Bereich: A Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Sturm der Erkenntnis

Beitrag 5: Das Innenbild der Außenwelt (Bodo Fiebig)

Das Universum bestand schon Milliarden von Jahren, bevor es Lebewesen gab, die etwas davon wahrnehmen konnten. Seine Existenz ist nicht von unserer Wahrnehmung abhängig, wohl aber die Vorstellung, die wir von unserer „Welt“ haben. Dass es Tag und Nacht gibt, das ist keine Erfindung des Menschen. Ob wir aber meinen, dass Tag und Nacht dadurch entstehen, dass der Sonnengott Re jeden Tag mit der Sonnenbarke über den Himmel fährt und jede Nacht mit der Nachtbarke durch die Totenwelt und jeden Morgen wieder wieder neu geboren wird (wie im alten Ägypten) oder ob wir meinen, Tag und Nacht entstehen durch die Drehung der Erde, welche bewirkt, dass sie Sonnenstrahlung mal die eine, mal die andere Seite der Erde bescheint, das beeinflusst unser Verständnis von unserer Umwelt (und von unserem Leben in ihr) ganz fundamental.

1 Die Welt verstehen

Jedes Lebewesen, und sei es nur ein einzelliges Bakterium, hat bestimmte Formen von Umweltwahrnehmung: Hitze und Kälte, Feuchte und Trockenheit, Fülle der „Lebens-Mittel“ oder Mangel … und das Bakterium wird versuchen dorthin zu gelangen, wo die Temperatur angenehm, die Feuchtigkeit ausreichend und das Nahrungsangebot optimal ist. Höher entwickelte Lebewesen haben weiter entwickelte Wahrnehmungsmöglichkeiten: Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen … Lebende Organismen haben die Fähigkeit, bestimmte Eigenschaften ihrer Umwelt wahrzunehmen und darauf zu regieren. Nur dadurch sind sie auf Dauer lebensfähig. Das gilt selbstverständlich auch für den Menschen.

Trotzdem stellt die Weltwahrnehmung des Menschen ein in der ganzen Schöpfung einmaliges Phänomen dar. Dabei geht es nicht in erster Linie um besondere Fähigkeiten der Wahrnehmung. Ein Falke kann viel schärfer sehen, ein Hund viel genauer und differenzierter riechen als ein Mensch. Es geht dabei vielmehr um eine besondere Form der Verarbeitung des Wahrgenommenen.

Wir Menschen brauchen ein Verständnis dessen, was wir wahrnehmen. Wir sind darauf angewiesen, dass wir die Gegebenheiten und Vorgänge in unserer Umgebung wenigstens in Ansätzen durchschauen, um zu verstehen, was geschieht, wie es geschieht, warum es geschieht, und ob in dem Geschehen ein sinnvoller Ablauf und ein Entwicklungsziel zu erkennen sind.  Ein Lebewesen, das Lebensräume erobert und gestaltet hat, die mit seiner Instinktausstattung nicht mehr zu bewältigen sind, braucht so ein Welt-Verständnis, um angemessen reagieren und handeln zu können. Jeder Mensch braucht also eine persönliche Verstehensweise und Deutung seiner Umweltwahrnehmungen, sozusagen eine „Arbeitshypothese“ für die Erklärung der Dinge und Vorgänge um ihn her als Grundlage für sein Leben und Handeln in dieser Welt.

Wir müssen also unterscheiden zwischen den Realitäten (die ja Realitäten bleiben, auch wenn verschiedene Menschen sie sehr verschieden wahrnehmen) und der Art und Weise, wie wir unsere Wahrnehmung von diesen Realitäten deuten und verstehen. Ein Hund bleibt ein Hund (also ein Tier, das dem entspricht, was man in der deutschen Sprache mit „Hund“ bezeichnet oder im Englischen mit „dog“, oder im Französischen mit „chien“ …). Freilich kann ein Hund für verschiedene Menschen sehr verschiedene Bedeutung haben. Der eine, ein Hundeliebhaber, sieht in ihm einen wahren Freund des Menschen. Ein anderer, der schon einmal von einem Hund gebissen wurde, fürchtet ihn als gefährliche Bestie.

2 Wahrnehmung und Imagination

Menschen wollen nicht nur wahrnehmen, was vor sich geht, sie wollen auch verstehen, was sie wahrnehmen. Das geht aber nur, wenn sie in ihrem Denken und Nachdenken Beziehungen herstellen können zwischen Ereignissen und Vorgängen, die sie erlebt und in ihrem Gedächtnis gespeichert haben, z. B. zwischen dem Sonnenaufgang am Morgen und dem Sonnenuntergang am Abend; bzw., aber noch viel schwieriger, zwischen dem Sonnenuntergang am Abend und dem Aufgang am Morgen. Dass zwischen diese beiden Vorgängen trotz des zeitlichen Abstands und der Dunkelheit der Nacht ein Zusammenhang besteht, ist ja nicht so selbstverständlich, wie es uns scheinen mag. Einem Bussard z. B. ist das völlig egal. Es ist hell, er fliegt, er sieht die Maus unter ihm und setzt zum Sturzflug an.

Menschen haben dagegen ein ganz anderes „Erfahrungs-Management“. Sie können Erfahrungen „verinnerlichen“, sie in ihrer Er-Innerung speichern (Das können Tiere in begrenzter Weise auch). Menschen aber können in ihrer „Welt-Verinnerlichung“ bestimmte Ereignisse und Abläufe der Vergangenheit wieder vergegenwärtigen, auch wenn sie zeitlich und räumlich weit entfernt geschehen sind und sie zueinander in Beziehung setzen. Sie fragen nicht nur „was geschieht?“, sondern auch „wie geschieht es?“ und „warum geschieht es?“ und „wie ist dieses Geschehen zu beurteilen?“ und „wie wird es weitergehen?“

Das hat für Menschen existenzielle Lebens- und Überlebens-Bedeutung. Denn wenn sie z. B. wahrnehmen (durch jahrhundertelange Erfahrungen und  Beobachtungen, die innerhalb seines Stammes über viele Generationen weitergegeben wurden), dass man bestimmte nahrhafte Pflanzen, die man sonst weiträumig suchen müsste, in der Nähe seiner Behausung vermehren kann, indem man bewusst Samenkörner dieser Pflanze dort in die Erde steckt, dann kann dadurch eine Entwicklung in Gang kommen, die man später die „landwirtschaftliche Revolution der Menschheit“ nennen wird. Der Mensch kann in seinem Gedächtnis, d. h. in der Erinnerung und Verarbeitung seiner Erfahrungen die einzelnen Ereignisse nicht nur aneinanderreihen oder sie wie in einer Lagerhalle aufstapeln, sondern er kann sie so einander zuordnen, das ihr Verhältnis zueinander ihnen eine besondere Bedeutung gibt.

Dass es Herbst wird und man sich auf den Winter vorbereiten muss, weil es da kalt wird und es keine frische (pflanzliche) Nahrung gibt, das „wissen“ viele Tiere. Menschen müssen bei ihren Reaktionen auf solche natürlichen Abläufe nicht einem unbewussten Trieb folgen, der von ihren Genen gesteuert wird, sondern können mit verschiedenen Formen von Vorratshaltung und Wohnraumbeheizung bewusst und sehr phantasievoll und flexibel auf Veränderungen in der Natur reagieren. Dass der Mensch als „Mängelwesen“ (A. Gehlen) sich überall auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen durchsetzen und ausbreiten konnte, verdankt er zu einem guten Teil dieser Fähigkeit, seine äußere Weltwahrnehmung in ein inneres Weltverständnis zu übertragen, das ihm ein sinnvolles und zielgerichtetes Handeln ermöglicht.

Jeder Mensch hat ein Weltverständnis; er könnte gar nicht existieren ohne es. Das muss nicht immer ein sprachlich ausformuliertes und in sich stimmiges Gesamtkonzept sein. Manchmal mag es auch nur aus einer Vielzahl unverbundener Eindrücke bestehen, von denen sich nur wenige in einen sinnvollen Zusammenhang ordnen lassen. Erst recht muss so ein Weltverständnis keine „Ideologie“ sein, wo alle Erfahrungen und alles Wissen in einen großen, von unverrückbaren Wertungen bestimmten Gesamtzusammenhang, einem „Welterklärungsmodell“ gesehen werden.

Trotzdem braucht jeder Mensch ein Welt-Wissen und Welt-Verständnis, das den Handlungsrahmen für sein Leben absteckt. Er könnte sich ja abends nicht beruhigt schlafen legen, wenn er nicht wüsste, dass ein paar Stunden später die Sonne wieder aufgeht, und es wieder hell wird. Er könnte den Winter nicht überstehen, wenn ihm nicht seine Erfahrung versicherte, dass der Schnee wieder taut und die Natur danach wieder neues Grün und neue Früchte hervorbringt. Vieles, was im Tierreich durch instinktgesteuerte Abläufe festgelegt ist, muss der Mensch auf Grund seiner Erfahrungen und auf Grund seines Verständnisses dieser Erfahrungen bewusst gestalten.

Jeder Mensch braucht auch ein Selbstverständnis, das ihm z. B. sagt: „Ich bin kein Adler, der hoch über der Erde schwebt; wenn ich auf diesen felsigen Berg will, dann werde ich wohl auf Händen und Füßen hinaufklettern müssen. Und wenn ich wieder hinunter will, kann ich mich nicht einfach so in die Luft werfen wie er und hinabgleiten; ich würde zu Tode stürzen.“ Oder Jahrtausende später: „Ich bin kein Mathematik-Genie, rechnen war nie meine Stärke. Ich werde mir wohl einen Beruf suchen müssen, bei dem Zahlen keine große Rolle spielen.“ Ohne eine realistische Vorstellung von dem, was wir sind und auch von dem, was wir nicht sind, könnten wir nicht bewusst leben und sinnvoll handeln. Seitdem sich Menschen Lebens- und Handlungsräume erschlossen haben, die nicht mehr mit der vorgegebenen Instinktausstattung bewältigt werden können, sind sie darauf angewiesen, ihre Lebensweisen und Handlungsoptionen durch Wissen und Erfahrung zu begründen. Wir haben und wir brauchen für unser Leben ein einigermaßen stimmiges Welt- und Selbstverständnis, um in den alltäglichen Situationen unseres Daseins angemessen reagieren und zielgerichtet handeln zu können.

Die Höchstform solcher „Weltwahrnehmung“ ist die Fähigkeit des Menschen, die Gesamtheit seiner Umwelterfahrungen in Form einer zusammenfassenden „Weltverinnerlichung“ in sich aufzunehmen, das heißt, seine Einzelerfahrungen so in Beziehung zueinander zu setzen, sie so zu ordnen und zu werten, dass er sie wie in einem riesigen Puzzlespiel passend zusammenzufügen kann, dass er sie zu seinem eigenen Selbstverständnis in Beziehung zu setzen vermag, dass er sie vor sich selbst als eigene und besondere „Innenschau der Außenwelt“ darstellen kann, um sie dann, in einem Akt schöpferischer Bewältigung, als Sinnzusammenhang zu deuten. Das kann nur der Mensch, kein Tier, auch der intelligenteste Affe nicht.

Wir machen uns die (realen!) Dinge und Vorgänge der Welt zu Eigen, machen sie uns verstehbar und handhabbar, indem wir uns (auf der Grundlage unserer Erfahrungen mit ihnen) eine persönliche Vorstellung, ja ein eigenes Deutungs- und Bedeutungs-Schema von ihnen gestalten. Wir formen uns nach und nach ein persönliches „Welt-Verständnis“ als unsere eigene Verstehensweise unserer Umweltwahrnehmungen. Wobei unsere Vorstellungen von den Dingen und Vorgängen unserer Umwelt ja keine unverbundenen Einzelbilder sind, sondern eher Mosaiksteinchen für ein Gesamtbild unserer Vorstellungswelt, das ich hier als „Weltverinnerlichung“ bezeichne.* Jeder Mensch braucht und hat so eine „Verinnerlichung“ von der Welt, in der er lebt, von den Dingen und Vorgängen, denen er begegnet, von seinen Mitmenschen und deren Beziehungen zu ihm und von sich selbst. Ohne eine solche Welt-Verinnerlichung könnte ein Mensch nicht sinnvoll leben und handeln. Er kann eben in der Kultur-Welt, die er sich selbst geschaffen hat, nicht mehr ausschließlich instinktgesteuert existieren.

* Dass die Vorstellung von unserer „Weltverinnerlichung“ als Mosaik oder Puzzle-Bild die Sache doch nicht genau trifft, werden wir später sehen – siehe Abschnitt 3 „Das Innenbild der Außenwelt“.

Diese „Weltverinnerlichung“ als persönliche „Imagination“ (d. h. als Übertragung und Aneignung und Zusammenschau seiner Umwelt- und Selbsterfahrungen in die eigene Vorstellungswelt) ist für jeden Menschen die größte geistige Lebensleistung, die er im Laufe seiner Lebenszeit vollbringt, auch wenn das bei dem Einem vielleicht eine sehr enge und schlichte Vorstellungswelt sein mag, bei einem Anderen vielleicht eine innere Schau von großartiger Weite, Vielfalt und Kreativität.

Wenn man nun die subjektive Vorstellungswelt mehrerer Menschen vergleichend betrachten könnte, würde man feststellen, dass sie zumindest in Teilbereichen sehr unterschiedlich sind. Die gleichen Dinge, Vorgänge, Ereignisse können von verschiedenen Menschen sehr verschieden betrachtet, verstanden und bewertet werden. Trotzdem sind Menschen keine isolierten Einzelwesen, die der Vorstellungswelt ihrer Mitmenschen völlig ahnungslos und verständnislos gegenüberstehen. Viele Erfahrungen sind ja für die meisten Menschen sehr ähnlich, z. B. die Erfahrung von Tag und Nacht, Hitze und Kälte, Sommer und Winter, Saat und Ernte, Wachheit und Schlaf, Essen und Trinken, Fülle und Mangel, Jugend und Alter, Mann und Frau, Geburt und Tod … Diese gemeinsame Erfahrungsgrundlage ermöglicht auch ein in Ansätzen gemeinsames Welt- und Selbstverständnis.

Das Doppelbild der „Weltverinnerlichung“ aus Weltverständnis und Selbstverständnis ist das Persönlichste, das ein Mensch überhaupt haben kann, persönlicher noch als sein „genetischer Fingerabdruck“. Es gibt keine zwei Menschen auf dieser Erde, deren „Weltverinnerlichungen“ auch nur annähernd identisch wären, auch nicht bei eineiigen Zwillingen. Auch wenn die zu ihren gleichen Genen dazu auch noch ihr ganzes Leben lang immer die gleichen Erfahrungen machen würden, so würden sie doch diese Erfahrungen sehr oft ganz verschieden wahrnehmen, einordnen, deuten…, so dass sie ihre Umwelt doch verschieden erleben und verstehen. Diese einmalige persönliche „Weltverinnerlichung“ ist auch eines der integrierenden Bestandteile des „Ich“ (vgl.  das Thema „Wer bin ich?“ und  dort den Beitrag 7 „Die Zentrale des Selbst“).

 

3 Das Innenbild der Außenwelt (vgl. die Themen „Wer bin ich?“ und „Wirklichkeit und Wahrheit“)

Vom Innenraum unserer „Weltverinnerlichung“ können wir uns nur bildhafte Vorstellungen machen. Er ist ja kein Körper-Organ, das man herausschneiden und betrachten könnte. Im Folgenden wird versucht, so eine „bildhafte Vorstellung“ mit Worten zu beschreiben.

Stellen wir uns zum Vergleich die Nachrichtenzentrale der Regierung eines Staates vor: Täglich, stündlich, minütlich kommen ganze Fluten von Nachrichten aus dem Inland und Ausland herein. Sie alle müssen geprüft, gewichtet und eingeordnet werden, damit sie für die Entscheidungen der Regierung zur Verfügung stehen. Sind die Nachrichten echt oder „Fake-News“? Welche Bedeutung haben sie für das Regierungs-Handeln und wie passen sie zu den schon vorhandenen Nachrichten und Entscheidungsvorgängen?

Einen ähnlichen Vorgang können wir uns auch für die zentrale Aufnahme-, Verarbeitungs- und Bewertungsstelle im Innern eines Menschen vorstellen. Dort geschieht diese Prüfung, Gewichtung und Einordnung der eingehenden Informationen (unserer Erfahrungen) auf eine geordnete und sehr effektive Weise. Führen wir uns, um die nachzuvollziehen, die „Nachrichtenzentrale“ eines Menschen etwas genauer vor Augen. Stellen wir uns vor: Eine riesige Halle; wir betreten sie durch den Haupteingang, über dem die Aufschrift „Erfahrungen“ leuchtet. Wir erkennen sofort, dass die Halle in verschiedene Abteilungen aufgeteilt ist. Und wir sehen: Überall ist alles in ständiger Bewegung; auch zwischen den Abteilungen ist ein ständiger Austausch im Gang. Als nächstes fällt uns auf, dass diese unaufhörlich fließende Arbeit in zwei Hauptabteilungen geschieht, die links und rechts eines sehr langen Mittelganges angeordnet sind (und wir merken: Das ist keine „Lagerhalle“, wo die Erfahrungen eines Menschen im Gedächtnis gesammelt, sortiert, gestapelt und aufbewahrt werden, sondern eine „Werkhalle“, wo noch ganz Entscheidendes mit den Erfahrungen geschieht.

Im Hintergrund auf der linken Seite sehen wir ein großes Leuchtmuster, wie auf einem riesigen Bildschirm, der die ganze linke Seitenwand der Halle ausfüllt. Dieses Leuchtmuster ist jedoch nicht statisch gleichbleibend, sondern in ständiger fließender Bewegung. Man kann erkennen, dass die Arbeitsergebnisse der linken Hauptabteilung dort in dieses Leuchtmuster eingeordnet werden. Ständig werden die neu ankommenden Ergebnisse bearbeitet und dann bestimmten Teilen des Musters zugeordnet, oder, wenn sie dort nicht passen, an einen anderen Platz verschoben. Dadurch geraten Teilbereiche des großen Musters in Bewegung, fließen in andere Richtungen, gruppieren sich neu, nehmen neue Farben und Formen an, damit sie da und dort ein schon vorhandenes Teilstück ergänzen oder vervollständigen können … Ganz oben über dem Leuchtmuster auf der linken Seite liest man die Überschrift „Weltverständnis“. Und das ist offensichtlich nie fertig, sondern befindet sich in einem unaufhörliche Aufbau und Umbau, je nachdem, welche Nachrichten durch den Haupteingang für die Erfahrungen oder durch einige kleinere Nebeneingänge hereinkommen.

Erst jetzt fällt uns auf, dass auch auf der rechten Seite die Seitenwand von einem riesigen Leuchtmuster ausgefüllt ist. Aber dieses Muster ist einfacher strukturiert. Überhaupt scheinen hier weniger logische Formen, als vielmehr emotionale Farben den Eindruck zu bestimmen. Da gibt es Flächen mit einem brennenden Glut-Rot, von dem aus unruhige Bewegungen zu anderen Bereichen ausgehen. Einige Teilflächen sind von einem schwefeligen Gelb beherrscht, das eher abwehrend wirkt, andere von einem düsterem Grau bis Schwarz, das ankommende Impulse verschluckt. Einige größere Flächen zeigen ein klares, strahlendes Blau, das aussieht wie der Himmel an einem sonnigen Sommertag und darin eingelagert freundliche Muster in einem lebendig pulsierendem Hell-Rot, manchmal mit goldenen Markierungen darin. Von da aus gehen wohltuende Impulse in alle Richtungen. Erst beim genaueren Hinsehen nehmen wir wahr, dass auch diese farbigen Flächen Strukturen haben, die dem Ganzen ihre Bedeutung geben. Die Überschrift über diesem rechten Leuchtmuster heißt „Selbstverständnis“. Und wir merken: Auch auf dieser rechten Seite können die ankommenden Erfahrungen nicht direkt bis an das Leuchtmuster gelangen, sondern müssen erst einen komplizierten Verarbeitungsprozess durchlaufen, ehe sie dafür geeignet sind. Das geschieht im Mittelgang und in den Arbeitsräumen rechts von ihm (so wie die Vor-Arbeiten für die Aufnahme in das „Weltverständnis“ in den Arbeitsräumen links des Mittelganges geschehen). Und wir merken: Dort in diesem Mittelgang und den Arbeitsräumen links und rechts davon laufen wichtige Vorgänge für die Aneignung, Bewertung und Einordnung der Erfahrungen. Sehen wir uns diese Vorgänge genauer an:

Wir erkennen im Mittelgang der großen Halle eine Art „Bearbeitungsweg“ mit mehreren Stationen. Jede hereinkommende Information (Erfahrung) muss alle Stationen dieses Weges durchlaufen. Dort werden sie auf bestimmte Kriterien hin abgefragt und mit dem schon vorhandenen Informationsstand verglichen. Schon auf dem ersten Blick fällt auf, dass zwischen den einzelnen Stationen des Mittelwegs und den beiden Außenbereichen ein reges Hin und Her im Gange ist.

Die vier Haupt-Stationen des Mittelgangs sind mit großen Schildern versehen (hier gelb gekennzeichnet), auf denen die jeweiligen Schwerpunktfragen genannt wird. Dazu sind einige weiterführende Fragen aufgeschrieben mit großen Pfeilen, welche die Richtung angeben:

Wer/was?

Nach links zum Leuchtmuster Weltverständnis: Wer ist das? Was ist das? Um welche Personen oder Sachverhalte geht es? Welche Personen und Sachverhalte sind besonders wichtig? Aufbau eines Begriffssystems und von Grundlagen des Erkennens und Verstehens

Nach rechts zum Leuchtmuster Selbstverständnis: Wer bin ich? Aufbau eines Selbstbewusstseins, erste Ansätze zur Entwicklung einer Ich-Identität

 

Wie?

  1. a) Orientierung

Weltverständnis: Wie sind die Dinge und Menschen meiner Umgebung, welche Eigenschaften haben sie und wie sind sie einander zugeordnet?

Selbstverständnis: Wie bin ich? Was unterscheidet mich von anderen? Wie ist meine Stellung in der Gemeinschaft?

  1. b) Erklärung

Weltverständnis: Wie funktioniert das? Nach welchen Regeln und Gesetzmäßigkeiten laufen bestimmte Vorgänge ab? Wie werden sie beeinflusst und gesteuert?

Selbstverständnis: Wie „ticke“ ich? Was sind meine Stärken und Schwächen? Wie sehen mich die andern?

 

Warum?

  1. a) Entwicklung

Weltverständnis: Wodurch sind die Dinge so geworden wie sie sind? Wie und wohin entwickeln sie sich?

Selbstverständnis: Wodurch bin ich geworden, wie ich bin und wie wird es mit mir weitergehen?

  1. b) Verantwortung:

Weltverständnis: Wer ist dafür verantwortlich, dass die Dinge so geworden sind, dass sie sich positiv oder negativ entwickelt haben? Und wo liegt meine Verantwortung dazu?

Selbstverständnis: Wer ist verantwortlich für die positiven oder negativen Wendungen, die mein Lebensweg genommen hat? Und was ist mein eigener Anteil daran?

Wozu?

  1. a) Wertung:

Weltverständnis: Was gilt allgemein als wichtig oder unwichtig, wertvoll oder wertlos, richtig oder falsch, gut oder böse?

Selbstverständnis: Was habe ich selbst von dem, was allgemein als wichtig, wertvoll, richtig und gut angesehen wird? Und habe ich auch Anteile an dem, was allgemein als unwichtig, wertlos, falsch und böse gilt?

  1. b) Sinngebung

Weltverständnis: Was ist der Sinn und das Ziel allen Lebens, der Geschichte der Menschheit und der ganzen Schöpfung?

Selbstverständnis: Was ist der Sinn und das Ziel meines Lebens?

Das sind Grundfragen zum Weltverständnis und Selbstverständnis, die in konkreten Situationen sehr viel detaillierter und differenzierter angesprochen werden, als in der obigen Übersicht. An ihnen vollzieht sich die Prüfung, Gewichtung und Zuordnung unserer Erfahrungen in den Gesamtzusammenhang unserer Weltverinnerlichung. Dabei können wir wahrnehmen, dass auch die beiden großen Teilbereiche „Weltverständnis“ und „Selbstverständnis“ nicht voneinander isoliert arbeiten. Jede neue Situation muss immer aus beiden Blickwinkeln gesehen werden. Jede Umwelterfahrung (besonders mit der sozialen Umwelt) verändert auch unser eigenes Selbstverständnis und jede neue Selbstwahrnehmung beeinflusst auch unsere Welt-Sicht. Beide Teilbereiche bilden doch ein Ganzes: Das Ganze unserer Weltverinnerlichung als Grundlage unseres Seins als „Ich in der Welt“.

Dieses „Weltverinnerlichung“ ist kein statischer Bestand, sondern ein sich ständig veränderndes Geschehen, das in Folge jeder neuen Erfahrung die Form und die Richtung seiner Daseinsinterpretation in mehr oder weniger bedeutsamen Teilbereichen immer wieder neu justieren muss. Und: Sie beschreibt keinen Zustand, sondern eine Geschichte: So und so ist das geworden, was ich jetzt wahrnehme und so und so wird es (wahrscheinlich) weitergehen. Das Besondere an der „Welt-Sicht“ der Menschen ist, dass die das Gegenwärtige als etwas in der Vergangenheit Gewordenes erkennt und als etwas, das sich in die Zukunft weiterentwickelt und dass sie dieses Erkennen in eine zusammenhängende „Sinngeschichte“ einordnen kann (siehe auch das Thema „Die Frage nach dem Sinn“). Und das kann dann bei dem Einen ein Welt- und Selbstverständnis von großer Weite, Vielfalt, Differenzierung, Farbigkeit, Beweglichkeit und tiefbegründeter Ethik beinhalten, bei einem andern eine begrenzte und schlichte Weltsicht mit einem sehr starren Handlungsrahmen.

Unser je eigenes Weltverständnis ist eine innere Entsprechung der äußeren Welt, subjektiv und individuell und doch auch Teil eines großen kulturspezifischen, in manchen Bereichen auch menschheitsumfassenden Weltbildes, gemalt mit den Formen menschlichen Denkens und mit den Farben menschlichen Empfindens, aber doch auch Widerspiegelung unserer Wahrnehmungen von einer real existierenden Welt. So hat die Menschheit jahrtausendelang gelebt und gedacht und ihr Weltverständnis weiterentwickelt und so sind die Kulturen der Welt entstanden.

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Bodo Fiebig „Das Innenbild der Außenwelt  “ Version 2020-6

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