Bereich: A Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Sturm der Erkenntnis

Beitrag 1: Umweltwahrnehmung (Bodo Fiebig)

Jedes Lebewesen hat eine Umweltwahrnehmung. Selbst einfachste Einzeller reagieren auf Veränderungen der Umwelt z. B. auf Temperaturschwankungen oder auf Veränderungen der chemischen Zusammensetzung des Milieus, in dem sie sich aufhalten usw. Schon eine Pflanze hat eine Vielzahl von Umweltwahrnehmungen, auf die sie reagiert: Sie wächst dem Licht entgegen und reagiert auf Trockenheit oder Kälte … Ein höher entwickeltes Tier kann eine ganze Fülle von von Umweltbedingungen wahrnehmen und verarbeiten, seien sie auch noch so ausschnitthaft eingeschränkt auf Wahrnehmungen, die auf Schutz- und Nahrungssuche, auf Sexualität und Fortpflanzung, auf Kampf und Flucht ausgerichtet sind.

Solche Umweltwahrnehmungen sind noch weit entfernt von dem, was wir „Welterkenntnis” und „Weltverständnis” nennen. Sie sind aber unverzichtbare Voraussetzungen dafür. Ein Erkennen ganz ohne Wahrnehmung ist ja nicht möglich. Irgendwie müssen Eindrücke von „außen” ins „Innere” eines Individuums gelangen, damit dort ein Prozess der Wahrnehmung und des Erkennens beginnen kann (vgl. Beitrag 5: „Die Verinnerlichung der Außenwelt“).

Umweltwahrnehmung ist eine der Schlüsselkompetenzen des Lebens. Nur durch sie kann das Leben sich geeignete Lebensräume erobern. Schon die erste lebende Zelle konnte und musste auf Umweltreize reagieren: Zu kalt, zu warm, zu hell, zu dunkel, zu wenig oder zu viel von bestimmten Stoffen in der chemischen Zusammensetzung der Umwelt – und schon wäre ihr Leben bedroht. Freilich hätten einfachste Formen des Lebens auch ohne Umweltwahrnehmung jeweils dort überleben können, wo es zufällig geeignete Lebensbedingungen vorgefunden hätte (und wären überall dort gestorben, wo dies nicht der Fall war). Aber dann wäre das Leben für immer auf ein Nischendasein beschränkt geblieben. Wenn nicht schon das primitivste Leben eine Wahrnehmung von den Lebensbedingungen seiner Umwelt entwickelt hätte und Möglichkeiten, auch darauf zu reagieren, so hätte es niemals aktiv Lebensräume besiedeln können, die lebens-geeignet sind, und Umgebungen meiden können, wo tödliche Gefahren drohten. In Folge der Entwicklung und Ausdifferenzierung des Lebens haben sich dann auch die Wahrnehmungs- und Reaktionsmöglichkeiten der Lebewesen immer mehr erweitert.

Solche Umweltwahrnehmung geschieht in ununterbrochenen Veränderungen (z. B. die Veränderungen der Umwelt im Laufe eines Tages oder eines Jahres), zugleich aber auch in ständigen Wiederholungen (immer wieder Tag und Nacht, Schlafen und Wachen, Mangel und Fülle, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Jugend und Alter, Geburt und Tod …).  Eben diese Gleichzeitigkeit von Veränderungen und Wiederholungen ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass aus Wahrnehmungen Erkenntnis werden kann: Gerade durch  die Vertrautheit des oft Wiederholten kommen uns die Veränderungen in den Abläufen um so deutlicher zu Bewusstsein. Hätten wir nicht schon tausende Male die Sonne aufgehen und untergehen sehen, würden wir nie erkennen, dass im Winter die Sonne später aufgeht und eher untergeht als im Sommer und das dies die Ursache ist für die klimatischen Veränderungen während des Jahres. Der Kreislauf des Geschehens in steten Wiederholungen, welche die Veränderungen in den Abläufen für uns erkennbar machen, ist der Motor der Erkenntnis.

Wir würden aber bald feststellen, dass dieses Bild vom Kreislauf nicht ausreicht. Mit jeder Wiederholung der Wahrnehmung wächst im Lebewesen eine Erfahrung, die bei der nächsten Wiederholung schon eine Vor-Erfahrung zur Verfügung stellt. Und diese Vor-Erfahrung ermöglicht nun eine vertiefte (oder erhöhte) Wahrnehmungsqualität. Wer tausend mal Tag und Nacht und Dutzende Male Sommer und Winter erlebt hat, verfügt über eine deutlich vielfältigere und gefestigtere Erfahrungen als beim ersten Mal.

Wir haben nun nicht einen Kreislauf vor Augen, sondern eine Spirale, deren sich wiederholende Windungen sich zugleich auch immer ein wenig höher hinaufschrauben.  Aber auch dieses Bild genügt noch nicht, denn unsere Erfahrung wird ja mit jeder neuen Wiederholung auch ein wenig erweitert. Es kommen immer neue Aspekte hinzu. Immer neue Phänomene werden wahrgenommen, immer weiter wird der Horizont.

Stellen wir uns nun, als Bild dafür, eine Spirale vor, die einerseits immer die gleichen kreisförmigen Windungen wiederholt, gleichzeitig sich aber doch (wenn die Spirale senkrecht angeordnet ist) in die Höhe schraubt. Und nun stellen wir uns noch dazu vor, dass diese Spirale ganz unten zuerst ganz kleine, enge Windungen vollzieht, die sich aber nach oben immer mehr weiten, so dass eine auf der Spitze stehende (mathematische) Kegel-Figur entsteht. Wenn wir uns eine Grafik von so einer sich erweiternden und sich immer schneller drehenden Spirale anschauen, erinnert uns das an das Bild eines rotierenden Wirbelsturms: Eine Dreh-Bewegung, die sich aus kleinen Anfängen immer mehr erweitert und vieles mit sich in die Höhe reißt. So ist der Wirbel-Sturm der Erkenntnis.

Der „Wind des Geistes“ ist ein uraltes Sinnbild: Schon die Bibel verwendet vor Jahrtausenden für den Geist Gottes und für die Lebenskraft und geistige Potenz des Menschen das gleiche Wort wie für „Atem“ oder „Wind“ (ruach). Und wir werden merken: So eine dynamisch bewegte Vorstellung wie von einem Wirbelwind entspricht den Vorgängen bei der Entstehung und Erweiterung von „Erkenntnis“ in der Geschichte des Menschseins wesentlich besser, als das Bild von einem bloßen Kreislauf oder einer feststehenden Spirale. Anfangs mag der „Hauch der Erkenntnis“ über Jahrhunderte kaum wahrnehmbar gewesen sein, später wurde daraus ein stetig wachsender „Wirbelwind der Erkenntniserweiterung“ und dann ein im Wortsinn „weltbewegender“ „Sturm-Wirbel der Ideen und Ideologien“. Heute ist das Geschehen bei der Steigerung der Erkenntnis und des Wissens der Menschheit eher einem Hurrikan vergleichbar, auf dessen Sturm-Spirale viele Menschen mit Besorgnis und zunehmender Angst schauen.

Versuchen wir, der Bewegung dieses „Wirbelsturms der Erkenntnis“ durch die Menschheitsgeschichte etwas nachzugehen. Dabei geht es nicht um eine wissenschaftlich-philosophische „Erkenntnistheorie“, sondern eher um ein laienhaft-naives „Verstehen“, das jedem zugänglich sein kann.

Im folgenden werden die millionenfachen Erhöhungen und Erweiterungen der Erkenntnis in der Geschichte der Menschheit in sieben großen und grundlegenden Erweiterungs-Phasen zusammengefasst, deren Darstellungen als Beiträge zum Thema „Der Sturm der Erkenntnis“ zur Verfügung stehen.

1 Umweltwahrnehmung

2 Umwelterfahrung

3 Der Kreislauf der Erkenntnis

4 Sprechen und Denken

5 Das Innenbild der Außenwelt

6 Der Wind des Geistes durch die Geschichte der Menschheit

7 Erkenntnis und Glaube

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1 Umweltwahrnehmung

Freilich ist es von der Umweltwahrnehmung zur „Welterkenntnis” noch ein weiter Weg. Ein Marienkäfer zum Beispiel (oder ein Regenwurm, eine Schwalbe, ein Reh oder ein Delphin …) kann Helligkeit und Dunkelheit wahrnehmen, kann Wärme und Kälte spüren, Mangel und Überfluss erleben … Er kann aber nicht die Helligkeit als „Helligkeit“ erkennen, denn er hat ja keine Möglichkeit, so einen Begriff zu bilden. Unser Marienkäfer denkt nicht nach über „Helligkeit”, er sieht einfach, und er denkt nicht nach über Wärme oder Kälte, er spürt sie. Er erlebt Mangel und Überfluss, ohne zu „wissen“, was das ist und ohne darüber nachzudenken, was die Ursache für diesen misslichen Zustand sein könnte.

Aber er hat bestimmte Verhaltensoptionen, je nachdem, was es sieht oder spürt und erlebt. Entspricht bei unserem Marienkäfer etwa das Gesehene dem Schema „Beutetier“ (z. B. eine Blattlaus), so wird es versuchen, dieses zu fangen und zu fressen. Entspricht das Gesehene dem Schema „Fressfeind“, so wird es versuchen, diesem zu entkommen. Dass für dieses „Sehen“ eine Voraussetzung notwendig ist, die wir Menschen „Helligkeit” nennen, weiß er nicht. Ebenso wenig weiß er, was „Dunkelheit“ ist. Es merkt es aber, wenn er wenig sieht und seine instinkthafte Ausstattung gibt ihm bestimmte Lebensweisen und Verhaltensmuster vor, die an dieses „wenig sehen“ und „wenig gesehen werden“ (also an die Dunkelheit der Nacht) angepasst sind.

Unser Marienkäfer ist also fähig, seine Umwelt wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Häufige Wiederholungen verstärken solche Wahrnehmungen. So entstehen nach und nach in der Wahrnehmung eines Lebewesens „Muster“ von Umweltreizen und Umweltsituationen, die es wiedererkennen und unterscheiden kann. Aus der Gleichartigkeit von ähnlichen Erfahrungen kann es dann nach häufiger Wiederholung bestimmte Verhaltensmuster entwickeln, um bestimmten Umweltsituationen zu begegnen.

Dazu gehört auch die Wahrnehmung von speziellen Schlüsselreizen (z. B. von Farben, Formen, Gerüchen, Geräuschen, Bewegungs­mustern …), die in ganz bestimmten Situationen bei einer ganz bestimmten Lebensform ganz spezielle instinktgesteuerte Reaktionen hervorrufen (z. B. Beute greifen, Flucht, Sexualverhalten, Brutpflege …). Instinkte können hier verstanden werden als „Prägungen“ durch millionenfach wiederholte Wahrnehmungen von Situationen und Reaktionen innerhalb der Umwelt einer bestimmten Lebensform. Prägungen, die von Generation zu Generation wiederholt und verstärkt und schließlich in jahrtausendelangen Entwicklungen im „biologischen Gedächtnis“ (der DNA) einer Lebensform „eingeprägt“ und „konserviert“ wurden, so dass sie im Individuum und in bestimmten Situationen durch bestimmte Schlüsselreiz wieder aktiviert werden können.

Ein Marienkäfer ist also fähig, seine Umwelt wahrzunehmen, nicht aber sie zu erkennen. „Erkennen” setzt eine bewusste und vergleichende Wahrnehmung voraus. Er hat eine gewisse „Kenntnis“ über die Möglichkeiten und Gefahren seiner Umwelt, aber keine bewusste „Erkenntnis“, die es ihm ermöglichen würde, Vorgänge in seiner Umwelt nicht nur wahrzunehmen, sondern sie zu verstehen. Ein „Welt-Erkennen” beginnt erst da, wo ein Lebewesen die Möglichkeit hat, differenzierte Wahrnehmungen in der Erinnerung zu speichern, so dass es nach einiger Zeit einen Bestand ähnlicher Eindrücke zur Verfügung hat, die es vergleichen kann. Und so entstehen in der Wahrnehmung eines Lebewesens „Muster“ von Umweltreizen und Umweltsituationen, die es wiedererkennen und unterscheiden kann. Aus der Gleichartigkeit von ähnlichen Erfahrungen kann es nach häufiger Wiederholung bestimmte Verhaltensmuster entwickeln, um bestimmten Umweltsituationen zu begegnen.

Selbstverständlich haben auch Menschen solche Umwelt-Wahrnehmungen, die sich zusammengenommen zu einer differenzierten Umwelt-Kenntnis verdichten. Hier soll das in einer Erzählung von einer Gruppe von Menschen dargestellt werden, die sich vor sehr langer Zeit in einer Höhle in der Nähe eines Baches niedergelassen hatte.

2 Die Höhle am Bach

Stellen wir uns einen fiktiven Familienklan von Frühmenschen vor. Er hatte sich in der Nähe eines Baches angesiedelt, der weiter abwärts in einiger Entfernung in einen See mündete. Am Ufer des Baches hatte das Wasser schon vor unvorstellbar langer Zeit eine Höhle aus der Felswand gewaschen. Auf der offenen Seite der Höhle zum Bach hin hatten die Menschen die Öffnung mit passenden Steinbrocken teilweise verschlossen und nur einen schmalen Eingang frei gelassen. Der wurde nachts mit dicken Packen dornigen Gestrüpps für größere Tiere und gefährliche Feinde unzugänglich gemacht. In der Höhle, an einer Stelle, wo der Rauch gut abziehen konnte, bewachten und nährten die alten Frauen das Feuer, das nie ausgehen durfte. Und hier fand alles statt, was irgendwie schutzbedürftig war: Ruhe und Schlaf, Genesung von Krankheit oder Verletzungen, Zeugung und Geburt, Kindheit, Schwäche, Alter und Sterben.

Der Bach bot klares Wasser in Fülle und im See gab es Fische, die zwar schwer zu fangen waren, aber am Feuer gebraten, hervorragend schmeckten. Im Wald oberhalb der Felsen gingen die Männer im Winter, wenn der See zugefroren war, auf die Jagd nach Tieren, deren Fleisch man essen und aus deren Fell man Kleidung gegen die Kälte machen konnte. Im Talgrund am Bach und am Ufer des Sees suchten die Frauen und größeren Kinder nach essbaren Beeren, Kräutern, Wurzeln, kleinen Krebsen und Muscheln.

Die Gruppe der Menschen, die in der großen Höhle am Bach wohnten, bestand im Wesentlichen aus drei Familien, einer größeren, deren Mitglieder fast die Hälfte der Gruppe ausmachte und zwei kleineren. Außerdem gab es noch drei Einzelpersonen, zwei junge Frauen und einen Mann, fast noch ein Knabe, die sich der Gruppe nach heftigen Kämpfen zwischen verschiedenen Sippen in der weiteren Umgebung und der darauffolgenden Notzeit angeschlossen hatten, und die nun in eine der beiden kleineren Familien aufgenommen und integriert waren.

Die nähere Umgebung ihrer Höhle kannten die Höhlenbewohner sehr gut. Sogar die Kinder kannten jeden Stein, jeden Baum, wussten, welche Blätter von welchen Pflanzen man essen konnte, welche Beeren giftig und welche Tiere gefährlich waren und welche Art von Kiesel im Bach zum Spielen ihres beliebten Steinchen-Lege-Spiels am besten geeignet war.

Die Frauen wussten, wo man essbare Wurzeln fand, wie man bei Pilzen essbare und giftige unterscheiden konnte, wie man Samen und Früchte zubereiten musste. Sie hatten gelernt, welche Kräuter bei Verletzungen heilend wirkten und sie beherrschten die hohe Kunst des Feuer-Machens, wenn die Glut am Feuerplatz in der Höhle doch einmal ausgegangen war. Ihre Kenntnis von den Veränderungen des Wetters und vom Ablauf der Jahreszeiten war hoch differenziert, denn davon hing das Leben jedes Einzelnen und der ganzen Sippe ab.

Die Männer kannten die Wälder in der weiteren Umgebung der Höhle, wussten genau, wie man welches Tier erlegen konnte und wie man als Gruppe, in der jeder Jäger eine bestimmte Aufgabe hatte, gemeinsam sogar so ein großes Tier wie ein Wisent oder einen Bären töten konnte. Sie wussten, wie und aus welchem Holz man Speere herstellen konnte, mit denen man größere Tiefe anzugreifen vermochte, wie Werkzeuge und Waffen aus Holz und Knochen mit Spitzen und Klingen aus Feuerstein oder Obsidian hergestellt wurden und wie man sich bei Angriffen konkurrierender Menschen-Gruppen zur Wehr setzte.

Ihre Umwelt-Kenntnis setzte sich aus tausenden einzelnen Umwelt-Wahrnehmungen zusammen. Und erst diese gesammelte Kenntnis war es, die ihnen einen erfolgreichen Umgang mit den Herausforderungen ihrer Umwelt ermöglichte und ihr Überleben sicherte. Aber dabei blieb die Entwicklung nicht stehen. Die einzelnen Wahrnehmungen und gesammelten Kenntnisse verdichteten sich zunehmend zur komplexen Umwelt-Erfahrungen, die in eine ganz neue Qualität von Wahrnehmung boten (siehe den folgenden Beitrag „Erfahrung“).

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Bodo Fiebig „Umweltwahrnehmung“ Version 2020-6

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