Bereich: D Wege im Glauben

Thema: Evangelium und Urgemeinde

Beitrag 4: Die Ausbreitung der Jesus-Botschaft (Bodo Fiebig)

Eine wichtige Frage aus der Anfangszeit des Christentums bewegt uns noch: Wie konnte sich das Christentum in so kurzer Zeit über so weite Räume und in so verschiedenen Kulturkreisen ausbreiten? Wie konnten ein paar Fischer und Bauern aus Galiläa, einem der abgelegensten Gebiete es Römischen Reiches, die nicht eben zur Macht- und Bildungselite der damaligen Welt gehörten, einen solch schnellen und umfassenden Missionserfolg erreichen? Die Antwort ist einfach: weil Gott es so wollte. Aber er ließ dazu nicht Feuer vom Himmel regnen oder Heere von Engeln aufmarschieren, sondern er benutzte offensichtlich ganz irdische politische und soziale Verhältnisse und Vorgänge, um seinen Willen durchzusetzen. Die Antwort auf unsere Frage ist deshalb zwar vielschichtig, aber doch relativ einfach darstellbar: Manchmal gibt es historische Situationen, in denen eine bestimmte Gruppe von Menschen da ist, die geradezu auf eine neue „Leitidee“ für ihr Leben, auf eine neue spirituelle Identität wartet. Wie ein Schloss, das schon vorhanden ist, für das aber noch der passende Schlüssel fehlt.

So eine „Schloss-Gruppe“ gab es auch zur Zeit der Entstehung des Christentums. Nur durch sie waren die raschen Erfolge der frühchristlichen Mission möglich. Ihre Mitglieder lassen sich folgendermaßen beschreiben:

  1. Sie waren heidnischer Herkunft, aber enttäuscht und abgestoßen von den vorhandenen Götter-Kulten, die keine Antworten mehr gaben auf die existenziellen Fragen und kein tragfähiges Fundament mehr bildeten für den Aufbau einer eigenen, den veränderten Umständen angepassten Identität. Viele der zum Teil uralten Kulturen und Religionen (z. B. die ägyptisch-pharaonische) waren von der Militärmaschine der Römer überrannt worden und hatten als die unterlegenen Kult-Mächte ihre Legitimation als Schutz-Mächtev erloren. Gleichzeitig war aber der römische Götter- und Gott-Kaiser-Kult, der im römischen Weltreich eine neue Identitäts-Grundlage hätte bilden können, für viele der in den römischen Provinzen lebenden Menschen unannehmbar belastet als der Kult der Eroberer des eigenen Landes und Zerstörer der eigenen Kultur, der Besatzer und Ausbeuter, der Unterdrücker, Gewalttäter und Henker.
  2. Sie (die Mitglieder der hier genannten „Schloss-Gruppe“) wurden mehr oder weniger stark vom jüdischen Monotheismus angezogen, weil der ihnen eine Glaubensgrundlage bot, die nicht abhängig war von der militärisch-politisch-wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer An-. Der alte jüdische JaHWeH-Glaube hatte sich als stark genug erwiesen, auch nationale Katastrophen (z. B. die Babylonische Gefangenschaft) zu überstehen und mitten in äußeren Nöten (z. B. aktuell durch die römische Besatzung) eine innere Gewissheit zu erhalten, die auch durch stärkste Anfechtungen hindurchtragen konnte. Außerdem war das Judentum im Römischen Reich eine anerkannte und geschützte Religion, deren Anhänger keine Verfolgungen durch die Staatsorgane zu fürchten brauchten. Gleichzeitig schreckte aber die Fülle von Regeln und Vorschriften im pharisäisch dominierten Judentum, die dem Leben und Handeln ihrer Anhänger doch erhebliche Grenzen zog und Zwänge auferlegten, viele der Interessierten ab, sich dem Judentum ganz und ohne Vorbehalte anzuschließen.
  3. Solche „Gottesfürchtige“ genannten Personen gab es an sehr vielen Orten im ganzen Römischen Reich und sie machten, obwohl sie durch ihre Vereinzelung kaum sichtbar in Erscheinung traten, einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung vieler römischer Provinzen aus. In der Mehrheit waren es wohl Angehörige der unteren Bevölkerungsschichten: Sklaven, einfache Handwerker, kleine Kaufleute … Die meisten waren Stadtbewohner; in den ländlichen Gebieten hielten sich eher noch die alten angestammten Religionen. Mit ihnen gab es eine erwartungsvolle und aufnahmebereite Gruppe, die schon vorbereitet war für die Mission einer Glaubensform, die ihnen entgegenkam und die (das war die historische Leistung des Paulus) auf ihre Bedürfnisse geradezu „zugeschnitten“ wurde. Die paulinische Theologie (die sich an manchen Stellen von der ursprünglichen Botschaft Jesu deutlich entfernte) war einer der „Schlüssel“, der das „Schloss“ der suchenden Menschen in denProvinzen des Römischen Reiches für das Christentum öffnete.

Diese so gekennzeichnete Bevölkerungsschicht im Römischen Reich vor zweitausend Jahren war eine entscheidende Voraussetzung für die rasche Ausbreitung des christlichen Glaubens innerhalb der Grenzen des Imperiums. Gleichzeitig geschah aber auch eine ebenso bedeutsame Ausweitung des Christentums außerhalb des römischen Einflussbereichs, vor allem nach Osten zu in das Partherreich, später das Sassanidenreich, aber auch nach Süden in arabisch sprechende Gebiete und in das ägyptisch (koptisch) sprechende Nordafrika, die aber ganz andere Voraussetzungen hatte, und deshalb auch in ganz anderen Bahnen verlief. Von ihr wissen wir leider nur wenig, weil die Entwicklung des Christentums dort seit dem 7. bis 9. Jahrhundert durch die Ausbreitung des Islam zwar nicht abgebrochen, aber doch erschwert und vielfach überlagert wurde.

Der entscheidende Impuls für die rasche Ausbreitung des Christentums kam aber in allen Richtungen und Regionen von der Verkündigung Jesu und seiner Apostel selbst. Die Botschaft vom nahe gekommenen Gottesreich*, das alle menschlichen Herrschaftssysteme überwindet und ablöst, berührte und erschütterte die Menschen überall, in den eroberten und unterdrückten Provinzen des Römischen Reiches ebenso, wie in den zusammenbrechenden persischen und ägyptisch-pharaonischen Kulturen.

* Siehe das Thema „Dein Reich komme“.

Freilich bekam nach und nach diese Botschaft in der nichtjüdischen Bevölkerung, die den Glaubens- und Erfahrungshintergrund des Judentums nicht vor Augen hatte, zwangsläufig auch andere Akzente, als sie Jesus selbst gemeint und gewollt hatte. Ohne weiter darauf einzugehen, sei hier nur der bedeutende Einfluss der griechischen Philosophie und des römischen Rechts auf die innere und äußere Entwicklung des frühen Christentums genannt.

Dass dann die christliche Botschaft so schnell weite Teile des Römischen Reiches „erobern“ konnte, ist aus der besonderen Situation der damaligen Zeit leicht zu erklären: Die Oberherrschaft der Römer über weite  Gebiete rund um das Mittelmeer und darüber hinaus, hatte die weitgehende Abgeschlossenheit der bis dahin bestehenden „Kulturinseln“ aufgebrochen. Zwar gab es schon lange vorher einen Austausch von Waren und, in geringerem Maße, auch von Personen und Ideen. Die Denkmuster und religiösen Überzeugungen der Völker rund um das Mittelmeer blieben jedoch bis zur Eroberung durch die Römer noch weitgehend isoliert und in jahrhundertealten Traditionen verhaftet. Das änderte sich nun in relativ kurzer Zeit. Die römischen Machthaber ließen ihren Provinzen zwar eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit, aber diese waren nun an einen ständigen und beschleunigten Austausch von Personen, Waren, Informationen und Ideen angeschlossen, der sich keine dieser Kulturen entziehen konnte, und der keine von ihnen unverändert ließ.

Diese Entwicklung ist am ehesten vergleichbar mit dem gegenwärtigen Vorgang, den wir „Globalisierung“ nennen: Heute sind durch einen weltweiten Austausch durch immer schnellere Reise- und Transportmittel, vor allem aber durch den weltweiten Austausch von Informationen über das Internet, Entwicklungen in Gang gekommen, denen sich kein Land, kein Volk und keine Kultur der Erde entziehen können. Um die Zeitenwende vor zweitausend Jahren geschah so etwas wie eine „Globalisierung“ innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches. Innerhalb weniger Wochen konnten Personen, Waren und Ideen von Ort zu Ort quer durch das ganze Imperium gelangen. Dazu dienten ein gut ausgebautes Straßennetz und (relativ) gesicherte Schifffahrtswege. Das frühe Christentum fand nicht nur an vielen Orten eine aufnahmebereite Bevölkerungsschicht vor, sondern auch Verkehrswege und eine überregionale Durchlässigkeit für Gedanken und Glaubensinhalte, die eine Ausbrei-tung ermöglichten, die in früheren Zeiten Jahrhunderte gedauert hätte, wenn nicht gänzlich unmöglich gewesen wäre.

So konnte sich die „Frohe Botschaft“ der Jesus-Anhänger in erstaunlich kurzer Zeit in weiten Teilen des römischen Imperiums ausbreiten. Diese Botschaft, die im Kern zum einen aus der schriftlich überlieferten Rede Jesu und zum andern aus der erschütternden Erfahrung seines Todes und seiner Auferstehung bestand, traf wie eine Pfeilspitze ins Herz der verunsicherten und enttäuschten Menschen. Das junge Christentum, das zunächst nur als eine Art jüdische Sekte wahrgenommen wurde, wuchs in (historisch gesehen) kurzer Zeit zu einer „Welt-Religion“ heran, welche die ganze damals bekannte Welt (von der Ursprungsregion des Christentums aus gesehen) veränderte und die bis heute Menschen ver-schiedenster Völker und Kulturen vereint.

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Bodo Fiebig „Die Ausbreitung der Jesus-Botschaft, Version 2020-8

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