Bereich: A Wege biblischen Glaubens

Thema: Abraham

Beitrag 1: Eine göttliche Verlegenheit? (Bodo Fiebig)

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden (1.Mose 12, 1-3). So beschreibt die Bibel die Berufung Abrahams. Aber warum Abraham? Warum einen wandernden Viehhirten im Niemandsland zwischen den großen Kulturen seiner Zeit? Gab es in der Zeitenwende um 1900 v. Chr. nicht große und mächtige Völker mit eindrucksvollen Städten und Bauwerken, mit hochentwickelten Sozialsystemen und Religionen? Denken wir an die großartigen Kulturen der Ägypter am Nil, der Sumerer und Babylonier an Euphrat und Tigris und die Kultur von Harappa am Indus. Was will Gott da mit einem Einzelnen bzw. einen nomadisierenden Familienclan, sozial und religiös entwurzelt aus ihrer Heimat in Ur?

In welcher „Verlegenheit” mag sich Gott da befunden haben, dass es zu einer so seltsamen „Erwählung” kam? Versuchen wir es anhand eines Vergleichs-Bildes zu deuten: Nehmen wir an, wir hätten eine große Menschenmenge vor uns mit mehreren tausend Personen. Denen wollten wir etwas mitteilen, das wichtig wäre für jeden Einzelnen ebenso wie für die Menge als Ganzes. Es gäbe aber keine Mikrofone und Lautsprecher, so dass wir nicht alle gleichzeitig erreichen könnten, sondern unsere Botschaft von Person zu Person weitersagen müssten.

Diese Menschenmenge wäre allerdings keine undifferenzierte Masse, sondern organisiert in mehreren, sehr verschiedenen Gruppierungen. Da gäbe es große und mächtige Gruppen mit sehr stark ausgeprägten Überzeugungen und selbstbewusster Zurschaustellung ihrer Vormachtstellung und Überlegenheit, Gruppen, die allerdings auch oft zu gewalttätiger Durchsetzung ihrer Auffassungen neigten. Daneben gäbe es Gruppen mittlerer Größe, die sich an den „Großen“ orientierten, und versuchten, in die Riege der Mächtigen aufzusteigen, indem sie die Überzeugungen der Großen teilweise übernähmen und mit eigenen Vorstellungen kombinierten. Schließlich gäbe es noch einige kleinere Gruppierungen, die, ihres Minderheitsstatus bewusst, ihre Überzeugungen im Innenraum ihrer Gemeinschaft pflegen und sich nach außen mehr oder weniger abschotten würden.

Wir hätten nun mehrere Möglichkeiten, unsere Botschaft „an den Mann“ zu bringen. Wir könnten die größte und mächtigste Gruppe auswählen und ihr unsere Botschaft anvertrauen. Diese Gruppe hätte sicherlich die besten Chancen, diese Ansichten dann auch durchzusetzen und unsere Botschaft an alle übrigen weiterzugeben, notfalls sie ihnen aufzuzwingen. Allerdings enthielte diese Variante auch eine doppelte Gefahr: Erstens wäre es sehr wahrscheinlich, dass diese Gruppe in ihrem selbstsicheren Gefühl der Überlegenheit unsere Botschaft gar nicht erst annehmen, sondern auf ihren bisherigen Überzeugungen beharren würde. Zweitens müsste man damit rechnen, dass diese Gruppe, selbst wenn sie grundsätzlich bereit wäre, unsere Botschaft zu hören, diese so stark mit ihren bisherigen Überzeugungen vermischen würde, dass aus dieser Mischung kaum mehr zu entnehmen wäre, was wir eigentlich der Menge mitteilen wollten.

Vielleicht wäre es da besser, unsere Botschaft einer der mittleren Gruppen anzuvertrauen. Da wäre wohl die Bereitschaft größer, unsere Botschaft zu akzeptieren. Allerdings wäre dann auch die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man da unsere Botschaft als eine von vielen ansehen würde, für die man sich auch nicht besonders engagieren bräuchte, weil sie ja nicht von einer der „großen” und mächtigen Gruppen vertreten wäre. Wir müssten also damit rechnen, dass unsere Botschaft (vermischt mit Bruchstücken aus anderen Botschaften) kaum mit Überzeugung vertreten und weitergegeben, sondern nach und nach im San-de verlaufen würde.

Wenn wir unsere Botschaft einer der kleineren Gruppen anvertrauen würden, müssten wir damit rechnen, dass sie zwar eine Zeit lang in internen Kreisen noch wachgehalten würde, aber dann bald völlig in Vergessenheit geriete.

Was sollten wir tun? Welches wäre die beste Strategie? Wir wären in einiger Verlegenheit, weil keine der möglichen Vorgehensweisen sehr vielversprechend aussähe. In eben dieser „Verlegenheit“ befand sich der Schöpfer des Universums selbst, als es vor fast viertausend Jahren darum ging, eine Gemeinschaft zu finden, die bereit wäre, seine Botschaft aufzunehmen und weiterzugeben. Eine Botschaft, die zu einer Heilsverkündigung (Evangelium), ja zum tatsächlich erfahrbaren Heil für alle Völker werden sollte.

Gott wollte sich selbst, sein Wesen, seine Motivation, seine Absichten, Wege und Ziele in Wegweisungen, Wundern und Worten offenbaren, um nun mit der ganzen Menschheit einen Heilsweg zu gehen, dessen Ziel es ist, alle in die Nähe und Geborgenheit seiner Liebe hinein zu holen, aber wer würde die Offenbarung dieses Weges annehmen und ernst nehmen? Da gab es (siehe oben) zu dieser Zeit großartige und mächtige Kulturen mit ihren Religionen, z. B. die Kulturen der Sumerer und Babylonier am Euphrat und Tigris, der Ägypter am Nil, die Harappakultur am Indus…, wären die nicht geeignet gewesen, einen neuen spirituellen Impuls aufzunehmen und weiterzutragen?

Offensichtlich nicht, denn Gott ging damals den genau entgegengesetzten Weg. Er wählte nicht die stärkste Kultur- und Religionsgemeinschaft, auch nicht die kleinste oder eine mittlere, sondern er fing ganz neu an mit einem einzigen Menschen: Abraham. Ein wandernder Viehhirte, entwurzelt aus seiner kulturellen und religiösen Herkunft in Ur, seine Schaf- und Ziegenherden von Wasserstelle zu Wasserstelle treibend im Niemandsland zwischen den Hochkulturen seiner Zeit. Selbstverständlich war auch die Sippe Abrahams nicht ohne kulturellen und religiösen Hintergrund, schließlich stammte sie aus Ur, dem geistigen Zentrum der Sumerer, das heute oft als „Wiege der Hochkultur“ bezeichnet wird. Abraham und seine Leute gehörten zur „Bildungselite“ seiner Zeit (weltweit gesehen!), aber sie waren abgeschnitten von ihrer kulturellen und religiösen Herkunft, isoliert und in eine Situation bedingungsloser Abhängigkeit von der Führung und dem Schutz jener Macht, der sie sich anvertraut hatten.

Nein, es war offensichtlich doch keine Verlegenheit Gottes, die dazuführte, dass er sich einen Haufen wandernder Hirten als Träger seiner Offenbarungsbotschaft wählte, sondern bewusste und gezielte Strategie: Die spirituelle Offenheit, die Ungebundenheit im Denken, Glauben und Leben, die Aufnahmefähigkeit für Neues und Unvertrautes eines nomadisierenden Familienklans kombiniert mit dem geistigen Hintergrund der höchstentwickelten Kultur seiner Zeit: Das war anscheinend die einzig mögliche Rahmenbedingung für die Gottesoffenbarung, deren zusammenfassende Überlieferung (hineinverwoben in die Geschichte und Kultur eines kleinen Stammesverbandes im Orient) wir in der Bibel Alten und Neuen Testamentes vor uns haben.

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Bodo Fiebig „Eine göttliche Verlegenheit?, Version 2020-5

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