Bereich: mitgehen

Thema: B Jesus – der Weg

Beitrag 12: …auf dass wir Frieden hätten (Bodo Fiebig)

Mirjam beugte sich vor, legte die fieberheiße Stirn in die zitternden Hände und verharrte minutenlang in dieser Haltung. Es sah aus als bete sie. Aber was ihr Innerstes bewegte, war alles andere als ein frommes Gebet. Es war einratlos-verzweifelter Schrei: „Wer bist du Gott? Wer bist du, dass du so etwas zulassen kannst? Oder hast du es nicht nur zugelassen, sondern selbst …?“ Mirjam wagte nicht, den Gedanken zuende zu denken. Das große ungelöste Rätsel ihres Lebens lag wie eine riesige Last auf ihr, viel größer und viel schwerer, als dass sie sie je tragen könnte.

„Jeschuah, mein Sohn, Jeschuah, meinSohn …“ jeder Pulsschlag, jeder Atemzug wiederholte die gleichen Worte in ihr. Ja, wenigstens das wusste sie ganz sicher, bei allem, was ihr in den letzten Tagen und Stunden an Sicherheit zerbrochen und vergangen war: Jeschuah war ihr Sohn, sie hatte ihn geboren, und nun fühlte sie sich, als ob der Schmerz dieser Geburt vertausendfacht wieder zurückgekommen sei. Wo war der Vater ihres ersten Sohnes, den sie empfangen hatte, als sie noch „von keinem Manne wusste“? Warum war er nicht da, als sie ihn am dringendsten brauchte?

Sie spürte ein übergroßes Verlangen in sich, diese Last und ihren Schmerz mit einem Mann zu teilen, der auch „Jeschuah, mein Sohn“ sagen würde. Aber das war ihr immer versagt geblieben. Mirjam erinnerte sich an den Tag, wo Jeschuah, kindlich-lallend, im Spiel mit den ersten selbst erzeugten Lauten, zum ersten Mal das Wort „Abba“* geformt hatte. Sie hatte gespürt, ohne hinzusehen, wie Josef neben ihr für einen Moment erstarrte, bis er sich wieder in der Gewalt hatte und seine Arbeit weitermachte, als sei nichts geschehen.

* Abba = hebräisch für „Vater“, etwa wie „Papa“

Später, viel später, hörte sie ihren Sohn „Abba“ sagen zu einem anderen Vater, aber da war das längst kein kindlich-vertrauliches Spiel mehr. Kann man „Abba“ sagen zu einem, der immer gegenwärtig und doch nie „da“ ist, braucht nicht ein Kind, braucht nicht ein Mensch einen „Abba“, den man anfassen und spüren kann?

Damals, als junges Mädchen, als sie gesagt hatte „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast“, da hatte sie nicht gewusst, nicht im entferntesten geahnt, was Gott ihr da abverlangen würde. Aber sie hatte ihr „Ja“ nicht zurückgenommen, hatte es auf sich genommen, Mutter zu sein neben einem Mann, der nicht Vater dieses Kindes sein wollte, und Mutter zu sein im Schatten eines Unbegreiflichen, zu dem ihr Sohn „Abba“ sagte.

Aber das, was jetzt geschehen war, das hatte sie nicht eingeschlossen in ihr„Ja“, das war ohne ihre Zustimmung geschehen und gegen ihre Bereitschaft. Keine Mutter könnte je „ja“ sagen zu so einem wahnsinnigen, unmenschlichen, blutigen … Mirjam spürte ein Würgen in sich aufsteigen, als die Bilder von gestern über sie herfielen wie eine Meute reißender Schakale. Jeschuah, mein Sohn, Jeschuah, mein Sohn, wer immer dich in mir gezeugt hat, dafür habe ich dich nicht getragen und geboren und großgezogen, dafür nicht!

Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jeschuah geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben”. Dazu hatte sie ja gesagt, in mädchenhaft-kindlicher Naivität, und sie hatte dieses „Ja“ durchgehalten, auch dann noch, als es schier über ihre Kräfte ging.

Aber jetzt, jetzt fühlte sie, wie sich dieses „Ja“ gegen sie wandte wie ein scharfes Messer in der Hand eines unerbittlichen Feindes. War das der Thron der Verheißung, dieser blutige Stamm auf dem Felsen vor der Stadtmauer? Sah so das „nahegekommene Königtum“ aus, das ihr Sohn verkündigt hatte: Nackt und wehrlos, schmerz-durchrast um jeden Atemzug ringend, der unbarmherzig brennenden Sonne ausgeliefert und würdelos vor den Augen der Gaffer, unerbittlich bis zum Ende? Sieht so die Vaterliebe Gottes aus?

Unvermittelt tauchte das Bild ihres Vaters in ihr auf. Seit vielen, vielen Jahren hatte sie es nicht mehr vor Augen gehabt. Ihr Vater, bevor er vor ihren Augen verhaftet und weggeschleppt wurde. Sie hatte ihn nie wieder gesehen und sein Bild war in ihr verblasst. Nun war es wieder ganz gegenwärtig. Der Vater, liebevoll und stark, wie oft hatte sie ihn als Kind vermisst, hatte geträumt, dass er wiederkam, einfach vor der Tür stand und sagte „Ich bin wieder da“.

Jeschuah hatte ein anderes, viel größeres Vater-Bild. „Vater unser …“ das war sein Gebet, in das er alle Menschen-Kinder mit einschloss. Kann Gott Vater sein? Muss er nicht doch immer Gott sein? Kann Gott Vater sein, wenn er seinen Sohn sterben sieht, … so sterben sieht? Kann Gott wirklich Gott sein, wenn er einen Menschen so sterben lässt, egal wen?

Wer bist du, Gott, Vater meines Sohnes, angesichts dieses Todes? Wer bist du, Gott, Vater aller Menschen, angesichts des Leidens und Sterbens aller Menschen jederzeit, überall? Mirjam fühlte sich auf einmal unendlich leer und schwach und müde. Was war aus ihren Mädchenträumen geworden? Mutter des Maschiach wollte sie sein „… und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.” Selbst vor ein paar Tagen, als sie in Jerusalem einzogen, hatte sie noch gehofft, gehofft, dass sich die Verheißung hier erfüllen würde. Jeschuah, mein Sohn, Jeschuah, mein Sohn … der wird großsein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben... Hatte sie zu viel gehofft, zu Großes erwartet?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.” Noch nie hatte sich Mirjam mit ihrem erstgeborenen Sohn so eins gefühlt, wie jetzt in diesem Schrei der Verzweiflung aus dem zweiundzwanzigsten Psalm.

Woher hatte Jeschuah die Kraft genommen, mitten im Todeskampf diesen langen Psalm zu beten? Jetzt war es auch ihr Psalm geworden: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.” Woher wusste der Psalmbeter vor tausend Jahren so genau, wie es jetzt in ihrem Innern aussah? Wie konnte Jeschuah in seiner furchtbaren Qual diesen Psalm weiterbeten, als der von Klage und Verzweiflung zur Anbetung wechselte? „Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.”

Welch eine Kraft des Vertrauens zu einem Vater, der stumm blieb, bis der letzte Schrei des Gequälten verhallt war! „Vater unser im Himmel …“ Mirjam sah nach oben in ein wolkenlos strahlendes Blau. Für Jeschuah war der Himmel eine stets gegenwärtige Realität gewesen, vertraut wie das Vaterhaus, in dem man aufgewachsen ist, und viel näher als die Wohnung des Nachbarn nebenan. Und jetzt? Warum war der Himmel so fern und die Hölle menschlichen Leidens und unmenschlicher Gewalt so nah?

Mirjam schloss die Augen wieder. Jetzt war Schabbat, Ruhetag. Die längste Nacht ihres Lebens war vorüber. Gleichgültig, als wäre nichts geschehen, war die Sonne wieder aufgegangen. Jetzt wurden in den Synagogen das „Sch’ma“ und das „Sch’mone-essre-Gebet“ gesprochen und die Thora- und Haftara-Lesungen gehalten. Jetzt war auch für Jeschuah Ruhetag. Die Dunkelheit der Grabkammer schützte ihn vor der sengenden Sonne, der Rollstein bewahrte ihn vor allen Angriffen der Feinde und das Leichentuch verhüllte ihn vor den Blicken der Gaffer.

Ihr Herz aber hatte noch keine Schabbat-Ruhe gefunden. Es pochte und jagte und stockte wieder als wollte es stehen bleiben. Ach, bliebe es doch stehen! Sie wollte nicht, dass einfach alles weiterging, wie gewohnt. Sie wollte nicht, dass morgen ein neuer Tag kam und eine neue Woche begann, und dass alles so blieb wie es immer war.

Mirjam kannte die Ansicht der frommen Gelehrten, dass einmal in einem fernen Irgendwann, nach dem Schabbat, dem siebenten Tag, nicht wieder die nächste Woche mit dem ersten Tag beginnen würde, sondern dass dann der immer wiederkehrende Siebentagerhythmus durchbrochen würde und abgelöst würde vom achten Tage, dem Tag des Messias*, an dem alles neu und alles gut sein würde. Ach, wäre doch morgen dieser Tag!

* Das hebräische Wort „schemen“ (Salböl), von dem das Wort „maschiach“ (der Gesalbte = Messias) abstammt, hat den gleichen Wortstamm wie die Worte „schmona“ (acht) und „schamajim“ (Himmel).

Aber wie sollte etwas gut werden, wenn ihr Sohn tot war, wie sollte der Tag des Messias kommen, wenn der im Grabe lag, auf den alle ihre Hoffnung ausgerichtet gewesen war? Mirjam fühlte den morgigen Tag, den Tag nach dem Schabbat, mit seinem„normalen“ Ablauf und seiner routinemäßigen Geschäftigkeit auf sich zu kommen wie eine Bedrohung. Morgen, ganz früh, würden die Frauen aus ihrer Gruppe, Schlomit, ihre Schwester, Mirjam aus Magdala und Mirjam, die Mutter des Ja-akov zum Grab hinausgehen und den Leichnam Jeschuahs für die endgültige Bestattung vorbereiten.

Die Menge der Zuschauer von gestern hatte sich längst verstreut. Ein sterbender „Davidssohn“ am Kreuz war für die einen, die sich in ihrer Ablehnung bestätigt fühlen, eine Genugtuung, für die anderen, die bis zuletzt gehofft hatten, eine furchtbare Enttäuschung und für die meisten ein makabres, schaurig-erregendes Schauspiel.

Ein Vers aus dem Propheten Jesaja fiel Mirjam ein: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.”

Ja, diese Zeile aus dem „Knecht-Gottes-Lied“ des Propheten waren wie für ihren Sohn geschrieben. Er, zu dem die Stimme vom Himmel her gesagt hatte „dies ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe“, der war jetzt der „Allerverachtetste und Unwerteste – für nichts geachtet“.

In diesem Moment klang es ihr fast hörbar in den Ohren, wie das Lied bei Jesaja weiterging: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.” Bei diesen Worten in ihrem Innern löste sich die Erstarrung ihrer Seele und sie fing an, all die Tränen nachzuweinen, die ihr gestern nicht vergönnt gewesen waren.

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