Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Wer bin ich?

Beitrag 10: Im Wandel der Zeit (Bodo Fiebig)

Das Denken und Verstehen eines beliebigen Menschen irgendwo auf dieser Erde ist insofern nicht unabhängig und voraussetzungslos, als es mitbeeinflusst ist durch das Denken und Verstehen von Hunderten von Generationen der Menschheitsgeschichte vor ihm“. So haben wir das am Ende des Beitrags „Ich in der Welt“ gelesen. Aber, hilft uns das wirklich bei der Frage nach den Wurzeln unserer persönlichen Identität? Das macht die Sache doch auch nicht besser, wenn unsere Suche nach dem „Ich-Selbst“ nicht durch deterministische biochemische Vorgänge im Gehirn (zusammen mit zufälligen Ereignissen im atomaren und subatomaren Bereich unserer Gehirnsubstanz) sinnlos wird, sondern durch die geistige Vor-Geschichte der Menschheit, die unser eigenes Denken bis ins Detail vor-bestimmt.

 

1 Der Strom des Geistes

Aber das wäre auch viel zu eingleisig gedacht. Die Entwicklung menschlichen Denkens und Verstehens ist nicht eingleisig verlaufen. Sie ist eher vergleichbar mit einem gewaltigen, kaum überschaubaren Strom mit fast unendlich vielen parallel laufenden und zugleich sehr unterschiedlichen Strömungen, mit breiten Flüssen, in denen die Religionen und Weltanschauungen der großen Kulturen die allgemeine Strömungsrichtung vorgaben, mit kleineren Seitenarmen und neuen Denkrichtungen, von denen wichtige Impulse ausgingen, zuweilen auch mit Stromschnellen und Abstürzen, die das menschliche Denken und Handeln in furchtbare Abgründe rissen und überall mit Abzweigungen und Verästelungen in feinsten Nuancen der individuellen Ansichten und Meinungen.

Selbst wenn nun auf der Mikro–Ebene der einzelnen biochemischen Impulse alles nach dem deterministischen Ursache-Folge-Prinzip ablaufen würde, dem nur eine Menge von subatomaren Zufalls-Ereignissen störend dazwischenfunken, (die Frage, ob das wirklich so ist, bleibt hier vorläufig noch unberücksichtigt) so würde doch daraus auf der Makro-Ebene menschlichen Erlebens aus Millionen oder Milliarden von ineinander verflochtenen Kausal-Ketten, kombiniert mit ebenso vielen unvorhersehbaren Zufallsereignissen eine Bandbreite realen Geschehens entstehen, die viele Varianten des Verstehens, Entscheidens und Handelns zulässt. Die Freiheit des Denkens und Entscheidens entsteht (nicht nur, aber auch) in einer Offenheit, die durch die unermessliche Vielzahl, den Variantenreichtum und die gegenseitigen Beeinflussung des Zufälligen zur Verfügung gestellt wird. Und dann kann (unter der Regie des Gottes, der jedes Atomteilchen geschaffen hat) jedes dieser scheinbar „zufälligen“ Mikroereignisse in einer bestimmten Situation eine Bedeutung bekommen, die auf der Makro-Ebene des Lebens und Zusammenlebens der Menschen Entscheidendes bewirkt.

Es gibt eben nicht die eine Kausal-Kette, die in einer bestimmten Situation am Ende nur eine einzige Handlungsoption zulässt, sondern in jeder konkreten Situation und in jeder Sekunde menschlichen Lebens laufen fast unendliche viele ineinander verflochtene Verursachungs- und Handlungsstränge zusammen, die in ihrer Konsequenz nicht eine deterministische Festlegung auf eine einzig mögliche Reaktion bewirken, sondern eine offene Entscheidungssituation mit vielen, mehr oder weniger frei wählbaren Handlungsmöglichkeiten anbieten. Dabei müssen die vor einer Entscheidung Stehenden keineswegs alle Kausal-Ketten, die zu der gegenwärtigen Situation geführt haben, kennen und in ihrem Zusammenwirken verstehen, es genügt zu einer Verwirklichung freien Willens von Menschen, wenn sie in einer bestimmten Situation mehrere Handlungsmöglichkeiten unterscheiden und sich für eine davon entscheiden. Ich-Bewusstheit und persönliche Entscheidungsfähigkeit setzt Erfahrung, Denken und Verstehen bezogen auf die aktuelle Situation voraus, nicht aber bezogen auf alle ihr vorausgehenden und sie verursachenden Ereignisse Siehe dazu auch das Thema „Freiheit“).

Das bedeutet: Jedes Lebewesen, das bewusst verschiedene Handlungsmöglichkeiten unterscheiden kann und deren Folgen in etwa abzuschätzen und zu vergleichen vermag, und das dann auch die Möglichkeit hat, sich bewusst für eine der Handlungsoptionen zu entscheiden (und da gibt es eben nur eine Art auf dieser Erde, den Homo Sapiens), ist für sein Tun und lassen verantwortlich. Der „Strom des Geistes“ ist kein reißender Fluss, der alles mit sich reißt und keinen Widerstand zulässt, auch wenn es in manchen Situationen sehr schwer sein mag, „gegen den Strom zu schwimmen“ (aber auch das ist grundsätzlich möglich; es gibt in jeder historischen Epoche Tausende Beispiele dafür).

Unser persönliches und individuelles Erkennen, Verstehen, Denken, Glauben und Hoffen ist wie ein vorübergehender kleiner Wirbel im großen Strom des Geistes. Und so unabhängig dieser kleine Wirbel sich auch dreht, bekommt er dennoch seine Energie und seine Strömungsrichtung, seine Geschwindigkeit und seine Wellenbewegung vom großen Strom. Gleichzeitig teilt er aber auch seine eigene Energie, Strömungsrichtung, Geschwindigkeit und Wellenbewegung dem großen Strom mit, so dass er ihn, wenn auch noch so gering und meistens kaum merkbar, mit beeinflusst. Jeder Mensch, der in den vergangenen Jahrtausenden irgendwo auf dieser Erde irgendetwas gesagt, geschrieben, gebildet oder veranlasst hat, der hat damit den Strom des Geistes auf irgendeine Weise beeinflusst und mitgestaltet. Und jeder Mensch, der heute lebt und etwas sagt, schreibt, bildet und veranlasst, der gestaltet, meistens ohne dass er das merkt und weiß, den Strom des Geistes seiner Zeit in irgendeiner Weise mit und dieser trägt etwas von seiner geistigen Existenz weiter in die Zukunft.

 

2 Individuelles und kollektives Bewusstsein

Das hier mit „Bewusstsein“ Gemeinte ist kein nebulöses „irgendwas“, das im Menschen „irgendwie“ gegenwärtig sei, sondern etwas sehr Reales und Konkretes. Es setzt sich zusammen aus verschiedene Elementen, die alle ihre nachvollziehbare Entstehungsgeschichte haben.

„Bewusstsein“, das ist zunächst einmal: Wahrnehmen und sich dessen bewusst-sein, dass man wahrnimmt, denken und sich dessen bewusst-sein, dass man denkt; planen, entscheiden, hoffen, fürchten … und sich dessen bewusst-sein, dass man plant, entscheidet, hofft, fürchtet … Im Kern besteht das Bewusstsein einer Person aus deren persönlichem „Selbst-Bewusstsein“ und „Welt-Bewusstsein“ (wir werden später sehen, dass da noch etwas fehlt und dazukommen muss).  Und das integrierte „Selbst-und-Welt-Bewusstsein“ setzt sich zusammen aus dem je eigenen „Selbst-und-Welt-Verständnis“ und hinzukommend aus der Möglichkeit, dem eigenen Verständnis fragend und in-Frage-stellend gegenüberzutreten.

2.1 individuelles Bewusstsein

Das persönliche Selbst-Bewusstsein  eines Menschen besteht aus seinem persönlichen Selbst-Verständnis (also wie ein Mensch sich selbst erlebt und wie er das Erlebte versteht und wie er es in sein „Welt-Bewusstsein“ einordnet) und aus der Möglichkeit zur Selbst-Reflexion (also wie ein Mensch sein Selbst-Erleben sachlich und emotional „bedenkt“, es kritisch oder wohlwollend beobachtet, es zustimmend oder ablehnend bewertet).

Zu diesen Teilbereichen „Selbst-Verständnis“ und „Selbst-Reflexion“ je noch einige Anmerkungen: Das persönliche Selbst-Verständnis bildet sich aus dem Erleben der eigenen Körperlichkeit, mit ihren Stärken und Schwächen, Gefühlen und Wahrnehmungen, Fähigkeiten und Begrenztheiten, mit ihrem Agieren und Reagieren, Lust- und Schmerzempfinden usw. und aus dem Erleben der eigenen Geistes-Gegenwart, mit ihrem Denken und Wissen, Erinnern und Vergessen, Glauben und Hoffen, mit ihren Klarheiten und Verwirrungen, Freuden und Depressionen, Überzeugungen und Fragen, Unsicherheiten und Gewissheiten, Ängsten und  Ermutigungen usw.

Die Selbst-Reflexion beobachtet und wertet alle diese Vorgänge im eigenen Erleben und stellt sie dem eigenen „Selbst-Bild“ (d. h. der Vorstellung, wie man selbst sein möchte oder sein sollte) gegenüber. Menschen haben die Möglichkeit, aus ihrem Erleben nicht nur ein Verständnis der eigenen Person als „Ich in meiner Umwelt“ abzuleiten, sondern gleichzeitig auch ein normatives „Vor-Bild“ des „Menschen in seiner Umwelt“ zu entwickeln (also, wie ein Mensch, und in diesem Falle ich, sein und handeln sollte). (Woher die normativen Inhalte der Selbstreflexion stammen, davon wird noch die Rede sein, siehe die beiden folgenden Beiträge.) Aus den Abständen und Dissonanzen zwischen dem eigenen „Selbst-Erleben“ und dem eigenen „Selbst-Bild“ ergeben sich mögliche Risse und Dissonanzen in der Person, in ihrem Selbst-Bewusstsein und ihrer Außenwirkung.

Das persönliche Welt-Bewusstsein besteht aus dem persönlichen Welt-Verständnis (also wie ein Mensch seine Umwelt erlebt und wie er das Erlebte versteht) und seiner Welt-Reflexion (also wie ein Mensch sein Welt-Erleben sachlich und emotional „bedenkt“, es kritisch oder wohlwollend beobachtet, es zustimmend oder ablehnend bewertet).

Dazu wieder einige Anmerkungen: Das persönliche Welt-Verständnis bildet sich aus den eigenen Erfahrungen mit der eigenen Umwelt: mit dem Wahrnehmen von Gegenständen und Verhältnissen, dem Erkennen von Veränderungen und Abläufen, dem Verstehen von Zusammenhängen und Hintergründen, dem Verknüpfen von Ursachen und Wirkungen …, aber auch aus den Erfahrungen von Fülle und Mangel, Reichtum und Verlust, Gefahr und Bewahrung, Glück und Unglück …, auch aus Erfahrungen von Annahme und Ablehnung, Zugehörigkeit und Außenseiter-Situation, Gemeinschaft und Einsamkeit, Macht und Ohnmacht … und auch aus Erfahrungen gemeinsamen Wahrnehmens und Erlebens, Bedenkens und Erforschens, Bekennens und Vertrauens, des Austausches von Gedanken und Empfindungen, des miteinander Arbeitens und Feierns usw.

Die Welt-Reflexion beobachtet und wertet alle diese „Vorgänge im eigenen Erleben“ und stellt sie dem eigenen „Welt-Bild“ (der eigenen Vorstellung, wie die Welt ist und wie sein sollte) gegenüber. Aus den Abständen und Dissonanzen zwischen dem eigenen „Welt-Erleben“ und dem eigenen „Welt-Bild“ ergeben sich mögliche Risse und Dissonanzen in der eigenen „Weltanschauung“, die, wenn die Dissonanz zu stark wird, zur Regression (zum „Rückzug aus der Welt“) oder auch zur Aggression (zum Angriff auf das Bestehende) führen können.

Elemente so eines Selbst- und Weltverständnisses (allerdings ohne Selbst- und Welt-Reflexion) haben in begrenztem Maße auch höher entwickelte Tiere. Ein Schimpanse z. B. ist sich seiner eigenen Körperlichkeit sehr wohl bewusst und auch vieler Dinge und Vorgänge in seiner Umwelt.

Das menschliche Bewusstsein jedoch enthält noch etwas, das keinem Tier, auch nicht in einfachsten Ansätze zu eigen ist: einen übergeordneten Deutungs-Rahmen, durch den alle Bewusstseins-Inhalte ihre Be-deutung bekommen. Unser Selbst- und Weltbewusstsein ist immer auch eingebettet in ein übergeordnetes Sinn-Bewusstsein, in dem alles Wissen und Verstehen (von uns selbst und von der Welt, in der wir leben) in ein Sinn-Ganzes eingeordnet wird. Schon früheste Zeugnisse menschlicher Gemeinschaften vor vielen Jahrtausenden in verschiedensten Kulturen weisen auf Elemente eines solchen Sinn-Bewusstseins hin, die dann später in ausgeformte Religionen oder Ideologien* mündeten.

* Zur Klärung des hier Gemeinten: Religionen sind Sinn-Verständnisse, die sich wesentlich auf sinngebende Instanzen außerhalb des Menschseins beziehen (die man bitten und anbeten und fürchten kann); Ideologien dagegen sind Sinn-Verständnisse, die (falls sie nicht so etwas wie „Sinn“ ganz ablehnen) sich nur auf das Menschsein als allein möglichen „Sinngeber“ beziehen (und dann kann man eben nur noch Menschen bitten und anbeten und fürchten); siehe auch das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“.

Alle diese Bewusstseinsinhalte (als individuelles Selbst-, Welt- und Sinn-Bewusstsein) bilden ein integriertes Ganzes, aus dem das Denken und Wollen, Entscheiden und Handeln der Menschen ihre Impulse, Richtung und Energien beziehen.

2.2 Kollektives Bewusstsein

Bei allem, was bis hierher über das „individuelle Bewusstsein“ gesagt wurde, müssen wir allerdings bedenken, dass unser individuelles Selbst- und Weltverständnis mitsamt  seinem übergeordneten Sinn-Verständnis nur zu einem sehr, sehr geringen Teil aus dem eigenen Erleben, Erfahren und Denken kommt. Wir finden als Einzelne schon immer ein kollektives Selbstverständnis, Weltverständnis und Sinn-Verständnis vor, von dem unser persönliches Verstehen bewusst oder unbewusst umgeben ist, so dass es von ihm lebt, wie unser Körper von der Luft lebt, die wir atmen. Und dieses kollektive Selbst-, Welt- und Sinn-Verständnis mit ihren Erkenntnissen und ihren Wissensbeständen, ihren Sprachmustern und ihrer Sprachlogik, ihren Gewohnheiten und Handlungsmustern, ihren Kommunikationsweisen und Umgangsformen, ihren religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und deren sinnbegründenden Narrativen …, hat eine Entstehungsgeschichte von Jahrtausenden, mit unterschiedlichen Entwicklungen und Schwerpunkten in verschiedenen Kulturen. Und auch diese kollektiven Bewusstseinsinhalte bilden ein integriertes Ganzes, aus dem das Denken und Wollen, Entscheiden und Handeln der Einzelnen und der Gemeinschaften ihre Impulse, Richtung und Energien beziehen.

Dabei ergibt sich eine gegenseitige Abhängigkeit: Das kollektive Bewusstsein einer Vielzahl von Menschen (in einem gemeinsamen Kultur-Raum und in einer bestimmten geschichtliche Epoche) setzt sich aus den Bewusstseinsinhalten ihrer Individuen zusammen: Es gibt kein vorgegebenes Allgemein-Bewusstsein außerhalb der Bewusstseinsinhalte der Einzelnen.

Und gleichzeitig beeinflusst aber (überaus stark und prägend) das kollektive Bewusstsein der Gemeinschaften mit allen seinen Inhalten und Bedeutungen rückwirkend auch die Selbstwahrnehmung und das Selbstverständnis, die Umweltwahrnehmung und das Weltverständnis, die Sinn-Fragen und das Sinn-Verständnis jedes Einzelnen und bestimmt auch dessen Verhalten, Entscheiden und Handeln in hohem Maße.

Individuelles und kollektives Bewusstsein entwickeln sich immer gleichzeitig und in gegenseitiger Abhängigkeit. Es hat nie ein (noch so anfanghaft begrenztes) individuelles Bewusstsein gegeben, ohne dass gleichzeitig auch ein anfanghaftes kollektives Bewusstsein entstand und wirksam wurde. Erst im Austausch des Erlebens und Verstehens in der Kommunikations-Gemeinschaft kann sich auch ein eigenes Bewusstsein des Erlebten und Verstandenen bilden.

Wir können uns das anhand des folgenden Bildes vorstellen:  Wenn wir uns die einzelnen Inhalte unseres persönlichen Bewusstseins als farbige Punkte auf einer durchsichtigen Folie markieren könnten, so würden wir dadurch einen visuellen Ausdruck unseres persönlichen Selbst-, Welt-, und Sinn-Verständnisses (also unseres persönlichen Bewusstseins) erhalten. Und wenn wir nun auf einem Leuchttisch die  Folien vieler Einzelner übereinanderlegen würden, so würden wir einen visuellen Ausdruck des kollektiven Bewusstseins derjenigen Gemeinschaft erhalten, deren Folien auf dem Tisch liegen. Da würden manche Elemente, die nur bei wenigen vorhanden sind, blass und kaum erkennbar bleiben, und andere, die bei vielen markiert sind, würden markant und massiv in Erscheinung treten. Das Einzelbild (das individuelle Bewusstsein) ist Teil und Grundlage des Gesamtbildes (des kollektiven Bewusstseins), aber gleichzeitig besteht das Einzelbild wesentlich aus den Vorgaben des Gesamtbildes, die ja schon da waren, bevor ich selbst beginnen konnte, mir ein eigenes Selbst-, Welt- und Sinnbewusstsein zu bilden). Das heißt: Unsere individuelle Bewusstseins-Folie liegt bei jedem immer obenauf und im Vordergrund, darunter aber und im Hintergrund bestimmen die „Folien“ des kollektiven Bewusstseins ganz überwiegend die Inhalte, Verstehensweisen und Motive unseres aktuellen persönlichen Bewusstseins.

Dieses gemeinsame kollektive Bewusstsein ist (bei verschiedenen Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt) in allen Mitgliedern der Gemeinschaft gegenwärtig und wirkt sich bei allen so aus, dass ihre Verstehensweisen, Motive und Verhaltensweisen in allen Bereichen entscheidend davon geprägt sind, und zwar in Richtung auf einen Grundkonsens der Gemeinschaft. Ohne einen solchen Grundkonsens wären Gemeinschaften nicht lebensfähig. Dieser Grundkonsens enthält dann auch Antworten auf Fragen wie: „Was (also welche Gegebenheiten, Mächte, Entwicklungen …) bestimmt entscheidend meine eigene und unsere gemeinsame Wirklichkeit, was ist Wahrheit oder Lüge, was werten wir als richtig oder falsch, gut oder böse, was gilt bei uns als erlaubt oder verboten, wichtig oder unwichtig, wertvoll oder wertlos?“ usw. Er enthält also auch einen gemeinsamen ethischen Grundkonsens. So, und nur so, können Gemeinschaften (von einer einzelnen Familie bis hin zu ganzen Völkern) entstehen, die über längere Zeit stabil bleiben können. Ich zitiere dazu noch einen Abschnitt aus dem Beitrag 6 „Das ICH und das EGO“:

 Die Weltverinnerlichung eines Menschen enthält unter anderem auch die jeweils individuelle Ausformung (innerhalb einer kulturbedingten und zeitgeschichtlichen Gesamtsituation) des kollektiven ethischen Unterbewusstseins der Menschheit, das in jahrtausendelangen Gärungs- und Aneignungsprozessen in den Regelungen und Wertungen der Kulturen und Religionen der Menschheit entstanden ist. Und dieses „ethische Unterbewusstsein“ ist Teil der kollektiven „Weltverinnerlichung“ der Menschheit, ist Teil der Weltverständnisses und Selbstverständnisses der Völker und Kulturen, die in Jahrhunderten und Jahrtausenden gewachsen sind. Sie speist sich aus den Erfahrungen der Völker und Generationen, die in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlichen Schwerpunkten die ethischen Grundsätze, Entscheidungen und Handlungen von Milliarden Menschen in verschiedenen Kulturen durch die Jahrtausende geprägt haben (siehe dazu das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“). Das, was wir unser „Gewissen“ nennen, ist, so betrachtet, eine Warnmeldung unserer persönlichen „Weltverinnerlichung“ (in der ja auch individuelle Anteile und Ausformungen dieses „ethischen Unterbewusstseins der Menschheit“ wirksam sind), die jede meiner Handlungsweisen und deren mögliche Folgen mit dem Wertesystem meines eigenen Weltverständnisses und Selbstverständnisses vergleicht und da manchmal Dissonanzen findet („du meinst doch, dass Ehrlichkeit zwischen den Menschen, den Gruppen und Völkern sehr wichtig ist und du hältst dich selbst für einen ehrlichen Menschen, und nun willst du deinen Vorgesetzten anlügen, um bei den Gehaltsverhandlungen besser abzuschneiden?“). Dieses „Gewissen” konkretisiert sich immer wieder neu in der aktuellen Deutung der Erfahrungen innerhalb einer bestimmten Situation mit je besonderen weltanschaulichen und religiösen Begründungen. (Zitat Ende)

Dabei müssen wir mit einbeziehen, dass da ja auch schon die „Folien“ aus früheren Generationen mit auf dem „Leuchttisch“ der Menschheitsgeschichte liegen, die aber allmählich verblassen, so dass sich die Gesamtprägung allmählich verändert. Das individuelle, ebenso wie das kollektive Bewusstsein sind veränderlich. Aber sie  bauen sich immer auf dem Bisherigen auf (ob im Anschluss an das Frühere oder im Gegensatz dazu). Das kollektive Bewusstsein ist immer das Ergebnis von Genese, Wachstum und Veränderung in Jahrtausenden innerhalb bestimmter Kulturen und darüber hinaus auch in der Menschheit als Ganzes.

Auch unser „Gewissen“ (als Teil unseres kollektiven Bewusstseins) ist nicht vorgegeben, sondern hat eine Entstehungsgeschichte in verschiedenen Kulturen, innerhalb derer es auch Wandlungen durchlaufen hat (auch durch Anpassungen in der Begegnung mit anderen Kulturen mit anderen Bewusstseinsschwerpunkten).

Die kollektiven Bewusstseinsinhalte und Handlungsgrundlagen (manchmal nennt man sie auch „Paradigmen“) in großen Gemeinschaften (Kulturen) können sehr dauerhaft sein und ihre Gültigkeit über Jahrhunderte bewahren, obwohl sie sich in Teilbereichen immer wandeln und sich an veränderte Bedingungen anpassen. In manchen historischen Situationen können sie aber auch jähe Umstürze erfahren, wo ihre tragenden Grundlagen in Frage gestellt werden und gänzlich neue Sichtweisen das Denken, das gemeinsame Selbst- und Weltverständnis bestimmen (Paradigmenwechsel). Das kann in manchen historischen Situationen notwendig und gut sein, solange die Grundkonstanten des kollektiven Bewusstseins (seine Grund-Werte und Sinnbegründungen) erhalten bleiben (nicht seine Traditionen, seine konkreten Wissensinhalte, Denk-Gewohnheiten und Handlungsmuster).

Dabei geht es nicht darum, dass das Denken der Menschen in der Gemeinschaft „gleichgeschaltet“ sein müsste, sondern darum, dass die tragenden Fundamente des kollektiven Selbst- und Welt-Bewusstseins in einer Gemeinschaft auf gemeinsamen und von der überwiegenden Mehrheit bejahten Sinn-Grundlagen ruhen, die auch einen ethischen Grundkonsens mittragen.

Das kann uns auch bewusst machen, was es bedeutet, wenn in einer großen Gemeinschaft (in einem Volk, oder z. B. in der auf biblischen Grundlagen entstandenen Gemeinschaft der sogenannten „westlichen Demokratien“), wenn da das gemeinsame kollektive Bewusstsein der Menschen zerfleddert, sich in widersprüchliche und einander bekämpfende Teile aufspaltet, oder sich in konturlose (und bedeutungslose) Schattierungen auflöst. Eine Demokratie kann ein weites Spektrum von Meinungen und Ansichten, Verhaltensweisen und Lebensformen mittragen. Sie ist aber darauf angewiesen, dass die Grundpositionen ihres Menschenbildes und Weltverständnisses und die Grundlagen ihrer Sinnorientierung und Ethik weitgehend unangefochten gelten.

Alle Beiträge zum Thema "Wer bin ich?"


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.