Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Fragen der Zeit und Antworten des Glaubens

Beitrag 2: Antworten des Glaubens in der Geschichte (Bodo Fiebig)

Antworten des Glaubens auf die Fragen der Zeit sind weder zufällig noch beliebig. Wenn solche Antworten im biblischen Glauben begründet sein wollen, sind sie an den Glaubensrahmen der biblischen Botschaft gebunden. In äußerster Verkürzung könnte er etwa so zusammengefasst werden: Wir leben in einer Welt, die nicht zufällig aus dem Nichts entstanden ist, sondern bewusst gewollt und geschaffen wurde (siehe dazu das Thema „Die Frage nach dem Sinn“). Die fast unendlichen Weiten des Universums und dessen unvorstellbaren Massen und Energien sind nicht Selbstzweck, sondern sind von einem liebenden Gott gemacht, der sie (auf einem winzigen Materieklumpen im All, unserer Erde) zur Wohnstätte des Lebens bestimmt hat. Und auch das Leben ist nicht einfach nur „da“, sondern bewusst geschaffen und es bietet durch die millionenfache Vielfalt der Lebensformen (und durch die Vielfalt der Beziehungen in der Gesamtheit der Biosphäre der Erde) den Lebensraum, in dem eines der Geschöpfe, der Mensch, zum bewussten Gegenüber und „Ebenbild“ der Liebe des Schöpfers werden kann. Und als die Menschen angesichts dieser Berufung versagten (im ersterwählen Volk Israel in alttestamentlicher Zeit und im Judentum bis heute und dann auch in der frühen Christenheit und in den christlichen Glaubensgemeinschaften bis heute) und als die Menschheit Entwicklungen in Gang setzten, durch welche die Erde nicht zum Erfahrungsraum von Gemeinschaft und Liebe wurde, sondern zum Schauplatz von Feindschaft und Gewalt und das Menschsein nicht zum „Ebenbild“ der Liebe Gottes wurde, sondern zur „Bestie in Menschengestalt“, da ließ Gott selbst seine Liebe Mensch werden (in Jesus, einem Sohn aus seinem geliebten und erwählten Volk), verwundbar und sterblich wie alle Menschen und doch ganz „Ebenbild Gottes“ durch die Liebe Gottes, die er „verkörperte“ und mit der er seinen Mit-Menschen begegnete und die bis in den Tod und über den Tod hinaus helfend, heilend und rettend wirksam blieb. Und so weit wir Menschen, damals und heute, uns dieser Liebe öffnen, können wir (und mit uns die ganze Schöpfung) im Nahbereich der Liebe Gottes sein und bleiben und gemeinsam der Vollendung der Schöpfung entgegengehen (wo diese Liebe alles Menschsein und alles Leben bestimmen und erfüllen wird).Ohne die Perspektive der Ewigkeit und der Vollendung ist jede Zukunftsvision bloße Ideologie.

In der Geschichte des Christentums (und davor schon in der Geschichte Israels im AT) hat es immer wieder historische Situationen gegeben, wo biblisch begründete Personen und Institutionen auf der Grundlage dieses Glaubens Antworten fanden auf gegenwärtige Nöte und Herausforderungen ihrer Zeit, Antworten, die für Jahrhunderte (manchmal Jahrtausende) Menschen und Völker bewegten und ihr Leben und Zusammenleben gestalteten. An fünf Beispielen (es gäbe noch viele andere) soll das kurz angedeutet werden:

  • An der „Befreiungs-Theologie“ Israels
  • an den ersten Christengemeinden der ersten drei Jahrhunderte,
  • an der Entstehung der europäischen Kloster-Tradition durch Benedikt von Nursia,
  • an der Erneuerung christlich-spirituellen Lebens durch Franziskus von Assisi,
  • an der Reformation durch Martin Luther.

1 Die „Befreiungs-Theologie“ Israels

Die „Befreiungs-Theologie“ Israels beginnt mit den ersten Satz der Bibel (1. Mose 1,1): „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“. So beginnt die Befreiung: Gott schuf alles. Es ist nicht einfach nur da (denn das würde bedeuten, dass wir Menschen die Einzigen wären, die dem „Da-Seienden“ einen „Daseins-Sinn“ geben könnten). Wir sollen das Geschaffene nur „bebauen und bewahren“ (1. Mose 2, 16), das heißt, wir sollen verantwortlich damit umgehen (verantwortlich gegenüber den Schöpfer und gegenüber der Schöpfung), aber wir müssen das Geschaffene nicht verantworten. Wir müssen nicht beides zugleich sein: Verantwortliche und Verantwortende, also diejenigen, die verantwortlich sind für das Bebauen und Bewahren und zugleich diejenigen, vor denen die Verantwortlichen sich verantworten müssten (denn wenn das Universum „nur so“, zufällig und absichtslos  entstanden wäre, dann gäbe es ja außer den Menschen selbst nichts und niemanden, der den Menschen sagen könnte: „Die Erde ist kein Spielzeug, das ihr einfach kaputt machen könnt, so wie ein unartiges Kind sein Spielzeug kaputt macht, weil es dessen überdrüssig geworden ist“). Wenn diese Welt in der wir leben (das Universum) „aus sich selbst“ entstanden wäre (bzw. im Augenblick des „Urknalls“ wie durch einen Zaubertrick aus dem Nichts entstanden), dann müssten wir (also diese selbstverliebte, oft egoistische, habgierige, machthungrige und gewalttätige, manchmal hilflose, manchmal gewissenlose Menschheit) selbst die „Spielregeln“ festlegen, nach denen das „Spiel des Lebens“ im „Spielraum“ des Handelns mit dem „Spielzeug“ unserer Erde gelten sollen. Glauben wir wirklich, das (!) könnte gut gehen?

Nein. „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“. Wir sind verantwortlich vor Gott und verantwortlich für unser Handeln in seiner Schöpfung, aber wir sind nicht diejenigen, die selbst die Verantwortung dafür tragen, dass das Experiment „Schöpfung“ (hier auf dieser Erde im Gesamtgefüge des Lebens und in der Gesamtentwicklung der Menschheit) auch wirklich gelingt. Welch eine Befreiung! Und diese Befreiung hat in vielen konkreten Situationen und Vorgängen in der Geschichte des Gottesvolkes Alten Testaments (des ersten Bundes) eine besondere und handfest-praktische Wirkungsgeschichte entfaltet. Die soll hier anhand einiger Beispiele kurz angesprochen werden.

1.1 Die Befreiung der Arbeit

Die Befreiung der Arbeit von dem Zwang unbegrenzter Arbeits-Sklaverei hin zu einer menschenwürdig begrenzten Arbeitszeit beginnt im Zusammenhang der biblischen Botschaft schon auf den ersten Seiten des Alten (bzw. „Ersten“) Testaments (1. Mose 2, 2-3):  Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. Und dieses „Ruhen“ Gottes vom Tun soll auch für die Menschen Konsequenzen haben (2. Mose 20, 8-11 in den „Zehn Geboten“): Gedenke des Sabbattages (des Ruhetages), dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat (der Ruhetag) des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag (den Ruhetag) und heiligte ihn.

Diese Befreiung der Arbeit aus der nie unterbrochenen Folge der Arbeits-Tage hinzu einem 7-Tage-Rhytmus von Arbeit und Ruhe ist eine Errungenschaft, die von Israel ausgehend, im Laufe von Jahrtausenden in (fast) alle Völker und Kulturen der Menschheit eingegangen ist. Aber kaum jemals und kaum irgendwo wurde diese „Befreiung der Arbeit“ so konsequent angewendet, wie es schon vor Jahrtausenden in der Bibel vorgegeben war: Frei-Zeit auch für „Knechte und Mägde“, auch für „Fremdlinge“, ja sogar für das Arbeits-Vieh. Trotzdem hat diese „Idee der begrenzten Arbeitszeit“ seit Jahrtausenden für Milliarden Menschen ein menschenwürdiges Arbeiten und Leben bewirkt. Und nur dadurch, dass diese „Befreiung der Arbeit“ theologisch (also von Gott her) begründet ist, war sie nicht in die Willkür der Menschen gestellt und nur dadurch konnte die Ausbeutung der Arbeitskraft (z. B. in vielen Formen von Sklaverei) als Menschen-unwürdig und Gott-widrig erkennbar werden und bekämpft werden.

1.2 Befreiung aus Sklaverei

Die Ursprungs-Erfahrung Israels als Volk war die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Die betraf ja nicht nur die Arbeit, sondern alle Lebensbereiche. Alles war ihnen aufgezwungen: Ihr Lebensraum, ihre Lebensweise in der vorgegebenen ägyptischen Kultur, ihre soziale Unterordnung, die Gesetze, nach denen sie zu leben hatten, ja sogar ihr Glaube. Die Freiheit einer Sprach- Kultur-  und Glaubensgemeinschaft zu einer selbstbestimmten Lebensweise gilt unterdessen (zumindest theoretisch) für alle Völker der Erde (siehe die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der „Vereinten Nationen“, die eigentlich für alle Völker der Erde gilt, auch wenn ihre Verwirklichung in manchen Weltgegenden und zu manchen Zeiten den Menschen verwehrt wird). Diese Befreiungs-Erfahrung feiert das Judentum (im Pessach-Fest) seit Jahrtausenden als die Ursprungs-Erfahrung seiner Gottes-Beziehung und als tragendes Fundament seiner Geschichte und Identität.

1.3 Die Befreiung von autokratischer (Willkür-)Herrschaft

Die Anerkennung Gottes als Schöpfer und Herrn begründete die „Befreiungs-Theologie“ Israels und ist bis heute die Grundlage der Freiheit für alle Menschen und Gemeinschaften, die im biblischen Glauben begründet sind.

Als die Israeliten der Knechtschaft in Ägypten entflohen und nach dem Durchzug durch das Meer dem Herrschaftsbereich des ägyptischen Pharaos entkommen waren, da offenbarte Gott diesem Haufen entlaufener Sklaven, welche Ordnung er für ihre entstehende Volksgemeinschaft vorgesehen hatte: 2. Mose 19, 1-6: Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: „So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“

Hier kommt, bei einer entscheidenden Weichenstellung der Heilsgeschichte, direkt von Gott eine ausdrückliche Anweisung, wie in dem von Gott besonders gerufenen und ausgesonderten Volk die Frage von Autorität und Herrschaft beantwortet werden soll. In allen Völkern rings umher gab es zwei Autoritäten: die königliche Autorität und die priesterliche. Die Könige hatten die „weltliche“ Autorität, die sich auf die Macht der Schwerter und Soldaten stützte und die durch einen hierarchischen Beamtenapparat ausgeübt wurde. Die Priester hatten die „geistliche“ Autorität, die für sich in Anspruch nahm, die sichtbare Vertretung der unsichtbaren Götter wahrzunehmen. Was sie sagten, war Wort der Götter, und was sie taten, geschah in deren Auftrag. Wer die Priester in Frage stellte, griff die Götter selbst an! So hatten beide, Könige und Priester fast unangreifbare Machtpositionen inne, die sie weit über das „gemeine Volk“ hinaushoben. Königtum und Priestertum waren sich gegenseitig Stützte ihrer Macht.

Hier aber, im biblischen Bericht von der Befreiung und Berufung der Israeliten als Volk Gottes, ist die Rede davon, dass ein ganzes Volk mit allen seinen Angehörigen, den Alten und Jungen, den Männern und Frauen, den Starken und Schwachen, den Mächtigen und den Unbedeutenden, den Armen und Reichen in ein „königliches Priestertum” eingesetzt werden soll. Eine völlig neue, noch nie dagewesene Form von Autorität und Herrschaft ist hier angesprochen. Und das nicht als wirklichkeitsferne utopische Idee, sondern als Aufforderung das Gemeinte tatsächlich zu verwirklichen: Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

Das „Reich Gottes“, wie es in der Bibel dargestellt wird, ist eben kein monarchistisch zugespitzter Machtapparat mit einem absoluten Herrscher an oberster Stelle. Das Volk Gottes im Alten Testament (Israel) hatte jahrhundertelang gar keinen König, der sich auf die Macht der Schwerter stützen konnte, sondern „nur“ Propheten und Richter als Inhaber einer von Gott selbst eingesetzten und gestützten Autorität ohne menschliche Machtmittel. Als dann, Jahrhunderte nach den Ereignissen am Sinai, die Israeliten danach verlangten, einen König als „Monar­chen“, als Alleinherrscher zu haben, weil sie sein wollten „wie alle anderen Völker auch“, da wurde dies ausdrücklich von Gott missbilligt, auch wenn er ihnen schließlich ihren Willen ließ (1.Sam 8, 4-22).

Die biblischen Gebote werden heute oft negativ gesehen als etwas Einengendes, die persönliche Freiheit Beschneidendes.  Aber wir sollten uns bewusst machen: Von Gott gegebene und deshalb von den jeweils Herrschenden nicht veränderbare Gebote sind ein entscheidender Schutz der „Untertanen“ vor der Willkür-Herrschaft der Mächtigen. Ohne die Gebote Gottes sind wir den Befehlen der Herrschenden rückhaltlos ausgeliefert (freilich haben die Herrschenden oft versucht, ihre Befehle als Gebote Gottes auszugeben und da sollten wir sehr wachsam sein).

Im Neuen Testament rückt Jesus selbst jede monarchische Vorstellung und Ambition bei seinen Jüngern zurecht (Mt 20, 25-28): „Aber Jesus rief sie (die Jünger) zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene, und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Ebenso beschneidet Jesus auch die Vorstellungen seiner Jünger von herausgehobener geistlicher Autorität (Mt 23, 1-12): „… ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder“.

Das sollte in den nächsten Jahrhunderten ein Leitmotiv der entstehenden Christenheit werden:

2 Die ersten Christengemeinden (vgl. im Bereich „Miteinander unterwegs“ das Thema „Evangelium und Urgemeinde“ mit den Beiträgen „Ausbreitung der Jesus-Botschaft“ und „Die Gemeinschaft des Evangeliums“)

Wie konnte sich das Christentum der ersten Jahrhunderte in so kurzer Zeit über so weite Räume und in so verschiedenen Kulturkreisen ausbreiten? Wie konnten ein paar Fischer und Bauern und ein Zolleintreiber aus Galiläa (einem der abgelegensten Gebiete des Römischen Reiches, mit einer Bevölkerung, die nicht eben zur Macht- und Bildungselite der damaligen Welt gehörte) einen solch schnellen und umfassenden Missionserfolg erreichen und gesellschaftsverändernden Einfluss bekommen (noch lange bevor das Christentum unter Konstantin auch politische Bedeutung bekam)? Die Antwort ist einfach: weil Gott es so wollte. Aber, er ließ dazu nicht Feuer vom Himmel regnen oder Heere von Engeln aufmarschieren, sondern er benutzte offensichtlich ganz irdische politische und soziale Verhältnisse und Vorgänge, um seinen Willen durchzusetzen. Die Antwort auf unsere Frage ist deshalb zwar vielschichtig, aber doch relativ einfach darstellbar:

Manchmal gibt es historische Situationen, in denen eine bestimmte Gruppe von Menschen da ist, die geradezu auf eine neue „Leitidee“ für ihr Leben, auf eine neue spirituelle Identität wartet. Wie ein Schloss, das schon vorhanden ist, für das aber noch der passende Schlüssel fehlt. Die frühe Christenheit hatte so einen „Schlüssel“, hatte eine konkrete Antwort auf die Fragen und Herausforderungen der Menschen ihrer Zeit.

2.1 Das Schloss

So eine „Schloss-Gruppe“ gab es auch zur Zeit der Entstehung des Christentums vor 2000 Jahren. Nur durch sie waren die raschen Erfolge der frühchristlichen Mission möglich. Ihre Mitglieder lassen sich folgendermaßen beschreiben:

  1. Sie waren heidnischer Herkunft, aber enttäuscht und abgestoßen von den vorhandenen Götter-Kulten, die keine Antworten mehr gaben auf die existenziellen Fragen und kein tragfähiges Fundament mehr bildeten für den Aufbau einer eigenen, den veränderten Umständen angepassten Identität. Viele der zum Teil uralten Kulturen und Religionen (z. B. die ägyptisch-pharaonische) waren von der Militärmaschine der Römer überrannt worden und hatten als die unterlegenen Kult-Mächte ihre Legitimation als Schutz-Mächte verloren. Gleichzeitig war aber der römische Götter- und Gott-Kaiser-Kult, der im römischen Weltreich eine neue Identitäts-Grundlage hätte bilden sollen, für viele der in den römischen Provinzen lebenden Menschen unannehmbar belastet als der Kult der Eroberer des eigenen Landes und Zerstörer der eigenen Kultur, der Besatzer und Ausbeuter, der Unterdrücker, Gewalttäter und Henker.
  2. Sie (die Mitglieder der hier genannten „Schloss-Gruppe“) wurden mehr oder weniger stark vom jüdischen Monotheismus angezogen, weil der ihnen eine Glaubensgrundlage bot, die nicht abhängig war von der militärisch-politisch-wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer Anhänger. Der alte jüdische JaHWeH-Glaube hatte sich als stark genug erwiesen, auch nationale Katastrophen (z. B. die Babylonische Gefangenschaft) zu überstehen und mitten in äußeren Nöten (z. B. aktuell durch die römische Besatzung) eine innere Gewissheit zu erhalten, die auch durch stärkste Anfechtungen hindurchtragen konnte. Außerdem war das Judentum im Römischen Reich eine anerkannte und „erlaubte“ Religion, deren Anhänger keine Verfolgungen durch die Staatsorgane zu fürchten brauchten. Gleichzeitig schreckte aber die Fülle von Regeln und Vorschriften im pharisäisch dominierten Judentum, die dem Leben und Handeln ihrer Anhänger doch erhebliche Grenzen zog und Zwänge auferlegten, viele der Interessierten ab, sich dem Judentum ganz und ohne Vorbehalte anzuschließen.
  3. Solche „Gottesfürchtige“ genannten Personen gab es an sehr vielen Orten im ganzen Römischen Reich und sie machten, obwohl sie durch ihre Vereinzelung kaum sichtbar in Erscheinung traten, einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung vieler römischer Provinzen aus. In der Mehrheit waren es wohl Angehörige der unteren Bevölkerungsschichten: Sklaven, einfache Handwerker, kleine Kaufleute … Die meisten waren Stadtbewohner (in den ländlichen Gebieten hielten sich eher noch die alten angestammten Religionen). Mit ihnen gab es eine erwartungsvolle und aufnahmebereite Gruppe, die schon vorbereitet war für die Mission einer Glaubensform, die ihnen entgegenkam und die (das war die historische Leistung des Paulus) auf ihre Bedürfnisse geradezu „zugeschnitten“ wurde. Die paulinische Theologie war einer der „Schlüssel“, der das „Schloss“ der suchenden Menschen in den Provinzen des Römischen Reiches für das Christentum öffnete.

2.2 Der Schlüssel

Die Denkmuster und religiösen Überzeugungen der Völker rund um das Mittelmeer waren bis zur Eroberung durch die Römer noch weitgehend isoliert geblieben, als Kultur- und Glaubens-Inseln im Völkermeer, in jahrhundertealten Traditionen verhaftet. Das änderte sich nun in relativ kurzer Zeit. Die römischen Machthaber ließen ihren Provinzen zwar eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit, aber diese waren nun an einen ständigen und beschleunigten Austausch von Personen, Waren, Informationen und Ideen angeschlossen, der sich keine dieser Kulturen entziehen konnte, und der keine von ihnen unverändert ließ.

Diese Entwicklung ist am ehesten vergleichbar mit dem gegenwärtigen Vorgang, den wir „Globalisierung“ nennen: Heute sind durch einen weltweiten Austausch durch immer schnellere Reise- und Transportmittel, vor allem aber durch den weltweiten Austausch von Informationen über das Internet, Entwicklungen in Gang gekommen, denen sich kein Land, kein Volk und keine Kultur der Erde entziehen können. Um die Zeitenwende vor zweitausend Jahren geschah so etwas wie eine „Globalisierung“ innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches. Innerhalb weniger Wochen konnten Personen, Waren und Ideen von Ort zu Ort quer durch das ganze Imperium gelangen. Dazu dienten ein gut ausgebautes Straßennetz und (relativ) sichere Schifffahrtswege. Das frühe Christentum fand nicht nur an vielen Orten eine aufnahmebereite Bevölkerungsschicht vor, sondern auch Verkehrswege und eine überregionale Durchlässigkeit für Gedanken und Glaubensinhalte, die eine Ausbreitung ermöglichten, die in früheren Zeiten Jahrhunderte gedauert hätte, wenn nicht gänzlich unmöglich gewesen wäre.

So konnte sich die „Frohe Botschaft“ der Jesus-Anhänger in erstaunlich kurzer Zeit in weiten Teilen des römischen Imperiums ausbreiten. Diese Botschaft, die im Kern zum einen aus der schriftlich überlieferten Rede Jesu und zum andern aus der erschütternden Erfahrung seines Todes und seiner Auferstehung bestand, traf wie eine Pfeilspitze ins Herz der verunsicherten und enttäuschten Menschen. Das junge Christentum, das zunächst nur als eine Art jüdische Sekte wahrgenommen wurde, wuchs in (historisch gesehen) kurzer Zeit zu einer „Welt-Religion“ heran, welche die ganze damals bekannte Welt (von der Ursprungsregion des Christentums aus gesehen) veränderte und die bis heute Menschen verschiedenster Völker und Kulturen vereint.

2.3 Die gesellschaftsverändernde Kraft des Glaubens

Selbstverständlich hätte eine verbale Botschaft allein nicht so viele Menschen bewegen können (und könnte sie nicht bis heute immer noch bewegen), wenn sie nicht von der Lebenspraxis der Menschen, die sich zu ihr bekannten, bestätigt und „verleiblicht“ worden wäre. Joh 1,1+14: Im Anfang war das Wort (…). Und das Wort ward Fleisch … So beginnt das Johannes-Evangelium. Das ist bei Johannes zunächst auf Jesus, das „Fleisch gewordene Wort Gottes“ bezogen. Aber schon Jesus selbst fordert seine Jünger auf, seine Worte „Fleisch“ werden zu lassen (Lk 6,46): Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage? Die Jünger sollen Menschen aus allen Völkern nicht nur zu „Kennern“ der Botschaft Jesu machen, sondern auch zu „Nachfolgern“ der Person und Lebensweise Jesu. Mt 28, 18-20 (Lutherübers.): Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Wir sehen: Das Wort des Evangeliums muss „Fleisch“ werden, muss „materialisiert“, „verlebendigt“ und „vermenschlicht“ werden, damit es seine Wirkung in der Welt und für die Welt entfalten kann. In der Jerusalemer Urgemeinde ist das beispielhaft geschehen (Apg 2, 42-47): Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“ Das klingt in den Ohren von gläubigen Christen heute gar nicht so aufregend. Lediglich der gemeinsame Besitz ist für uns ungewohnt. Aber auch das kennen wir ja seit Jahrhunderten aus den Klostergemeinschaften und ähnlichen christlichen Zentren. Für die Menschen zur Zeit der ersten Christen war das alles aber eine schier unglaubliche Erscheinung und Herausforderung.

Die Völker und Volksgruppen im Nahen Osten lebten seit vielen Jahrhunderten unter der Oberherrschaft von Großreichen, die eine gewaltsame Unterwerfungspolitik gegenüber den von ihnen eroberten Territorien und Menschen ausübten (hier sind nur die wichtigsten zu nennen): Ägypten, Babylonien, das Hethiter-Reich, Assyrien, dann das Neubabylonische Reich, danach die Meder und Perser, dann das Reich Alexanders des Großen und seiner Nachfolger, der Ptolemäer und Seleukiden, dann, östlich des Euphrat, das Partherreich und zugleich, westlich davon, das Römische Reich …

Der Wechsel der Machthaber folgte immer dem gleichen Muster: Wenn eines der Herrschaftssysteme, aus welchen Gründen auch immer, schwach geworden war, drang eine andere aufstrebende Macht ein, die in der Nachbarschaft lebte oder die, als eine der unterworfenen Volksgruppen bisher ein Sklavendasein gefristet hatte, und die unterwarf nun ihrerseits in einem gewaltsamen Eroberungszug die bisher herrschende Klasse. Dabei ging man nicht zimperlich vor: Die bisherigen Machteliten wurden abgeschlachtet, ganze Völker in die Verbannung getrieben und versklavt, die bisherige Religion wurde für ungültig erklärt oder vereinnahmt und durch die Verehrung der Götter der neuen Machthaber ersetzt. Oben und unten wurden vertauscht: Die früheren Knechte wurden Herren und die früheren Herren wurden Sklaven Aber: Das System der Unterdrückung selbst blieb dabei weitgehend unverändert.

Die Religion funktionierte bei so einem gewaltsamen Herrschaftswechsel als Instrument der herrschenden Volksgruppe zur Disziplinierung der eroberten und unterworfenen Völker und zugleich zu deren emotionalen Bindung an das neue Herrschaftssystem: „Wir haben gesiegt, weil unsere Götter die Stärkeren waren. Deshalb ist es zwecklos, sich gegen uns, die neuen Herren, auflehnen zu wollen, denn das wäre auch Auflehnung gegen eben die Götter, die sich jetzt als die Mächtigsten erwiesen haben. Dient diesen Göttern, indem ihr uns dient in unterwürfiger Haltung, dann werden sie (und wir auch) euch gnädig sein.“ Religion als Herrschaftsinstrument der herrschenden Mächte, das war eine selbstverständliche und allen Menschen der damaligen Zeit geläufige Funktion aller religiösen Denksysteme, Glaubensinhalte, Kulte und Zeremonien. (Siehe das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“ im Bereich „Grundfragen des Glaubens“).

Die jüdische Gotteserfahrung aber, die im Christentum eine „weltgängige“ Ausprägung erhalten hatte, widersprach entschieden dieser Instrumentalisierung des Glaubens (5. Mose 7, 7-8): Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.

Religion wird hier auf ganz neue Weise erfahrbar: nicht als Mittel zum Zweck der Eroberung und des Machterhalts, sondern als Ausdruck der Liebe Gottes, die sich in der Liebesgemeinschaft der Gläubigen in menschlich wahrnehmbarer Weise darstellt und verwirklicht. Joh 13, 34-35: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Das Christentum der ersten drei Jahrhunderte war eben nicht Repräsentant eines neuen Herrschaftssystems, sondern Antwort des Glaubens und Lebens auf die schon geschehene Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Jesu, auf die schon erfahrene Zuwendung und die erlebten Wohltaten Gottes. So war es für die unterdrückten Volksgruppen ebenso annehmbar, wie für die Angehörigen der herrschenden Schichten, konnte jüdische Menschen ebenso ansprechen, wie Angehörige verschiedenster heidnischer Religionen, wurde zur Brücke zwischen ehemals starr voneinander abgegrenzten Teilen der Bevölkerung.

Die Verbindung und Übereinstimmung der Botschaft Jesu mit der anschaubaren und erfahrbaren Realität im Leben und Zusammenleben der christlichen Gemeinschaften überzeugte viele Menschen. Die christlichen Gemeinden der Anfangszeit in den Ländern rund ums Mittelmeer bestanden meist aus unbedeutenden Leuten, Sklaven, kleinen Handwerkern und Händlern … Und doch wagten sie es, den römischen Gott-Kaiser-Kult abzulehnen und damit der herrschenden Macht zu widerstehen. Und sie waren zugleich offen für alle Gesellschaftsschichten, bereit, sich den Ärmsten und Machtlosesten ebenso zuzuwenden, wie den Mächtigen und Gebildeten, sie in ihre Gemeinschaft aufzunehmen und ihnen zu dienen.

Das Evangelium (die „Frohe Botschaft“) wurde (und wird auch heute) für viele überzeugend und annehmbar, wenn es von der Lebenswirklichkeit der christlichen Gemeinden gedeckt und bestätigt wird, wenn es über alle Mauern und Gräben menschlicher Abgrenzungen hinweg zur Einheit der Verschiedenen in versöhnter Vielfalt und zur Gemeinschaft gelebter Liebe wird. Und das gilt heute noch genau so wie damals. Das gilt für alle Menschen in allen Kulturen und mit allen Religionen und das gilt selbstverständlich auch für Menschen, die in Gesellschaften mit christlich-jüdisch-biblischen Fundamenten leben. Auch sie müssen in jeder Epoche ihrer Geschichte die „Verleiblichung“ und Verwirklichung ihres Glaubens weiterentwickeln und neu gestalten, damit sie in der jeweiligen Realität wirksam werden können.

Die biblische Glaubens- und Lebens-Tradition hat sich in den folgenden zwanzig Jahrhunderten immer wieder neu konkretisiert und als Antwort auf die Herausforderungen der Zeit immer wieder neu verwirklicht. Im Folgenden kann das nur kurz an wenigen Beispielen (aus der europäischen Kirchengeschichte) angedeutet werden.

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3 Die Entstehung der europäischen Kloster-Tradition durch Benedikt von Nursia,

Benedikt von Nursia (480 bis 547) lebte in einer bewegten Zeit: Die Hunnen waren von Osten her in die (in Europa) bis dahin relativ fest gefügten Besitzverhältnisse von Völkern mit ihren Ländereien eingebrochen und hatten eine Welle von Flucht, Kampf und Krieg vor sich hergetrieben. Gleichzeitig war das Weströmische Reich in Auflösung begriffen und stand als Ordnungsmacht in Europa nicht mehr zur Verfügung. Wir nennen es die Zeit der „Völkerwanderung“, aber es waren keine friedlichen „Wanderungen“ von Touristen im Urlaubsparadies. In ganz Europa (und weitergehend bis nach Nordafrika) entstand ein Völker-Chaos aus Flucht und Vertreibung, Eroberung und Verlust, Kampf und Krieg. 410 wurde sogar die „Ewige Stadt“ Rom von den Westgoten erobert. 455 war das Römische Reich endgültig zusammengebrochen. In der darauf folgenden Epoche der Auflösung aller Ordnungen gründete Benedikt 529 in Monte Cassino ein Kloster und gab sich und seinen Mitbrüdern eine Lebensregel, die nicht nur das Leben in dieser einen Lebensgemeinschaft regelte, sondern die in der Folge auch für viele Jahrhunderte die spirituelle Gesamtsituation in Europa beeinflusste.

Dafür gab es schon Vor-Bilder und Vor-Läufer (z.B. die ägyptischen „Wüsten-Väter“), aber erst die benediktinische Regel wurde für die Völker Europas zum spirituellen Anker und prägenden Leitbild, und zur Antwort auf die Not ihrer Zeit: Benedikt gab den Klostergemeinschaften eine Lebensordnung, die zum Vorbild wurde für die Gesellschaften Europas in den kommenden Jahrhunderten des Mittelalters: „Stabilitas!“ Das Kloster als Ort der Beständigkeit im Chaos der Zeit. Festgefügte Regeln für den Ablauf der Tage, Wochen, Monate und Jahre. Gebet und Arbeit als Grundlage gemeinsamen Lebens (die entwurzelten Völker-Scharen zur Zeit der „Völkerwanderung“ lebten weniger von Arbeit, als von Kampf und Eroberung). Armut, Keuschheit und Gehorsam für Völkerschaften, die von Eroberungsdrang, gewaltsamer (auch sexueller) Unterwerfung und Willkür geprägt waren.

Benedikt glaubte die Realität Gottes und seines Christus in die Realitäten seiner Zeit hinein und gab dadurch den Gemeinschaften seiner Glaubensgeschwister eine Lebensform, die in dieser Realität eine hilfreiche  und gesellschaftsverändernde Wirkung entfaltete als Angebot von „Ankerplätzen“ im tobenden Völkermeer.

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4 Transformation der Armut durch Franziskus von Assisi

Mehr als ein halbes Jahrtausend nach Benedikt war die gesellschaftliche Situation in Europa völlig verändert: Die bestimmenden Schichten der Gesellschaft (und mit ihnen die Kirche) waren satt und matt geworden, hatten sich eingerichtet im Diesseits auf bequemen Polstern aus Besitz und Macht. Die Situation war vergleichbar mit der in vielen Ländern unserer Gegenwart: Die wenigen Reichen wurden immer reicher, die vielen Armen wurden immer ärmer. Die Städte blühten auf. Franz (1181 bis 1226), Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, war Teil dieses Systems. Er wollte Ritter werden. 1202 zog er mit einer Streitmacht aus Assisi in den Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia. Assisi verlor und Franz landete mit vielen anderen im Kerker von Perugia, aus dem ihn sein Vater zwei Jahre später freikaufen konnte. Diese Erfahrung hatte seine Gesundheit angegriffen und seine Lebensplanung in Frage gestellt.

In einem Berufungserlebnis 1206 erhielt er von Gott den Auftrag, „mein Haus wieder aufzubauen“. Er verstand das zunächst ganz konkret für eine kleine romanische Kirche, erbettelte Baumaterial und begann eigenhändig deren Wiederaufbau. Erst später verstand er, dass „Kirche“ hier in viel umfassenderem Sinn gemeint war.

Franziskus und seine Brüder lebten in selbstgewählter Armut als Wanderprediger und wurden so zum Gegenmodell einer sesshaften, nach Reichtum und Macht strebenden Gesellschaft, in der die Armen (und das war ja die Mehrheit) im Abseits standen. „Die Minderbrüder“ (so nannten sie sich) „stellten eine vom Evangelium Jesu Christi her gelebte Alternative zur herrschenden Wirtschaft und Gesellschaft, ja zur damals herrschenden Mentalität, Kultur und Religiosität dar.“ (Wikipedia). Es geschah eine Transformation der Armut (und eine Aufwertung der Armen) durch die selbstgewählte Armut der Gemeinschaft nach dem Vorbild Jesu. Das hat zwar die Spannung zwischen arm und reich nicht grundsätzlich aufgehoben, aber doch den Absolutheitsanspruch des Strebens nach Reichtum und Macht gebrochen und Offenheit und Großzügigkeit zwischen den Gesellschaftsschichten ermöglicht.

Auch das Franziskanische Ideal hatte (wie früher das benediktinische) eine viele Jahrhunderte andauernde Wirkungsgeschichte. Noch im 20. Jahrhundert wurde Franz von Vertretern der ökologischen Bewegung als Vorbild dargestellt. 1979 wurde er von Papst Johannes Paul II zum Patron für Umweltschutz und Ökologie ernannt.

(Übrigens: Die benediktinischen Regeln und Lebensweisen wurde durch die franziskanische Erneuerung nicht aufgehoben und für ungültig erklärt, die wirkten noch viele Jahrhunderte weiter, weil es ja auch die zugrundeliegenden Nöte immer wieder gab; der Schwerpunkt aber hatte sich verlagert.)

6 Die Reformation durch Martin Luther

Macht und Reichtum durch religiös begründete Unterdrückung und Ausbeutung, das war eine der Grundbefindlichkeiten der Gesellschaften Europas im ausgehenden Mittelalter. Der Kaiser war nicht einfach nur Herrscher, sondern „Herrscher von Gottes Gnaden“. Der Papst und die Bischöfe waren weltliche und  geistliche Fürsten zugleich. Weltliche und geistliche Macht profitierten beide von der Höllenfurcht ihrer Untertanen. Die Menschen des Spät-Mittelalters lebten in unaufhörlicher doppelter Angst: Erstens in der Angst vor ewiger Höllenglut und Fegefeuer und (davon abgeleitet) in der Angst vor denen, welche die Macht hatten, zu Höllenglut und Fegefeuer zu verurteilen oder davor zu bewahren („geistliche Macht“), und (zweitens) in der Angst vor denen, welche die Macht hatten, die Höllengluten des Jenseits schon im Diesseits zu verwirklichen, die auf brennenden Scheiterhaufen oder hinter kalten Kerkermauern die höllischen Strafen schon im irdischen Leben vorwegnehmen konnten („weltliche Macht“). Verstärkt wurde die allgemeine „Lebensverunsicherung“ durch die Angst vor der furchtbaren Bedrohung durch die Pest, der jedermann hilflos ausgeliefert war und die als „Strafe Gottes“ empfunden wurde. Der Ablasshandel Tetzels, der zum Auslöser der Reformation wurde, war nur eine extreme Ausformung der Formel „Macht und Geld durch Angst“. Luther hat keine Klöster gegründet (wie Benedikt oder Franziskus), sondern sie geöffnet, weil sie selbst zu Zentren geistlicher Unterdrückung geworden waren.

Das alles sind hier sehr scharfe Überzeichnungen. Nicht alles was Bischöfe und Päpste damals machten, war religiös begründete Ausbeutung. Es gab auch echtes, demütiges und verantwortungsvolles Hirten-Amt. Es gab in den Klöstern auch willige und freudige Hingabe an Gott und unter den Gläubigen auch freie und angstfreie Christusbeziehung. Es gab auf den Gassen und Plätzen der Städte und Dörfer auch Heiterkeit, Spiel und Gesang. Aber der Grundbefindlichkeit des Lebens und Glaubens der meisten Menschen dieser Zeit waren Verunsicherung und Angst.

Auch Luther selbst war nicht frei davon. Er, der den weltlichen Mächten mutig getrotzt hatte („hier stehe ich, ich kann nicht anders“), sah sein Leben beständig als immer gefährdete Existenz zwischen den Fronten eines geistlichen Krieges: Gott gegen Satan und die Engel gegen die Dämonen. Aber, er sah sich auf der Seite des Stärkeren: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der altböse Feind, mit Ernst er‘s jetzt meint. Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nichts seinsgleichen.“ Die Glaubens-Überzeugung, dass der Gott der Bibel die Schöpfung und alles Menschsein liebt, trägt, rettet, erhält und zu einem guten Ziel führt, wirkte sich auch befreiend auf die ganz menschlichen Verhältnisse in den ganz normalen Situationen des Lebens aus.

Die Folge der Reformation war der Beginn einer „Entmächtigung“ der Angst (in den Theologien aller christlichen Konfessionen), und (zunächst vor allem in den protestantischen Kirchen und Ländern) eine „Ermächtigung“ der nicht-Adeligen und der Nicht-Theologen zur Mitverantwortung in Kirche und Welt. Wir sehen auch hier, wie eine spirituelle Entwicklung zum Motor einer gesellschaftlichen Erneuerung wird. Die Demokratiebewegungen späterer Jahrhunderte wären ohne die Reformation nicht möglich gewesen.

Nun aber stellt sich die Frage, welche besondere Herausforderung (auch Bedrohung) die Menschen in unserer Gegenwart betrifft und wie christlicher Glaube und christliches Leben heute darauf antworten können. (Siehe dazu die Beiträge „Antworten des Glaubens“ 2 „Neubewertung“, 3 „Vernetzung“ und 4 „Erleuchtung“)

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