Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Gott

Beitrag 1: Gott? (Bodo Fiebig19. November 2022)

Für sehr viele Menschen, vor allem in Europa, ist „Gott“ ein Begriff aus längst vergangener Zeit, der für ein modernes Welt-Verständnis und Selbst-Verständnis im 21. Jahrhundert keinerlei Bedeutung mehr hat. Das erscheint logisch und folgerichtig, wenn man das mit „Gott“ Gemeinte in die Ideen-Geschichte der Menschheit einordnet und sie dort früheren Phasen menschlicher Entwicklung zuordnet.

Freilich kann es auch im Leben moderner Menschen Situationen geben (nicht nur in Lebensgefahr, auch z. B. in Situationen der Gefährdung, Vereinsamung und Hilflosigkeit ), wo sie, stark und beunruhigend, für sich und für ihr Leben ein existenzielles Angewiesen-Sein empfinden und wo sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Vielleicht ist es doch angebracht, das mit „Gott“ Angesprochene (Ansprechbare?) auch unter modernen Menschen noch einmal anzusprechen: Waren und sind die „Gotteserfahrungen“ von Menschen wirklich alles nur Einbildung oder kann das mit „Gott“ Gemeinte für mich und mein Leben heute doch irgendeine Bedeutung haben?

In den Beiträgen

– Gott?

– Die Gottes-Frage

– Der Sonnen-Gott

– Der Männer-Gott

– Das zerrissene Gottesbild

– Die Einheit Gottes

– Der offenbarte Gott

– Der unbekannte Gott

– Der Name Gottes

soll das näher betrachtet werden.

Zunächst zwei Hinweise:

Erstens: Die Frage nach Gott hat mit sehr vielen Themen (eigentlich mit allen) auf dieser Website zu tun. Das heißt: Viele Ausführungen zu diesem Thema sind in anderen Zusammenhängen schon ähnlich vorhanden. Es scheint mir aber nicht sinnvoll, diese Aussagen alle hier zusammenzutragen, denn dann würde diese Darstellung völlig unüberschaubar. Deshalb gibt es im Text immer wieder Hinweise auf Inhalte, die man (in weiterem Sinn) als Bestandteil dieses Themas „Gott“ betrachten und dort nachlesen kann.

Zweitens: Der vergessene Name (siehe den Beitrag 2-2-9 „Der Name Gottes“) Namen sind wichtig. Allerdings, wenn ein Mensch allein auf einer einsamen Insel lebt, braucht er keine Namen. Wen sollte er auch anreden, anrufen, beim Namen nennen? Auch wenn zwei Personen auf dieser Insel wären, bräuchten sie noch keine Namen. „Du“ würde genügen, weil es ja keine Alternative gäbe, wer sonst gemeint sein könnte. Spätestens aber, wenn drei Personen zusammen sind, braucht man Namen: Zur Unterscheidung der Personen, zur Anrede, bei der eindeutig klar ist, wer jetzt der oder die Gemeinte ist.

Das gilt auch für die GottesVorstellungen der Menschen. Menschen brauchen Namen von ihren „Göttern“, wenn sie eine Gottesbeziehung zum Ausdruck bringen wollen.

Im christlich geprägten europäischen Mittelalter ist diese Selbstverständlichkeit verloren gegangen. Es gab ja auch Jahrhunderte lang nur eine „legale“ und überall gültige Gottesvorstellung. Kaum ein (Mittel-)Europäer hatte je in seinem Leben reale Möglichkeiten zur Begegnung mit Menschen anderer Religionen (außer dem Judentum, aber Juden glauben ja an den selben biblisch offenbarten Gott). Es genügte, wenn man „Gott“ sagte, wenn man den Gott der Bibel meinte.

Das hat sich im 21. Jahrhundert völlig verändert. In jeder Stadt, ja selbst im kleinsten Dorf, am Arbeitsplatz oder im Sportverein, in der Schule oder am Kinderspielplatz, beim Einkaufen oder beim Friseur begegnet man Menschen, die anderen Religionen angehören, die mit dem Begriff „Gott“ ganz andere Vorstellungen verbinden. Aber Christen in Europa reden immer noch von „Gott“, als wären sie (spirituell gesehen) allein auf der Welt und als wäre mit diesem Gottes-Begriff schon eindeutig geklärt, wer damit gemeint ist. In der arabischen Sprache z. B. heißt das Wort für „Gott“ Allah. Arabische Christen sagen also „Allah“, auch dann, wenn sie den biblischen Gott (JHWH) meinen.

Wir (auch wir als Christen) tun oft so, als ob es tatsächlich so etwas „allgemein Göttliches“ gäbe, das mit diesem einen Begriff „Gott“ genannt werden könnte. Und deshalb bräuchte man keine weiteren Unterscheidungen. So fördern wir Missverständnisse und Anfeindungen.

Und das hat schwerwiegende Folgen: Die öffentlichen Medien nehmen diese Redeweise auf und reden und schreiben unterschiedslos von „Gott“, wenn sie irgendetwas „Religiöses“ meinen. Und sie reden und schreiben dann z. B. von fanatischen „Gottes-Kriegern“, die mit brutaler Gewalt einen harten „Gottes-Staat“ verwirklichen wollen. Oder sie reden von „Gott“, der den Menschen das „Paradies“ verheißt, wenn sie als „Märtyrer“ viele „Ungläubige“ töten usw.

Der unterschiedslose Gebrauch des „Gottes“-Begriffs bewirkt bei den Zuhörern und Lesern eine unterschiedslose Zuordnung aller Negativ-Erscheinungen des Religiösen zu allem Religiösen, auch zum „Gott“ der Bibel. Und so wird der Begriff „Gott“ nach und nach zum Inbegriff alles Negativ-Religiösem.

Wie könnten wir dem begegnen? Ganz einfach: Indem wir uns wieder angewöhnen, den biblischen Gott beim Namen zu nennen. Dann wäre jeweils klar, wer gemeint ist und wer nicht. Deshalb werde ich in den folgenden Beiträgen, wenn ich mit dem Begriff „Gott“ den biblischen Gott meine, manchmal auch den biblischen Gottesnamen „JHWH“ hinzufügen.

Aber: Viele Menschen, vor allem in den ehemals „christlichen“ Ländern des „Westens“ (Europa, Nordamerika …) können mit etwas, was man „Gott“ nennen könnte, gar nichts mehr anfangen. Für sie ist das „Christliche“ eine kulturgeschichtliche Phase der Vergangenheit, die manches Gute aber eben auch sehr viel Böses hervorgebracht hat, und die wir nun, im 21. Jahrhundert, endgültig überwunden haben. Allerdings nehmen wir gegenwärtig mit Erstaunen wahr, wie „das Religiöse“ auch im 21. Jahrhundert in den Völkern und Kulturen der Erde noch Bedeutung hat, manchmal noch an Bedeutung gewinnt, und sich (positiv oder negativ) auswirkt. Es ist also auch für „moderne“ Menschen noch sinnvoll, sich mit dem Thema „Religion“ zu beschäftigen. Und ich beginne damit, indem ich versuche, zunächst einmal nach „dem Religiösen“ zu fragen, das in unserer eigenen europäischen Kultur- und Geistes-Geschichte eine prägende Bedeutung hatte. (Freilich muss dann an anderer Stelle die „Gottesfrage“ noch erweitert werden, siehe die Themen „Glauben?“ und „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild“ und „Weltreligionen und biblischer Glaube“).

 1 Gott ?

Schon in sehr frühen Spuren des Menschseins vor Zehntausenden von Jahren finden sich Nachweise verschiedener Formen von Gottesvorstellungen, Glaubenshaltungen und Kulthandlungen. Aber: Woher kommen eigentlich diese seltsamen Phänomene des „Religiösen“, die sich in „Religionen“ konkretisieren und verfestigen? Wie mögen sie entstanden sein? Es gibt verschiedene Erklärungs-Theorien (siehe dazu auch das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube, Beitrag 1 „Was ist Religion?“):

Sind die Religionen der Völker vielleicht so etwas wie „Verarbeitungsprodukte“ lebensbedrohlicher Erfahrungen, sozusagen Ergebnisse von „kollektiver Traumabewältigung“ in frühen Menschen-Gemeinschaften? Sind sie so etwas wie handhabbar gemachte Rettungsphantasien erschrockener, von Lebensangst und Todesfurcht beherrschter Menschen? Sind die Religionen Strategien zur Bewältigung der Erfahrungen des Lebens, Leidens und Sterbens, die von Millionen Individuen in Hunderten von Generationen entwickelt wurden?

Oder sind die Religionen der Menschheit, ihre Lehren, Lebensformen und Liturgien so etwas wie eingedickte Rückstände der Menschheitssuche nach dem Sinn des Daseins und nach der Beherrschbarkeit des Übermächtigen und Unerklärlichen?

Oder gibt es vielleicht so etwas wie eine „spirituelle Evolution“, durch die sich die religiösen Ideen von „primitiven(?)“ animistischen Vorstellungen über polytheistische Religionen schließlich zur „höchstentwickelten(?)“ Form, dem Monotheismus, hochgearbeitet haben? Und wenn ja, sind dann auch die biblischen Religionen, Judentum und Christentum, Ergebnisse solcher über Jahrtausende fortschreitender „Evolution“? Und müsste man dann nicht erwarten, dass auch sie nach und nach von neueren Religionen „überholt“ würden?

Oder ist „Religion“ selbstverständlicher Bestandteil jeder Kultur? Sind die Entwicklung religiöser Vorstellungen, Glaubensinhalte, Lebensformen und Kulthandlungen „Kulturleistungen“ bestimmter Völker, vergleichbar mit der Entwicklung einer Sprache, einer Schrift, mit der Erfindung des Rades oder der Elektrizität? Sind die Religionen der Menschheit also etwas kulturhistorisch Gewordenes und Gewachsenes?

Oder sind die Religionen klug eingerichtete Institutionen zum Aufbau und zur Absicherung von Macht? Verschanzt sich vielleicht menschliche Macht gern hinter übermenschlichen Mächten, weil sie dann jeder Kritik und jedem Druck zur Veränderung entzogen ist, unangreifbar verankert in der unzugänglichen Sphäre übermächtiger Götter?

Im Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“ wird auf diese Fragen näher eingegangen. Hier, bei der Frage nach „Gott“ müssen wir einen Schritt zurücktreten und die Anfänge des „Religiösen“ in den Blick nehmen. Bleiben wir also zunächst bei den (wahrscheinlich) ursprünglichsten Motivationen für die Entwicklung von „Gottesvorstellungen“.

1 Religion als Mittel zur Bewältigung der Angst?

Hilflos ausgeliefert fühlten sich die Menschen der Frühzeit den übermächtigen, Angst machenden, bedrohlichen, ja lebensgefährdenden Gewalten der Natur: Dem Blitz und dem Donner, dem Sturm, dem Hagel, der Dürre und der Überschwemmung, der Hitze und der Kälte, der Finsternis der Nacht und ihren unwägbaren Gefahren, den reißenden Bestien und giftigen Schlangen, der Krankheit, dem Schmerz und dem allgegenwärtigen Tod… Das waren einige der großen Schrecken der frühen Menschen, die unversehens über sie hereinbrachen. Waren da nicht böse Kräfte am Werk unaufhaltsam, übermächtig?

Allerdings gab es daneben auch positive Naturerfahrungen: die wärmende Kraft der Sonne nach dem langen Winter, das Leben spendende Wasser einer Quelle im trockenen Land, ein mächtiger Baum, der nahrhafte Früchte gab, ein großer Fluss, der essbare Fische bot, das wärmende Feuer, die schützende Höhle…

Oft gab es auch widersprüchliche Erfahrungen: die Strahlen der Sonne als tödliche Gefahr in der Wüste, aber auch als freundliche Wärme in der kalten Jahreszeit, das Feuer als unentrinnbares Verhängnis, wenn es als Wald- oder Steppenbrand die Fliehenden einschloss, oder als wärmende Glut, an der man das Fleisch eines erlegten Tieres briet, das Wasser als todbringende Flut und als Leben spendenden Regen nach der Trockenzeit …

Irgendwann entstand das Empfinden (auch wenn es vielleicht noch nicht in Worte gefasst werden konnte): Die Kräfte der Natur sind ja wie Menschen, einmal freundlich und hilfreich, dann wieder böse und gewalttätig, nur viel größer und viel mächtiger. Sie sind launisch und unberechenbar wie Menschen, aber vielleicht sind sie auch zugänglich für Bitten und Geschenke, so wie Menschen? Allmählich bildete sich eine Vorstellung von der Natur heraus, als wäre sie von menschlichen Trieben und Motiven bewegt, aber mit übermenschlichen Kräften ausgestattet.

Für diese Mächte mit menschlichen Eigenschaften und übermenschlichen Kräften musste man nun eine eigene, völlig neue Kategorie des Denkens entwickeln: Vorstellungen und Begriffe von etwas Menschlich-Übermenschlichem, nur indirekt erfahrbar, aber mit größtem Einfluss auf das eigene Leben: Geister, Dämonen, Götter … Die Vermenschlichung der Natur durch Zuschreibung menschlich-übermenschlicher Eigenschaften führte direkt zu ihrer Vergöttlichung.

So stellte man sich vor: Gute und böse Götter (oder Götter mit guten und bösen Eigenschaften), die in einem besonders geformten Berg wohnten, in einem stattlichen Baum, einem großen Fluss, in den Wolken des Himmels, in Sonne, Mond und Sternen… Wie konnte man die guten Mächte für sich gewinnen und die bösen abwehren, oder wie könnte man die Götter beeinflussen, dass sie uns freundlich sind, dass sie uns helfen und unseren Feinden schaden? Am besten wohl so, wie man auch mächtige Menschen für sich gewinnt: indem man ihre Übermacht anerkennt und sich vor ihnen niederwirft, indem man ihnen (oder ihren irdischen „Stellvertretern“) gehorcht und ihnen Geschenke bringt.

So entstanden Unterwerfungs-Zeremonien und Opferriten, Bittgebete und Danksagung. Aber ist die Schwachheit und Hilflosigkeit des Menschen angesichts der übermächtigen Kräfte der Natur wirklich schon ausreichend als Erklärung für die Entstehung von Gottesvorstellungen und Religionen? Wir werden hier noch genauer nachfragen müssen.

 1.2 Religion als Erklärung des Unerklärlichen?

Sehr früh, schon bei den ältesten Zeugnissen menschlicher Gemeinschaft, begegnet uns ein Phänomen, das es ausschließlich im Menschsein gibt, und das bei keinem Tier, auch nicht beim intelligentesten Affen, auch nur in winzigsten Ansätzen vorhanden ist: das Streben nach religiöser Welt-Deutung und das Bemühen, sich etwas „Übernatürlichem“ zu nähern.

Die Entwicklung der Gattung „Homo“ hatte im Verlaufe von Hunderttausenden von Jahren ein Lebewesen (genauer: ein hochentwickeltes Säugetier) hervorgebracht, dessen Denkleistungen sich nach und nach so differenziert und immer komplexer ausgebildet hatten (beim „Homo-Sapiens“), dass es nach Kausalzusammenhängen, nach Ursachen und Wirkungen, nach Bedeutungsgehalt und Sinnhaftigkeit in den Erscheinungsweisen und Vorgängen seiner Umwelt fragen konnte (siehe dazu das Thema „Die Frage nach dem Sinn“). Denn wenn man die Ursachen, den Bedeutungsgehalt und die Sinnhaftigkeit in den Erscheinungsweisen und Vorgängen der Umwelt wüsste, dann könnte man manchem drohenden Unheil entkommen und manches Gute leichter finden. Das allerdings hatte dann rückwirkend zur Folge, dass die Menschen nun nach Ursache, Bedeutung und Sinn in den Erscheinungen ihrer Umwelt fragen mussten.

Ein Tier kann unbedacht seinen instinktgesteuerten Impulsen folgen. Ein Lebewesen aber, das zu wissen meint, oder zumindest ahnt, dass hinter den vordergründigen Erscheinungen unbekannte Kausalzusammenhänge, verursachende Mächte und verborgene Bedeutungsgehalte vorhanden wären, die es aber nicht erkennen und einschätzen könnte, sähe sich aufs Äußerste gefährdet. Wie sollte ein Mensch „sinnvoll“ (d.h. das eigene Leben erhaltend und die eigene biologische Art vermehrend) leben und handeln, wenn er Ursache und Folge, Bedeutung und Sinn seines Handelns nicht abschätzen könnte? Oder umgekehrt: Könnte er den Gefahren des Lebens nicht leichter und sicherer begegnen, wenn er wüsste, was hinter den Erscheinungen und Ereignissen steckt, welche Kräfte da am Werk sind und wie er sie beeinflussen könnte? Freilich sahen sich da die Menschen in frühen Kulturen in sehr engen Grenzen gefangen: Die Welt war voller Rätsel, voller undurchschaubarer, unerklärlicher Vorgänge.

Sind also die Religionen der Menschheit Versuche, diejenigen Lebenserfahrungen, die sie nicht verstehen konnten, so zu deuten, dass man irgendwie sinnvoll damit umgehen könnte? Das Bestreben, das Unerklärliche zu erklären und das Übermächtige zum eigenen  Gunsten zu beeinflussen, hat sicher zur Entstehung der Religionen beigetragen, aber ist damit schon alles erklärt und alles gewonnen? Auch für uns heute? Es genügt ja nicht, wenn wir längst vergangene Entwicklungen zu erkennen versuchen; unsere eigenen Lebens-Fragen bestehen auf Antworten für die Gegenwart. Oder ist die Gottes-Frage für uns erledigt, weil wir die Verhältnisse und Vorgänge, im Universum und hier auf Erde, so weit wissenschaftlich verstehen können, dass wir zu ihrer Erklärung keine Götter mehr brauchen (aber was ist mit dem Unerklärlichen in meinem eigenen Leben, meinen widersprüchlichen Erfahrungen, Gefühlen, Ängsten, Hoffnungen …?

Wie sieht denn die „Gottes-Frage“ aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts aus? (Siehe den folgenden Beitrag „Die Gottes-Frage“.)

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