Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Fragen der Zeit und Antworten des Glaubens

Beitrag 1: Fragen der Zeit (Bodo Fiebig)

Fragen der Zeit

Jede Zeit hat ihre Fragen. Und die Antworten der Zeit, die von der Mehrheit der Menschen erkannt, anerkannt, verstanden und geglaubt werden, beeinflussen entscheidend das Welt-und Selbstverständnis der Menschen und damit auch ihr Leben und Zusammenleben in ihrer Zeit (siehe dazu auch die Themen „Die Frage nach dem Sinn“ und „Der Sturm der Erkenntnis“). Das ist ganz selbstverständlich so, in allen Kulturen, in allen Gesellschaften, in allen Glaubensgemeinschaften (Religionen und Ideologien) zu allen Zeiten, denn Menschen können ja ihr Leben und Zusammenleben nur so gestalten, wie es ihr Welt- und Selbstverständnis vorgibt und zulässt (wobei ja auch vieles ohne bewussten Gestaltungswillen, aus Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit geschieht). Trotzdem: Unsere (persönlichen und kollektiven) Antworten auf die Fragen der Zeit bestimmen wesentlich unser (persönliches und kollektives) Leben, Entscheiden und Handeln. Im Rahmen dieses Themas „Fragen der Zeit und Antworten des Glaubens“ geht es hier darum, ob und wie der biblische Glaube auf die Fragen unserer Zeit Antworten geben kann, die im 21. Jahrhundert noch relevant, gegenwartsgestaltend und zukunftsbedeutsam sein können.

Die Fragen unserer Zeit sind bekannt: Klimakrise, Umweltzerstörung, Artensterben, Endlichkeit der Ressourcen der Erde, Pandemien, Globalisierung und Konzentration bedrohlicher, vereinnahmender und gewalttätiger Mächte, künstliche Intelligenz, Hass und Hetze im Internet, internationale Spannungen, militärische Auseinandersetzungen (z. B. mit „Killerdrohnen“, die selbst entscheiden, wie und wen sie angreifen und töten), Vertrauenskrise in die öffentlichen Personen und Institutionen, Kampf der Systeme (Demokratie mit der oft mühsamen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in Freiheit, aber immer mit Unsicherheiten – oder Diktatur mit den direkten Entscheidungen, schnell, effektiv aber gewaltsam und: totsicher?), Kriminalität, Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel,  Ausbeutung und Sklaverei-ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse, Armut, Bildungs-Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Flucht und Vertreibung, usw., usw. Aber fällt uns bei dieser Aufzählung nichts auf? Das sind alles Problemanzeigen, ja Lebens- und Menschheits-bedrohende Unheilsankündigungen. Das ist eine Auflistung von Zukunftsängsten, als hätten wir von der die Zukunft nichts anders zu erwarten als das Ende einer Zeit, in der man noch (zumindest in manchen Ländern noch) relativ gut leben konnte. Gibt es keine Menschen mehr, die danach fragen, welche positiven Erwartungen wir haben, was uns hoffnungsfroh und zuversichtlich stimmt? Da ist, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, weitgehend Fehlanzeige. Wir haben kollektiv das Gefühl (obwohl das einzelne Menschen sicher anders empfinden), als säßen wir in einem Schnellzug, der mit rasender Geschwindigkeit auf einen dunklen Tunnel zufährt, von dem wir noch nicht wissen, ob die Gleise nach einer Fahrt durch alptraumartige Finsternis doch wieder ins Helle führen oder ob der Zug mitten im Berg zerschellt, vielleicht, weil es versäumt wurde, die Strecke bis zum Ausgang weiterzubauen. Aber: Kann man so leben? Kann vor allem eine jüngere Generation (die den größeren Teil ihrer Lebenszeit in eben dieser Zukunft wird verbringen müssen) leben mit einer solchen Zukunfts-Aussicht?

Und damit sind wir bei unserer Ausgangsfrage: Hat der biblische Glaube (seine Glaubensinhalte und die entsprechende Glaubenspraxis) überzeugende Antworten auf die Fragen und Herausforderungen der Gegenwart (und eventuell auch auf die der absehbaren Zukunft)? Davon hängt vieles ab. Unter anderem auch, ob die Inhalte dieses Glaubens (ihre zentralen Aussagen und Perspektiven, ihre prägenden Leitideen und Lebensformen) Einfluss haben auf die gesellschaftliche Realität und deren Entwicklungen. Und: Ob die Vertreter dieses Glaubens, z. B. die christlichen Kirchen und ihr Reden und Handeln, als gegenwartsbedeutsam und zukunftsrelevant angesehen werden, als Personen und Institutionen, die uns etwas zu sagen haben und auf die zu hören sich lohnt – oder eben nicht.

Die Gesellschaften der Gegenwart in den „westlichen“ Demokratien (ebenso wie die Gesellschaften aller Völker und Kulturen in unserer Gegenwart und ebenso wie alle Gesellschaften in allen Epochen der Vergangenheit) haben ganz selbstverständlich solche prägenden Inhalte, Personen und Institutionen, die ihre Selbstwahrnehmung und ihr Selbstverständnis beeinflussen und die auch ihre Umweltwahrnehmung und Ihr Weltverständnis wesentlich mitbestimmen (und damit auch die politischen, wirtschaftlichen, juristischen … Entscheidungen). Die Gesellschaften könnten ja gar nicht dauerhaft existieren ohne solche identitätsstiftenden Erfahrungen von „unserer“ gemeinsamen Selbstwahrnehmung und Umweltwahrnehmung und ohne solche gemeinschaftsbildenden Ideen von „unserem“ gemeinsamen Selbstverständnis und Weltverständnis.

Aber, zumindest für die Regionen der „westlichen Demokratien“ (die auf den Fundamenten biblischer Überzeugungen entstanden sind) gilt heute: Es sind oft nur noch Reste biblischer Inhalte und kirchlicher Leitideen, die an manchen Stellen aus Beharrungsvermögen und Tradition einen gewissen Einfluss auf die gesellschaftliche Realität ausüben. Die gegenwärtig ganz selbstverständlich geglaubten Menschheits-, Geschichts- und Welterklärungsmodelle stammen längst fast alle aus anderen Quellen, z. B. aus der Biologie, der Chemie und Physik, aus der Soziologie, der Wirtschafts-, Geschichts- und Politikwissenschaft, aus der Anthropologie und Psychologie, aus der Ökologie und Klimaforschung usw. Das ist richtig und gut so, denn eine Religion oder Ideologie, die wesentliche Inhalte wissenschaftlicher Erkenntnis verleugnet, wäre eher Wunschdenken und Phantasie (wobei ja Wissenschaft, da, wo sie sich selbst ernst nimmt, sich selbst immer als gegenwärtigen und vorläufigen Stand innerhalb einer sich ständig verändernden Entwicklung versteht). Und der biblische Glaube müsste sich vor den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht fürchten, denn der Gott, an den er glaubt, ist ja der Gleiche, der alle wissenschaftlich erforschbare Wirklichkeiten selbst geschaffen hat.

Aber: Viele der heute wirkmächtigen Ideen und  Ideologien, sind eben nicht Wissenschaft,  sondern missbrauchte Wissenschaft zum Zweck von Selbstbestätigung und Allmachtsphantasien. Die ideologische (ich betone: nicht wissenschaftliche, sondern ideologische!) und trotzdem allgemein geglaubte und weitgehend bestimmende Grundlage des Denkens und Verstehens unserer Zeit in den „westlichen Demokratien“ ist die Idee einer (angenommenen und nirgends bewiesenen) autonomen Welt und einer ebenso autonomen Weltgeschichte, die nur noch aus sich selbst erklärbar sind und nur noch sich selbst verpflichtet und verantwortlich*. Diese Idee hat nichts mit Wissenschaft zu tun, aber viel mit Sinnverweigerung und menschlicher Selbstüberhöhung („wir sind die einzigen, die die Welt verstehen, außer uns und über uns kann es nichts geben“).

* Als prägende Leit-Bilder für diese Entwicklung gelten unter anderen die „Urknall-Theorie“ (für die Entstehung und Entwicklung des Universums allein aus sich selbst, siehe den Beitrag „im Anfang schuf Gott?“ zum Thema „Die Frage nach den Sinn“), die Evolutionslehre, so weit sie sich selbst als umfassende „Theorie des Lebens“ versteht (für die Entstehung und Entwicklung des Lebens allein aus den Kräften der Natur, siehe das Thema „Leben und Tod“), der Marxismus, Nationalismus, Liberalismus (für die Erklärung und Entwicklung der Menschheitsgeschichte allein aus der Dynamik von Klassen, Rassen, Märkten, siehe das Thema „Die Ethik des Atheismus“), die Tiefenpsychologie (für die Erklärung und Entwicklung der menschlichen Psyche allein aus den inneren Kräften des Unbewussten, siehe das Thema „Wer bin ich?“) usw.

Dabei ist es ja richtig und gut, wenn die Erkenntnisse der Wissenschaften wesentlich unser Weltbild prägen, aber auch Wissenschaft (einschließlich der Naturwissenschaften!) ist nicht voraussetzungslos. Auch sie muss ihre Forschungs- und Mess-Ergebnisse in einen übergeordneten Deutungsrahmen einordnen, der selbst nicht mehr wissenschaftlich begründet werden kann. Konkret geht es heute um die Frage: Ist diese Welt etwas zufällig Gewordenes oder ist sie etwas bewusst Geschaffenes? Diese Frage ist wissenschaftlich nicht zu beantworten, aber an der Antwort auf diese Frage entscheidet sich alles.

Wenn die Welt, in der wir leben, etwas zufällig Gewordenes ist, dann existiert alles in ihr ohne Sinn und Ziel, dann ist auch unser eigenes Leben zufällig und sinnlos (denn woher sollten in einer zufällig gewordenen Welt plötzlich ein Sinn und ein Ziel kommen?). Dann lebt ein Lebewesen, ob Einzeller, Pflanze, Tier oder Mensch, solange es sich im „Kampf ums Dasein“ zu behaupten vermag und stirbt, sobald es einem Stärkeren begegnet (oder wenn die nötigen Lebensbedingungen nicht in ausreichender Weise gegeben sind); und beides, sein Leben und sein Sterben wäre völlig ohne Bedeutung. Dann gäbe es keine Entscheidung und keine Handlungsweise, die man „richtig“ oder „falsch“ nennen könnte (denn woher sollte in einer sinnlosen Welt ein Maßstab kommen dafür, was „richtig“ oder „falsch“ wäre?), und es gäbe erst recht kein Verhalten, das man „gut“ oder „böse“ nennen könnte (denn woher sollten in einer sinnlosen Welt ethische Wertvorstellungen kommen)? Zwischenmenschliche Abmachungen (Regeln und Gesetze) über das „Richtige“ oder „Falsche“, das Erlaubte oder Verbote reichen dazu nicht aus, denn die Geschichte lehrt uns (und uns Deutsche ganz besonders deutlich), dass zu manchen Zeiten und in manchen Gesellschaften die verabscheuungswürdigsten Verbrechen (gegen „die anderen“) nicht nur erlaubt, sondern von den „Obrigkeiten“ und ihren Gesetzen sogar gefordert und befohlen werden. In einer sinnlosen Welt kann auch der „gute Wille“ von Menschen und können auch demokratische Mehrheitsentscheidungen keine allgemeingültige menschenwürdige Ethik hervorbringen, denn was der eine für „gut“ hält, kann für einen anderen „schlecht“ sein. Ob wir uns in einer sinnlosen Welt in einer bestimmten Situation so oder ganz anders entscheiden und verhalten würden, wäre ohne einen ethischen Bezugspunkt außerhalb des Systems „Menschheit“ wertneutral, ja ganz und gar gleichgültig. Oder zugespitzt personalisiert: Adolf Hitler und die Judenvernichtung in Auschwitz und Mutter Theresa und Ihr Einsatz für die Armen und Sterbenden in Kalkutta wären in ihrer Bedeutung und ihren Wert gleich, nämlich Null und nichts.

Nun stellen wir für unsere Gegenwart fest: Die Wissenschaften beziehen weitgehend (nicht durchgehend) ihren vor-wissenschaftlichen übergeordneten Deutungsrahmen eben nicht mehr auf ein grundlegendes theologisch/spirituelles Vor-Verständnis der Welt, sondern auf eine ideologische Gedankenkonstruktion, die festlegt: „Alles ist aus sich selbst entstanden und entwickelt sich zufällig und ohne Sinn und Ziel (das Universum, das Leben, das Menschsein, eben alles).“

Das war nicht immer so. Biblisch begründete Erfahrungen, Inhalte und Lebensformen haben in den vergangenen zwanzig Jahrhunderten da, wo das Christentum wesentlichen Einfluss gewann (und davor noch einmal so lange im Judentum), immer wieder Entwicklungen angestoßen, die für große Zeitepochen zu Gesellschafts-gestaltenden Leitbildern wurden, weil sie überzeugende Antworten gaben auf drängende Fragen und Herausforderungen ihrer Zeit.

An fünf Beispielen will ich das exemplarisch und andeutungsweise darstellen: (Siehe Beitrag 2 „Antworten der Geschichte“)

  • An der „Befreiungs-Theologie“ Israels
  • am „Missionserfolg“ der ersten Christengemeinden der ersten drei Jahrhunderte,
  • an der Entstehung der europäischen Kloster-Tradition durch Benedikt von Nursia,
  • an der Erneuerung christlich-spirituellen Lebens durch Franziskus von Assisi,
  • an der Reformation durch Martin Luther.

Die christlichen Kirchen sind immer aufgefordert in der jeweiligen zeitgeschichtlichen Situation Antworten für die aktuell brennenden Fragen zu finden.

Danach muss auch die Frage nach den Herausforderungen für die Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft der biblisch Gläubigen und ihre Mit-Verantwortung für die gegenwärtige geistige und spirituelle Verfassung der Menschheitsgesellschaft gestellt werden. (Siehe Beitrag 3 „Antworten des Glaubens (1): Neubewertung“, Beitrag 4 „Antworten des Glaubens (2): Vernetzung und Beitrag 5 „Antworten des Glaubens (3): Erleuchtung“.

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