Bereich: A Wege biblischen Glaubens

Thema: Adam

Beitrag 3: Adam, der neue Mensch (Bodo Fiebig)

Nein, Adam war biologisch gesehen nicht der erste Mensch, aber er war geistlich gesehen der Erstling einer ganz neuen, noch nie dagewesenen Weise des Menschseins. Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn (1. Mose 1, 27). Das hatte es bis dahin noch nie gegeben: Ein Geschöpf wird zum Bild des Schöpfers. Dieses Vorhaben hatte Gott (siehe oben) schon von Anfang an verkündigt. Die konkrete Verwirklichung dieses Vorhabens begann mit der Erwählung und Geistausrüstung des konkreten Menschen Adam.

1 Neuschöpfung des Menschseins

Der Mensch, wie er von Gott gewollt ist, stellt gegenüber allem Vorangegangenen eine wirkliche Neuschöpfung dar, trotz seiner biologischen Nähe z. B. zu den Säugetieren. Und dieses „ganz Neue“ ist nicht biologischer Art, sondern besteht in einer besonderen, nur die Menschen betreffenden Berufung. Die Schöpfung „Mensch“ soll „Bild“, das heißt anschaubare Vergegenwärtigung Gottes sein. Das ist eine Zielangabe, keine Gegenwartsbeschreibung, und trotzdem ist dieses Ziel in allem Menschsein zu allen Zeiten als Möglichkeit und Herausforderung gegenwärtig.

Durch den Menschen soll das Wesen Gottes in der Schöpfung anwesend und erfahrbar werden. Der Mensch ist also keine optische Abbildung Gottes (als wäre Gott ein Wesen mit menschenähnlicher Gestalt, mit Armen und Beinen, mit Augen, Mund und Nase …), sondern eine wesentliche. Gott hat keine Leiblichkeit, kein „Aussehen“ nach menschlichen Vorstellungen. Denn das würde ja bedeuten, dass Gott ein Abbild des Menschen wäre (so haben Menschen immer wieder versucht, sich ihre Götter vorzustellen). Es soll aber der Mensch ein Ebenbild Gottes sein, nicht im Aussehen, sondern dem Wesen nach. In der ganzen Bibel steht nichts darüber, wie Gott aussieht. Die Bibel sagt: Gott ist Liebe (1. Joh 4,16), das heißt, sein Wesen ist ein „Für-den-andern-da-sein“ in voraussetzungsloser Annahme, uneingeschränkter Zuwendung, unerschütterlicher Treue und opferbereiter Hingabe. Damit ist alles Wesentliche über den Gott der Bibel ausgesagt, und die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite voll davon, was Gott tut, was er aus Liebe tut. Darin also, im Tun (im Geben und Empfangen) von Liebe soll der Mensch ein Abbild Gottes werden.

2 Mann und Frau

Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie, so heißt es in der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Sollen wir uns Gott nun eher männlich vorstellen (sowie in den meisten Kunstwerken der vergangenen Jahrhunderte) oder eher weiblich (wie es heute manchmal versucht wird), oder als männlich-weibliches Wesen mit gleichen Anteilen von beiden? Alle drei Vorstellungen wären völlig unpassend und unsinnig. Gott ist weder männlich noch weiblich, noch eine Mischung aus beidem. Gott ist Beziehung. Zum „Bild“, d. h., zu einer anschaubaren Vergegenwärtigung Gottes, an der man erkennen kann, wer und wie Gott ist, kann das Menschsein nur als Liebesbeziehung werden. Die (in der Entfaltung des Miteinander und Füreinander von Mann und Frau mögliche, wenn auch keineswegs selbstverständliche) Liebesgemeinschaft der Verschiedenen soll „Eben-Bild“, d. h. anschaubare und erlebbare Vergegenwärtigung der Liebe Gottes sein. Wenn das Menschsein Abbild des Wesens Gottes sein soll, dann bedeutet das, dass niemals ein einzelner Mensch so ein „Bild Gottes“ sein kann.

Gott ist Liebe (1. Jo 4, 16), und das Bild Gottes im Menschsein soll die Liebe Gottes anschaubar machen. Ein einzelner Mensch kann aber für sich allein nicht „Liebe“ darstellen. Das geht nur in der Beziehung zu einem Du. Deshalb heißt es hier: Männlich und weiblich erschuf er sie. Offensichtlich beinhaltet die Liebe Gottes auch Aspekte körperlichen Nahe-Seins (sonst hätte er nicht dieses „Bild“ gewählt), und offensichtlich soll im Gegenzug auch die menschliche Liebe zwischen Mann und Frau Aspekte einer spirituellen Liebesbeziehung enthalten, die im Andern nicht den eigenen Vorteil sucht.

Die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau soll das Grundmustersein, an dem man das Wesen Gottes erkennt! Und uns berührt vielleicht eine erste Ahnung, wie diese Liebe beschaffen sein muss, damit sie (wenigstens ansatzweise und in aller Unvollkommenheit) so einem Anspruch entsprechen kann. Aber nicht nur die Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern jede Beziehung zwischen Menschen soll nach dem Willen Gottes eine Liebesbeziehung sein und jede menschliche Gemeinschaft, ja die Menschheit als Ganzes aus allen Rassen und Völkern und Kulturen, soll (als Zielbestimmung) in ihrem Miteinander ein Bild, ein Anschauungsobjekt für die Liebe Gottes werden. Dazu ist das Menschsein gemacht und dazu ist es notwendig, dass im Miteinander und Füreinander menschlicher Gemeinschaft Lebensformen entwickelt werden, die dieser Liebe entsprechen* (1. Kor 13, 4-7): Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles (Lutherübersetzung).

* Siehe das Themenheft „AHaBaH – das Höchste ist lieben“

Dass im Menschsein solche Liebe als Widerspiegelung seines göttlichen Wesens am Werk ist und das Miteinander in der Gemeinschaft bestimmt, das war und ist die Absicht Gottes mit dieser Schöpfung, dafür macht er das alles und erhält es bis heute am Leben.

Und es sprach JaHWeH, Gott: Nicht gut ist das Dasein des Adam für sich allein. Machen werde ich ihm eine Hilfe als sein Gegenüber (2.Mose 2, 18). Das Allein-Sein ist nicht gut für Adam, persönlich nicht und nicht gut für seine Berufung. Er soll Eben-Bild der Liebe Gottes sein. Liebe kann sich aber immer nur im Miteinander erweisen und nur, wenn das Miteinander durch die Liebe gestaltet wird, wird im Irdischen das Bild des Wesens Gottes sichtbar. Adam braucht ein Gegenüber, das ihm zur Erfüllung seiner Berufung hilft.

Die Frau ist also nicht „Gehilfin“ des Mannes im Sinne einer untergeordneten „Hilfsarbeitskraft“, sondern notwendige Ergänzung, ohne die Adam nicht zu seiner Berufung und die Menschheitsgeschichte nicht zu ihrer Erfüllung kommen kann. Wie sollte denn Adam für sich allein zum Eben-Bild der Liebe Gottes werden? Das geht ja gar nicht. Nur dadurch, dass Gott ihm ein liebenswertes Gegenüber schafft, kann Adam werden, was er sein soll.

Die entstehende Familie Adams mit Eva, ihr Miteinander in liebevoller Zuordnung und Gemeinschaft, soll, im Schutzraum des Gartens Eden, zur sichtbaren Darstellung der Lebensordnung des Himmels hier auf der Erde werden: Himmel auf Erden, Bild Gottes im Menschsein. Das ist das Paradies, nicht in erster Linie das Ungefährdet-Sein des Lebens, die Leichtigkeit der Nahrungsbeschaffung oder die vertraute Nacktheit der Liebenden. Das gehört sicher alles auch dazu, aber es ist doch nur Zugabe zum Eigentlichen.

Bei der Beschreibung von der „Bildung“ der Frau in der Bibel geht es nicht darum, wie Gott dem (angeblich) ersten Menschen, Adam, eine Frau schenkt, damit sich das Menschengeschlecht fortpflanzen kann. Hier wird vielmehr verdeutlicht, wie Gott dem Adam, dem er durch die Einhauchung seines Geistes eine ganz neue Seite des Menschseins eröff-net hat, nun auch eine Frau „bildet“, die seiner Doppelexistenz von „fleischlichem“ und „geistlichem“ Menschsein entspricht.1. Mose 2, 21-22 (Lutherübersetzung): Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.

Diese Übersetzung ruft bei beim Lesen eine ganze Reihe von Bildern hervor, die uns auf ganz bestimmte Vorstellungen festlegen: auf die Szenenfolge mit einem göttlichen Chirurgen, der den Adam in eine Art Narkose-Schlaf versetzt und ihm die Brust aufschneidet, um ihm eine Rippe zu entnehmen. Aus dieser Rippe hätte er sich das Skelett einer Frau zu- rechtgebogen, das er dann mit allen Organen eines Menschenkörpers umkleidet hätte. Eine ziemlich abenteuerliche Vorstellung, und eine für Eva ziemlich abwertende, wenn für sie eine Rippe genügt, während für ihren Mann alles Übrige bleibt. Wobei ja unbestritten ist, dass Gott es auch so hätte machen können. Aber im Gesamtzusammenhang der Bibel sehen wir: So handelt Gott nicht, nie in der ganzen Heiligen Schrift. Aber er handelt an den Menschen immer wieder so, dass er einzelne Personen aus der Vielzahl der vorhandenen Völker und Stämme erwählt und in ihnen durch seinen Geist eine neue Sichtweise, ein erweitertes Verständnis, ein verändertes Bewusstsein erweckt und dadurch eine neue Beziehung zu ihm ermöglicht.

Sehen wir nach, was wirklich in der Geschichte von der „Bildung“ der Frau steht, die für Adam Hilfe und Gegenüber werden soll (1. Mose2, 21 wörtlich): Und fallen ließ JaHWeH, Gott, Tiefschlaf auf den Adam und er schlief. Und er nahm die eine von seinen Seiten und verschloss darunter sein Fleisch. Und es bildete JaHWeH, Gott, die Seite, die er von dem Adam genommen, zur Frau und er brachte sie zu dem Adam.

Das Wort „zela“, das in den deutschen Bibeln meist mit „Rippe“ übersetzt wird, heißt eigentlich „Seite“; es bezeichnet (in der Bibel) z. B. die (Längs-)Seite der Bundeslade, der Stiftshütte, des Altars, also die eine Dimension dieser Gegenstände. Diese ursprüngliche Wortbedeutung kann uns hier weiterhelfen: Eva kann nur dann für Adam zur Hilfe bei der Erfüllung der Menschheitsberufung werden, wenn auch sie Anteil bekommt an der neuen Dimension, an der neuen „Seite“ des Menschseins, wenn auch sie nicht mehr „ein-seitig“ nur der „fleischlichen“ Dimension angehört. Sie soll nun auch teilhaben an der unvergleichlichen, das eigentliche Menschsein erst begründenden Gabe Gottes, an der (vom Geist Gottes inspirierten) Liebe, die das Menschsein erst zum Bild Gottes macht. Und diese Liebe schließt das körperliche Nahesein, Erotik und Sexualität mit ein, geht aber auch weit darüber hinaus.

Hier in unserer Textstelle wird außerdem betont, dass das „Fleisch“ des Adam (sein natürlich-kreatürliches Menschsein) „unter“ (so heißt es hier wörtlich) der „geistlichen Seite“ verschlossen wird.

So ergibt sich nun die folgende Übersetzung: Und fallen ließ JaHWeH, Gott, Tiefschlaf auf den Adam und er schlief. Und er nahm die eine von seinen beiden Seiten (die geistliche) und verschloss darunter sein Fleischliches Menschsein. Und es bildete JaHWeH, Gott, die Seite, die er von dem Adam genommen, zur Frau und er brachte sie zu dem Adam. (Die dünn gedruckten Textteile sind als Erläuterung hinzugefügt).

Wieder müssen wir uns von lieb gewordenen Vorstellungen trennen: So wie wir im ersten Beitrag die Vorstellung ablegen mussten, dass da Gott eine Lehmfigur durch Anhauchen zum Leben erweckte, so müssen wir uns nun von der Idee trennen, dass Gott die Eva dem Adam sozusagen aus dem Leib geschnitten habe. Adam selbst – so haben wir gesehen – war insofern „Neuschöpfung des Menschseins“, als er durch den Hauch der Liebe Gottes zu einer ganz neuen Menschlichkeit befähigt wurde. Seit dieser Einhauchung des Geistes Gottes ist Adam ein „mehrdimensionales Wesen“. Paulus nennt später die beiden Dimensionen des Menschseins „Fleisch“ und „Geist“, materielles und göttliches Leben in einem Wesen.

Und es bildete JaHWeH, Gott, die Seite, die er von dem Adam genommen, zur Frau und er brachte sie zu dem Adam (1.Mose 2, 22). Überraschenderweise haucht nun Gott der Eva nicht direkt seinen Geist ein, sondern greift auf das zurück, was er schon vorher dem Adam mitgeteilt hatte. Daran wird deutlich: Der Atem des Göttlichen im Menschen soll nicht jedem Einzelnen direkt von Gott eingehaucht, sondern von Mensch zu Mensch weitergegeben werden, so, wie auch der Keim des (biologischen) Lebens nicht in jedem Lebewesen neu entfacht wird, sondern in einer langen Kette über Jahrtausende hinweg weitergegeben wird. So geschieht es ja auch heute noch, auch im spirituellen Bereich: Ein Mensch, der vom Geist Gottes ergriffen und erfüllt ist, teilt sich einem andern mit und nun beginnt in diesem ein vom Geist Gottes gelenkter geistlicher „Bildungsprozess“, durch den aus einem ein-seitig „fleischlichen“ Menschen das Vollbild des Menschseins aus „Fleisch-und-Geist“ wird.

Das hebräische Wort, das hier mit „bilden“ übersetzt wird, heißt eigentlich „bauen, aufbauen, ausbauen“. Gott selbst baut (durch seinen Geist) die Persönlichkeit eines Menschen aus und auf, wenn er in ihm das spirituelle Menschsein ausformt. Hier, wo das zum ersten Mal geschehen soll, versetzt Gott den Adam dabei in einen Tiefschlaf. Das betont auf beinahe humorvolle Weise: Adam war nicht aktiv beteiligt. Eva, die genetisch und ethnisch gesehen aus einem der Stämme und Sippen im Land am Euphrat und Tigris stammt, soll den Geist bekommen, den Gott zuerst dem Adam eingehaucht hatte. Die spirituelle Existenz der Frau wird hier zwar von der schon vorhandenen Spiritualität Adams „inspiriert“, sie ist aber nicht von der Großzügigkeit des Mannes abhängig, sondern wird dann von Gott selbst „gebildet“ (aufgebaut, ausgeformt), während Adam schläft.

Gott nimmt die eine Seite Adams, die spirituelle Dimension seines Menschseins, und bildet aus ihr und der schon vorhandenen „fleischlichen Seite“ Evas einen neuen Menschen als geisterfülltes Lebe-Wesen. Dabei geht dem Adam nichts verloren (er muss nicht mit elf Rippen weiterleben). Der Geist Gottes wird nicht zerstückelt, wenn er sich neu mitteilt. Beide, Adam und Eva, Mann und Frau können dieses neue Menschsein hundertprozentig haben, wenn sie es hundertprozentig von Gott annehmen.

Und jetzt erkennt Adam in Eva das ihm von Gott geschenkte Gegenüber. Und es sprach der Adam: Diese, diesmal, ist Wesen von meinem Wesen und Fleisch von meinem Fleisch! Diese werde genannt Frau (hebr. Ischa), denn vom Mann (hebr. Isch) ist sie genommen (1. Mose2, 23). Meist wird dieser Freudenruf Adams so übersetzt: „Das ist Bein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch“ und sofort ist das Bild von der herausoperierten „Rippe“ wieder da. Aber das Wort „äzäm“ bedeutet nicht nur „Knochen“ (Gebein), sondern auch „Wesen“, innerstes Selbst (z. B. in 2.Mose 24, 10, wo der Boden zu Füßen Gottes als „so klar wie der Äzäm des Himmels“ beschrieben wird, und das wird man wohl kaum mit „so klar wie der Himmelsknochen“ übersetzen wollen, sondern eher mit „so klar, wie der Himmel seinem Wesen nach ist“).

Adam erkennt in Eva die ihm von Gott gegebene „Hilfe zum Menschsein“, die nun nicht mehr nur dem „Fleisch“ nach, sondern auch nach ihrem innersten Wesen ihm (und seiner Berufung) ganz entspricht. Jetzt erst können beide in ihrem Miteinander zu einem „Ebenbild Gottes“ werden, zu einer leiblich-spirituellen Darstellung seiner Liebe. Das Miteinander von Menschen, (insbesondere das Miteinander von Mann und Frau in gegenseitiger Zuneigung und Ergänzung) das geprägt ist durch eine Liebe, die nicht zuerst das Eigene sucht, nicht den eigenen Vorteil, nicht die eigene Bestätigung, nicht die eigene Erfüllung, nicht die eigene Aufwertung, nicht die eigene Befriedigung, sondern das, was für den anderen gut und hilfreich und förderlich ist. Das ist die ursprüngliche und bleibende Berufung aller Menschen und durch sie soll das Menschsein als Ganzes zur Darstellung, zum „Ebenbild“ der Liebe Gottes werden, einer Liebe, die nicht nur eine Eigenschaft Gottes ist, sondern sein innerstes „Wesen“, seine „Substanz”, seine „Identität“.

3 Die ethische Revolution des Lebens

Die Darstellung des Wesens Gottes durch die Liebesgemeinschaft des Menschseins, ist das nicht eine totale Überforderung menschlicher Möglichkeiten? Sind nicht Kampf und Gewalt das natürliche Erbe unserer Herkunft? Hat sich nicht das Leben selbst im Laufe von Jahrmillionen als Ergebnis eines unerbittlichen „Kampfes ums Dasein“ aus einfachsten Anfängen entwickelt?* Und ist nicht auch die ganze Menschheitsgeschichte von solchen Kämpfen gekennzeichnet, in denen nur diejenigen bestehen und überleben konnten, die sich als die Stärksten, Geschicktesten – und auch Rücksichtslosesten – durchzusetzen vermochten (so die gängigen Vorstellungen der Evolutionslehre)?**

* Siehe dazu auch das Thema „Die Ethik des Atheismus“ im Bereich „mitreden – kontroverse Diskussion“

** Siehe das Thema „Friede auf Erden?“  im Bereich „mitdenken – Grundlagen der Gesellschaft“

Ja, gewiss: Die Berufung des Menschseins, Ebenbild der Liebe Gottes zu sein, übersteigt weit alle menschlichen Möglichkeiten. Trotzdem will Gott, der Schöpfer, seine angekündigte Absicht verwirklichen. Dafür hat er ja das ganze Universum und alles Leben und zum Schluss noch den Menschen geschaffen. Das Menschsein allein kann aber aus sich selbst keine Menschlichkeit hervorbringen, die über seine natürliche Ausstattung hinausreicht. Was noch fehlt und unbedingt notwendig wäre, damit das Menschsein zu einem „Bild“, zu einer anschaubaren Vergegenwärtigung Gottes werden könnte, ist ein Maßstab für „Menschlichkeit“, die der Liebe Gottes angemessen wäre. Den aber könnte das Mensch-sein nie aus seiner natürlich-biologischen Existenz hervorbringen, denn die ist, wie bei allen Lebewesen auf das Überleben im „Kampf ums Da-sein“ programmiert. Was also noch fehlt, ist eine „ethische Revolution des Lebens“, durch die das Leben (des Menschen) auf eine völlig neue Grundlage gestellt wird: Nicht mehr der „Kampf ums Dasein“ soll das Verhältnis der Menschen untereinander bestimmen, sondern eine „Erkenntnis von gut und böse“, durch die der Mensch fähig werden soll, Gut und Böse zu unterscheiden und sich für das Gute und gegen das Böse zu entscheiden.

Die Erkenntnis von Gut und Böse ist nach der Bibel nicht etwas Verwerfliches, kein „Sündenfall“, sondern notwendige Voraussetzung dafür, dass die Menschheit zu ihrer Berufung finden kann. Und Gott selbst hatte sie „aus dem Boden wachsen lassen“ (1. Mose 2,9): Und es ließ JaHWeH, Gott, aus dem Boden wachsen jeden Baum, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Im Garten Eden (das Wort „Garten“ klingt im wüstenhaft trockenen Orient selbst schon wie „Paradies“) gibt es viele Bäume, von denen sich Adam und Eva ernähren und zwei besondere Bäume, den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von gut und böse (siehe auch das Thema „gut und böse“).

Die Bibel redet hier (wie meistens) in Bildern, um uns das Verständnis ihrer Aussagen zu erleichtern. Wir wollen versuchen, diese Bilder für unser heutiges Denken zu erschließen. Welche Realität, welcher „Schöpfungsakt Gottes“ steht hinter den Bildern von den beiden Bäumen im Garten Eden?

Eigentlich ist das ganz einfach zu verstehen: Der Baum ist immer ein Sinnbild für etwas, was aus einer gemeinsamen Wurzel wächst, das eine gemeinsame Ab-Stamm-ung hat. Beim „Baum des Lebens“ ist uns dieses Bild geläufig: Von der ersten Ur-Zelle an hat sich das Leben immer mehr verästelt und verzweigt, bis hin zu der millionenfachen Vielfalt der Arten und Formen, die wir heute kennen. Der „Stammbaum des Lebens“ und seine Entfaltung sind zwar noch nicht in allen Einzelheiten erforscht, aber doch in seinen grundlegenden Entwicklungen erkennbar. Dieser „Baum des Lebens“ war zu der Zeit, als es den frühen Menschen gab, schon voll entfaltet. Der Mensch war ja, wie die Bibel sagt und die Naturwissenschaft bestätigt, der letzte Zweig an diesem Stamme.

Diesen Lebensbaum, den Gott selbst „gepflanzt“ hatte, und dessen Entfaltung er in jeder Phase der Entwicklung sorgsam begleitet und gestaltet hatte, den stellt Gott nun dem Adam vor Augen und er gibt ihm den Auftrag, die vorgefundene Vielfalt des Lebens in Eden zu pflegen, zu nutzen und zu bewahren (1.Mose 2,15).

Bei dem anderen Baum, dem „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ ist uns dieses Bild nicht so vertraut und wir müssen uns diese Sichtweise erst schrittweise erschließen: Stellen wir uns frühe Formen menschlicher Gemeinschaft vor: Familien und Sippen, Horden von ein paar Dutzend Menschen, die die Wälder und Steppen auf der Suche nach jagbarem Getier und essbaren Pflanzen durchstreiften, immer in der Gefahr des Verhungerns, immer dem Wechsel von Witterung und Jahreszeiten ausgesetzt, immer im Kampf gegen körperlich überlegene Wildtiere und konkurrierende Menschen-Gruppen.

Das Leben in einer so feindlichen Umwelt forderte alle ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten heraus. Nur durch kluge Einteilung der Kräfte und durch überlegene Strategien gemeinsamen Kampfes, bei dem jeder seine spezielle Rolle zu spielen hatte, konnte das Leben des ganzen Rudels gesichert werden. Dazu brauchten diese Lebens- und Jagdgemeinschaften aber Regeln, die ihr Miteinander so effektiv wie möglich ordneten. So entstanden, jenseits der instinktgebundenen Verhaltensmuster, erste Rudelordnungen, die den einzelnen Mitgliedern bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen zuwiesen, an die sie sich zu halten hatten. Wenn sie sich daran hielten, wurde das von der ganzen Gemeinschaft als positiv, also „gut“ gewertet und belohnt (zum Beispiel bei der Zuteilung des Beute-Anteils), wenn nicht, galt das als schädlich und gefährlich für die Gemeinschaft, also als „böse“ und wur-de bestraft.

Ebenso wie beim Baum des Lebens nach und nach durch die Entwicklung von Einzellern, dann komplexeren Lebensformen und schließlich mit der Ausdifferenzierung im Pflanzen- und Tierreich eine Genealogie, eine Abstammungs- und Erbfolge des Lebens entstanden war, so entstand nun im Miteinander von Menschen-Gruppen, von Stämmen und Völkern nach und nach eine „Genealogie“ der Ideen und Werte, eine Entwicklungsgeschichte über die Abstammung und Verzweigung der Vorstellungen von gut und böse.

Das mögen anfangs nur mündlich tradierte Verhaltensregeln gewesen sein, die das Miteinander der frühen Menschen-Rudel bei der Jagd oder bei der Verteilung der Beute ordneten. Allmählich bildeten sich aber in den Sippen und Stämmen ganze Systeme von ungeschriebenen – und später auch geschriebenen – Ordnungen und Gesetzen aus, die immer engmaschiger festlegten, welches Verhalten erlaubt oder erwünscht (und damit „gut“) wäre und welches Verhalten unerwünscht, verboten (und deshalb „böse“) sei.

Diese Ordnungen und Gesetze machen – auch heute noch – einen wesentlichen Bestandteil dessen aus, was wir die „Kultur“ einer Gemeinschaft nennen. Der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ wuchs von Generation zu Generation, und im biblischen Bericht vom Garten Eden symbolisiert er die „Genealogie der Werte“, die sich bis dahin schon herausgebildet hatte. Jede Rechtsordnung und Rechtsprechung ist noch heute eine Frucht von diesem Baum. Ohne Erkenntnis von Gut und Böse ist die Herausbildung von Recht und Gerechtigkeit und damit eine menschliche Gemeinschaft auf Dauer nicht möglich. Gott selbst hatte dafür gesorgt, dass sie wachsen und sich verzweigen und zu einem starken „Baum“ werden konnte.

Die Parallelität der beiden Bilder ist einleuchtend: So wie der „Baum des Lebens“ die bis dahin gewachsene Abstammung und Verzweigung der biologischen Lebensformen symbolisiert, so ist der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ das Symbol für die Abstammung und Verzweigung der bis dahin entwickelten sozialen Lebensformen, der Verhaltensregeln und Werteordnungen.

Das bedeutet aber auch: Wenn nun der Mensch die Fähigkeit hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, dann ist er auch gezwungen, sich zu entscheiden. Er kann nicht mehr unbefangen und triebgesteuert leben und handeln. Wenn jemand erkennt, dass eine bestimmte Handlung „gut“ und eine andere „böse“ ist, dann muss er sich für eine von beiden entscheiden, und er ist für diese Entscheidung verantwortlich, auch wenn er diese Verantwortung weit von sich wegzuschieben versucht.

Das Menschsein unterscheidet sich von jedem anderen Dasein dadurch, dass es inmitten einer ethisch blinden Natur ein ethisch verantwortetes Leben führen soll. Mitten in einer instinktgesteuerten und ethisch blinden Tier- und Pflanzenwelt gestaltete der Schöpfer ein Lebewesen, das in der Lage sein kann, Gut und Böse zu unterscheiden. Von diesem ersten Keim der Erkenntnis des Guten aus (und dem Willen, das Gute auch zu tun und das Böse zu meiden) soll es sich ausweiten und alles Menschsein erfassen und durchläutern. Die ethische Unterscheidungsfähigkeit (zwischen Gut und Böse) und dazu auch die tatsächliche und konkrete Entscheidung für das Gute und gegen das Böse, das ist es, was das Menschsein des Menschen ausmacht, nicht seine intellektuelle oder technische Überlegenheit.

So soll das Menschsein zum Ebenbild Gottes werden. Wobei uns bewusst sein muss: Das Böse (unter den Menschen) geschieht oft von allein, es entspricht ja in vielem den natürlichen Verhaltensweisen eines Lebewesens, das von gut und böse nichts weiß, und damit dem „Kampf ums Dasein“ unterworfen ist.

Das Gute muss man (oft gegen die eigene Triebsteuerung) erkennen und wollen. Ethisch bewusste Einstellungen und Verhaltensweisen sind immer bedroht und gefährdet. So wie sich das Leben in einer lebensfeindlichen Natur mühsam seine Lebensräume erobern muss, so muss sich das Gute in einer ethisch blinden Umwelt und in einer von Kampfinstinkten beherrschten Menschheit mühsam, Schritt für Schritt, Handlungsräume des Miteinander und Füreinander erschließen. Wenn aber dann möglichst viele Menschen erkennen, was gut und böse ist und (so gut sie es eben vermögen) in ihrem Miteinander das Gute tun und das Böse meiden, dann entsteht mitten in der materiell existierenden und biologisch funktionierenden Schöpfung eine ganz neue Wirklichkeit, eine völlig neue „Lebensqualität” des Daseins: Die Liebesgemeinschaft des Menschseins als Abbild des Wesens Gottes in der Schöpfung.

Das Überraschende in der biblischen Erzählung ist nun aber, dass Adam und seine Frau von diesem Baum nicht essen sollen. Wenn Gott schon diesen „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ wachsen ließ, dann wäre es doch nur logisch, wenn die Menschen diese Erkenntnis nun auch „verinnerlichen“ („essen“)! Es ist im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich, im Einzelnen zu erklären, warum das so ist (siehe dazu auch die Erzählung im Beitrag 2 „Entscheidung in Eden“, siehe auch das Thema „gut und böse“). Ich kann hier nur ein paar Andeutungen machen: Gott stellt den beiden Menschen, die er mit dem Geist seiner Liebe ausgestattet hatte, den bis dahin unter den Sippen und Völkern gewachsenen und verzweigten Baum der Erkenntnis von Gut und Böse vor Augen und er sagt ihnen: „Davon sollt ihr nicht essen, denn alle diese Früchte entsprechen noch nicht meinem Willen und der Berufung des Menschseins. Zwar enthalten sie schon Ansätze einer Ethik, die über den Selbsterhaltungstrieb und den Kampf ums Dasein hinausweist, aber aufs Ganze gesehen sind sie doch noch Ausdruck eines kollektiven Egoismus: Gut ist, was uns nützt, und böse ist, was uns schadet (wie immer dieses „uns“ dann auch definiert wird)“. Das ist noch nicht die Liebe, die Gott will und die jeden Menschen meint. Das ist noch nicht das Bild Gottes im Menschsein. „So soll es bei euch nicht sein“ (Mt 20,26) sagt die Bibel, nicht bei Adam und Eva damals im Garten Eden und nicht bei uns heute in einer Gemeinschaft biblischen Glaubens. Denn da soll nun eine neue Erkenntnis von gut und böse wachsen, die nicht auf dem (individuellen oder kollektiven) Egoismus beruht, sondern auf der Liebe im Sinne einer wohlwollenden, fürsorglichen, liebevollen Mitmenschlichkeit, die niemanden ausschließen will, auch den Fremden, Andersartigen, Andersdenkenden, Andersempfindenden nicht. „Gut“ in dem Sinn, wie Gott selbst es meint, ist ein menschliches Miteinander, wo jeder darauf achtet, was auch den anderen gut tut und nützt (und das ohne Beschränkung auf die eigene Familie, Gruppe, Volkszugehörigkeit, Rasse, Religionsgemeinschaft usw.), und böse ist, was anderen absichtlich Schaden zufügt*. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mt 22, 39).

* Eine ausführlichere Darstellung dazu im Thema „gut und böse“, Abschnitt 2 „Essen vom Baum der Erkenntnis

Am dem Abend, bevor Jesus verhaftet und verhört und gefoltert und hingerichtet wurde, da sagte er zu seinen Jüngern (Joh 13, 34+35): Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Das ist das Gebot der Menschlichkeit, die dem Wesen und der Liebe Gottes entspricht und durch dessen Erfüllung das Menschsein zum „Ebenbild“ Gottes wird.

Aber ist das nicht ein fernes und unerreichbares Ideal, so fern, dass es die alltägliche Realität unseres Lebens gar nicht mehr berührt? Nein, denn diese Menschlichkeit erfüllt sich in den ganz kleinen alltäglichen Realitäten unseres Lebens. Sie misst sich nicht am Ideal der Vollkommenheit, sondern am Vollzug alltäglicher Mitmenschlichkeit inmitten aller menschlichen Unvollkommenheiten und Schwächen. Und diese Mitmenschlichkeit begegnet uns nirgends so real und zugleich so vollkommen wie im Leben, Reden und Handeln des Menschen Jesus von Nazareth (siehe den folgenden Beitrag „Jesus – der wahre Mensch“.

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Bodo Fiebig „Adam – der neue Mensch, Version 2020-4

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