Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Fragen der Zeit und Antworten des Glaubens

Beitrag 4: Antworten des Glaubens für die Gegenwart (2): Vernetzung (Bodo Fiebig)

Ob wir das gut finden oder nicht: Gegenwärtig (und in Zukunft wahrscheinlich noch mehr) wird die gesellschaftliche Realität in den meisten Länder der Erde von kaum etwas anderem stärker beeinflusst und geformt als von den Inhalten und Vorgängen im „Internet“. Der Begriff „Internet“ ist neu und beschreibt etwas bis vor wenigen Jahren noch völlig Unbekanntes und Unvorstellbares (die Älteren unter uns haben den größten Teil ihres Lebens ohne Internet gelebt, was von den Jüngeren kaum mehr nachvollziehbar ist): Ein internationales, weltumspannendes Netzwerk von digitalen Inhalten und Aktivitäten, das jedermann zugänglich ist und von jedermann mitgestaltet werden kann, dem aber auch kaum noch jemand zu entkommen vermag und das zugleich so attraktiv ist, dass kaum noch jemand noch ohne es auskommen will. Die Teilhabe an der Kommunikation in den verschiedenen gegenwartsbedeutsamen Beziehungsnetzwerken ist Voraussetzung für die Teilhabe an der (gegenwärtigen und zukünftigen) Menschheitsentwicklung.

In wenigen Jahren sind Weltmächte der „Menschheitsvernetzung“ entstanden (z. B. Google, Facebook, Microsoft usw. …). Noch nie war das Netzwerk der Beziehungen von Menschen über die Grenzen der Völker und Kontinente unserer Erde hinweg so dicht, so weit gespannt und so intensiv genutzt wie jetzt; und nie war es gleichzeitig so unpersönlich, so zerrissen, so egozentrisch vereinnahmt und so aggressiv missbraucht wie heute. Dabei ist das „Netzwerk“ gegenwärtig und wahrscheinlich auch zukünftig das alles beherrschende Gesellschaftsmodell und wohl auch das von Gott gewollte und von Jesus (z. B. Mt 13,47 im Gleichnis vom Fischernetz) schon angekündigte Zukunftsmodell von Kirche. (Und wenn man will, kann man die gegenwärtige Corona-Pandemie als Gelegenheit ansehen, die Gott benützt, um die weltweite Christenheit neu und dichter zu vernetzen, um so ihre Zusammengehörigkeit und Einheit zu stärken. Gott kann ja auch sehr schlimme Dinge nutzen, um seine Ziele zu erreichen, auch wenn diese „Dinge“, wie z. B. eine Pandemie, gegen seinen Willen von Menschen vielleicht unbeabsichtigt durch Fehlverhalten* in Gang gesetzt wurden).

* z. B. durch die lebensfeindliche Art des Umgangs mit wildlebenden Tieren

2.1 Die gesellschafts-gestaltende Macht des Internet

Die Inhalte und Vorgänge im Internet begegnen uns als „Normal-User“ im Allgemeinen in zweierlei Formen: Als „Supermarkt“ und als „Schaumstoff“.

Der Begriff „Supermarkt“ leuchtet uns schnell ein: Auf der „offenen Seite“ des Internet wird alles angeboten, was man sich nur denken kann: Nicht nur jede Art von Waren, die uns, wenn wir es wünschen, von heute auf morgen direkt ins Haus geliefert werden, sondern auch jede Art von Informationen, Ideen, Meinungen, An-Sprüchen, Ideologien, auch Glaubensinhalten, aber auch Irreführungen, Lügen, Mobbing, Hass und Hetze …

Der Begriff „Schaumstoff“ kommt uns im Zusammenhang mit den modernen Medien vielleicht abwegig vor, aber er trifft die zweite, die „geschlossene Seite“ des Internet: Ein Schaumstoff besteht aus Millionen von kleinen und größeren „Blasen“, die sich zwar räumlich nahe sein können, deren Inhalte jedoch voneinander isoliert sind (man verwendet ja Schaumstoff auch als Isoliermaterial).

Das ist nicht nur negativ zu werten. In diesen „geschlossenen Räumen“ des Internet können interne Inhalte vor böswilligen Zugriffen von außen bewahrt werden, dort kann auch persönliche, ja intime Kommunikation geschützt bleiben. Das ist wichtig und notwendig. Die „geschlossenen Blasen“ haben aber auch ihre Negativ-Aspekte. Dort gären jede Art von individuellen und kollektiven Egoismen wie in verkorkten Gefäßen. Im Extremfall bildet diese „geschlossene Seite“ des Internet eine verbrecherische „Gegen-Welt“ wie das sogenannte „Dark-Net“.

Jede gesellschaftliche Gruppierung (und das gilt auch für die christlichen Kirchen) wird in Zukunft beide Formen des Internet (die offene und die geschlossene) nutzen müssen, wenn sie „gesellschaftsrelevant“ bleiben will.

Dabei müssen wir uns bewusst machen: Weder die offene noch die geschlossene Seite des Internet sind von sich aus „gut“ oder „böse“. Sie stehen beide für beides zur Verfügung: Auf der offenen Seite für ehrliche Informationen, hilfreiche Angebote, weiterführende Ideen, offene Meinungen … aber eben auch für Lügen, Mobbing, Hass und Hetze. Das gleiche gilt auch für die geschlossenen Seite: Die steht zur Verfügung für Betriebsgeheimnisse, für persönliche Beziehungen, vertrauliche Mitteilungen, interne Inhalte … ebenso wie für verborgene Aggressionen, geheime terroristische Planungen, verdeckte kriminelle Absprachen usw.

Beides wird man in einer offenen demokratischen Gesellschaft nie ganz verhindern können (die Alternative wäre eine Diktatur als totaler Überwachungs-Staat). Freilich wird man in demokratischen Staaten versuchen, die negativen Erscheinungen zu bekämpfen und sie zurückzudrängen, aber entscheidend ist, welche Art von Nutzung sich durchsetzt, weil sie häufiger, intensiver und gestaltungs-wirksamer genutzt wird (die menschenfreundlich-verbindend-aufbauende oder die menschenfeindlich-trennend-zerstörende). Das aber ist die Herausforderung der Gegenwart für alle positiven gesellschaftlichen Kräfte, besonders für die christlichen Kirchen und ihre Institutionen, Gemeinschaften und Mitglieder, dass durch ihre Art und Intensität der Nutzung des Internet dieses auch aufs Ganze und Gesamtgesellschaftliche gesehen, „menschlicher“ wird (im Sinne von verantwortungsvoller Mitmenschlichkeit). Es liegt auch an uns, welche Nutzung des Internet in Zukunft gesellschafts-bestimmend sein wird.

2.2 Das globale Netzwerk

Die Kirchen der Welt sind in ganz verschiedenen Situationen. Hier wird zunächst die Perspektive der Christenheit in Europa und Nordamerika betrachtet, wo sich die christlichen Kirchen im Niedergang sehen und den Absturz in die Bedeutungslosigkeit fürchten. Auf anderen Kontinenten kann die Entwicklung des Christentums gleichzeitig ganz anders aussehen: Aufbruch und Wachstum oder auch: Diskriminierung und Verfolgung. Allen gemeinsam ist die Herausforderung, in einer globalisierten und immer dichter vernetzten Welt geeignete Lebens- und Gemeinschaftsformen zu finden, welche die Möglichkeiten der Vernetzung angemessen nutzen.

Wie aber sollte das Netzwerk der globalen Menschheit aussehen, so dass es dem Willen und dem Plan ihres Schöpfers entspricht? Das ist gar nicht so einfach zu erkennen.

Das Internet war einmal in seiner Anfangszeit das „demokratischste“ Medium der Menschheitsgeschichte: Jeder hatte die Möglichkeit, seine Meinung, seine Anliegen und Überzeugungen einer Welt-Öffentlichkeit zu präsentieren, ohne dazu einen technisch und personell aufwendigen „Apparat“ finanzieren zu müssen, wie ihn etwa die Herausgabe einer Zeitung, einer Radiosendung oder eines Fernsehbeitrags nötig machen. Dieses „demokratische“ Internet wird aber seit langem immer mehr an den Rand gedrängt durch die Marktmacht der großen Internet-Mächte, aber auch durch Beeinflussungsstrategien von international operierenden Werbeunternehmen, Interessenvertretern, Geheimdiensten, Bündnissen, Institutionen, Ideologien … Im Internet werden nationale Wahlen beeinflusst und internationale Bewegungen gesteuert, können gezielte Manipulationen zu selbstverständlich geglaubten „Welt-Meinungen“ werden, gegen die kaum mehr jemand einen Einwand vorzubringen wagt, weil man fürchten müsste, durch einen weltweiten „Shitstorm“ (und dazu durch immer massiver werdende Bedrohungen) ins Abseits geblasen zu werden. Zwei Bilder sind mir vor Augen für das missbrauchte Netz: Die Hängematte und das Schlepp-Netz eines modernen Hochsee-Fischerei-Schiffes:

Die „Hängematte als gemütliche Lebens-Schaukel, wo man sich mit schönen Bildern versorgen, mit reizvollen Spielen anregen, mit spannenden Geschichten unterhalten lässt, wo man sich ahnungslos schaukeln und bedienen lässt, ohne danach zu fragen, ob diejenigen, die das genussvolle Schaukeln in Gang halten, vielleicht doch noch andere Absichten haben könnten als nur unser süßes Wohlergehen.

Beim Stichwort Schleppnetz“ habe ich einen großen Fischtrawler vor Augen, der mit seinem riesigen Schleppnetz den Ozean durchpflügt. Noch merken die Fisch kaum etwas von ihrer Gefangenschaft, aber irgendwann wird dieses Netz mit einem großen Kran aus dem Wasser gezogen, wird die Masse verschiedenster Lebewesen dicht zusammengepresst unterschiedslos aus ihrem Lebenselement gerissen und zur „Verarbeitung“ in den Schlund der Kühlräume geschüttet (die „Hölle“ kann nicht nur feuerheiß, sondern auch eiskalt sein). Es gibt ja schon gegenwärtig Mächte, welche das digitale „Netz“ vor allem als Spinnennetz zur Überwachung und als „Seil-schaft“ zur Fesselung ihrer „Untertanen“ interpretieren.

Es gibt aber noch ein drittes Bild von einem Netzwerk, und das ist viel älter als die Bilder von der Hängematte oder dem Schleppnetz. Ja, es ist das Urbild eines Netzwerkes überhaupt: Das neuronale Netzwerk des menschlichen Gehirns. Es besteht aus ca. 86 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die durch etwa 100 Billionen Verbindungsstellen (Synapsen) so miteinander verbunden sind, dass jede Gehirnzelle mit etwa 1000 Nachbarzellen direkt verbunden ist und dass sie jedes andere Neuron in höchstens vier Schritten erreichen kann (Zahlen nach Wikipedia).

Dabei gibt es verschiedene Areale im Gehirn, die je besondere und sehr verschiedene Aufgaben innerhalb des Gesamtnetzwerkes haben: Z. B. Wahrnehmungsverarbeitung (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen) oder Bewegungssteuerung verschiedener Muskeln, oder die Steuerung hormoneller Vorgänge im Körper oder die Fähigkeit Sprachen zu sprechen und zu verstehen, oder abstraktes Denken oder Gefühlssteuerung usw. Dabei hat man etwas ganz Erstaunliches festgestellt: Das Gehirn hat keine „Chef-Neuronen“, die allen anderen sagen was sie zu tun haben, sondern alle arbeiten mit allen zusammen, um die optimale Funktion zu gewährleisten. Das Gehirn kennt keine Hierarchien. Und: Es funktioniert trotzdem!

Dieses neuronale Netzwerk des Gehirns kann uns ein Vor-Bild sein für eine optimale und positive Vernetzung der Menschheit in einer zukünftigen globalisierten Welt. Allerdings: Die konkrete und aktuelle Nutzung des Internet hat sich weit entfernt von diesem Vorbild eines „menschlichen“ (und menschenwürdiges) Netzwerkes.

Vor allem die „Sozialen Medien“ im Internet, von denen man hoffte, sie würden eine menschenwürdige und zwischenmenschlich-positive Vernetzung aller Menschen bewirken, haben sich zunehmend als „asoziale Medien“ entwickelt. Nicht nur in ihren boshaften Auswüchsen in Hass und Hetze, sondern auch schon von ihren Grundlagen her.

  • Sie fördern die persönliche Isolierung der Einzelnen in der unüberschaubaren Menge unverbindlicher und oberflächlicher elektronischer Kontakte: Tausend Kontakte, aber niemand, dem man vertrauen kann, wenn man mal jemanden braucht.
  • Sie fördern eine egozentrische Ich-(Wir)-Bezogenheit der Einzelnen (oder Gemeinschaften bzw. Institutionen), die sich und die eigene „Schau-Seite“ im Netz immer weiter „optimieren“ müssen, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, auch wenn dann das meiste des zur Schau Gestellten „geschönt“ oder glatt gelogen ist.
  • Sie fördern „Blasenbildung“ im Sinne von getrennten „Meinungs-Blasen“, die für Meinungs-Verschiedenheiten nicht mehr zugänglich sind und in denen man Angehörige anderer Meinungsgruppen als „feindlich“ und „böse“ ablehnt und zu bekämpfen versucht.

Dem gegenüber müssten christliche Personen und Gemeinschaften eine Art von Vernetzung anstreben, welche die oben genannten Defizite ausgleichen könnte:

  1. a) Vernetzung in Verbindlichkeit

Eine immer größere Anzahl von belanglosen Zufallskontakten in „sozialen Medien“ sind kein Ersatz für persönliche Begegnungen (auch virtueller Art), auf der Grundlage einer selbstgewählten und selbstverpflichtenden Verbindlichkeit. Das muss dann kein bis ins Detail vorgegebenes Klosterleben sein wie zur Zeit des Benedikt von Nursia, aber doch eine verbindliche Folge von Terminen, die man nur im Notfall einmal absagen wird. Ich stelle mir als Beispiel vor: Eine biblisch begründete Glaubensgemeinschaft von vielleicht 50 Personen teilt sich in Gruppen von vielleicht 5 bis 10 Personen auf, die sich möglichst täglich, zumindest wöchentlich zu vereinbarten Terminen treffen (virtuell oder präsent), um ihre wichtigsten persönlichen Angelegenheiten, Erfahrungen, Pläne, Freuden, Nöte usw. einander mitzuteilen, im Miteinander zu bewegen und im Gebet vor Gott zu bringen. Bei solchen Aussprachen können sich dann auch Gelegenheiten ergeben, wo man sich gegenseitig unterstützen, fördern, helfen könnte, Gelegenheiten, wo man weiß und immer wieder neu erfährt, dass man sich aufeinander verlassen kann.

In größeren zeitlichen Abständen (vielleicht einmal monatlich) würde sich die ganze Gemeinschaft treffen (virtuell oder präsent), um Fragen zu besprechen, welche die Gemeinschaft als Ganzes betreffen. Z. B. Die Planung gemeinsamer Vorhaben, das Bestehen gemeinsamer Herausforderungen, die Gestaltung von Beziehungen zu anderen vernetzten Gemeinschaften usw. (und diese erweiterte Kommunikation könnte dann auch „virtuell“ Menschen aus verschiedenen Kontinenten und Kulturen miteinander verbinden). Bei solchen verbindlichen Begegnungen im kleineren oder größeren Kreis käme dann ein zweiter Aspekt christlicher Vernetzung zum tragen:

  1. b) Vernetzung in Wahrhaftigkeit

Bei solchen Treffen von Christen in verbindlicher Zuordnung käme es nicht mehr darauf an, vor den anderen „gut dazustehen“, ihnen ein geschöntes und auf Hochglanz aufpoliertes Bild der eigenen Person und Situation zu präsentieren. Das würde weder den anderen noch dem/der Einzelnen selbst helfen oder auch nur gut tun. Hier ginge es um eine Wahrhaftigkeit, die nicht mehr versucht, klug zu taktieren und raffiniert vorzugehen, um die eigenen, verborgenen Ziele doch durchzusetzen. Ungeschminkte Wahrhaftigkeit ohne heimliche Hintergedanken ist eine wesentliche Voraussetzung für eine Vernetzung unter christlichem Vorzeichen. Und sie ist auch Voraussetzung für einen dritten Aspekt christlicher Vernetzung:

  1. c) Vernetzung in Offenheit

Offenheit und Wahrhaftigkeit sind enge Verwandte, aber sie sind doch auch verschieden. Offenheit im globalen Netz bedeutet Offenheit für persönliche und kulturelle Verschiedenheiten, für ganz andere Denkweisen, Sichtweisen, Mentalitäten, Vorgehensweisen, Zielsetzungen, Schwerpunkte … auch für verschiedene theologische Einsichten und Ansätze, für verschiedene Glaubenshaltung und Glaubenspraxis: Einheit (im Miteinander und Füreinander) der Verschiedenen. Offenheit bedeutet allerdings nicht Beliebigkeit. Offenheit für die Andersartigkeit und Vielfalt von Handlungsweisen, Lebensformen, Überzeugungen … der nahen oder entfernten Mitmenschen und Mitchristen ist nur sinnvoll bei gleichzeitiger Entschiedenheit und Treue im Eignen. Und dabei geht es nicht nur darum, diese Verschiedenheiten auszuhalten, sondern die Vielfalt anzunehmen als Reichtum und Herausforderung für den Dienst am Volk Gottes und an der „Welt“.

  1. d) Vernetzung zum Dienst

Auch die vernetzte Kirche der Zukunft (und jede gläubige Gemeinschaft in ihr) ist nicht für sich selbst da, sondern ist bestimmt zum Dienst für das Ganze:

  • Dienst an der Einheit und Ganzheit, am Leben und Zusammenleben, am Miteinander und Füreinander der vertrauten Nah-Gemeinschaften.
  • Dienst an der Einheit und Ganzheit, am Leben und Zusammenleben, am Miteinander und Füreinander der Ortsgemeinden und überörtlichen Netzwerke,
  • Dienst an der Einheit und Ganzheit, am Leben und Zusammenleben, am Miteinander und Füreinander der ganzen, einen, weltweiten Jesusjüngerschaft (und dazugehörig der jesusgläubigen „messianischen“ Juden).
  • Dienst an der Einheit und Ganzheit, am Leben und Zusammenleben, am Miteinander und Füreinander des ganzen (alt- und neutestamentlichen) Gottesvolkes aus Juden und Christen.
  • Dienst an der Einheit und Ganzheit, am Leben und Zusammenleben, am Miteinander und Füreinander der einen ganzen Menschheitsfamilie.

Die Vernetzung in Dienst-Gemeinschaften stellt die Vernetzung in Glaubens– und Lebens-Gemeinschaften nicht in Frage. Im Gegenteil: Die Vernetzung in Glaubens- und Lebens-Gemeinschaften ist die notwendige Voraussetzung für die Arbeit der Dienstgemeinschaften und die Dienstgemeinschaften sind die ebenso notwendige Ergänzung der Glaubens- und Lebens-Gemeinschten (wobei Glaubens- und Lebens-Gemeinschaften einerseits und Dienstgemeinschaften andererseits personell auch verschieden zusammengesetzt sein können). Freilich hat das Miteinander in den Dienstgemeinschaften andere Schwerpunkte: Da geht es z. B. um eine Vernetzung zur konkreten Arbeitskommunikation bei der Vorbereitung, Abstimmung, Durchführung und Nachbereitung von Projekten usw. Aber auch da gilt: Das Glaubensnetzwerk hat (wie das neuronale Netzwerk des Gehirns, siehe oben), zwar verschiedene sich ergänzenden Funktionen, aber keine Hierarchien.

Freilich gilt hier auch das, was schon ganz am Anfang dieses Themas gesagt wurde: Neue Strukturen und Organisationsformen genügen nicht, wenn nicht die Inhalte des Glaubens und ein umfassender Sinnhintergund des Lebens diese Strukturen und Organisationsformen tragen.

Inmitten der globalen Vernetzung der Menschheit kann die vernetzte Gemeinschaft der biblisch Gläubigen einen wesentlichen Beitrag leisten zur Erprobung und Entfaltung von Lebensformen, in denen persönlichen Anteilnahme und Zusammengehörigkeit bei gleichzeitiger Offenheit für das Verschiedene und Fremde in der Bereitschaft für das Einigende und Gemeinsame im kleinen und großen Rahmen möglich wird: Einheit und Ganzheit des biblischen Gottesvolkes Alten und Neuen Testaments als zeichenhaftes Eben-Bild des Menschseins für die alles verbindende Liebe Gottes und als Vor-Bild für das Leben und Zusammenleben der ganzen Menschheit im Lebensraum der Schöpfung. 

 

Diese Verwirklichung des Menschseins als „Bild Gottes” musste und muss in jeder zeitgeschichtlichen Epoche und in jedem kulturellen Umfeld neu erkannt und konkretisiert werden. In unserer Gegenwart sehen wir uns dabei der noch nie dagewesenen Herausforderung gegenüber, dies im Rahmen einer globalen Gesellschaft zu versuchen. In ihr entstehen Situation, die für viele ganz neu und ungewohnt sind, wo die bisher mehr oder weniger abgegrenzten politischen, wirtschaftlichen, ethnischen, kulturellen und religiösen Eigenarten, Besonderheiten und Interessen einerseits ineinander verfließen, andererseits aber eine Nähe, Häufigkeit und Intensität der Begegnung erfahren, durch die neue Spannungsfelder und Konfrontationen entstehen können, in denen aber auch die „Gemeinschaft der Heiligen“ (die Gemeinschaft aller zum Volk Gottes gehörenden) sich neu lebensfördernd und friedenserhaltend entfalten kann.

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