Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: AHaBaH – Das Höchste ist lieben

Beitrag 6: Verheißung der Liebe (Bodo Fiebig)

Wenn es bei der Rede Jesu um die Frage geht, wie man „in den Himmel kommt“, wie man das Leben bei Gott empfängt, das über den biologischen Tod hinausreicht, dann antwortet er immer in Gleichnissen. Die deutlichsten sind bei diesem Thema das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und das Gleichnis vom Weltgericht. Die Antwort Jesu auf die oben gestellte Frage ist in beiden Gleichnissen die gleiche: Den Zugang zum „Himmel“ findet man nur auf der Erde und der Schlüssel dazu ist die handfest tätige Liebe: Einen Verletzten, der „unter die Räuber gefallen“ war, helfen und ihn pflegen, einem Hungrigen zu essen geben, einem Durstigen zu trinken geben, einen Fremden aufnehmen, einen Nackten bekleiden, einen Kranken oder Gefangenen besuchen … Sehen wir uns die entsprechenden Texte an:

Lk 10, 25-37: Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Auch in dem folgenden Gleichnis geht es um die Frage nach dem ewigen Leben:

Mt 25, 31-46: Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

In beiden Gleichnissen geht es ausdrücklich um die Frage nach dem ewigen Leben im Himmel, und als Antwort erzählt Jesus von ganz gegenwärtigen Ereignissen auf der Erde. In beiden Gleichnissen handeln Menschen in ganz irdischen Situationen so, wie es dem Leben bei Gott im Himmel entspricht, und das mit ganz irdisch-menschlichen Handlungsweisen. Das sind ja keine großartigen Heldentaten und erst recht keine besonderen spirituellen Höchstleistungen: einem Hungrigen etwas zu essen geben, einen Kranken besuchen, einen Verletzten verbinden … und trotzdem beschreiben diese irdischen Handlungen die Lebensordnung des Himmels: nämlich die Liebe, die das Wesen Gottes ist. (Siehe das Thema „Leben und Tod“, Beitrag „Tod und ewiges Leben“).

Dort, wo Menschen so handeln, wie es Jesus in seinen Gleichnissen beschreibt, da werden sich irdisches und himmlisches Leben ähnlich, da vollzieht sich Himmlisches schon hier im gegenwärtigen irdischen Lebensvollzug, da wird das Menschsein zum „Ebenbild“ Gottes, da wird die Erde zum Schauplatz eines himmlischen Geschehens.

Damit wir nichts falsch verstehen: Selbstverständlich ist „Liebe“ nicht nur etwas, was man „machen“ kann, aber die Bibel Alten und Neuen Testaments weist uns immer wieder darauf hin, dass Liebe, wenn sie echt ist, immer auch „Hand-Liebe“ sein will (dieser Begriff wird erklärt im Beitrag 1 „Gottes- und Menschenliebe“), die dem Nächsten handfest Gutes tut. Trotzdem hat das, was wir „Liebe“ nennen, selbstverständlich immer auch Anteile von persönlicher Zuwendung und emotionaler Zuneigung, von denen ja die Motivation und die Kraft kommen für alles liebevolle Handeln. Aber diese Zuwendung und Zuneigung beschränken sich, biblisch gesehen, niemals nur auf ein erotisch anziehendes Gegenüber (dort werden sie nur am deutlichsten fühlbar). Diese von der Liebe bestimmte und gestimmte Zuwendung und Zuneigung, die nenne hier „Zu-Stimmung“ und will versuchen das Gemeinte an einem Beispiel zu verdeutlichen:

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Zustimmung

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Ich erinnere mich:

Es war ein Jugendchor bei einem Gottesdienst:

Jungen und Mädchen, junge Frauen und Männer.

Und ihr Gesang war leuchtend schön.

Und dieses Leuchten kam nicht aus großer Kunstfertigkeit oder Stimmkraft,

es kam aus der fast kindlich wirkenden Ernsthaftigkeit ihres Liedvortrags

und von ihrer in diesem Moment ungeteilten Hingabe an das Miteinander,

kam aus der spürbaren Entschiedenheit jedes Einzelnen,

für die kurze Zeitspanne dieses Liedes ganz bei den andern zu sein

und ganz frei von aller Selbstdarstellung und Effekthascherei.

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Ihre äußere Schönheit, die ja schon da war,

die begann nun von innen her zu leuchten

durch die sanfte und doch strahlende Wärme ihres gemeinsamen Bemühens

im miteinander Singen aufeinander zu hören und einander zuzustimmen.

Mit einer Zu-Stimmung im ursprünglichen Wortsinn:

Wir singen gemeinsam das gleiche Lied

und ich stimme euch zu mit meiner Stimme

und ihr stimmt mir zu mit euren Stimmen

und so werden unsere Stimmen ein Zusammenklang,

eine vielstimmige Einstimmigkeit,

und wir hören und spüren gemeinsam und mit großer Freude

dieses Hohe-Lied unseres Eines-Seins.

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Es war diese gegenseitige Zu-Stimmung

und die daraus entstehende Stimmung und Stimmigkeit ihres Gesangs,

die machte ihre Augen schön und brachte ihre Gesichter zum Leuchten.

Die formte ihre Haltung und ihre Körpersprache

zu einem sichtbaren Ausdruck tiefernster Freude und einstimmiger Schönheit.

Schönheit, die man hören konnte und sehen konnte und spüren.

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Das ist das Geheimnis der Liebe,

der Liebe, wie sie von Gott kommt und die er sich ersehnt und bei uns sucht

mit großer Sehnsucht:

Diese grundsätzliche, uneingeschränkte, vorbehaltlose und von allen Äußerlichkeiten unabhängige

gegenseitige Zustimmung unter den Menschen.

Ja, wir klingen verschieden, und wir sind verschieden,

aber ich stimme dir zu, dir, dem Menschen, der ganz anders klingt als ich

Versteh mich recht:

Ich will nicht klingen wie du klingst,

aber ich stimme dir zu, ja, ganz, mit allen Klangfarben deines Seins

Und du sollst nicht klingen wie ich klinge,

aber du stimmst mir zu, und ich kann es kaum fassen:

du stimmst mir zu, mit allen Klangfarben meines Seins!

Und so wollen wir einander zustimmend miteinander singen,

mein Lied und dein Lied, dein Lied und mein Lied.

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Das ist das Geheimnis der Liebe.

Und die lässt auch den Freiraum für jene Lieder,

die du nur allein singen kannst im Lauschen auf den Atem Gottes und ich nur allein.

Und dieses Geheimnis der Liebe ist noch viel größer als wir meinen.

Ein Zweigesang ist ja noch nicht die Vollendung des Miteinander und Füreinander

aber er ist ihr Grundton: Gott schuf die Menschen als Ich und Du.

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Aber meistens sind wir doch Teil eines größeren Zusammenhanges und Zusammenklanges,

wie in jenem Chor im Gottesdienst:

In der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Kollegium, in der Gemeinde …

und das weitert sich immer mehr in der Stadt und im Land,

in der Sprach- und Kulturgemeinschaft,

in der Glaubensgemeinschaft über alle Grenzen der Völker und Kulturen hinweg

und schließlich in der Gemeinschaft allen Menschseins hier auf der Erde

und im Diesseits und Jenseits der Schöpfung.

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Diese grundsätzliche Zustimmung zur Mitmenschlichkeit aller Mit-Menschen

die kann, nach und nach – und nach und nach immer mehr

unabhängiger werden von allem, was uns aneinander fremd ist und stört und ärgert.

Gottes Zustimmung zu mir und zu dir und zu uns allen,

die ist ja auch grundsätzlich unabhängig davon

und sie gilt jedem anderen nicht weniger als uns selbst.

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Gewiss: Ich kann nicht und ich darf nicht jedem Lied zustimmen, das jemand singt,

es gibt auch Hassgesänge und Marschlieder, mit denen man in die Schlacht zieht.

Aber dem Grundakkord des Menschseins,

den Gott in jedem Menschenleben angestimmt hat,

unabhängig von bösen Worten und und harten Rhythmen, die später hinzukamen,

diesem Grundakkord soll ich dennoch zustimmen

mit dem grundsätzlichen „Ja“ zur Geschwisterlichkeit aller Menschen.

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Denn wir leben doch alle (alle!) von der Zustimmung unseres Schöpfers zu unserem Dasein,

leben doch alle von seinem grundsätzlichen, uneingeschränkten, vorbehaltlosen „Ja“,

unabhängig von allen Missklängen unseres Lebens.

Hören wir, hinter dem Grundrauschen des Zeitgeistes und der Zeitgeschichte dieses „Ja“?

Hören wir die leise und dann doch alles übertönende Zustimmung Gottes zu unserem Da-Sein

im Zusammenklang mit den Zu-Stimmungen, die uns von Menschen geschenkt werden?

Dieser Zusammenklang macht den Wert und die Schönheit unseres Daseins aus.

Davon leben wir.

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Das ist die Verheißung der Liebe: Wenn die Liebe zum Lebenselement des Menschseins wird, dann wird unsere irdische Existenz der himmlischen Wirklichkeit Gottes ähnlicher, und dann verliert die Grenze des Todes, die irdisches und himmlisches Leben voneinander trennt, ihre Kälte und Schärfe. Dort, wo im Miteinander von Menschen etwas – und sei es noch so gering und fragwürdig – etwas vom Menschsein als Ebenbild der Liebe Gottes sichtbar, etwas von der Güte Gottes erfahrbar, etwas von der Treue seiner Zuwendung verwirklicht wird, dort kommt uns die Wirklichkeit des Himmels mitten in dieser Welt näher, dort wird die Grenze des Todes, die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, dünner und durchlässiger, dort wird der Schritt von der irdischen zur himmlischen Welt kleiner und leichter, dort kommt die himmlische Zukunft unserer irdischen Gegenwart offener und unmittelbarer entgegen, dort wird das Irdische dem Himmlischen ähnlich, und beide berühren sich in einer Schnittfläche lebenswarmer Vertrautheit.

Die Liebe, die in der hebräischen Bibel „AHaBaH“ heißt und die auch die Grundlage der neutestamentlichen Heilsbotschaft ist, ist das einzige Element, das es „wie im Himmel, so auf Erden“ gibt. Alles andere ist im Himmel und auf der Erde völlig anders und gänzlich verschieden; die Liebe aber ist die gleiche. Da, wo die Himmelskraft der Liebe auf der Erde zum Blühen kommt und sich entfalten kann, da entsteht ein Raum gegenseitiger Offenheit, da wird die Gegenwart des Himmels hier auf der Erde zum Brautgemach, wo sich die Liebe Gottes und der Menschen nach langer, schmerzlicher Trennung wieder vereinigen.

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Bodo Fiebig AHaBaH – Verheißung der LiebeVersion 2018-1

© 2012, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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