Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Glauben?

Beitrag 3: glauben und handeln (Bodo Fiebig)

Wie wir glauben, so handeln wir. Wenn wir an den „Wert allen Lebens“ glauben, werden wir anders leben und handeln, als wenn jeder Einzelne nur an den Wert des eigenen Lebens glaubt. Der Glaube ist eine gewaltige Macht: Aufbauend oder zerstörend. Und das nicht nur in „Glaubens-Kriegen“. Auch im ganz normalen, alltäglichen Leben können wir nur das tun, was wir glauben. Würde jemand essen und trinken, wenn er nicht überzeugt wäre, dass es richtig und gut sei, zu essen und zu trinken (obwohl das eine Menge Geld kostet, das man auch anderswo gut gebrauchen könnte)? Freilich wirken in uns auch noch die Instinkte der Vorzeit, Hunger und Durst, und wir würden essen und trinken, auch wenn wir nicht überzeugt wären, dass das notwendig sei. Aber, dass wir dann nicht einfach hingehen und z. B. unseren Nachbarn erschlagen, um sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, weil wir Hunger und Durst haben, das ist nicht in unseren Instinkten festgelegt (und auch nicht in unseren Genen), sondern das tun wir, weil wir überzeugt sind, also weil wir glauben, dass es nicht richtig wäre. Trotzdem glauben wir z. B., dass es richtig und gut sei, das Fleisch eines Schweines zu essen (aber auch da gibt es gegenwärtig einen „Glaubens-Streit“, ob das wirklich richtig und gut sei).

Wie wir glauben, so handeln wir. Manche nehmen z. B. bestimmte Vitamine extra zu sich, weil sie glauben, dass das „gesund“ sei. Sie glauben einschlägigen Forschungsergebnissen (oder auch der einschlägigen Werbung) und handeln entsprechend, weil es ihnen sinnvoll erscheint. Und manche machen aus der Frage nach der richtigen Ernährung sogar ein ganzes Glaubens-System (das heißt: eine „Religion“). Der individuelle Glaube ist nicht einfach nur ein „Für-wahr-halten“ einzelner Fakten, sondern er beinhaltet einen ganzen, umfassenden Bedeutungszusammenhang als „Sinngeschichte meines Lebens in der Welt“. Und das gilt völlig unabhängig davon, ob ein Mensch religiös „gläubig“ ist oder nicht. Auch Atheisten glauben an den Wert ihres Lebens und ihrer Lebens-Mittel. Aber woher kommt so eine „Sinn-Geschichte des Lebens“? Wer hat sie erzählt?

1 Welt-Wahrnehmung

Beginnen wir ganz einfach: Jedes Lebewesen, und sei es nur ein einzelliges „Geißeltierchen“, hat bestimmte Formen von Umweltwahrnehmung: Hitze und Kälte, Feuchte und Trockenheit, Fülle der „Lebens-Mittel“ oder Mangel … Höher entwickelte Lebewesen haben weiter entwickelte Wahrnehmungsmöglichkeiten: Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen … Allgemein gesprochen: Lebende Organismen haben die Fähigkeit, bestimmte Eigenschaften ihrer Umwelt wahrzunehmen und darauf zu regieren. Nur dadurch sind sie auf Dauer lebensfähig, weil sie nur so lebensfördernde Umstände erkennen und aufsuchen können und lebensgefährliche Situationen vermeiden. Das Verhalten der Lebewesen wird wesentlich von ihren Wahrnehmungen bestimmt: Bestimmte Umweltreize lösen als Reaktion ein bestimmtes, schon in den Genen vorprogrammiertes Verhalten aus. Das gilt grundsätzlich auch für den Menschen.

Trotzdem stellt die Weltwahrnehmung des Menschen und seine Reaktion auf bestimmte Umweltreize ein in der ganzen Schöpfung einmaliges Phänomen dar. Dabei geht es nicht in erster Linie um besondere Fähigkeiten der Wahrnehmung. Ein Falke kann viel schärfer sehen, ein Hund viel genauer und differenzierter riechen als ein Mensch. Es geht dabei vielmehr um eine besondere Form der Verarbeitung des Wahrgenommenen: Menschen können das, was sie wahrnehmen, in ihrem Gedächtnis speichern (das können Tiere in bestimmten Maße auch) und das Gespeicherte wieder aufrufen und mit neuen Wahrnehmungen vergleichen, verbinden, kombinieren …

Menschen können in ihrem Gedächtnis (d. h. in der Erinnerung und Verarbeitung ihrer Erfahrungen) die einzelnen Ereignisse nicht nur aneinanderreihen oder sie wie in einer Lagerhalle aufstapeln, sondern sie können sie so einander zuordnen, dass ihr Verhältnis zueinander ihnen eine besondere Bedeutung gibt: Dass es Herbst wird und man sich auf den Winter vorbereiten muss, weil es da kalt wird und es keine frische Nahrung gibt, das „wissen“ viele Tiere. Menschen müssen bei ihren Reaktionen auf solche natürlichen Abläufe nicht einem unbewussten Trieb folgen, der von ihren Genen gesteuert wird, sondern sie können mit verschiedenen Formen von Vorratshaltung und Wohnraumbeheizung bewusst und sehr phantasievoll und flexibel auf Veränderungen in der Natur reagieren. Dass der Mensch als „Mängelwesen“ (A. Gehlen) sich überall auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen durchsetzen und ausbreiten konnte, verdankt er zu einem guten Teil dieser Fähigkeit, seine äußere Welt-Wahrnehmung in ein inneres Welt-Verständnis zu übertragen, das ihm ein sinnvolles, weil problemlösendes Handeln ermöglicht.

Das hatte für Menschen schon vor Jahrtausenden existenzielle Lebens- und Überlebens-Bedeutung. Denn wenn sie z. B. wissen, dass der Bach neben ihrem Haus über das Ufer trat und ihr Haus zerstörte, weil es zuvor stark geregnet hatte (und sie diesen Zusammenhang erkennen), dann werden sie vielleicht schon vor dem nächsten starken Regen einen Damm bauen oder ihr Haus auf einem höher gelegenen Platz errichten. Oder wenn sie z. B. wahrnehmen (durch jahrhundertelange Erfahrungen und Beobachtungen, die innerhalb ihres Stammes über viele Generationen weitergegeben wurden), dass man bestimmte nahrhafte Pflanzen, die man sonst weiträumig suchen müsste, in der Nähe ihrer Behausung vermehren kann, indem man bewusst Samenkörner dieser Pflanze dort in die Erde steckt, dann kann dadurch eine Entwicklung in Gang kommen, die man später die „landwirtschaftliche Revolution der Menschheit“ nennen wird.

Wir kommen nicht aus ohne eine Vorstellung von dem, was in unserer Umwelt vor sich geht, welche Auswirkungen das auf uns haben könnte und welche Herausforderungen das für uns enthält. Das gilt für den Anführer einer Gruppe von Buschjägern auf der Fährte einer Gazelle ebenso, wie für den Vorstandsvorsitzenden eines Industriekonzerns im 21. Jahrhundert bei Verkaufsverhandlungen mit potenten Kunden. Seitdem sich Menschen Lebens- und Handlungsräume erschlossen haben, die nicht mehr mit der vorgegebenen Instinkt-Ausstattung bewältigt werden können (die Jagdtechnik der Buschjäger oder die Führung eines Industrie-Konzerns sind ja nicht in unseren Genen vor-programmiert), seitdem sind sie darauf angewiesen, ihre Lebensweisen und Handlungsoptionen durch Wissen und Erfahrung zu begründen. Wir brauchen  für unser Leben nicht nur die Wahrnehmung von Dingen, Verhältnissen und Vorgängen in unserer Umwelt, sondern auch ein einigermaßen stimmiges Verstehen dessen, was wir wahrnehmen, um in den alltäglichen Situationen unseres Daseins angemessen reagieren und zielgerichtet handeln zu können (und weil wir ein solches Verstehen nicht von Natur aus haben, musste die Menschheit Vor-Formen des Verstehens für die eigene „Weltwahrnehmung“ selbst entwickeln).

2 Welt-Verinnerlichung

Menschen haben ein ganz anderes „Erfahrungs-Management“ als sonst alle Lebewesen. Sie können Erfahrungen „verinnerlichen“, sie in ihrer Er-Innerung speichern (Das können Tiere in begrenzter Weise auch). Aber Menschen können in ihrer „Welt-Verinnerlichung“ bestimmte Ereignisse und Abläufe der Vergangenheit wieder vergegenwärtigen, auch wenn sie zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt geschehen sind und sie zueinander in Beziehung setzen: Z. B. als zeitliche Abfolge: Erst geht die Sonne auf, dann steigt sie immer höher, bis zu ihrem höchsten Stand am Mittag, dann nähert sie sich wieder dem Horizont und geht unter und dann wird sie am nächsten Morgen wieder aufgehen und der Kreislauf beginnt von neuem“. Oder als Bedingung und Folge: Wenn dunkle Wolken aufziehen, dann wird es wahrscheinlich bald regnen“. Oder als Ursache-Wirkung-Zusammenhang: Weil es weiter oben im Bergland stark geregnet hat, deshalb wird morgen bei uns das Wasser im Bach steigen, wir sollten nachsehen, ober der Damm, den wir gegen Überschwemmungen gebaut haben, noch in Ordnung ist“.

Ein Mensch kann die Inhalte seiner Wahrnehmungs-Verinnerlichung auf sehr individuelle Weise verarbeiten und sich „aneignen“. Er fragt nicht nur „was geschieht?“, sondern auch „wie geschieht es?“ und „warum geschieht es?“ und „wie ist dieses Geschehen zu beurteilen?“ und „wie wird es weitergehen?“

Die Höchstform solcher „Weltwahrnehmung“ ist die Fähigkeit des Menschen die Gesamtheit seiner Umwelterfahrungen in Form einer zusammenfassenden „Weltverinnerlichung“ in sich aufzunehmen, das heißt,

… dass er seine Einzelerfahrungen so ordnen und werten kann und sie so zueinander in Beziehung zu setzen kann, dass er sie wie in einem riesigen Puzzlespiel passend und stimmig (das heißt sinnvoll) zusammenzufügen kann,

… dass er die Gesamtheit seiner Erfahrungen in ein persönliches Weltverständnis einordnen und sie zu seinem eigenen Selbstverständnis in Beziehung setzen kann,

… dass er sein so gewonnenes  Welt- und Selbstverständnis vor sich selbst als eigene und persönliche „Innenschau der Außenwelt“ darstellen kann,

… um sie dann, in einem Akt schöpferischer Bewältigung, als Sinnzusammenhang zu deuten.

Das kann nur der Mensch, kein Tier, auch der intelligenteste Affe nicht. Der erkennt zwar die Bedeutung mancher Gegenstände und Vorgänge für sein Leben, aber er kann sie nicht deuten als Elemente einer Sinn-Geschichte. Religion, Philosophie und Ideologie haben für ihn keine Bedeutung. Das heißt: Er kann nicht „glauben“.

Und: Unser Glaube beruht nicht auf einem statischen „Welt-Bild“, sondern auf einer dynamischen „Welt-Sinn-Geschichte“. Unsere „Weltverinnerlichung, in der wir unsere Erfahrungen mit der Welt und mit uns selbst verarbeitet, angeeignet und ausgeformt haben, ist immer auch Ergebnis der Menschheitsgeschichte. Unser Wahrnehmen und Verstehen, unser Reden und Handeln sind schon vorgeformt vom Wahrnehmen, Verstehen, Reden und Handeln vieler Generationen vor uns, zumeist innerhalb eines bestimmten Kulturraumes. Kein Gedanke, den ein Mensch heute denkt, kein Wort, das ein Mensch heute sagt, keine Handlung, die ein Mensch heute vollzieht, wäre möglich (so, in genau diesen Gedankengängen, Sprachformen und Handlungsmustern), ohne die viele Jahrtausende währende Geschichte des Denkens, Redens und Handelns der Menschheit aller Völker, Länder und Kulturen. Unser „geistiges Haus“ ist ein „Jahrtausend-Bauwerk“, an dem unsre Vorfahren schon seit Hunderten von Generationen bauten.

Wir merken: unsere Weltverinnerlichung beschreibt keinen Zustand, sondern eine Geschichte: So und so ist das geworden, was ich jetzt wahrnehme und so und so wird es (wahrscheinlich) weitergehen. Das Besondere an der „Welt-Sicht“ der Menschen ist, dass die das Gegenwärtige als etwas in der Vergangenheit Gewordenes erkennt und als etwas, das sich in die Zukunft hinein weiterentwickeln wird und dass sie dieses Erkennen in eine zusammenhängende „Sinn-Geschichte“ einordnen kann (siehe auch das Thema „Die Frage nach dem Sinn“). Und das kann dann bei dem Einen ein Welt- und Selbstverständnis von großer Weite, Vielfalt, Differenzierung, Farbigkeit, Beweglichkeit und tiefbegründeter Ethik beinhalten, bei einem andern eine begrenzte und schlichte Weltsicht mit einem sehr starren Handlungsrahmen.

3 Der Wind des Geistes

Wir haben, wenn wir uns die geistige Entwicklung der Menschheit vorstellen wollen, oft so etwas wie ein langes Schienengleis vor Augen, das aus der Vergangenheit kommt, unsere Gegenwart durchläuft und weiterfährt in eine Zukunft, deren Windungen wir von unserer Gegenwart aus gar nicht übersehen können. Und der „Zug des Geistes“, der auf diesem Gleis fährt, wäre nach und nach mit immer mehr Wissen und Worten, Einsichten und Erkenntnissen, Bedeutungen und Bewertungen beladen worden, bis er in unserer Zeit schwer und gewaltig der Zukunft entgegenrollt.

Aber das wäre viel zu ein-gleisig gedacht. Die Entwicklung menschlichen Denkens und Verstehens ist nicht eingleisig verlaufen. Sie ist eher vergleichbar mit einem gewaltigen, kaum überschaubaren Strom mit fast unendlich vielen parallel laufenden und zugleich sehr unterschiedlichen Strömungen, mit breiten Flüssen, in denen die Religionen und Weltanschauungen der großen Kulturen die allgemeine Strömungsrichtung vorgaben, mit kleineren Seitenarmen und neuen Denkrichtungen, von denen wichtige Impulse ausgingen, zuweilen auch mit Stromschnellen und Abstürzen, die das menschliche Denken und Handeln in furchtbare Abgründe rissen und überall mit Abzweigungen und Verästelungen in feinsten Nuancen der Ansichten und Meinungen.

Dieser „Strom des Geistes“ begann irgendwo in grauer Vorzeit mit ersten einzelnen „Erkenntnis-Tropfen“, die sich im Austausch zwischen Einzelnen und Gruppen klärten und sich im kollektiven Gedächtnis des frühen Menschseins sammelten. Er hat dann im Laufe der Jahrtausende immer mehr „Ein-Flüsse“ aus verschieden Richtungen empfangen und aufgenommen, ehe er nun breit und ruhig (manchmal auch hektisch und in gefährlichen „Strom-Schnellen“) dahinströmt. Dieses Bild vom „Strom des Geistes“ war für die Zeit, als die Kulturen der Kontinente noch weitgehend isoliert existierten, gut brauchbar.

Aber für das Weltwissen und Weltverständnis der Menschheit in einer globalisierten Welt ist auch das Bild vom „Strom des Geistes“ nicht ausreichend. Dieses Weltwissen und Weltverständnis ist ja nicht mehr in verschiedene „Flusssysteme“ (Kulturen) getrennt (wie – geografisch gesehen – etwa das Flusssystem des Amazonas und des Kongo), sondern sie bilden heute ein zusammenhängendes und weltumspannendes System, das alle Völker, Kulturen und Staaten umfasst. Die Gedanken, Worte und Verhaltensweisen jedes Menschen auf dieser Erde, wären nicht möglich ohne die Vor-Geschichte des Wahrnehmens und Verstehens und ohne die geistige Entwicklungsgeschichte der Menschheit in allen Völkern und Kulturen durch die Jahrtausende.

Ich verwende deshalb hier das Bild vom „Wind des Geistes“: Die Atmosphäre unserer Erdkugel ist ein einziges riesengroßes System von Luftströmungen rund um den Globus und von Pol zu Pol. So unterschiedlich die Auswirkungen dieses Strömungssystems dann im Einzelnen auf den verschiedenen Kontinenten, am Polarkreis oder am Äquator auch sein mögen, so ist doch die Atmosphäre der Erde ein einziges und zusammenhängendes bewegtes Energie-System. Und das verwende ich hier als „Bild“ für das System von geistigen Strömungen, Abhängigkeiten, Einflüssen … in unserer (unterdessen einen) geistigen Welt. (In der Sprache des ersten Teils der Bibel (Hebräisch) sind „Wind“ und „Geist“ das gleiche Wort).

Unser eigenes persönliches und individuelles Erkennen und Verstehen, Denken und Reden, Glauben und Hoffen ist wie ein vorübergehender kleiner Wirbel im großen „Windsystem“ des Geistes. Und so unabhängig sich dieser kleine Wirbel auch dreht, bekommt er dennoch seine Energie und seine Strömungsrichtung, seine Geschwindigkeit und seine Kreiselbewegung vom großen Windsystem des Geistes, der durch die Jahrtausende weht. Gleichzeitig teilt unser eigener „Geisteswirbel“ aber auch seine eigene Energie, Strömungsrichtung, Geschwindigkeit und Kreiselbewegung dem großen Windsystem mit, so dass er dieses, wenn auch noch so gering und meistens kaum merkbar, mit beeinflusst. Jeder Mensch, der in den vergangenen Jahrtausenden irgendwo auf dieser Erde irgendetwas gesagt, geschrieben, gebildet oder veranlasst hat, hat damit den Wind und die Wind-Richtung des Geistes auf irgendeine Weise beeinflusst und mitgestaltet. Und jeder, der heute lebt und etwas sagt, schreibt, bildet und veranlasst, der gestaltet, meistens ohne dass er das merkt und weiß, den Wind des Geistes seiner Zeit in irgendeiner Weise mit und dieser trägt etwas von seiner geistigen Existenz weiter in die Zukunft. Unser gegenwärtiges Leben hat auch von daher Bedeutung: Wie wir heute leben, reden und handeln, wird den „Wind des Geistes“, seine Richtung und Wirkung, mit beeinflussen, ob wir das wissen und wollen oder nicht.

Und da gab es auch immer wieder einzelne Geistesgrößen, die das Denken und Verstehen der Menschheit für Jahrhunderte beeinflusst, verändert und geprägt haben: Platon, Sokrates, Konfuzius, Mose, Buddha, Augustinus, Luther, Kant, Marx … und viele, viele andere. Aber auch ihr Denken baute jeweils auf dem Vor-Verständnis der Jahrtausende auf. (Jesus von Nazareth zähle ich hier nicht zu dieses „Geistesgrößen“, obwohl er die spirituelle Entwicklung der Menschheit in den vergangenen 2000 Jahren stärker beeinflusst hat als irgend jemand sonst, aber sein Weltverständnis, seine Menschheitsbetrachtung und Geschichtsschau schöpfen, trotz seiner Verwurzelung im Judentum seiner Zeit, wesentlich aus anderen Quellen). Siehe die Themen „Jesus – der Weg“, „Jesus – die Person“ und „Jesus die Botschaft“.

Und zu diesem großen „Windsystem des Geistes“ gehört auch (von Anfang an und bis in unsere Gegenwart) die seltsame Erfahrung, dass Menschen nicht nur die Gegebenheiten und Vorgänge ihrer „materiellen und geistigen Umwelt“ wahrnehmen, sondern auch Einflüsse und Impulse aus ihrer „spirituellen Umwelt“ und dass sie auch die in ihr Weltverständnis einbauen. Wir werden in den folgenden Beiträgen noch davon reden müssen.

4 Welt-Verständnis

Ein Vogel kann differenzierte Wahrnehmungen machen: Es ist hell und er geht Futter suchen. Er sieht: Da krabbelt etwas, das entspricht seinem Bild von Fressbarem und er frisst es. Jeder Vogel sieht die Sonne aufgehen und untergehen und wieder aufgehen. Aber er ist sich nicht bewusst, dass es deshalb hell ist, weil die Sonne aufgegangen ist, oder dass es dunkel ist, weil die Sonne unterging. Er sieht, es ist hell und er geht auf Futtersuche; es wird dunkel und er sucht sich einen Schlafplatz. Er macht sich auch keine Gedanken darüber, ob die Sonne, die am Morgen aufgeht, die gleiche ist, die am vergangenen Abend untergegangen war. Und erst recht denkt er nicht darüber nach, wo denn die Sonne weilte, als es in der Nacht dunkel war. Die Mythologien der Menschen-Völker aber sind voll von phantasievollen Erzählungen, die das Phänomen der aufgehenden und untergehenden Sonne irgendwie zu erklären versuchen (z. B. im alten Ägypten, da sah man die Welt als Scheibe mit dem Himmelsgewölbe darüber, das aus dem Leib der Göttin Nut gebildet war. Tag und Nacht entstanden dadurch, dass Nut jeden Abend die Sonne fraß und verschluckte und sie jeden Morgen die Sonne neu gebar. )

Menschen wollen nicht nur wahrnehmen, was vor sich geht, sie wollen auch verstehen, was geschieht. Das geht aber nur, wenn sie in ihrem Denken und Nachdenken Beziehungen herstellen können zwischen Ereignissen und Vorgängen, die sie erlebt und in ihrem Gedächtnis gespeichert haben, z. B. zwischen dem Sonnenaufgang am Morgen und dem Sonnenuntergang am Abend. Dass zwischen diese beiden Vorgängen trotz des zeitlichen Abstands ein Zusammenhang besteht, ist ja nicht so selbstverständlich, wie es uns scheinen mag. Einem Raubvogel z. B. ist das völlig egal. Es ist hell, er fliegt; er sieht die Maus unter sich und setzt zum Sturzflug an. Er braucht kein „Welt-Verständnis“, das sein Verhalten steuert, sondern kann, um sein Leben zu erhalten, seinen inneren Trieben und Instinkten folgen. Freilich: Menschen haben auch Triebe und Instinkte, aber die reichen schon lange nicht mehr aus, um das Leben einer steinzeitlichen Jagdgemeinschaft (oder das Leben in einer modernen Industrieanlage) zu meistern.

Allerdings: Die „Weltverinnerlichung“ des Menschen (siehe Abschnitt 2) ist kein statischer Bestand (also kein unveränderliches „Welt-Bild“), sondern ein sich ständig veränderndes Geschehen, das in Folge jeder neuen Erfahrung die Form und die Richtung seiner Daseinsinterpretation in mehr oder weniger bedeutsamen Teilbereichen immer wieder neu justieren muss. (Nach unserem heutigen Kenntnisstand können wir nicht mehr, wie die alten Ägypter, davon ausgehen, dass es abends dunkel wird, weil die Göttin Nut die Sonne fraß und das es morgens hell wird, weil sie die Sonne wieder neu gebar).

Wenn eine frühe Menschengemeinschaft die Erfahrung machte, dass nach einem starken Regen der Fluss, an dessen Ufer sie ihre Häuser gebaut hatten, stark anschwoll und ihre Häuser zerstörte, dann konnten sie den Zusammenhang zwischen Regen und Hochwasser erkennen und einen Damm bauen, der ihre Häuser schützen sollte. Solche Sinn-Geschichten werden dort, wo sich einfache sachliche Zusammenhänge erkennen lassen, eine realistische Beschreibung beinhalten, dort aber, wo sich Menschen undurchschaubaren Vorgängen gegenüber sehen, werden sie versuchen, Sinn-Geschichten zu komponieren, die ihre Verstehens-Lücken mit Inhalten füllen, die ihren Wünschen nach Sicherheit und Daseinsbewältigung entgegenkommen.

Wenn z. B. die gleichen Menschen von einem Sturm überrascht werden, der ihre Behausungen zerstörte und einige Mitglieder der Sippe tötete, sie zugleich aber keine Möglichkeit sehen, einen nächsten Sturm vorherzusagen oder ihm auszuweichen, so werden sie, um sich die Illusion ihrer Handlungsfähigkeit zu erhalten, vielleicht einem Sturm-Dämon opfern, um ihn (der ja vielleicht Macht hat über den Sturm) zu veranlassen, nun für sie den Sturm zu beschwichtigen. Menschen können aus ihrem Erleben nachträglich eine Geschichte komponieren und erzählen, eine Sinn-Geschichte (ein „Narrativ“), die ihre Wahrnehmungen in einen erklärenden, deutenden, sinngebenden Zusammenhang stellt (Beispiele dafür sind z. B. die Sagen und Legenden der Völker). Aber: Die meisten Situationen im Leben von Menschen sind (und waren auch schon vor Jahrtausenden) sachlichreal verstehbar und mit menschlichen Mitteln zu bewältigen. Die Erbauer der Pyramiden von Gizeh haben vor Jahrtausenden (und trotz ihrer komplizierten Götter-Mythologie) mit einem für ihre Zeit schier unglaublichen Wissen an Astronomie, Geografie und Mathematik und mit heute kaum nachvollziehbaren Verfahrenstechniken ihre riesigen Monumente erbaut.

Unser „Welt-Verständnis (wir können auch sagen unser „Glaube“), das heißt: die Art und Weise wie wir unsere eigene Person und unser Leben im Gesamtzusammenhang  all unserer Lebens-Erfahrung verstehen und deuten, bestimmt entscheidend auch unser Handeln. Und es entscheidet auch über unser Verhältnis zu anderen Menschen, über unser Miteinander oder Gegeneinander, über Krieg oder Frieden (siehe das Thema „Friede auf Erden?“). Die gegenwärtigen Vertreter des sogenannten „Neuen Atheismus“ haben eben nicht recht, wenn sie meinen, dass alles Unheil dieser Welt von den Religionen kommt. Auch Atheisten haben ihren „Glauben“ und im 20. Jahrhundert waren es atheistische Glaubenssysteme (Nationalismus und Kommunismus), die dieses Jahrhundert zum blutigsten der ganzen Menschheits-Geschichte machten.

„Wie wir glauben, so handeln wir“. So begann dieser Beitrag, und jetzt verstehen wir, dass hinter diesem Satz eine ganze Menschheitsgeschichte der Welt-Wahrnehmung, Welt-Verinnerlichung und des zunehmenden Weltverständnisses steht.

Die persönliche „Weltverinnerlichung“ als Gestaltungsraum für eine Sinn-Geschichte des eigenen Lebens ebenso wie für eine umfassende Welt-Sinn-Geschichte des Daseins, die ist die „Gebärmutter“ des Glaubens jedes Menschen, (gleich, ob als Anhänger einer Religion oder als überzeugter Atheist mit einer ihn überzeugenden Ideologie). In jedem Falle aber sind unsere jeweils aktuellen Sinn-Geschichten und Daseins-Deutungen die Steuerungselemente für unsere Entscheidungen. So wie wir glauben (wie wir wirklich glauben und das geschieht nicht immer entlang unserer offiziellen „Glaubensbekenntnisse“), so handeln wir.

Freilich werden wir in den folgenden Beiträgen noch sehen, dass  dieses Erklärungsmodell zwar für die Entstehung des Glaubens als Verhaltenssteuerung ausreicht, nicht aber, um die Entstehung des Glaubens als Beziehungsgeschehen zu erklären, sondern dass dafür die „Keim-Zelle“ des Glaubens noch eine „Befruchtung“ von außen braucht).

Bodo Fiebig „glauben und handeln“ Version 2022-3

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