Bereich: D Wege im Glauben

Thema: Evangelium und Urgemeinde

Beitrag 3: Die Sprache der Evangelien (Bodo Fiebig)

Nun stellt sich die Frage, in welcher Sprache die Evangeliumstexte ursprünglich geschrieben wurden. Dabei ergibt sich eine Schwierigkeit: Alle vier kanonischen Evangelien liegen uns in griechischer Sprache vor. Gleichzeitig können wir sicher sein, dass Jesus, wenn er zu seinen Jüngern oder zu den Bewohnern der galiläischen Dörfer sprach, nicht die griechische Sprache verwendet hat. Heute setzt sich, gut begründet, immer mehr die Ansicht durch, dass die Sprache, die die meisten Menschen dieser Gegenden verstanden und selbst benutzten, Hebräisch war, nicht Aramäisch, wie oft behauptet wurde.

Zur Zeit Jesu war Hebräisch nicht, wie man früher annahm, eine tote Sprache, die nur noch in liturgisch-gottesdienstlichen Zusammenhängen verwendet wurde. Die Qumran-Rollen z. B. (die in einem Zeitrahmen von etwa 200 v. Chr. Bis 100 n. Chr. entstanden waren) sind zum großen Teil in hebräischer Sprache geschrieben und zeigen, dass Hebräisch damals auch für alle möglichen Gebrauchstexte verwendet wurde(z. B. für die Regeln des Gemeindelebens oder für eine Liste von vergrabenen Wertgegenständen aus dem Tempelschatz usw.). Solche Texte in einer Sprache (Hebräisch) zu schreiben, die kaum jemand mehr lesen und verstehen konnte, wäre unsinnig gewesen. Als Pontius Pilatus Jesus zum Tode verurteilt hatte, ließ er am Kreuzbalken eine Aufschrift mit dem Namen des Verurteilten und der Urteilsbegründung anbringen: „Jesus aus Nazareth, König der Juden“. Diese Aufschrift (so lesen wir es im NT) war dreisprachig: hebräisch (nicht aramäisch), lateinisch und griechisch (Joh 19,20). Das waren die drei Sprachen, die in Jerusalem, wo die Kreuzigung stattfand, gelesen und verstanden werden konnten. Auch hier hätte es ja keinen Sinn gemacht, Sprachen zu verwenden, die kaum jemand hätte lesen können.

Aramäisch kam für den Römer Pilatus hier wohl nicht in Frage. Das war vor allem die Sprache der östlichen  Nachbarn des Römischen Reiches, mit denen Rom ständig in Rivalitätund Kämpfen verwickelt war; sozusagen die Sprache des Feindes.

Die römische Besatzung hatte auch für die sprachliche Situation im Land weitreichende Folgen. In einem freien Land dominiert selbstverständlich die Sprache der Bevölkerungsmehrheit. In einem besetzten Land dagegen drängen verstärkt andere kulturelle und damit auch sprachliche Einflüsse herein. Das Lateinische wurde zur „Amts-Sprache“.

So ergab sich eine sehr differenzierte Situation: Lateinisch war die Sprache der Besatzer, verhasst, aber mit allen Mitteln der Macht ausgestattet. Griechisch war die Sprache der Gebildeten, eine Sprache, die von der Mehrheit der Menschen in Israel als einer fremden Kultur zugehörend empfunden wurde. Aramäisch war zwar im ganzen Alten Orient weit verbreitet, die meisten Menschen in der jüdischen Provinz des Römischen Reiches zur Zeit Jesu beherrschten diese Sprache aber wohl nicht besser als viele heutige Mitteleuropäer das Englische. Und sie verwendeten es ähnlich, nämlich als eine Sprache, mit der man sich zwischen verschiedensprachigen Volksgruppen verständigen konnte (hier vor allen mit Menschen, die aus den östlichen Nachbarländern stammten), aber nicht als die Sprache, die man normalerweise untereinander verwendete. Allerdings mischte man (vergleichbar mit den Anglizismen im modernen Deutsch) aramäische Wörter und Redewendungen in das gesprochene und geschriebene Hebräisch. Ähnliches galt für Koine-Griechisch, eine volkstümliche Umgangsform des Griechischen, die eher der Verständigung mit Menschen aus den nördlich und nordwestlich liegenden Ländern diente. Hebräisch aber war die Sprache des Volkes, der Fischer am See Genezareth ebenso, wie der Bürger von Jerusalem. Folglich hielt Jesus seine Ansprachen und Predigten in hebräischer Sprache.

Es muss also irgendwann eine Übertragung von hebräisch gesprochener Sprache zu griechisch geschriebenen Texten stattgefunden haben. Wir können sicher sein, dass die ersten Mitschriften (oder Niederschriften aus dem Gedächtnis) von Lehrvorträgen, Gleichnissen und Predigten Jesu die Originalsprache Jesu, also Hebräisch, verwendeten. Damals konnten ja die Schreiber nicht ahnen, dass diese Texte einmal weit über die Grenzen der jüdischen Provinzen hinaus Beachtung finden würden. Die ersten Sammlungen von Aussagen Jesu bestanden also aus hebräischen Texten. Erst dann, als sich erste Gemeinden in nicht hebräischsprechenden Gegenden und vor allem aus nicht hebräisch sprechenden Menschen gebildet hatten, entstand die Notwendigkeit, die Rede Jesu auch in andere Sprachen zu übersetzen. Das waren vor allem Griechisch für die nordwestliche Richtung, Aramäisch, später auch Parthisch für die östlichen Länder, Latein für die Kernländer des römischen Reiches und Ägyptisch (Koptisch), später auch Arabisch, für den Süden.

Dass die kanonischen Schriften des NT heute alle in griechischer Sprache vorliegen, ist wohl nicht dadurch begründet, dass die Rede Jesu in der Frühzeit des Christentums nur ins Griechische übersetzt wurde, sondern dadurch, dass die Kirche des Ostens und des Südens im 7. bis 9. Jahrhundert vom Islam überrollt wurde und ihr Schrifttum nur in sehr geringem Umfang erhalten ist. (Trotzdem gab es auch frühe aramäische Evangeliumstexte: Um 170 n. Chr. verfasste Tatian das „Diatessaron“, eine Evangelienharmonie in syrisch-aramäischer Sprache. Sie war bis ins 4. Jahrhundert als alleiniger Evangelientext in syrischen Gemeinden im Gebrauch. In dieser Form ist sie allerdings nicht erhalten geblieben.)

Man kann also davon ausgehen, dass diejenigen, die sich daran machten, die Jesus-Überlieferung zusammenzustellen und herauszugeben, zwei verschiedene Arten von Vorlagen zur Verfügung hatten:

1) Sehr frühe Aufzeichnungen der hebräischen Rede Jesu, die von verschiedenen Hörern (mit verschiedenen Interessen, verschiedenen Schreibfähigkeiten und verschieden gutem Gedächtnis) unmittelbar während oder nach den Vorträgen Jesu aufgeschrieben  worden waren.

2) Mündliche, wahrscheinlich auch schon zum Teil schriftliche fixierteÜberlieferungen von Ereignissen und Abläufen, die diese Reden Jesu in ihren jeweiligen Situationszusammenhang stellten.

Je nachdem, in welchem kulturellen Umfeld die Zusammenstellung der Evangelien geschah, konnten diese Vorlagen in einer der oben genannten Sprachen verfasst oder erzählt sein. Aus diesem vielsprachigen Material mit der hebräischen Rede Jesu als Kern haben die Evangelisten, nachdem sie „alles sorgfältig erkundet” hatten, ihre Texte zusammengestellt und „in guter Ordnung aufgeschrieben” (Lk 1,3). Vier Evangelien in griechischer Sprache sind uns erhalten. Sie waren offensichtlich so früh entstanden, dass sie später als authentisch und normativ angesehen wurden. Dabei spielte vielleicht auch das Ansehen der Herausgeber, vor allem aber das Ansehen der herausgebenden Gemeinden eine mitentscheidende Rolle. Die größten und angesehensten Gemeinden konnten leichter „ihr” Evangelium als maßgebend durchsetzen.

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Bodo Fiebig „Von der Rede zur Schrift, Version 2020-8

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