Bereich: A Wege biblischen Glaubens

Thema: Mose

Beitrag 2: Die Berufung (Bodo Fiebig)

Nun war es schon der erste Tag des dritten Monats seit sie aus Ägypten aufgebrochen waren (siehe 2. Mose 19,1; Vgl. 2. Mose 3,12). In diesen wenigen Wochen hatten sie mehr Wunder erlebt, als in Jahrzehnten zuvor. Zuerst die unglaubliche Rettung am Schilfmeer, als sie auf festem Boden mitten durchs Meer zogen und die Ägypter, die nach ihnen kamen, im Wasser versanken, dann die Ereignisse am Bitterwasser von Mara, als das Wasser der lebensrettenden Quelle trinkbar wurde, später die wunderbare Speisung des hungrigen Volkes mit Wachteln und Manna und die Tränkung des Volkes bei Massa und Meriba, schließlich die Hilfe Gottes, als die Israeliten in Refidim von den Amalekitern angegriffen wurden und sie besiegen konnten. Ja, JaHWeH war mit ihnen gezogen, seit sie Ägypten verlassen hatten!

Trotzdem war Mose in innerer Unruhe und Anspannung. Hier, in der Sinai-Wüste, am Fuße dieses Berges, war der Ort seiner ersten Gottesbegegnung (Vgl. 2. Mose 3,12) gewesen, und hier würde sich erweisen, was Gott mit ihm und diesem ganzen Volk vorhatte. Er sah von seinem etwas erhöhten Standort aus über das Lager der Flüchtlinge. Ärmliche Zelte von Arbeitssklaven waren das, die sich hier aneinanderreihten. Deutlich konnte Mose die einzelnen Sippen unterscheiden, deren Behausungen sich jeweils zu einer geschlossenen Gruppe zusammenordneten.

Moses Gedanken gingen zurück bis in die Zeit, wo er noch am Hofe des Pharao gelebt hatte. Welch eine völlig andere Welt war das! Jeder Einzelne war dort eingeordnet in ein starres, unveränderliches, von den Göttern selbst vorgegebenes System: An der Spitze stand der Pharao. Er war die irdisch-sichtbare Verkörperung der Götter. Dann kamen die führenden Hofbeamten und Heerführer. Daneben und weitgehend unabhängig stand die mächtige Priesterkaste. Dann kamen die Schreiber, Landvermesser und Steuereintreiber, die Beamten der mittleren und unteren Ebene, die Künstler, wie Bildhauer, Maler und Goldschmiede, dann die Handwerker und die einfachen Soldaten, schließlich die breite Masse der Bauern und Landarbeiter. Ganz am Ende der Rangfolge standen die Sklaven, meist Kriegsbeute aus eroberten Ländern.

Wie anders dieses Volk aus entlaufenen Sklaven! Gewiss gab es auch hier die Wortführer und Ältesten der Stämme und Sippen, aber die besaßen nicht mehr als das einfache Volk. Ihre Macht bestand nur aus Klugheit und Erfahrung, und beruhte nicht auf festgelegten Ämtern und Positionen. Die lange Sklavenzeit hatte sie alle gleichermaßen arm gemacht, gleichermaßen ohnmächtig und rechtlos. Und er, Mose selbst, war ja auch kein König und kein Priester, kein Heerführer und kein Beamter. Er hatte weder Amt noch Macht. Seine Stellung im Volk war allein darin begründet, dass Gottes mit ihm redete, und durch ihn zum ganzen Volk. Wenn Gott schwieg, dann war Mose nicht mehr als der Geringste unter ihnen.

Mose war sich darüber im Klaren, dass dieses Volk jetzt nur durch die gemeinsame Notsituation der Flucht und der Gefahren auf der Wüstenwanderung zusammengehalten wurde. Auf Dauer aber würde das nicht ausreichen, um ein Gemeinwesen von dieser Größe zu organisieren. Schon allein die Rechtsprechung, die Schlichtung von Streitfällen und die Entscheidung über Recht und Unrecht hatte ihn total überfordert. Sein Schwiegervater Jitro hatte ihm dann ein System abgestufter Zuständigkeit empfohlen, so wie es in Anlehnung an das ägyptische Herrschaftssystem bei den meisten Völkern der weiteren Umgebung üblich war (2. Mose 18, 13 ff). Aber war das wirklich die Ordnung, die JaHWeH selbst für sein Volk haben wollte? Mose war unsicher. Er wollte nicht ohne die ausdrücklichen Weisung Gottes handeln, aber es musste doch irgendwie weitergehen! Vielleicht würden sie irgendwann doch einen König einsetzen müssen mit einem entsprechenden Beamtenapparat, der für die Verwaltung des Landes zuständig war und eine Priesterschaft, die für die kultischen Belange zu sorgen hätte. Jetzt aber schob er diesen Gedanken erst einmal weit von sich. Vielleicht, wenn sie das Gelobte Land erreicht hätten, vielleicht war dann die Zeit gekommen für solche Überlegungen. Die erste Frage war ja nicht, wie das Volk zu regieren sei, sondern wozu JaWHeH sich dieses Volk erwählt und in die Freiheit geführt hatte.

Und nun hatte JaHWeH ihn zu sich auf den Berg gerufen. Er, der große und allmächtige Gott, der Himmel und Erde geschaffen hatte, ihn, Mose, Sklaven-Kind, erzogen am Hofes de Pharao, Flüchtling und Viehhirte im Lande der Midianiter. Er sollte hinaufsteigen auf den Berg und die Stimme Gottes vernehmen, damit er das Volk nach dem Willen seines Gottes leiten könnte. Aber, kann ein Mensch die Nähe Gottes ertragen, kann er, Mose, am Leben bleiben in der Gegenwart des Ewigen? Kann ein Volk das Wort Gottes ertragen und seinem An-Spruch genügen?

Als Mose wenig später durch das Lager hindurch auf den Berg zuging, war niemand auf den Wegen zwischen den Zelten zu sehen. Aber Mose spürte, wie tausend unsichtbare Augenpaare ihm folgten. Eine bedrückende Stille begleitete ihn, während er an den Zeltreihen der Familien, Sippen und Stämme entlangging. Schon ein Ziegenmeckern oder Kinderlachen hätte die Spannung etwas lösen können, schon das Klappern eines Löffels im Teller oder das Knacken eines Holzes im Feuer wäre wie eine Erlösung gewesen. Aber nichts rührte sich.

Nachdem er das Lager durchschritten hatte, musste er noch eine kurze Strecke in der Ebene weitergehen, bis er zum Fuß des Berges kam. Langsam, Schritt für Schritt stieg Mose den steilen Bergabhang hinauf. Oft musste er großen Steinbrocken ausweichen und sich zwischen Geröll und scharfen Felsabbrüchen einen Weg suchen.

Beharrlich hielt er den Kopf gesenkt und sah nur auf seine Füße und auf den nächsten Schritt. Den Blick nach weiter vorn zu richten oder gar nach oben zum Gipfel des Berges zu erheben wagte er nicht. Er empfand keine Angst, nur das überwältigende Gefühl einer Zeitlosigkeit, die alle seine Vergangenheit und all seine Zukunft im gegenwärtigen Augenblick zusammenzuschmelzen schien, und er fühlte die Nähe von etwas Großem, das ihn selbst immer kleiner werden ließ.

Längst war er den Blicken des Volkes im Lager hinter der Biegung eines schmalen Durchgangs zwischen zwei Felswänden entschwunden, und auch Mose hätte das Lager in der Ebene nicht mehr sehen können, aber er sah nicht zurück. Obwohl er die Anstrengung des Aufstiegs in den Beinen spürte, fühlte er sich zunehmend leichter und freier. Nach einem weiteren kräftezehrenden Anstieg in einer engen, gewundenen Schlucht weitete sich diese und öffnete sich schließlich zu einer kleinen Hochfläche, die von massiven Felswänden umstellt war. Als nächstes fiel ihm eine kleine grüne Stelle am Rande der Ebene auf: Dort wuchsen einige Büsche und etwas Gras; es musste also dort eine Quelle geben. In dieser kahlen Wüstengegend und erst recht in dieser Höhenlage war das sehr ungewöhnlich.

Erst jetzt, in der Geborgenheit dieses geschützten Beckens, wagte Mose sich umzuschauen: Ringsum türmten sich kahle Felsen. Nur an zwei Stellen waren sie unterbrochen: Dort wo er heraufgekommen war und schräg gegenüber, wo ein steiler, mit großen Felsbrocken übersäter Hang zum Gipfel führte. Und Mose sah: Es war gar nicht mehr weit bis zur höchsten Stelle des Berges. Er zögerte. Sollte er weitergehen, oder sollte er hier warten, bis JaHWeH ihm weitere Anweisungen gab?

Er ging hinüber zu den Büschen und fand die Quelle, aus der nur wenig klares Wasser rann, das schon ein paar Schritte weiter zwischen den Steinen versickerte. Aber für einen Mann reichte es, um den Durst zu stillen. Er trank, langsam und in kleinen Schlucken, was er mit der hohlen Hand aus dem Quellgrund schöpfte. Und es war während des Trinkens, als er an der Quelle kniete, dass ihm bewusst wurde: Gott ist da! Er, JaHWeH, der sie aus dem Sklavenland geführt und bis hierher gebracht hatte.

Mose stand auf und breitete seine Arme aus wie zum Gebet. Lange stand er so da, mit erhobenen Händen und geschlossenen Augen. Dann hörte er die Stimme vom Gipfel des Berges her (2.Mose 19,3-6:): „So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.”

Mose war verwirrt und erschrocken. Wie sollte er das verstehen? In allen Völkern rings umher gab es zwei Autoritäten: die königliche Autorität und die priesterliche. Die Könige hatten die „weltliche“ Autorität, die sich auf die Macht der Schwerter und Soldaten stützte und die durch einen hierarchischen Beamtenapparat ausgeübt wurde. Die Priester hatten die „geistliche“ Autorität, die für sich in Anspruch nahm, die sichtbare Vertretung der unsichtbaren Götter wahrzunehmen. Was sie sagten, war Wort der Götter, und was sie taten, geschah in deren Auftrag. Wer die Priester in Frage stellte, griff die Götter selbst an! So hatten beide, Könige und Priester fast unangreifbare Machtpositionen inne, die sie weit über das „gemeine Volk“ hinaushoben. Königtum und Priestertum waren sich gegenseitig Stützte ihrer Macht.

Hier aber sprach Gott davon, dass ein ganzes Volk mit allen seinen Angehörigen, den Alten und Jungen, den Männern und Frauen, den Starken und Schwachen, den Mächtigen und den Unbedeutenden, den Armen und Reichen in ein „königliches Priestertum” eingesetzt werden soll. Eine völlig neue, noch nie dagewesene Form von Autorität und Herrschaft war hier angesprochen. Wie sollte denn das jemals Wirklichkeit werden in der Wirklichkeit dieser Welt? (Siehe dazu auch im Bereich „Vision und Konkretion“ das Thema „Reich Gottes und Demokratie“) Mose fühlte sich hilflos angesichts dieser Herausforderung. Ein Haufen entlaufener Sklaven sollte zu einem Volk von Königen und Priestern werden, sollte eine „Demo-Kratie“, eine Volks-Herrschaft begründen, in dem jeder Einzelne eine Mit-Verantwortung für das Ganze wahrnimmt und wo alle ein „allgemeines Priestertum aller Gläubigen“ verwirklichen? Unmöglich! Oder vielleicht doch nicht? (Siehe den folgenden Beitrag „Scheitern und Neuanfang“)

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Bodo Fiebig „Die Berufung, Version 2020-5

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