Bereich: A Wege biblischen Glaubens

Thema: Adam

Beitrag 2: Entscheidung in Eden (Bodo Fiebig)

Irgendwo in den fruchtbaren Flusslandschaften Mesopotamiens lebte ein Stamm von einigen Tausend Menschen. Es waren keineswegs „primitive Steinzeitmenschen“. Ihre Sprache und Kultur waren hoch entwickelt. Sie kannten und betrieben differenzierte Formen von Ackerbau und Viehhaltung, stellten kunstvolle Gefäße und Gegenstände aus gebranntem Ton her, sie trieben Tauschhandel mit benachbarten Stämmen, und sie kannten schon Gegenstände aus dem noch seltenen, geheimnisumwitterten und kostbaren Metall Bronze.

Ihr Leben aber war trotz der Fruchtbarkeit des Landes mühsam und voller Gefahren. Die fruchtbaren Flussauen an Euphrat und Tigris waren hart umkämpfter Besitz. Immer wieder brachen fremde Stämme raubend, brennend und mordend in die Siedlungen ein und hinterließen Leid und Not. Zuweilen brachen auch innerhalb des Stammes Rivalitäten auf, die zu jahrelangen blutigen Fehden wurden, die allen Besitz und alle Lebensgrundlagen des Stammes zu zerstören drohten.

Das Leben in den Siedlungen des Stammes war durch festgefügte Ordnungen geregelt, die galten als heilig und von den Göttern selbst als bedingungsloses Gebot gegeben. Nur der Stammesfürst und eine kleine, herausgehobene Kaste von Priestern hatten Zugang zu den Geheimnissen der Götterwelt und nur sie konnten die Stimme der Götter vernehmen und wissen, was nach deren Willen gut oder böse, recht oder unrecht war. Sie setzten die Opfer fest, die jede Familie des Stammes zu leisten hatten und leiteten die Riten der Opferfeste. Sie hielten Gericht bei Streitigkeiten und ihr Urteil war unanfechtbares Gesetz. Das gab dem Fürsten und den Priestern eine fast unumschränkte Macht und großen Reichtum, denn sie wachten auch über die irdischen Schätze der himmlischen Götter.

Adam war keiner von ihnen. Er war Bauer, aber er hatte kein eigenes Land. Das heißt, eigentlich war er auch kein Bauer, sondern eher so etwas wie eine Kriegsbeute. Vor Jahren, damals war er noch ein Knabe, gab es zwischen verschiedenen Stämmen, die in der weiteren Umgebung lebten, viel Streit und ständige Kämpfe. Adam verstand damals nicht, worum es ging, er wusste nur: Leben bedeutet ständige Gefahr, und vor fremden Menschen muss man sich fürchten.

Irgendwann war aus den Streitigkeiten ein offener Krieg geworden, das Dorf, in dem Adams Familie damals lebte und viele andere Dörfer seines  Stammes wurden zerstört und er selbst von den Siegern verschleppt. Seitdem lebte er hier, war Eigentum einer angesehenen Familie in diesem Dorf und arbeitete auf deren Feldern. Erst wenn er damit fertig war, durfte er den kleinen Acker am Rande eines Sumpfgebietes bearbeiten, den man ihm zur Verfügung gestellt hatte, um von dessen Ertrag zu leben.

Die Leute im Dorf nannten ihn den „Roten“, sein wilder Haarschopf hatte einen rötlichen Schimmer.* Adam hatte keine Frau, obwohl er alt genug war, aber keine der alteingesessenen Familien im Dorf würde eine ihrer Töchter einem Fremden, einem Sklaven geben, außerdem hätte er mit dem wenigen was er erntete, niemals eine Familie ernähren können.

* „Adam“ kommt von hebräisch „adom“ = rot; der rötliche Ackerboden der Gegend heißt „adama“

Im Moment hatte er auch ganz andere Sorgen. Die kleine Dorfgemeinschaft war aufgeschreckt und voller Angst. Wieder hatte es Überfälle gegeben. Diesmal aber nicht von fremden Stämmen aus der Steppe, sondern von Männern aus einem der Nachbardörfer. Das war viel größer als das eigene, der Stammesfürst hatte dort seinen Hof und auch der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, wo die Priester die Opferriten feierten, stand dort, mitten auf dem Dorfplatz.

Der Streit dauerte schon lange; der Fürst verlangte mehr Opfergaben, sonst würde er das Dorf, wo Adam wohnte, nicht mehr vor dem Zorn der Götter bewahren können. Die Priester würden bei einer feierlichen Zeremonie die Früchte vom Baum der Erkenntnis essen und an ihrem Geschmack erkennen, ob ihr Dorf von den Göttern als „gut“ oder „böse“ beurteilt würde.

Einer der Priester, der mächtigste unter ihnen, hatte dabei die Rolle der „Schlange“, des Anklägers. Er war neben dem Fürsten der Einzige im Dorf, ja im ganzen Stamm, der einen Gegenstand aus Metall besaß, eine bronzene Schlange, sie war das Zeichen seines Amtes. Er würde die Bewohner des kleinen Dorfes anklagen und alle Verbrechen gegen die Götter aufzählen, die man ihnen vorwarf. Wenn dann die Priester dieses schreckliche Wort „böse“ über dem Dorf aussprächen, weil die Opfer nicht in voller Höhe abgeliefert wurden, dann war es verloren, dann würden die Krieger der anderen Dörfer über es herfallen, denn sonst könnten ja die Götter ihren Zorn auf den ganzen Stamm ausweiten und sein Land und seine Dörfer den Horden aus der Steppe ausliefern oder sie könnten den Regen, der das Land fruchtbar machte, zurückhalten…

Gestern war eine Gruppe von Männern aus dem Hauptdorf in die kleine Siedlung eingedrungen, getrieben von der Furcht vor den Göttern und vom Hass auf die „Opferverweigerer“, um mit Gewalt das zu holen, was den Göttern zustand. Sie hatten Schrecken und Verwüstung hinterlassen, aber nichts vom dem gefunden, was sie suchten. Die Vorräte im Dorf waren längst aufgebraucht. Die Bewohner nährten sich mühsam von dem, was die Frauen und die älteren Kinder noch auf den Feldern und im angrenzenden Buschland sammelten. Die Männer hatten sich zusammengesetzt, um zu beraten, wie es weitergehen sollte. Sie wollten eine Abordnung zum Fürsten schicken und um Aufschub für die Ablieferung der Opfergaben bis zur nächsten Ernte bitten. Bis dahin wollten sie Wachen um das Dorf aufstellen, um weitere Überfälle zu verhindern. Die Stimmung im Dorf war erfüllt mit Schrecken und lähmender Todesangst. Wie sollte es weitergehen?

*   *   *

Adam ließ sich erschöpft auf einen Felsblock fallen. Er konnte nicht mehr weiter. Jetzt wusste er, wie es weitergegangen war: Ein paar Tage war alles ruhig geblieben, dann, als niemand mehr damit rechnete, kam der Angriff. Diesmal waren es viel mehr Männer und sie gingen viel rücksichtsloser vor: Sie zündeten die Häuser an; die brennenden Schilfdächer der Lehmhütten verwandelten das Dorf im Nu in ein Flammenmeer. Die fliehenden Bewohner wurden von den aufgeputschten und völlig enthemmten Angreifern mit Steinen und Knüppeln empfangen, es gab ein furchtbares Blutbad. Das Blut derer, die das Opfer verweigert hatten, sollte nun selbst zum Opfer werden, um die Götter zu versöhnen.

Adam konnte sich selbst nicht erklären, wie er entkommen war. Er hatte nur einige kleinere Verletzungen davongetragen. In kopfloser Flucht war er den vertrauten Weg zu seinem Feld am Rande des Sumpfgebietes gelaufen. Vielleicht war das seine Rettung: Er kannte sich hier aus, während die Verfolger in den Sumpf gerieten und umkehren mussten. Hier, im hohen Schilf verborgen, drehte sich Adam das erste Mal um. Er sah den Rauch über dem brennenden Dorf aufsteigen.

Danach war er noch viele Stunden weitergelaufen. Jenseits des Sumpfgebiets begann eine weite Ebene, die immer dürrer und trockener wurde, je weiter er sich von dem Gewässer entfernte. Adam war noch nie hier gewesen. Er schaute sich um und blickte ringsum in eine öde, menschenleere Landschaft. Jetzt war die Frage noch viel dringlicher: Wie sollte es weitergehen?

Adam wusste nur zwei Dinge ganz sicher: Erstens, er konnte nicht zurück zu den Menschen. Von dem Stamm, in dem er als Kind aufgewachsen war, hatte er nie mehr etwas gehört, vielleicht gab es den gar nicht mehr. Das Dorf, wo er zuletzt gelebt hatte, war auch nicht mehr da. Wenn er in ein anders Dorf dieses Stammes käme, wäre er verloren. Man würde ihn gefangennehmen und hinrichten, ihn, den Fremden und Letzten des Dorfes, das den Göttern ungehorsam gewesen war. Und das zweite: Allein in der freien Wildnis, ohne den Schutz des Stammes, war er ebenso verloren. Vielleicht würde er noch ein, zwei Tage überleben. Höchstens.

Adam war viel zu erschöpft, um noch weiter zu laufen. Die Nacht kam schnell. Noch nie hatte sich ein Mensch, den er kannte, nachts allein außerhalb des Dorfes oder eines befestigten Lagers aufgehalten. Zu groß war die Angst vor den Gefahren und Dämonen der Nacht. Wenn er die Nacht überlebte, ohne von wilden Tieren angefallen oder von grausigen Dämonen verschlungen zu werden, dann würde er morgen verdursten, oder übermorgen verhungern. Es gab keine Hoffnung.

*   *    *

Adam war nicht von wilden Tieren zerrissen worden. Er war nicht verdurstet und nicht verhungert und die Dämonen hatten ihn wohl nicht gefunden. Adam lebte noch. Aus einem Wasserloch in einer Felsspalte hatte er getrunken und die Früchte eines halb vertrockneten Baumes hatten den ärgsten Hunger gestillt. Vier Tage war er jetzt schon allein unterwegs. Gegen Mittag, als die Sonne hoch am Himmel stand und die Hitze unbarmherzig über dem ausgetrockneten Land brütete, wollte er endgültig aufgeben. Die Götter hatten ihn entkommen lassen, um ihn hier in der Öde und Einsamkeit mit einem qualvollen Tode zu bestrafen. Niemand würde das Totenopfer spenden und die Totengebete sprechen, um seine Seele aus den Krallen der Dämonen des Totenreichs zu erlösen.

Da sah er in der Ferne eine scharfe dunkle Linie in die karge Landschaft gezeichnet. Er konnte sich nicht vorstellen, was das sein sollte, aber er ging mit neuer Kraft darauf zu. Als er näher kam, erkannte er, dass es Bäume waren. Wenn Bäume so dicht und entlang einer geraden Linie wuchsen, dann musste dort ein Flusslauf sein. Die Sonne näherte sich schon wieder dem Horizont, als er den Fluss erreichte. Er war nicht sehr groß, aber die Ufer waren mit dichten Buschwerk bewachsen.

Adam ließ sich ins Wasser fallen, ungeachtet aller Gefahren, die dort lauern konnten. Er trank, vorsichtig in kleinen Schlucken, damit sich der Körper wieder an die Flüssigkeit gewöhnen konnte. Dann zog er sich mit letzter Kraft auf der anderen Seite ans Ufer. Dort fand er einen Baum, dessen Früchte er nicht kannte. Er aß sie trotzdem; sie schmeckten gut.

*   *   *

Adam kannte die Regel: Ein Mensch kann nicht länger als höchstens zwei, drei Tage allein in der Wildnis überleben. Und er war nach seiner Flucht nun schon mehr Tage am Leben, als er Finger an beiden Händen hatte. Weiter konnte er nicht zählen. Das Land jenseits des Flusses war wie ein geschützter und bewässerter Garten. Es gab Tiere hier, aber die waren klein und schienen ungefährlich. Er hatte gelernt, Bäume zu unterscheiden, deren Früchte er essen konnte, Kräuter zu erkennen, deren Blätter schmackhaft und verdaulich waren und Wurzeln zu finden, die satt machten. Tagsüber war er damit beschäftigt, seinen Bedarf an Lebensmitteln zu suchen und zuzubereiten und nach und nach die weitere Umgebung zu erkunden, aber nachts lag er oft lange wach und dachte an die Menschen aus seinem früheren Stamm und an die aus dem Dorf, in dem er noch bis vor kurzem gelebt hatte. Waren sie alle umgekommen? Oder gab es noch andere, die fliehen konnten und wo mochten die dann jetzt sein?

Eines Nachts hatte er ein seltsames Erlebnis. Er erwachte aus tiefem Schlaf, um ihn herum war es ganz still. Auch die üblichen Nachtgeräusche waren nicht zu hören. Die Natur schien den Atem anzuhalten und ihm war, als wäre er das einzige Lebewesen unter dem Sternenhimmel. Dann sah er, wie in einem Traum, den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Dorf des Fürsten. Es war Nacht und die Feuer der Gerichtszeremonie leuchteten im Kreis. „Böse“ sagte der Priester, nachdem er die Frucht von dem Baum gekostet hatte, und dieses eine Wort war das Todesurteil für das Dorf, in dem er mehrere Jahre gelebt hatte.

Dann sah Adam die vielen Bäume, die er hier in Eden gefunden hatte und deren Früchte ihn ernährten und er hörte eine Stimme, die ihn ansprach: 1. Mose 2,17 Von allen Bäumen des Gartens magst du zur Speise essen. Aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, nicht wirst du essen von ihm, denn am Tage, da du von ihm isst, zum Tode wirst du sterben!

Adam erschrak bis ins Innerste. Nein, nie würde er von Baum der Erkenntnis essen, nie würde er ein Urteil über Leben und Tod von Menschen sprechen, nie würde er den Göttern dienen, die sich selbst bereicherten und den Menschen das Letzte nahmen.

Da verloschen die Bilder vor seinen Augen. Er spürte seinen eigenen Atem, der plötzlich tiefer und freier zu strömen schien. Dann hatte er das Gefühl, als ob eine große Last von ihm abfiel, die allgegenwärtige Angst vor den Göttern und Dämonen war weg, als hätte es sie nie gegeben. Und er spürte die Nähe von etwas, was er weder benennen noch beschreiben konnte, aber es war stark und gut und er wünschte sich, dieser Macht nahe zubleiben, die ihn befreit hatte.

„Wer bist du?“ Ohne sie selbst zu denken, war diese Frage in ihm aufgetaucht. Und die Antwort kam ohne sein Zutun, gleichzeitig aus seinem Innersten und von ganz weit außen: „Ich bin der, der immer war und immer sein wird, und immer für dich da ist: JaHWeH.“ Adam atmete ruhig und frei. Es war ihm, als finge sein Leben neu an und es wäre eingehüllt in einen tiefen, umfassenden Frieden. Sein früheres Leben schien ihm weit weg, obwohl es ja noch gar nicht so lange zurücklag. Woher kamen damals diese ständige Feindschaft, diese unaufhörlichen Kämpfe zwischen den Stämmen und Dörfern, zwischen den Mächtigen und Versklavten? Warum konnten die Menschen nicht in Frieden leben, so wie er hier im Land hinter dem Fluss? Von da an war alles anders in seinem „Garten“. Er fühlte sich, als wäre er schon immer hier gewesen, so vertraut war ihm jeder Strauch und jeder Stein.

Er nannte nun das Land hinter dem Fluss „Eden“*. Nur, dass er allein war, machte ihm zu schaffen. Er sehnte sich nach einem Gegenüber, mit dem er reden konnte. Er sehnte sich nach Nähe und Vertrautheit und Berührung. Bis zu dem Tag, als er den Baum fand.

* „Eden“ kann von sumerisch „edinu“ = Steppe, Ebene abgeleitet werden, oder auch von hebräisch „Eden“ = Wonne. Ein „Garten in Eden“ könnte also bedeuten „ein bewässertes und geschütztes Land (das ist mit „Garten“ gemeint) in der Steppe“, wahrhaftig eine „Wonne“ für die Menschen der damaligen Zeit im heißen, trockenen Orient.

*   *   *

Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Adam war wieder unterwegs, um nach Nahrung zu suchen. Diesmal drang er in eine Gegend vor, in der er bisher nie gewesen war*. Die Sonne stand schon hoch, als er den Baum sah. Er war groß und prächtig und voller Früchte, und trotzdem wagte Adam nicht näher heranzugehen. Er kannte diese Art Bäume. Es war die gleiche wie beim „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ im Dorf des Stammesfürsten.

* Adam kannte zu dieser Zeit sicher noch nicht die ganze Weite der Landschaft, die von den vier Flüssen nach 1. Mose 2, 10-14 begrenzt wurde.

Adam stand eine ganze Weile still und schaute zu dem Baum hinüber. All die blutigen Bilder und furchtbaren Erfahrungen, die er fast vergessen hatte, waren auf einmal wieder da. Erst allmählich ließ der Schrecken nach, der ihn erfasst hatte. Dann ließ ihn ein unbestimmtes Gefühl innerlich erstarren. Sein Gespür für die Natur und für mögliche Gefahren war in der Zeit, seit er allein in der Wildnis lebte, feiner und empfindlicher geworden. Nun hatte er zum ersten Mal seit er in Eden wohnte, das Gefühl, dass er nicht allein war, dass ihn jemand beobachtete. Möglichst unauffällig und ohne sich zu bewegen, ließ er seine Augen umhergehen. Nichts. Ganz langsam wandte er den Kopf. Nichts. Oder doch? Dort bei den Büschen, ein ganzes Stück abseits von dem großen Baum? Dort war etwas, aber es bewegte sich nicht. Adam ließ sich Zeit, unablässig beobachtete er die verdächtige Stelle. Auf einmal bewegte sich doch etwas, nur ganz kurz, dann verharrte es wieder regungslos. Was war das? Ein großes Tier?

Auf einmal fiel Adam ein, dass er nie, seit er in Eden war, auf die Idee gekommen war, sich eine Waffe anzufertigen. Wie war das möglich? Kein Mensch, weder aus seinem früheren Stamm, noch aus dem Stamm, in dem er als Sklave gelebt hatte, verließ jemals sein Haus ohne eine Waffe mitzunehmen: Einen Speer mit glatter, im Feuer gehärteter Spitze oder eine Axt mit eingesetztem, geschliffenem Steinblatt. Langsam, vorsichtig Schritt für Schritt setzend, ging Adam auf die verdächtige Stelle zu.

Das erste, was er erkennen konnte, als er nahe genug herankam, waren, im Blätterwerk kaum zu finden, zwei Augen, groß und weit aufgerissen mit dem Ausdruck von furchtbarer Angst und blankem Entsetzen. Dann ein Gesicht, von schwarzem, wirrem Haar halb verdeckt, dann zwei Arme, dann der nackte Körper einer jungen Frau. In diesem Moment fiel Adam ein, dass er selbst schon seit langem ohne Bekleidung lebte. Was bei der Flucht von seinem Umhang und den Sandalen übrig geblieben war, hatte sich längst in unbrauchbare Fetzen aufgelöst.

Adam blieb stehen, um die Frau nicht noch mehr zu erschrecken, dann versuchte er, sie anzusprechen: „Wer bist du?“ Noch im Sprechen wurde ihm bewusst, dass er die Sprache und den Dialekt seiner Kindheit benutzte. Da merkte er, wie sich die Anspannung im Körper der Frau ein wenig lockerte und auch der Ausdruck der Angst auf ihrem Gesicht löste sich etwas. Aber sie antwortete nicht. Er versuchte es noch einmal: „Ich bin Adam. Woher kommst du, bist du allein oder sind noch mehr von deiner Familie da?“ Sie schien ihn zu verstehen, schüttelte den Kopf. Als sie dann doch sprach, nur einen einzigen Satz „Nein, ich bin ganz allein.“, da merkte Adam erstaunt und erfreut, dass sie wirklich seine Sprache verwendete, ja nicht nur die Sprache, sondern genau den Dialekt des Dorfes, wo er aufgewachsen war. „Wer bist du? Wie heißt deine Familie? Wie kommst du hierher?“

Sie schwieg, versuchte sich wieder mehr in den Schatten der Büsche zurückzuziehen. Adam merkte, dass ihre Hände zitterten, als sie die Zweige zur Seite schob. Dann drehte sie sich um und lief weg. Adam, den die Tatsache, dass es hierin seinem friedlichen Garten noch andere Menschen gab, zunächst erschreckt hatte, war nun von der Gegenwart dieser jungen Frau betroffen und verwirrt. Aber dann überwältigte ihn die Vorstellung, dass diese Frau hier bleiben und mit ihm zusammen in Eden leben könnte. Er folgte ihr langsam und mit großem Abstand. Die Frau war nicht weit gelaufen. Beim großen Baum, mit beiden Händen den mächtigen Stamm berührend, halb von ihm verdeckt, blieb sie stehen. Als Adam vorsichtig näher kam, sah sie ihn an, reglos, nur ihre Augen folgten jeder seiner Bewegungen. Adam hatte unwillkürlich den Eindruck wie von einem gehetzten Tier, das in die Enge getrieben war; als Knabe war er ein paar Mal bei Treibjagden dabei gewesen. Adam blieb einige Schritte von ihr entfernt stehen.

Auf einmal wurde ihm bewusst, dass sie den Stamm des Baumes, des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse, auf genau die gleiche Weise berührte, wie es die Priester taten, wenn sie beim Opferfest die Götter anriefen. War sie eine Priesterin? Oder war sie eines jener Mädchen, die den Priestern von den Bewohnern der Dörfer als „lebendes Opfer“ zur Verfügung gestellt werden mussten?

Adam versuchte dort anzuknüpfen, wo sie vorhin positiv reagiert hatte. Er nannte den Namen des Dorfes, dessen Dialekt sie beide sprachen, den Namen seiner Familie, an die er nur noch wenige Erinnerungen hatte, erzählte, dass er als Kind verschleppt worden war und dann als Kriegsbeute in einem Dorf von Ackerbauern gelebt hatte.

Die Frau schwieg und Adam konnte sehen, dass sie am ganzen Körper zitterte, als wäre sie vom Sumpffieber befallen. Nach einer Weile ließ sie den Stamm des Baumes los, ließ sich zu Boden fallen, lag dort, verkrümmt und zusammengerollt wie ein verwundetes Tier. Adam konnte an ihrem zuckenden Körper sehen, dass sie weinte, lange und ohne einen Laut von sich zu geben. Sie hatte wohl schon oft so geweint, lautlos, dass niemand sie hörte.

Adam ging zu ihr und setzte sich ins Gras; er schwieg und wartete – lange. Endlich hörte sie auf zu weinen, lag immer noch da, zusammengezogen und mit geschlossenen Augen. Als Adam sie vorsichtig am Arm berührte, fuhr sie zurück, als hätte ein harter Schlag sie getroffen und ein unterdrückter Schreckensruf entfuhr ihrem Mund. Mit entsetztem Blick starrte sie ihn an. Adam mochte sich nicht vorstellen, welche Erlebnisse, welche Erfahrungen von Gewalt und Grausamkeit hinter diesem Verhalten standen, was sie an Schrecklichem gesehen und selbst erlitten hatte.

Mit einer Handbewegung deutete er an, dass er nicht vorhatte, ihr irgendetwas Böses anzutun. Eine Weile geschah nichts, dann stand die Frau auf und ging zu dem Buschwerk zurück, wo Adam sie zuerst gefunden hatte. Adam folgte ihr. Ein schmaler Pfad, den sie offensichtlich selbst getreten hatte, führte tiefer in das dichte Gestrüpp und noch weiter weg von dem großen Baum. Schließlich kamen sie an eine offenere Stelle, tief verborgen im Buschwerk und von außen nicht zuerkennen.

Adam bemerkte, dass sie hier ihr Lager angelegt hatte. Er sah ihre Schlafstelle, daneben hatte sie einige Vorräte an Essbarem bereit gelegt. Die meisten Früchte und Kräuter kannte er, aber es waren auch einige dabei, die er selbst bisher nicht gegessen hatte.

Die Frau kauerte sich zu Boden und bedeutete Adam mit einer Handbewegung, dass er sich setzen sollte. Dann nahm sie einige Früchte und reichte sie ihm. Adam sah, dass keine Früchte vom Baum der Erkenntnis dabei waren.

*   *   *

Drei Tage waren sie nun schon zusammen. Adam war erstaunt, wie geschickt die junge Frau beim Finden und Sammeln von Früchten, Kräutern und Wurzeln war. Sie schien fast zu spüren, wo sich geeignete Pflanzen befanden und hatte in viel kürzer Zeit als er selbst einen ausreichenden Vorrat zusammen.

Abends kehrten beide in das Lager der Frau zurück; es war viel besser geeignet, als der Schlafplatz, den Adam bisher verwendet hatte. Sie redete immer noch nur das Nötigste. Nachts lag Adam lange wach. Das Wissen, dass nur wenige Armlängen von ihm entfernt eine junge Frau lag, atmend und voll Leben, raubte ihm den Schlaf. Er sehnte sich danach, bei ihr zu liegen, ihre Nähe zu spüren und auch sexuell mit ihr zusammen zu sein. Sie aber wich jeder Nähe aus und reagierte auf jede Berührung mit Erschrecken und noch größerer Distanz.

An diesem Abend waren sie später als sonst zurückgekommen. Sie waren weiter entfernt auf Nahrungssuche gewesen, hatten aber auch nicht mehr gefunden als an den Tagen zuvor. Die Nähe des Baumes der Erkenntnis mieden beide, ohne sich dessen bewusst zu sein. Als sie die mitgebrachten Vorräte abgelegt hatte, suchte die Frau ein Stück alten und morschen Holzes und einen glatten dünnen Stock. Mit einem scharfkantigen Stein schabte sie eine Vertiefung in das alte Holz, legte dünne Fasern einer trockenen Pflanze, die Adam nicht kannte, hinein. Dann setze sie den Stock darauf und begann ihn rasch und kräftig wie einen Quirl zwischen den Händen zu drehen. Jetzt wusste Adam, was das werden sollte: Sie versuchte, ein Feuer zu machen. Adam selbst hatte das noch nie probiert. In dem Dorf wo er gelebt hatte, beherrschten nur einige alte Männer und Frauen die Kunst des Feuermachens. Normalerweise holte man, wenn das eigene Feuer verloschen war, etwas Glut vom Feuerplatz mitten im Dorf, wo das Feuer Tag und Nacht am Brennen gehalten wurde.

Es dauerte eine ganze Weile, bis eine erste ganz zarte Rauchfahne aufstieg. Behutsam legte die Frau einige von den Pflanzenfasern nach und drehte weiter den Stock, bis sie Feuer fingen. Die kleinen Flämmchen nährte sie mit trockenem, fein zerkleinertem Holz bis sie ein stabiles, kräftiges Feuer entfacht hatte. Nach und nach legte sie stärkere Holzstücke auf, die eine langanhaltende Glut ergaben. Nachdem sie gegessen hatten, saßen beide lange an dem Feuer und schauten stumm in die zuckenden Flammen.

Wieder war es Adam, der das Schweigen brach. Er erzählte von den Ereignissen, die ihn hierher nach Eden verschlagen hatten, von den Priestern und dem Fürsten, die höhere Opfergaben verlangt hatten und von den Folgen für das Dorf, in dem er gelebt hatte.

Als er den Baum der Erkenntnis erwähnte, von dem aus das „Gut“ oder „Böse“ über einen einzelnen Menschen oder eine Familie, manchmal auch über ein ganzes Dorf ausgesprochen wurde, merkte er, wie die junge Frau sich vom Feuer abwandte, als wollte sie ihr Gesicht verbergen. Eine Weile schwiegen beide.

Dann berichtete Adam von der Nacht, in der er die Angst vor den Göttern und Dämonen verloren hatte und in der er von einem Gott, den er JaHWeH nannte, die Anweisung vernommen hatte, nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Dann sprach er von dem Gedanken, der ihn seitdem immer mehr beschäftigte: Dass Eden ein Land sein sollte, wo alle Menschen miteinander wohnen könnten, ohne Hass, ohne Feindschaft, ohne Furcht, wo jeder genug zum Leben hätte und jeder in Frieden leben könnte.

Die Frau hörte jetzt mit großer Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu. Zum ersten Mal sah sie Adam direkt ins Gesicht und ließ es zu, dass er sie genauso ansah. Als er geendet hatte, fragte Adam sie noch einmal: „Wie heißt du?“Aber sie schüttelte nur den Kopf und ging zu ihrem Schlafplatz. Als er ihr folgen wollte, berührte sie ihn – auch das zum ersten Mal – an der Schulter und schüttelte noch einmal den Kopf. Trotz allem schlief Adam in dieser Nacht schnell ein.

Er schlief tief und lange. Die Frau aber lag lange wach, sie horchte auf den gleichmäßigen Atem Adams, während sie über das nachdachte, was er ihr gesagt hatte. Als Adam aufwachte, stand die Sonne schon in halber Höhe am Himmel. Die Frau hatte einige Früchte zum Essen hergerichtet und außerdem in der verlöschenden Glut des Feuers einige Wurzelknollen gegart.

Noch während Adam aß, begann die Frau zu sprechen. Ja, sie wollte bei ihm bleiben, hier in Eden. Sie wollte mit ihm hier ein neues Leben beginnen und einen neuen Stamm begründen. Sie wollte, dass hier in ihrer entstehenden Familie eine ganz neue Erkenntnis von Gut und Böse herrschen sollte, wo alle das Gute erkennen und tun und alle das Böse erkennen und meiden. Das Zusammenleben der Menschen sollte von einer Ordnung bestimmt sein, die nicht aus der Machtgier und Habsucht der Menschen käme, die nicht den Starken das Recht gäbe, die Schwachen zu unterdrücken, und die auch nicht von Göttern bestimmt würden, die noch grausamer waren als die Menschen. Nein, hier in Eden sollte das Miteinander auf einer Ordnung beruhen, die aus der Bereitschaft aller erwuchs, das Gute für alle zu suchen und zu tun und das Böse, soweit es eben ging, für alle abzuwenden. So könnten alle ohne Angst und in Frieden leben.

Sie redete voller Eifer und Begeisterung und zum ersten Mal sah Adam ein glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie fasste ihn an der Hand, als könnte sie so die Überzeugungskraft ihrer Worte verstärken. Adam musste lachen: „Du bist ja ganz verändert, was ist geschehen heute Nacht?“ Das Gesicht der Frau wurde ernst: „Ich bin ein neuer Mensch geworden“, sagte sie leise. „Dann sollst du jetzt auch einen neuen Namen haben“, erwiderte Adam, „ich werde dich Chawwa* nennen.“Chawwa nickte und lachte, dann nahm sie wieder Adams Hand und zog ihn zu sich und dann noch ein Stückchen weiter, dorthin, wo ihr Schlafplatz war.

* Chawwa = Eva; das Wort stammt von dem hebräischen Begriff für „Leben“

*   *   *

Die zurückliegende Zeit war für Adam und Chawwa die schönste ihres Lebens gewesen. Mehrere Vollmonde waren vergangen, die Natur in Eden hatte sich verändert, aber das Land hinter dem Fluss war zu jeder Jahreszeit schön und voller Leben und ernährte sie beide ohne Mühe. Bis zu dem Tag, als sie zum ersten Mal wieder zum Baum der Erkenntnis kamen. Chawwa hatte sie beide bewusst hierher geführt. Sie wollte Adam etwas erklären und das ging am Besten hier, bei dem großen Baum.

Sie wusste nun, dass sie schwanger war. Wenn man genau hinsah, war es sogar schon zu erkennen. Adam freute sich sehr auf das Kind, aber Chawwa wusste, dass die Geburt für sie allein, ohne die Hilfe der Frauen im Dorf, ein Kampf auf Leben und Tod sein würde. Trotzdem sehnte auch sie mit wachsender Spannung diesen Tag herbei. Dieses Kind sollte der Erstling einer neuen Menschheit werden. „Kain“ sollte es heißen, „Gewinn“. Ja, es sollte ein Gewinn sein, für sie selbst und für die kommende Welt, eine Welt, in der jeder auf den andern achtet und jeder seinem Nächsten zum Helfer in der Not und seinem Bruder zum Hüter des Lebens wird.

„Der Gott, der diesen Baum hat wachsen lassen, der will, dass wir erkennen, was gut und was böse ist“, sagte Chawwa. „Das ist ganz wichtig, denn nur so können die Menschen in Frieden miteinander leben.“ „Das ist schon richtig“, erwiderte Adam, „aber ich erinnere mich, wie es beim Baum der Erkenntnis im Dorf unseres Stammesfürsten war, da haben die Priester von den Früchten des Baumes gegessen und dann das Urteil gesprochen. Sie sagten, dass ihnen die Götter durch den Geschmack der Früchte ihren Willen mitteilten: Gut oder Böse. Aber immer war ihr Urteil so, dass es für den Fürsten und die Priester zum Vorteil war.“

„Ich weiß …“ Unbedacht waren Chawwa diese Worte über die Lippen gekommen. Dann brach sie ab, als hätte sie schon zu viel verraten. Adam erinnerte sich an die Szene bei ihrer ersten Begegnung, wo sie den Stamm des Baumes mit der Geste der Priester beim Opferfest berührt hatte, aber er sagte nichts.

Schließlich nahm Chawwa ihren begonnenen Satz wieder auf: „ Ich weiß … Ich war ‚lebendes Opfer‘ bei den Priestern des Fürsten. In dieser Zeit habe ich Furchtbares gesehen und erlebt. Wir waren mehrere Mädchen, Kinder noch. Wir mussten den Priestern dienen und ihnen zur Verfügung sein. Wenn eine von uns geschlechtsreif wurde und ihre erste Monatsblutung bekam, wurde sie getötet und es gab ein Opferfest für das Dorf, aus dem das Mädchen stammte. Zweimal habe ich miterlebt, wie eine von uns geholt wurde und dann in feierlicher Zeremonie abgeschlachtet wurde wie ein junges Schaf. Ich habe ihre Schreie noch im Ohr, nachts, wenn ich aufwache.“ Sie schwieg lange, ehe sie fortfuhr: „Manchmal hörte ich, wie die Priester miteinander sprachen, wenn sie den Baum der Erkenntnis befragen sollten. Sie scheuten sich nicht, ganz offen vor uns darüber zu reden, wir sollten ja getötet und geopfert werden, wenn unsere Zeit gekommen wäre. Oft gab ihnen der Fürst Anweisungen, wie das Urteil aussehen sollte, manchmal fällten die Priester selbst die Entscheidung, wie es ihnen gefiel.“ Chawwa schwieg und Adam wagte nicht, sie in ihren Erinnerungen zu unterbrechen.

Es dauerte lange, bis Chawwa weitersprach, leise und mit großen Pausen zwischen den einzelnen Sätzen: „Ich gehörte der ‚Schlange‘, dem Priester der Anklage. Er war der Mächtigste von ihnen, niemand wagte es, seiner Anklage zu widersprechen; selbst der Fürst fürchtete sich vor ihm. Viele Menschen wurden auf Grund seiner Anklage zum Tode oder zu grausamen Strafen verurteilt. Aber er war auch sehr klug, seine Erkenntnis erfasste den Willen der Götter ebenso wie die geheimsten Gedanken der Menschen. Er wusste es immer, wenn ich Gedanken der Auflehnung und des Hasses gegen ihn hatte.“ Adam sah ihre Tränen und merkte nun schon zum wiederholten Male, wie tief sich die Gewohnheit in ihr festgesetzt hatte, zu weinen, ohne durch einen Laut ihren Schmerz zu verraten.

Chawwa stand auf und ging zum Baum. Dann begann sie mit bloßen Händen zwischen seinen starken Wurzeln zu graben. Als Adam hinzukam, hielt sie einen Gegenstand in den Händen, den sie offensichtlich früher dort vergraben hatte. Adam konnte zunächst nicht erkennen, was es war. Erst als sie mit zitternden Fingern den Schmutz von dem Gegenstand abgestreift hatte, erkannte er ihn und erschrak: Es war die bronzene Schlange des Priesters der Anklage.

Entsetzt starrte er Chawwa an: „Woher hast du …?“ Chawwa schüttelte den Kopf und fuhr fort die bronzene Schlange zu reinigen, bis diese an den abgegriffenen Stellen geheimnisvoll metallisch glänzte. Dann begann sie zu reden, ohne Adam anzuschauen, als spräche sie zu sich selbst: „Tatsächlich? Hat Gott wirklich gesagt, nicht sollt ihr essen von jedem Baum des Gartens?“* Sie zögerte einen Augenblick, dann fuhr sie fort, als wollte sie ihre eigene Frage beantworten: „Von der Frucht des Baumgartens dürfen wir essen. Aber von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens sprach Gott: Nicht sollt ihr essen von ihm und nicht anrühren sollt ihr ihn, damit ihr nicht sterbet.” Sie hielt nun die Bronzefigur mit beiden Händen umklammert, krampfhaft zusammengepresst, bis die Knöchel an ihren Händen weiß hervortraten. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, und einen Augenblick schien es Adam, als käme es nicht von ihr, sondern von der gewundenen Gestalt des bronzenen Tieres: Nicht zum Tode werdet ihr sterben, sondern es weiß Gott wohl: Am Tage, da ihr esst von ihm, werden geöffnet eure Augen und ihr werdet sein wie Gott, erkennend gut und böse.“

* Diese und die beiden folgenden Aussagen: Vgl. 3. Mose 1-5 nach der eigenen Übersetzung aus dem Themenbeitrag „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”.

Erst jetzt sah sie Adam wieder an: „Ich habe lange darüber nachgedacht: Wir müssen die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen und selbst wissen, was gut und böse ist, ohne nach dem Willen von Priestern und Göttern zu fragen und das Gute tun und das Böse meiden. So werden wir und unsere Nachkommen in Frieden leben“.

Adam schwieg eine Weile nachdenklich. Ihn beschäftigte der Gedanke, wie wohl Chawwa ihrem Schicksal entkommen und hierher nach Eden gelangt war, und wie sie bei ihrer Flucht auch noch die bronzene Schlange hatte mitnehmen können. Offensichtlich war sie nicht so kopflos geflohen wie er selbst. Dann fand er wieder zu ihrem Gespräch zurück. „Damals, in der Nacht, als Gott JaHWeH bei mir war und mit mir redete, da wurde mir die Angst vor den Göttern und Dämonen genommen. Seitdem fühle ich, der ich ein Sklave war, mich freier als ein Fürst. Damals sagte die Stimme, dass ich nicht vom Baum der Erkenntnis essen soll. Das heißt nicht, dass wir nicht wissen sollen, was gut und böse ist, wir sollen es wissen, wir müssen es wissen, sondern es bedeutet, dass wir nicht selbst bestimmen sollen, was gut und böse ist. Das kann nur der Eine, JaHWeH, der uns befreit und hier zusammengeführt hat. Und der will, dass wir unsere selbstsüchtigen „Erkenntnisse“ nicht für uns und unseren eigenen Vorteil vereinnahmen, sie nicht wie eine selbstgepflückte Frucht „essen“ sollen. Wir beide, wir haben zur Genüge erlebt, wie es ist, wenn die Erkenntnis von Gut und Böse für den eigenen Machtgewinn missbraucht wird. Ich will nicht mehr in die Fänge dieser Götter geraten, die uns schlimmer knechten als die Menschen. Ich will kein Priester und Richter sein, der das Urteil spricht über andere: Gut oder böse. Nur wenn wir den Weisungen JaHWeHs folgen, der uns selbst zur rechten Zeit sagen will, was dann jeweils gut oder böse ist, nur wenn wir seine Gebote beachten, nur dann wird uns die Erkenntnis von Gut und Böse auch Frieden bringen“.

Obwohl Adam überzeugt war von dem, was er sagte, fühlte er sich doch verunsichert. Einerseits schien ihm das Vorhaben Chawwas richtig und vernünftig, andererseits hatte ihn die Erfahrung der Freiheit in Eden tief geprägt, die Erfahrung der Freiheit vor der Macht der Götter und Dämonen und von dem Zwang, sich selbst über andere zu erhöhen.

Chawwa nahm das Gespräch wieder auf: „Ich erinnere mich noch gut, was die „Schlange“, der Priester der Anklage, immer wieder sagte: ‚Die vom Baum der Erkenntnis essen, sind wie die Götter, denn sie wissen, was gut und böse ist.‘ (vgl.1. Mose 3,5) Wir selbst brauchen die Erkenntnis. Wir werden nicht mehr abhängig sein von Fürsten und Priestern, die uns versklaven und töten, wie es ihnen beliebt. Nur wenn wir selbst erkennen, was gut und böse ist und nach unserer eigenen Einsicht entscheiden, werden wir wirklich frei sein. Wir müssen selbst werden wie die Götter. Wir werden von diesem Baum essen und aus eigener Erkenntnis über Gut oder Böse, Recht oder Unrecht entscheiden. Und die Macht, die in dieser bronzenen Schlange wohnt, wird uns stark machen, dass wir nicht sterben, wenn wir uns das Wissen der Götter aneignen“

Adam zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete: „In der Nacht, als mir die Angst vor den Dämonen genommen wurde, da kam die Kraft der Befreiung nicht aus mir selbst. Ich erinnere mich noch genau: Es war eine Gottesgegenwart bei mir, zugleich gewaltig und erschreckend und doch sanft und zärtlich, zugleich unendlich und erhaben und doch vertraut und nah, die war gut und stark und sie redete mit mir wie ein guter Vater mit seinem Kind. Der Gott, der mich befreit hat, der will bei uns sein und uns in jeder Lebenslage wissen las- sen, was in seinen Augen gut und böse ist. Er heißt JaHWeH und er ist der Einzige, der uns zum Guten anleiten kann. Wenn wir ihm vertrauen, werden wir leben, wir und unsere Nachkommen, und werden in Frieden leben. Wir brauchen uns nicht selbst zu Göttern zu machen.“

Aber Chawwa ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen: „Bedenk‘ doch: Wir werden Kinder bekommen und eine große Familie werden. Keine Familie und kein Stamm kann ohne Regeln und Gebote leben. Wenn jeder etwas anderes gut oder böse nennt und jeder nach eigenem Gutdünken handelt, dann werden wir schwach sein und jeder kann über uns herfallen. Wir brauchen unsere eigene Erkenntnis von Gut und Böse, wir beide, als die Stammeltern unserer Familie, wir müssen selbst entscheiden, was Recht und was Unrecht ist, und wenn dann alle nach unseren Rechtsentscheidungen handeln, dann werden wir einig sein und stark.“

Adam fühlte sich überfordert und hilflos gegenüber den Argumenten Chawwas. Er spürte, dass irgend etwas daran nicht mit seinen eigenen Erfahrungen in Eden übereinstimmte, aber er konnte sein Unbehagen nicht in Worte fassen. Schließlich versuchte er es noch einmal: „Du hast recht: Ohne die Erkenntnis von Gut und Böse können Menschen nicht in Frieden miteinander leben. Aber, ist das Gute wirklich immer nur das, was uns selbst stark macht und über andere erhebt? Wenn wir so denken und handeln, sind wir dann nicht genau so wie die Priester des Fürsten, die ihre Erkenntnis und ihre Macht zum eigenen Vorteil nützen. Sollen wir denn werden wie sie?“

„Nein“, Chawwa schüttelte energisch den Kopf, „bei uns, in unserer Familie, bei unseren Kindern und Enkeln, da soll es nicht so sein wie bei den Völkern und Stämmen ringsum, wo die Starken und Wissenden die Schwachen und Unwissenden ausbeuten und unterdrücken. Bei uns sollen die Gebote dem Leben dienen und dem Frieden für alle, und nicht dem Reichtum und der Macht einiger weniger.“ Adam nickte, das sah er ganz genau so. Aber dann fuhr Chawwa fort: „Wir, du und ich, wir müssen die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen und dann werden wir das Wissen der Götter haben. Wir werden Gericht halten und Recht sprechen, und wir werden selbst sein wie gute Götter. Ja, gewiss, wir, wir werden gute Götter sein.“ Chawwa fasste Adam bei beiden Schultern und sah ihm in die Augen. „Verstehst du? Wir beide, du und ich, wir werden wissen, was gut und böse ist, und wir werden unsere Erkenntnis von Gut und Böse zu den Menschen bringen, und dann … “ Chawwa atmete tief und nahm Adams Hände und presste sie an ihr Herz „dann wird Frieden sein unter den Menschen.“

Adam war hin- und hergerisssen, er hatte keine Argumente mehr um Chawwa zu widersprechen, aber gleichzeitig sträubte sich sein Innerstes gegen ihr Vorhaben. Er sah hinauf in die mächtige Krone des Baumes, sah die verlockenden Früchte, aber er konnte sich nicht entscheiden, eine von ihnen zu pflücken. Da sah die Frau, dass gut war der Baum zur Speise und dass er Lust war für die Augen, und begehrenswert der Baum zum Klug-Werden und sie nahm von seiner Frucht und sie aß. Und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. (Vgl 1.Mose 3,6)

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Bodo Fiebig „Entscheidung in Eden, Version 2020-4

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