Bereich: A Wege biblischen Glaubens

Thema: Mose

Beitrag 1: Exodus – Aufbruch in die Freiheit (Bodo Fiebig)

Mose ist, neben Abraham und David, die herausragende Gestalt des Alten Testaments. Nach ihm werden die grundlegenden Bücher der „Weisungen“ Gottes (der Thora) benannt: Die „5 Bücher Mose“, mit der Schöpfungserzählung, den Vätergeschichten, der Volkwerdung Israels und dem Bundesschluss Gottes mit diesem erretteten und erwählten Volk. Mit der Person des Mose sind auch die entscheidenden Aufbrüche und Weichenstellungen in der frühen Geschichte Israels verbunden, freilich auch Einbrüche und Fehlentscheidungen mit weitreichenden Folgen. Einzelne Stationen auf seinem Wege, an denen auch entscheidende Impulse und Richtungsweisungen für den Weg Gottes mit dem Volk Israel und mit der ganzen Menschheit sichtbar sind, werden hier in abwechselnd erzählenden und erklärenden Texten dargestellt.

Die Frage, ob Mose wirklich eine historische Gestalt war, wird hier nicht diskutiert. Die folgende Darstellung geht aber davon aus, dass die Erzählungen der Mose-Geschichte einen historischen Hintergrund haben und vor allem, dass sie uns wirklich etwas vom Verhältnis Gottes zu den Menschen, wirklich etwas von von der Geschichte Israels als Bundesvolk Gottes, wirklich etwas von den Grundlagen des Zusam­menlebens der Menschen zu sagen haben. Dass die Ereignisse sich wirklich so abgespielt haben, wie sie in den 5 Mose-Büchern überliefert sind, ist umstritten, dass sie aber in der überlieferten Form „Wort Gottes für uns“ sind, wird in diesem Beitrag vorausgesetzt.

Mose war fassungslos: Ausgerechnet Baal-Zefon! Nun befand er sich genau da, an dem Ort, wo er auf keinen Fall sein wollte. Das hatten die Heerführer des Pharao sehr geschickt gemacht: Sie hatten mit ihren beweglichen Truppen und schnellen Streitwagen dem schwerfälligen Tross der Flüchtlinge den Fluchtweg in den Sinai abgeschnitten, so dass die Israeliten nun doch wieder nach Mitternacht auf das große Meer hin ausweichen mussten. Mose hatte auf keinen Fall den kürzesten Weg auf der großen Karawanenstraße am Meer entlang nehmen wollen. Denn die führte direkt in das Land der Philister und die hochgerüstete Armee der Philister würde ihnen ein Weiterkommen unmöglich machen. Außerdem war hier die Hauptmacht der Grenztruppen der Ägypter stationiert, die niemanden ohne den ausdrücklichen Befehl des Pharao herein oder hinaus ließen. Baal-Zefon war die größte dieser Grenzgarnisonen.

Zwei Tagesmärsche war die ganze riesige Kolonne mit den Alten und den Kindern, mit Schafen und Ziegen, mit den Zelten und Haushaltsgeräten und ihrer ganzen übrigen Habe, die sie von Ägypten mitgenommen hatten, in höchster Eile weitergezogen, um dem Heer des Pharao zu entkommen. Nach ihrem ersten Lagerplatz waren sie zuerst in Richtung der Mittagssonne gezogen, um zur Wüste Sinai zu gelangen, wo Mose alle Wege und Wasserstellen kannte, dann aber hatte ihnen JaHWeH durch Mose befohlen, die Richtung zu ändern, nach Mitternacht, auf das Meer zu*. Und nun fanden sie sich hier zwischen den kleinen Oasen-Dörfern Pi-Hahirot und Migdol mit der Küste des großen Meeres in Sichtweite. Irgendwo hinter ihnen waren die Elitetruppen des ägyptische Heeres, und vor ihnen das befestigte Grenzlager Baal-Zefon.

* Siehe 2. Mose 14,1-22

Mose spürte die Unzufriedenheit und Angst, ja zunehmende Panik unter den Flüchtlingen. War ihre Flucht schon gescheitert? Was würde aus ihnen, wenn die Ägypter sie einholten? Würde auch nur einer von ihnen am Leben bleiben? Mose überlegte fieberhaft, wie er das Volk aus dieser Zwangslage herausführen könnte. Westlich von ihnen lagen Ägypten und das Sklaven-Land Gosen, wo sie aufgebrochen waren. Der südliche Weg durch die Sinai-Wüste war ihnen versperrt, dort jagten die Streitwagen des Pharao heran. Nach Osten zu führte die große Krawanenstraße ins Philisterland und davor lag Baal-Zefon. Im Norden versperrte das große Meer jeden Ausweg. Es war zum Verzweifeln. Bitterer Spott und aggressive Ablehnung schlugen Mose entgegen, als er durch das aufgewühlte Lager ging: „Gab es denn in Ägypten nicht Gräber genug, dass du uns von dort wegführen musstest, damit wir hier in der Wüste sterben?“*

Mose sah zum Himmel. Das strahlende Blau hatte sich verdüstert. Die Sonne stand blass über dem Horizont, die Luft war drückend heiß und mit feinem Staub erfüllt. Mose kannte die Anzeichen: Einer der gefürchteten Sandstürme kündigte sich an. Aber dann sah er, sahen sie alle die noch viel größere Gefahr. Eine geballte Staubwolke näherte sich, obwohl noch weit entfernt, von Süden her: die Ägypter! Erst waren es nur einzelne entsetzte Rufe, dann ein einziges schreiendes Chaos. Jeder versuchte seine Familie und die nötigste Habe zusammen zu raffen und dann drängte sich die ganze ungeordnete Menge nach Norden. Vergeblich versuchten Mose und einige der Familienoberhäupter die mitreißende Bewegung zu ordnen und in eine andere Richtung zu lenken. In Richtung Mitternacht war das Meer, sonst nichts! In diesem Moment erkannte Mose, dass genau das die Absicht der Ägypter war: Die ganze Menge des fliehenden Volkes an der Küste des Meeres zusammenzudrängen, ohne Fluchtmöglichkeit und ohne die Chance einer geordneten Gegenwehr.

* 2. Mose 14, 11

Da merkte Mose, dass der Sturm etwas nachließ, jedenfalls hier an der Küste. Weiter im Süden aber mischte sich die Staubwolke des heranziehenden Heeres mit einer immer dichter werdenden massiven Wand aus Wüstensand, den der Sturm vor sich hertrieb. Sollte JaHWeH doch eingreifen und die Ägypter aufhalten? Eilig rief Mose die führenden Männer der verschiedenen Stämme und Sippen zusammen. Vielleicht gab es doch einem Ausweg! „Hört zu! Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil JaHWeH heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. JaHWeH wird für euch streiten und ihr werdet still sein“. (2.Mose 14, 13-14).

Mose deutete mit einer Handbewegung auf das Meer. „Vielleicht gibt es doch noch einen Ausweg. Dort, noch vor Baal-Zefon, zweigt eine schmale Landzunge ab und führt direkt ins Meer. Sie verläuft in einem großen Bogen weit aufs Meer hinaus und dann wieder zurück zum festen Land und umgeht so Baal-Zefon und die anderen Grenzstationen. Der Teil des Meeres, der durch diese Landzunge abgetrennt wird, nennt man das Schilfmeer, weil seine Ufer von Seegras und Schilf bewachsen sind. Sagt euren Leuten, dass wir weiterziehen, wir haben keine andere Wahl.“

Was Mose in diesem Augenblick nicht sagte, war die Tatsache, dass er diesen Weg kannte, den Weg und seine Gefahren. Nach etwa zwei Dritteln der Strecke gab es eine Stelle, wo die schmale Nehrung zum Teil weggeschwemmt war. Über eine Distanz von fast tausend Schritten lag die Landzunge mehrere Ellen unter Wasser. Je nachdem, wie stark und aus welcher Richtung der Wind wehte, konnte man diese Stelle durchwaten oder sie lag so tief unter Wasser, dass sie völlig unpassierbar war!

Die Sonne stand schon tief über dem Horizont, als die fast endlos scheinende Menschenschlange sich in Bewegung setzte und mitten ins Meer hinauszog. Wenig später war es ganz dunkel. Der Sturm war wieder stärker geworden, ja er hatte sich zu einem gewaltigen Unwetter ausgeweitet. Unablässig zuckten Blitze vom Himmel und beleuchteten den gefährlichen Weg. Von den Ägyptern war jetzt nichts zu hören und zu sehen. Hinter dem Zug der Israeliten tobte ein Sturm, wie sie noch nie einen erlebt hatten. Da kamen auch die kampferprobten Truppen des Pharao nicht schneller voran (2. Mose 14,19-20): Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster, und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.

Es war schon zur Zeit der dritten Nachtwache, als sie die Stelle erreichten, wo das Meer die Landzunge überschwemmt hatte. Im Licht der unablässigen Blitze sahen sie, dass die Fortsetzung ihres Weges unter Wasser lag; wie tief, war nicht zu erkennen. Der Sturm hatte sich gedreht und kam nun von Osten, ihnen entgegen. In diesem Augenblick kamen die ersten Schreie vom Ende des Zuges und setzten sich von Mann zu Mann, von Sippe zu Sippe nach vorn fort: „Die Ägypter kommen!“

Noch nie war Mose so froh über einen heftigen Sandsturm gewesen. „JaHWeH, Gott, lass den Sturm wehen, je schlimmer, desto besser.“ Noch glücklicher aber war er darüber, auf einer schmalen Landzunge mitten im Meer zu sein. Er kannte die Kampftaktik der von Pferden gezogenen schnellen Kampfwagen: Sie überholten links und rechts die feindlichen Truppen und nahmen sie in die Zange. Hier aber war den Israeliten rechts und links das Meer wie eine Schutzmauer, die Wagen des Pharao mussten hinter ihnen bleiben, wo sich die Räder immer tiefer in den frisch aufgeworfenen Sand gruben (2.Mose 14, 21-22): Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen wie eine (Schutz-)Mauer zur Rechten und zur Linken..

Mose und einige der Ältesten schauten nach vorn in das aufgewühlte Meer. Trotz der Blitze war nicht zu erkennen, wie tief das Wasser hier war und auch nicht, wo genau der Weg unter der sturmgepeitschten Oberfläche verlief. Und hinten kamen die Ägypter immer näher! Da vernahm er die vertraute Stimme: „ … Hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, so dass die Israeliten auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen.“ (2.Mose 14, 16). Noch während er die Hand hob, sah Mose, wie der Oststurm das Wasser vor sich hertrieb, wie sich das Meer teilte und die Fortsetzung der Landzunge deutlich erkennbar wurde. Der Weg war frei! Aber wer würde es wagen ihn zu gehen? Im Finstern, nur von den zuckenden Blitzen erhellt und bedroht vom Wasser, das jeden Augenblick zurückströmen konnte? Aber da drängten schon von hinten die Menschen und gleichermaßen bewegt von Angst und Gottvertrauen schob sich der Zug der Flüchtlinge voran.

Mose blieb an der gleichen Stelle stehen und hielt seinen Stab in die Höhe. Mann um Mann, Frau um Frau, Kind um Kind sah er die Israeliten an sich vorbeiziehen, Stunde um Stunde, hinein in die tödliche Gefahr, die ihnen zur lebensrettenden Hilfe wurde. Als die letzten an ihm vorbei waren, schloss er sich ihnen an.

Er erschauderte, als er merkte, wie lang diese Strecke war, die eigentlich unter Wasser lag und wie unglaublich gering die Wahrscheinlichkeit, da bei Dunkelheit und Sturm lebend hindurch zu kommen. Als er die gegenüberliegende Stelle erreichte, wo sich der Boden der Landzunge wieder über die Meereshöhe erhob, sah er zurück und erblickte in der ersten Morgendämmerung die Kampfwagen und Truppen der Ägypter, die ihnen folgten. Da spürte er, wie der Sturm nachließ. Das Wasser, das sich in der weiten Bucht hinter dem Damm gestaut hatte, begann zurückzuströmen, ins offene Meer hinaus. Schon nach wenigen Augenblicken stand die ganze Strecke, die sie eben durcheilt hatten, wieder unter Wasser; und das Wasser stieg immer noch! Mose sah in der Ferne die Wagen und Truppen des Pharao im Meer versinken. Da wandte er sich ab und folgte den anderen.

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Bodo Fiebig „Exodus, Version 2020-5

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