der „virtuellen Realität“ große Vorteile: Die realen Geschäftspraktiken in der realen Wirtschaft sind zumindest in manchen Teilbereichen national und international gesetzlich geregelt. Man darf nicht alles tun, was man möchte. Also erfindet und gestaltet man eine „virtuelle Welt“, die noch frei ist von einschränkenden Regelungen und siedelt sein Unternehmen dort an. So können Google, Facebook und Co sich verhalten, als gehöre ihnen die Welt und als würden Gesetze und Vorschriften sie grundsätzlich nicht betreffen. Ihnen und ihren verantwortlichen Managern muss man es deutlich sagen und wenn nötig, auch mit juristischen Mitteln deutlich machen: Nein, es gibt keine eigene und andere Wirklichkeit, die neben der realen Welt existiert und die für die Fragen von Recht und Gerechtigkeit, Wahrheit und Ehrlichkeit, von richtig und falsch, gut und böse nicht zugänglich wäre. Die „virtuelle Welt“ ist real und reale Menschen sind dafür verantwortlich, was in ihr und durch sie geschieht. Wer meint, dass in der „virtuellen Welt“ die Gesetze der Demokratie und der Mitmenschlichkeit nicht gelten, ist auf dem besten Wege, die Gesetze der Demokratie und der Mitmenschlichkeit auch in der „realen Welt“ abzuschaffen.

Allerdings muss ich jetzt am Schluss dieses Beitrags darauf hinweisen, dass es doch so etwas wie eine „virtuelle Wirklichkeit“ gibt. Nur ist die nicht von den Programmierern der großen IT-Konzerne gemacht. Die “virtuelle Welt“ der Elekronik-Industrie ist ja in Wirklichkeit nur ein schwacher Abklatsch einer Realität, die älter ist als unser Universum:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, so heißt der erste Satz der Bibel. Wir sehen: Gott schuf die Welt als eine zweiteilige Wirklichkeit: Himmel und Erde. Dabei ist der „Himmel“ nicht ein fernes Paralleluniversum zu unserer sichtbaren materiellen Welt. Das, was die Bibel „Himmel“ nennt, ist auch nicht eine Sphäre irgendwo über den Wolken, sondern es bezeichnet die Realität der Gegenwart Gottes, die unsere materielle Wirklichkeit mit einschließt. Das kann hier im Rahmen des Themas „Wahrheit und Wirklichkeit“ nicht weiter ausgeführt werden, deshalb verweise ich auf die Themen „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild“, „Zwischen Schöpfung und Vollendung“, „Dein Reich komme“, „Die Frage nach dem Sinn“, „Zeit und Ewigkeit“, „AHABA – das Höchste ist lieben“, „gut und böse“ und „sein und sollen“.

Wir sehen am biblischen Text: Die Wirklichkeit des Himmels wurde zuerst geschaffen. Die Himmelswelt Gottes ist die ursprüngliche Wirklichkeit seiner Schöpfung. Dem gegenüber müssen wir unser materielles Universum als eine zweite, „nachgeschaffene“ Wirklichkeit ansehen, die von der ersten, der himmlischen Realität abhängig ist. Unsere materielle Welt ist ein Abglanz des Himmelsuniversums Gottes, das unser irdisch-materielles Universum ganz in sich mit einschließt. Und so, wie die „virtuelle Welt“ der digitalen Daten in Wirklichkeit etwas ganz Reales ist, etwas, das unser ganz reales Leben betrifft und beeinflusst, so ist auch die „virtuelle Welt“ der Gegenwart Gottes, welche die Bibel „Himmel“ nennt, etwas ganz Reales, das unser ganz reales Leben betrifft und beeinflusst. Wer die Wirklichkeit der himmlischen Welt und ihre Bedeutung für unser Leben auf dieser Erde ausblendet oder leugnet, kann nicht wirklich sinnvoll und dem Wesen dieser Schöpfung entsprechend hier in dieser Welt leben.

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