Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Glauben?

Beitrag 5: glauben und lieben (Bodo Fiebig)

1 Was ist der Mensch?

Wozu sind wir da? Jahrtausende lang haben Menschen um diese Frage gerungen, bis sie (gewiss nicht alle, aber doch viele) in unserer Zeit, enttäuscht und frustriert, diese Frage als irrelevant zur Seite gelegt haben: Der Mensch sei im Verlauf zufälliger Entwicklungen in dieses Dasein geworfen, ohne Sinn und Ziel und deshalb sei es völlig Sinn-los, nach einem Sinn und Ziel des Daseins zu fragen. Das heißt: Man will der Herausforderung, seinen Daseinssinn zu enträtseln, ausweichen, indem man ihn verleugnet. Aber damit, dass man sich dieser Frage entledigt, ist sie ja nicht erledigt (zumindest nicht für Menschen, die sich mit „Geld verdienen und Spaß haben” als alleinigen Lebenssinn nicht abfinden wollen). Stellen wir uns also dieser Frage: Was ist der Mensch und wozu ist er da?

Was macht das Menschsein des Menschen aus? Seine Intelligenz, die ihn aus der Menge der übrigen Lebewesen heraushebt? Seine Sprachfähigkeit und die Entwicklung der Schrift, mit deren Hilfe er Erfahrungen, Wissen, Überlegungen, Emotionen… mitteilen und austauschen kann? Seine technischen Errungenschaften, vom Rad bis zur Weltraumrakete, vom Zählbrett bis zum Supercomputer, von der Erdhöhle bis zum Wolkenkratzer, vom Rauchzeichen bis zur globalen Kommunikation …? Das alles sind Ergebnisse jahrtausendelanger, immer weiter aufeinander aufbauender Denk- und Gestaltungsprozesse und großartige Leistungen des menschlichen Geistes. Aber machen sie allein schon das Besondere und Einzigartige des Menschseins aus? Was ist es, das den Menschen zum Menschen macht? (Siehe dazu auch die Themenbeiträge „Adam, wer bist du?” und „Die Frage nach dem Sinn”.)

Die Bibel sagt: Materiell gesehen ist der Mensch gar nichts Besonderes. „Staub vom Erdboden” ist er, heißt es da in erstaunlicher Nüchternheit (1. Mose 2, 7, siehe auch das Thema „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”). Und die Bibel hat recht: Die Atome, aus denen ein menschlicher Körper zusammengesetzt ist, unterscheiden sich in nichts von denen, die den „Staub vom Erdboden” bilden. Auch biologisch gesehen ist der Mensch nichts Besonderes. Biologisch funktioniert er genau so wie jedes andere Lebewesen auch. Und genetisch ist er den Säugetieren (einem Hund etwa oder einer Maus) ganz eng verwandt. Das Besondere des Mensch-Seins liegt nicht in seiner Materie und nicht in seiner Biologie. Worin aber dann? Was macht denn dann das Mensch-Sein des Menschen aus? Die Bibel sagt: Das Besondere am Menschen liegt in seiner Berufung, liegt in dem, was er sein kann und werden soll. Jedes Tier erfüllt den Sinn seines Daseins allein schon durch sein Da-Sein als Mit-Geschöpf im Beziehungsgefüge des Lebens. Es kann seinen Lebenssinn nicht verfehlen. Der Mensch aber hat die Erfüllung seines Lebenssinns als Aufgabe bekommen, die er erfüllen oder auch versäumen kann. Er ist das einzige Lebewesen, das den Sinn seines Daseins nicht in sich selbst hat, sondern ihn suchen und finden und als Berufung annehmen muss.

2 Die Berufung des Mensch-Seins

Aber was ist das für eine Berufung? Das steht schon auf der ersten Seite der Bibel: 1.Mose 1, 26-27 (wörtliche Übersetzung):: Und (es) sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (…) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn …

Der Mensch ist im Vergleich zu allem Vorangegangenen eine wirkliche Neuschöpfung Gottes, trotz seiner biologischen Nähe zu den Säugetieren. Und dieses „ganz Neue“ ist nicht materieller und nicht biologischer Art, sondern besteht in einer besonderen, nur die Menschen betreffenden Berufung: Die Schöpfung „Mensch“ soll „Bild“ sein, Ikone – Ikone Gottes, das heißt: sichtbare Darstellung des Schöpfers in der Schöpfung, anschaubare Vergegenwärtigung Gottes mitten in einer scheinbar gottlosen Welt. Dabei ist aber der Mensch keine optische Abbildung Gottes, als wäre Gott ein Wesen mit menschenähnlicher Gestalt, männlich oder weiblich, mit Armen und Beinen, mit Augen, Mund und Nase… (dann wäre ja Gott ein Abbild des Menschen, und so haben sich Menschen zu allen Zeiten ihre Götter vorzustellen versucht, schauen wir uns doch die Götterbilder der Religionen an).

Nein, der Mensch soll keine optische Abbildung Gottes sein, sondern eine wesentliche. Durch das Menschsein soll das Wesen Gottes in der Schöpfung anwesend sein. Aber, wer ist Gott, was ist denn sein eigentliches Wesen? Und wozu hat er uns geschaffen und was erwartet er von uns? Die Antworten auf solche Fragen sind von uns aus nicht zugänglich. Wir können mit den Mitteln menschlicher Erkenntnisfähigkeit nur so viel von Gott erfassen und mit den Mitteln menschlichen Sprache nur so viel von Gott aussagen, als er selbst sich uns offenbart.

Und Gott hat sich offenbart: In der Schöpfung, in der Geschichte Israels, im Leben, Reden und Handeln Jesu, auch in der Geschichte des Judentums und der Christenheit der vergangenen 2000 Jahre und in der Weltgeschichte und Heilsgeschichte bis heute. Und in dieser Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass die Existenz Gottes wesentlich in einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, einem „In-Beziehung-Sein“, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben (siehe das Thema „AHaBaH – das Höchste ist Lieben).

In der Bibel klingt das so: 1. Joh 4, 7-8: Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, seine „Substanz”, seine „Identität”, sein „Geist“.

Aber da sind wir schon mitten drin in einem Dilemma:  Das Begriff „Liebe“ ist eines der meist-gebrauchten und meist-missbrauchen Wörter in allen Sprachen der Welt und was die Einen oder die Anderen damit meinen, könnte oft gegensätzlicher kaum sein. Hier versuche ich, dem nachzugehen, was die Bibel mit „lieben“ meint.

„Die Liebe ist das Größte“ (1. Kor 13, 13) sagt Paulus im zweiten Teil der Bibel, und er beschreibt diese „Liebe“ so (1. Kor 13, 4-7):

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht verbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

So ist „die Liebe“. Und Jesus übersetzt in einer Zentralstelle des zweiten Teils der Bibel das „Hauptwort“ Liebe ins „Tun-Wort“ lieben und er verwendet dabei zwei Zitate aus dem ersten Teil der Bibel (Mt 22, 35-40):

Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste Gebot im „Gesetz“? (gemeint sind hier die Bücher Mose im ersten Teil der Bibel) Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ (5.Mose 6,5) Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten („Gesetz und Propheten“ meint hier das ganze bis dahin offenbarte „Wort Gottes“).

Und als dann einer seiner Zuhörer es noch genauer wissen will, wie das gemeint sei und wer denn nun dieser „Nächste“ wäre, den man lieben soll, da erzählt er ihnen eine Gleichnis-Geschichte (Lk 10,30-): Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit (ein Tempel-Diener): Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber (einer von den „Fremden“, denen man misstrauisch-ablehnend gegenüberstand), der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbermünzen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Das ist eindeutig und das versteht jeder, auch ohne religiöse Belehrung: Wahrhaft glauben heißt Gott lieben. Und Gott lieben, bedeutet die Menschen lieben und zwar im handfesten Tun. Und diese Liebe soll zur Überwindung des universalen Ego-Prinzips der Evolution werden im Miteinander der Menschen. Sie ist das Gegenmodell zum „Kampf ums Dasein”, und zum Prinzip vom „Fressen und Gefressen-werden”, die sonst alles Leben beherrschen. Mitten in einer Natur, in der jedes Lebewesen um seinen Lebensraum und seine Lebensmittel kämpfen muss, schafft Gott mit dem Menschen ein Geschöpf, das die Möglichkeit hat (zumindest die Möglichkeit, wieviel davon er/sie verwirklichen kann und will, ist eine andere Frage), seinen Lebensraum bewusst als Raum der Gemeinschaft zu gestalten und seine Lebens-Mittel im bewussten Miteinander und Füreinander zu erwerben.

Nein, das ist nicht unmöglich! Trotz aller schuldhaften Verirrung und Entfremdung menschlichen Lebens und Handelns ist doch das Bild der Liebe Gottes im Menschsein nicht gänzlich verloren und zerstört. Es ist trotz allem erkennbar, anschaubar, erfahrbar und nachahmbar, wenn auch zunächst nur in einem Einzigen. Wer mich sieht, der sieht den Vater, sagt Jesus (Joh 14,9). Aber damit spricht Jesus für sich das aus, was eigentlich die Berufung allen Menschseins ist: Eben-Bild Gottes zu sein. Wenn man die Menschen anschaut, nicht wie sie aussehen, sondern wie sie miteinander leben und miteinander umgehen, und wie sie einander lieben, dann soll man eine erste, vorsichtige Ahnung davon bekommen: So ist Gott. Und das kann sich in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit menschlicher Gemeinschaft hier und jetzt an jedem Ort dieser Erde vollziehen. Und das immer wieder neu (trotz aller menschlichen Unzulänglichkeit und allen Versagens) immer wieder neu zu beginnen und zu verwirklichen versuchen: Gott lieben und im Vertrauen auf seine Gegenwart und seine Zusagen auch die Mitmenschen lieben im ganz konkreten und alltäglichen leben, reden und tun (hier bewusst als „Tun-Wörter klein geschrieben), das ist es, was die Bibel mit „glauben“ meint.

Glauben und lieben“, so heißt dieser abschließende Beitrag zum Thema „Glauben?“ Und wir merken, wie eng beides zusammengehört: Glaube (im biblischen Sinn) ist nicht in vor allem eine „geistige Leistung“ im Sinne von „für-wahr-halten“ von etwas, was den alltäglichen Erfahrungen widerspricht und Liebe ist nicht in vor allem eine Gefühlswallung, welche die Liebenden in einen „erotischen Erregungszustand“ versetzt. Im biblischen Sinn beschreiben beide Begriffe („glauben“ und „lieben“) Beziehungs-Realitäten, die sich im ganz normalen und alltäglichen Leben, Reden und Tun als handfeste Lebens-Realitäten erweisen (oder eben nicht, aber dann ist weder der Glaube noch die Liebe echt). Wer sagt: „Ich glaube an Gott“ und dieser Glaube sich nur religiösen Überzeugungen verwirklicht oder sich in  „religiösen Stimmungen“ bei besonderen „religiösen Anlässen“ äußert, aber nicht das ganz normale, alltägliche leben, reden und handeln bestimmt, und wer zu einem Mit-Menschen sagt „Ich liebe dich“ und diese Liebe sich nur in einem „erotischen Erregungszustand“ äußert, aber nicht das ganz normale und alltägliche leben, reden und  handeln bestimmt, der weiß weder, was „glauben“ ist, noch was „lieben“ sein soll.

Glauben“ heißt: So leben, reden und handeln und in schwierigen Situationen so entscheiden, als ob Gott jetzt, in dieser Minute, sichtbar neben mir stünde, um alles zum Guten zu führen, was mich jetzt bewegt und belastet (obwohl es in manchen Situationen sehr schwer sein kann, ein solches „glauben“ durchzuhalten). Und „lieben“ heißt: So leben, reden und handeln und in schwierigen Situationen so entscheiden, als ob ich jetzt, in dieser Minute, allein dafür verantwortlich wäre, alles zum Guten zu führen, was die Menschen mit denen ich jetzt zu tun habe, bewegt und belastet (obwohl es in manchen Situationen sehr schwer sein kann, solches „lieben“ durchzuhalten).

„Glauben“ und „lieben“, diese Begriffe meinen zunächst eine „Erotik der Gottesbeziehung“ Mt 22, 37: Du sollst den Herrn, deinen Gott,  lieben (und das nicht nur irgendwie in Gedanken, sondern – so steht es da) lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und dann, ebenso richtig und wichtig, eine „Erotik der Mitmenschlichkeit“, Mt 22 39: Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und beides ist eins, denn die Liebe zu Gott kann sich konkret und handfest nur in einer Liebe zu den Menschen als echt erweisen, die grundsätzlich jeden Menschen meint (auch wenn die sich immer nur am „Nächsten“ verwirklichen kann).

3 Die Quelle des Glaubens

Aber: Woher sollte denn so eine „Erotik der Mitmenschlichkeit“ kommen (man könnte auch sagen: Eine „Ethik“, die alle Menschen und alles Leben einschließt), woher sollte sie ihre Maßstäbe nehmen? Nennt nicht der Eine „richtig“, was der andere als „falsch“ empfindet? Misst nicht jeder, was „gut“ oder „böse“ sei am eigenen Vorteil? Wie konnten überhaupt gemeinsame ethische Einstellungen entstehen?

Ob es den Atheisten unserer Tage gefällt oder nicht: Die Anstöße für eine Ethik, die über den eigenen (individuellen oder kollektiven) Vorteil und Nutzen hinausweist, kamen alle aus religiösen Impulsen (auch wenn manche davon später von atheistischen Ideologien aufgegriffen und abgewandelt worden sind). Das „Gesetz“ des Atheismus*, das davon ausgeht, dass alles Leben im „Kampf ums Dasein“ entwickelt und geformt wurde, könnte ganz selbstverständlich nur eine „Ethik“ der individuellen und kollektiven Selbstbehauptung auf Kosten der jeweils „anderen“ hervorbringen, denn jeder Impuls, einem anderen, Schwächeren, beizustehen, würde ja im evolutionären Konkurrenzkampf des Lebens die eigenen Lebens- und Überlebenschancen mindern.

* siehe das Thema „Die Ethik des Atheismus“, Abschnitt 3 „Evolution oder Menschlichkeit?“

 

Aber kann denn Religion Maßstäbe für eine Ethik umfassender Mitmenschlichkeit aus dem Nichts herbeizaubern? Nein, natürlich nicht. Wenn Religion nur menschliche „Kulturleistung“ wäre, bliebe auch sie im Spiegellabyrinth des Egoismus gefangen. Gehen wir also der Frage nach, woher die Grundlagen einer „Ethik der Mitmenschlichkeit“ kommen, denn es gibt sie ja offensichtlich, auch wenn sie nicht überall angewandt wird. An ganz vielen Orten und in ganz vielen Situationen finden wir (wenn wir die Augen nicht davor verschließen) beispielhaftes Handeln von Menschen, die gerade in sehr schwierigen Situationen einander beistehen (auch wenn sie einander fremd sind und auch, wenn sie dabei eigene Nachteile in Kauf nehmen müssen). Eigentlich eine Unmöglichkeit, wenn doch menschliches Verhalten angeblich zufällig und im „Kampf ums Dasein“ entstanden sein soll. Oder sind vielleicht doch nicht der „Kampf und der Krieg“ der „Vater aller Dinge“, sondern ein ganz anderer, ein „liebender Vater“?

Zwar scheint es auf den ersten Blick so, als ob jene Macht, die alles geschaffen hat, den Kräften der Natur (und die schließen notwendigerweise auch Leid und Tod mit ein) bewusst freien Lauf lässt, in Wahrheit aber ist sie es, die dafür sorgt, dass ein Mensch inmitten von Leid und Tod leben kann und manchmal auch Freude und Glück erfährt (siehe dazu auch das Thema „Die Frage nach dem Leid“ und im Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube den Beitrag „Die Quelle der Menschlichkeit“).

Gott hebt dabei die Naturgesetze (die er selbst geschaffen hat) normalerweise nicht auf, aber er nutzt die Variationsbreite ihrer Wirkungen und die Spielräume ihres Zusammenwirkens, um den Menschen seine helfende Gegenwart inmitten allen Mühens und Leidens doch erfahrbar zu machen. Zu den Grundtatsachen des Lebens und des Menschseins gehören Erfahrungen von Bewahrung, Begleitung und Geborgenheit in der Gegenwart einer lebenserhaltenden, lebensfördernden, wohltuenden Macht. Und es sind eben diese Erfahrungen mit der Gegenwart, Zuwendung und Liebe Gottes, die zu einer Quelle normativer ethischer Kraft wurden und zu einer Ethik umfassender Mitmenschlichkeit führen können. (Ähnliches erleben wir ja auch im zwischenmenschlichen Bereich: Da, wo Kinder in den ersten Lebensjahren ihr familiäres Umfeld und die Beziehung zu ihren Eltern als warme, liebevoll zugewandte, hilfreich unterstützende und dann doch vertrauensvoll freigebende Gemeinschaft erfahren, können sie später als Erwachsene selbst Wärme, Zuwendung, Hilfsbereitschaft und Vertrauen entwickeln und geben.)

Wenn Menschen (als Einzelne und als ganze Volks- und Kultur-Gemeinschaften) über lange Zeit immer wieder die Erfahrung machen, wie eine überlegene Macht eben diese Überlegenheit nicht ausnutzte, um ihnen, den Unterlegenen, zu schaden, sondern sich ihnen liebevoll zuwandte, um in der Not zu helfen, in der Schwäche zu stärken, in der Traurigkeit zu erfreuen … dann stellt das (ohne dass den Beteiligten der Zusammenhang bewusst werden muss) die Menschen vor die Herausforderung, nun selbst gegenüber anderen, die sich jetzt in ähnlichen Notlagen befinden, genau so selbstlos, hilfreich, tröstend und stärkend (mit einem Wort: liebevoll) zu handeln.

Die Erfahrungen der Nähe und Kraft Gottes, die ihnen lebenspendend, helfend, wegweisend und sinngebend entgegenkam, hat zur Folge, dass sich Menschen nun selbst herausgefordert wissen, in der Gemeinschaft des Menschseins ebenso lebenserhaltend, hilfreich, wegbegleitend und sinnstiftend zu wirken. Positive Grundlage aller Religionen der Menschheit sind Erfahrungen mit der Hilfe und Fürsorge Gottes und die jeweils eigene selbstverpflichtende Antwort darauf. Wahre Mitmenschlichkeit ist Nachahmung der Menschen-Liebe Gottes. Meinen wir denn, Gott hätte die Menschen nicht schon geliebt (und ihnen diese Liebe schon erfahrbar gemacht), bevor sie  religiöse Gottesbilder entwerfen konnten? Und diese Erfahrungen mit der Liebe Gottes können Menschen dann auch in ganz verschiedenen Deutungssystemen für sich anschaubar machen (Animismus, Polytheismus, Monotheismus, Universalismus …) Erst durch die Selbstoffenbarung Gottes in seinem Wort (in der Bibel) wird ein Gottesverständnis und ein Gottesverhältnis möglich, das nicht mehr auf menschliche Deutungsversuche angewiesen ist.

In allen Gotteserfahrungen der Menschheit spiegelt sich (in vielen Fassetten und Farben) die Grundbefindlichkeit menschlicher Existenz: Das Menschsein existiert im Gegenüber einer Macht, die ihm (trotz aller Widersprüchlichkeit und Gefährdung des Daseins) im Guten, in hilfreicher Zuwendung und herzlicher Zuneigung (zusammenfassend gesagt: in Liebe) begegnet. Die biblische Offenbarung bestätigt das, führt aber gleichzeitig noch darüber hinaus. Sie zeigt, dass Gott mitten in einer ethisch blinden Schöpfung sich ein Geschöpf erwählt, damit es da eine besondere Berufung empfängt: Es soll zum Ebenbild göttlichen Wesens werden, um sichtbar zu machen, wie Gott ist (und wie die ganze Schöpfung in ihrer Vollendung werden soll). 1.Mose 1, 27: Und Gott schuf das Menschsein sich zum Ebenbild … (siehe dazu auch das Thema „sein und sollen“.)

Wenn man Menschen in Gemeinschaften biblischen Glaubens erlebt, und wahrnimmt, wie sie da miteinander leben und füreinander da sind und versuchen, einander zu beizustehen und zu erfreuen, dann soll man ein „Bild“ vor Augen haben, an dem wir etwas vom Wesen Gottes erkennen (freilich immer menschlich unvollkommen, aber doch echt und erkennbar). Das Wesen Gottes aber ist die Liebe. 1. Joh 4, 16: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Das bedeutet: Das Menschsein (also das Miteinander und Füreinander menschlicher Gemeinschaft) soll anschaubare und erfahrbare Vergegenwärtigung der Liebe Gottes sein, mitten in dieser so wunderschönen und gleichzeitig so leidvollen, bedrohlichen und bedrohten Welt.

„Glauben“ (im biblischen Sinn) bedeutet nicht, irgendwelche Glaubensbekenntnisse und Dogmen „für wahr“ zu halten, glauben heißt leben und handeln durch konkretes und tätiges vertrauen und lieben (hier sind diese Begriffe aus den 4 Beiträgen zum Thema „Glauben?“ bewusst als „Tun-Wörter“ klein geschrieben, denn es geht beim „glauben“ vor allem ums Tun, weniger ums Denken oder Fühlen). Es genügt dem Schöpfer nicht, ein gigantisches, aber stummes, lebloses und sinnloses Universum zu schaffen, wie ein riesiges Feuerwerk, das aufleuchtet, eine Weile in großartigen Farben und Formen brennt und dann verlischt (siehe das Thema „Zwischen Schöpfung und Vollendung”). Nein, Gott macht das Universum als eine Art „Bühne“, als Bühne für ein „Spiel der Liebe“ und das soll sich hier, hier auf dieser armen, leiderfüllten und doch auch so wunderschönen Erde „abspielen”. Und wenn dieses Spiel der Liebe sich entfaltet, will der Schöpfer-Gott, der selbst ganz Liebe ist, dadurch mitten im Geschaffenen gegenwärtig sein.

Wenn wir nur an die „Existenz“ eines Gottes glauben: „… dass es da irgendeine Höhere Macht gibt“, dann haben wir den Glauben an den Gott der Bibel noch nicht gefunden oder schon wieder verloren. Ein „Gott, der existiert“ (vielleicht irgendwo in den Unendlichkeiten des Weltalls??) hat für uns keine Bedeutung. Nur der Glaube an den Gott, der unser Leben will und wertschätzt, der unser Handeln begründet und lenkt, dem wir vertrauen können und der uns Vertrauen schenkt, der uns seine Liebe zuwendet und unsere annimmt, nur der hat Relevanz. Nur der kann unserem Leben und Zusammenleben einen Wert und eine Bedeutung geben, und eine Sinn-Begründung, die tragfähig bleibt von der Zeugung bis zum Tode und „von Ewigkeit zu Ewigkeit“.

Bodo Fiebig „glauben und lieben“ Version 2022-3

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