Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Wer bin ich?

Beitrag 10: Im Wandel der Zeit (Bodo Fiebig12. Februar 2019)

Unser individuelles und kollektives „Bewusstsein“ (Siehe Beitrag 9) sind zwar Ergebnis unserer eigenen und sehr persönlichen „Weltverinnerlichung“, in der wir unsere Erfahrungen mit der Welt und mit uns selbst verarbeitet, angeeignet und ausgeformt haben, sie sind aber immer auch Ergebnis der Menschheitsgeschichte. Unser Wahrnehmen und Verstehen, unser Reden und Handeln sind schon vorgeprägt vom Wahrnehmen, Verstehen, Reden und Handeln vieler Generationen vor uns, zumeist innerhalb eines bestimmten Kulturraumes. Kein Gedanke, den ein Mensch heute denkt, kein Wort, das ein Mensch heute sagt, keine Handlung, die ein Mensch heute vollzieht, wäre möglich (so, in genau diesen Gedankengängen, Sprachformen und Handlungsmustern), ohne die viele Jahrtausende währende Geschichte des Denkens, Redens und Handelns der Menschheit aller Völker, Länder und Kulturen. Wie können wir uns das vorstellen?

Wir haben, wenn wir uns die geistige Entwicklung der Menschheit vorstellen wollen, oft so etwas wie ein langes Schienengleis vor Augen, das aus der Vergangenheit kommt, unsere Gegenwart durchläuft und weiterfährt in eine Zukunft, deren Windungen wir von unserer Gegenwart aus gar nicht übersehen können. Und der „Zug des Geistes“, der auf diesem Gleis fährt, wäre nach und nach mit immer mehr Wissen und Worten, Einsichten und Erkenntnissen, Bedeutungen und Bewertungen beladen worden, bis er in unserer Zeit schwer und gewaltig der Zukunft entgegenrollt.

Aber das wäre viel zu ein-gleisig gedacht. Die Entwicklung menschlichen Denkens und Verstehens ist nicht eingleisig verlaufen. Sie ist eher vergleichbar mit einem gewaltigen, kaum überschaubaren Strom mit fast unendlich vielen parallel laufenden und zugleich sehr unterschiedlichen Strömungen, mit breiten Flüssen, in denen die Religionen und Weltanschauungen der großen Kulturen die allgemeine Strömungsrichtung vorgaben, mit kleineren Seitenarmen und neuen Denkrichtungen, von denen wichtige Impulse ausgingen, zuweilen auch mit Stromschnellen und Abstürzen, die das menschliche Denken und Handeln in furchtbare Abgründe rissen und überall mit Abzweigungen und Verästelungen in feinsten Nuancen der Ansichten und Meinungen.

Dieser „Strom des Geistes“ begann irgendwo in grauer Vorzeit mit ersten einzelnen „Erkenntnis-Tropfen“, die sich im Austausch zwischen Einzelnen und Gruppen klärten und sich im kollektiven Gedächtnis des frühen Menschseins sammelten. Er hat dann im Laufe der Jahrtausende immer mehr „Ein-Flüsse“ aus verschieden Richtungen empfangen und aufgenommen, ehe er nun breit und ruhig (manchmal auch hektisch und in gefährlichen „Strom-Schnellen“) dahinströmt. Dieses Bild vom „Strom des Geistes“ war für die Zeit, als die Kulturen der Kontinente noch weitgehend isoliert existierten, gut brauchbar.

Aber für das Weltwissen und Weltverständnis der Menschheit in einer globalisierten Welt ist auch das Bild vom „Strom des Geistes“ nicht ausreichend. Dieses Weltwissen und Weltverständnis ist ja nicht mehr in verschiedene „Flusssysteme“ getrennt (wie – geografisch gesehen – etwa das Flusssystem des Amazonas und des Kongo), sondern sie bilden heute ein zusammenhängendes und weltumspannendes System, das alle Völker, Kulturen und Staaten umfasst. Die Gedanken, Worte und Verhaltensweisen jedes Menschen auf dieser Erde, wären nicht möglich ohne die Vor-Geschichte des Wahrnehmens und Verstehens und ohne die geistige Entwicklungsgeschichte der Menschheit in allen Völkern und Kulturen durch die Jahrtausende.

Ich verwende deshalb hier das Bild vom „Wind des Geistes“: Die Atmosphäre unserer Erdkugel ist ein einziges riesengroßes System von Luftströmungen rund um den Globus und von Pol zu Pol. So unterschiedlich die Auswirkungen dieses Strömungssystems dann im Einzelnen auf den verschiedenen Kontinenten, am Polarkreis oder am Äquator auch sein mögen, so ist doch die Atmosphäre der Erde ein einziges bewegtes Energie-System. Und das verwende ich hier als „Bild“ für das System von geistigen Strömungen, Abhängigkeiten, Einflüssen … in unserer (unterdessen einen) geistigen Welt.

Unser eigenes persönliches und individuelles Erkennen und Verstehen, Denken und Reden, Glauben und Hoffen ist wie ein vorübergehender kleiner Wirbel im großen „Windsystem“ des Geistes. Und so unabhängig sich dieser kleine Wirbel auch dreht, bekommt er dennoch seine Energie und seine Strömungsrichtung, seine Geschwindigkeit und seine Kreiselbewegung vom großen Windsystem des Geistes, der durch die Jahrtausende weht. Gleichzeitig teilt unser eigener „Geisteswirbel“ aber auch seine eigene Energie, Strömungsrichtung, Geschwindigkeit und Kreiselbewegung dem großen Windsystem mit, so dass er dieses, wenn auch noch so gering und meistens kaum merkbar, mit beeinflusst. Jeder Mensch, der in den vergangenen Jahrtausenden irgendwo auf dieser Erde irgendetwas gesagt, geschrieben, gebildet oder veranlasst hat, hat damit den Wind des Geistes auf irgendeine Weise beeinflusst und mitgestaltet. Und jeder, der heute lebt und etwas sagt, schreibt, bildet und veranlasst, der gestaltet, meistens ohne dass er das merkt und weiß, den Strom des Geistes seiner Zeit in irgendeiner Weise mit und dieser trägt etwas von seiner geistigen Existenz weiter in die Zukunft. Unser individuelles Selbst- Welt- und Sinn-Bewusstsein ist (in gegenseitigem Austausch und wechselseitiger Beeinflussung) Teil des kollektiven Bewusstseins der Menschheit.

Es gab auch immer wieder einzelne Geistesgrößen, die das Denken und Verstehen der Menschheit für Jahrhunderte beeinflusst, verändert und geprägt haben: Platon, Sokrates,  Konfuzius, Buddha, Augustinus, Luther, Kant, Hegel … und viele, viele andere. Aber auch ihr Denken baute jeweils auf dem Vor-Verständnis der Jahrtausende auf. (Jesus von Nazareth zähle ich hier nicht zu dieses „Geistesgrößen“, obwohl er die spirituelle Entwicklung der Menschheit in den vergangenen 2000 Jahren stärker beeinflusst hat als irgend jemand anderes, aber sein Weltverständnis, seine Menschheitsbetrachtung und Geschichtsschau schöpfen, trotz seiner Verwurzelung im Judentum seiner Zeit, wesentlich aus anderen Quellen (siehe die Themen „Jesus – der Weg“, „Jesus – die Person“ und „Jesus die Botschaft“.)

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Das Gesamtsystem der kollektiven Bewusstseinsinhalte und Handlungsgrundlagen in einer bestimmten Kultur und in einer bestimmten Zeitepoche (manchmal nennt man dieses Gesamtsystem auch „Paradigma“) kann sehr dauerhaft sein und ihre Gültigkeit über Jahrhunderte bewahren, obwohl es sich in Teilbereichen immer wandelt und sich an veränderte Bedingungen anpasst. In manchen historischen Situationen kann es aber auch jähe Umstürze erfahren, wo seine tragenden Grundlagen in Frage gestellt werden und gänzlich neue Sichtweisen das Denken und das gemeinsame Selbst- und Weltverständnis bestimmen (Paradigmenwechsel). Das kann in manchen historischen Situationen notwendig und gut sein, solange die Grundkonstanten des kollektiven Bewusstseins (seine Grund-Werte und Sinnbegründungen) erhalten bleiben (nicht unbedingt seine Traditionen, seine konkreten Wissensinhalte, Denk-Gewohnheiten und Handlungsmuster).

Dabei geht es nicht darum, dass das Denken der Menschen in der Gemeinschaft „gleichgeschaltet“ sein müsste, sondern darum, dass die tragenden Fundamente des kollektiven Selbst- und Welt-Bewusstseins in einer Gemeinschaft auf gemeinsamen und von der überwiegenden Mehrheit bejahten Sinn-Grundlagen ruhen, die auch einen ethischen Grundkonsens mittragen.

Das kann uns auch bewusst machen, was es bedeutet, wenn in einer großen Gemeinschaft (in einem Volk, oder z. B. in der auf biblischen Grundlagen entstandenen Gemeinschaft der sogenannten „westlichen Demokratien“), wenn da das gemeinsame kollektive Bewusstsein der Menschen zerfleddert, sich in widersprüchliche und einander bekämpfende Teile aufspaltet, oder sich in konturlose (und bedeutungslose) Schattierungen auflöst. Eine Demokratie kann ein weites Spektrum von Meinungen und Ansichten, Verhaltensweisen und Lebensformen mittragen. Sie ist aber darauf angewiesen, dass die Grundpositionen ihres Menschenbildes und Weltverständnisses und die Grundlagen ihrer Sinnorientierung und Ethik weitgehend unangefochten gelten. Das große Windsystem menschlichen Geistes kann auch zum alles vernichtenden Hurrikan werden, wenn es wesentlich vom Egoismus, von der Habgier, von dem dem „Willen zur Macht“, vom selbstüberhöhenden Wahnideen und von ideologisch verhärteten Weltbeglückungs-Vorstellungen angetrieben sind.

Zu diesem großen „Windsystem des Geistes“ gehört auch (von Anfang an!) die seltsame Erfahrung, dass Menschen nicht nur die Gegebenheiten und Vorgänge ihrer „materiellen Umwelt“ wahrnehmen und in ihr Weltverständnis einbauen, sondern auch Einflüsse und Impulse aus ihrer „spirituellen Umwelt“.

Davon soll in den folgenden Beiträgen „Die Identität des Ich“ und „Wert und Würde“ die Rede sein.

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