Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Wer bin ich?

Beitrag 2: Die Verinnerlichung der Außenwelt (Bodo Fiebig)

Die Sinngeschichte des Menschseins“ so heißt der erste Beitrag zum Thema „Wer bin ich?“ Aber was könnte damit gemeint sein? Wie sollen wir uns denn so eine „Sinngeschichte des Menschseins“ konkret vorstellen?

Beginnen wir ganz einfach: Jedes Lebewesen, und sei es nur ein einzelliges Bakterium, hat bestimmte Formen von Umweltwahrnehmung: Hitze und Kälte, Feuchte und Trockenheit, Fülle der „Lebens-Mittel“ oder Mangel … Höher entwickelte Lebewesen haben weiter entwickelte Wahrnehmungsmöglichkeiten: Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen … Allgemein gesprochen: Lebende Organismen haben die Fähigkeit, bestimmte Eigenschaften ihrer Umwelt wahrzunehmen und darauf zu regieren. Nur dadurch sind sie auf Dauer lebensfähig, weil sie nur so lebensfördernde Umstände erkennen und aufsuchen können und lebensgefährliche Situationen vermeiden. Das Verhalten der Lebewesen wird wesentlich von ihren Wahrnehmungen bestimmt: Bestimmte Umweltreize lösen als Reaktion ein bestimmtes, schon in den Genen vorprogrammiertes Verhalten aus. Das gilt grundsätzlich auch für den Menschen (siehe das Thema „Wer bin ich?“).

Trotzdem stellt die Weltwahrnehmung des Menschen und seine Reaktion auf bestimmte Umweltreize ein in der ganzen Schöpfung einmaliges Phänomen dar. Dabei geht es nicht in erster Linie um besondere Fähigkeiten der Wahrnehmung. Ein Falke kann viel schärfer sehen, ein Hund viel genauer und differenzierter riechen als ein Mensch. Es geht dabei vielmehr um eine besondere Form der Verarbeitung des Wahrgenommenen.

Ein Vogel kann differenzierte Wahrnehmungen machen: Es ist hell und er geht Futter suchen. Er sieht: Da krabbelt etwas, das entspricht seinem Bild von Fressbarem und er frisst es. Jeder Vogel sieht die Sonne aufgehen und untergehen und wieder aufgehen. Aber er ist sich nicht bewusst, dass es deshalb hell ist, weil die Sonne aufgegangen ist, und dass es dunkel ist, weil die Sonne unterging. Er sieht, es ist hell und er geht auf Futtersuche; es wird dunkel und er sucht sich einen Schlafplatz. Er macht sich auch keine Gedanken darüber, ob die Sonne, die am Morgen aufgeht, die gleiche ist, die am vergangenen Abend untergegangen war. Und erst recht denkt er nicht darüber nach, wo denn die Sonne weilte, als es in der Nacht dunkel war. Die Mythologien der Menschen-Völker  aber sind voll von phantasievollen Erzählungen, die das Phänomen der aufgehenden und untergehenden Sonne irgendwie zu erklären versuchen (z. B. im alten Ägypten, da sah man die Welt als Scheibe mit dem Himmelsgewölbe darüber, das aus dem Leib der Göttin Nut gebildet war. Tag und Nacht entstanden dadurch, dass Nut jeden Abend die Sonne fraß und verschluckte und sie jeden Morgen die Sonne neu gebar. )

Menschen wollen nicht nur wahrnehmen, was vor sich geht, sie wollen auch verstehen, was geschieht. Das geht aber nur, wenn sie in ihrem Denken und Nachdenken Beziehungen herstellen können zwischen Ereignissen und Vorgängen, die sie erlebt und in ihrem Gedächtnis gespeichert haben, z. B. zwischen dem Sonnenaufgang am Morgen und dem Sonnenuntergang am Abend. Dass zwischen diese beiden Vorgängen trotz des zeitlichen Abstands ein Zusammenhang besteht, ist ja nicht so selbstverständlich, wie es uns scheinen mag. Einem Raubvogel z. B. ist das völlig egal. Es ist hell, er fliegt; er sieht die Maus unter sich und setzt zum Sturzflug an.

Menschen haben dagegen ein ganz anderes „Erfahrungs-Management“. Sie können Erfahrungen „verinnerlichen“, sie in ihrer Er-Innerung speichern (Das können Tiere in begrenzter Weise auch). Aber Menschen können in ihrer „Welt-Verinnerlichung“ bestimmte Ereignisse und Abläufe der Vergangenheit wieder vergegenwärtigen, auch wenn sie zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt geschehen sind und sie zueinander in Beziehung setzen: Z. B. als zeitliche Abfolge: Erst und dann und dann und dann …, oder als Bedingung und Folge: wenn … dann, oder als Ursache-Wirkung-Zusammenhang: weil … deshalb. Die Inhalte seiner Wahrnehmungs-Verinnerlichung kann ein Mensch auf sehr individuelle Weise verarbeiten und sich „aneignen“. Er fragt nicht nur „was geschieht?“, sondern auch „wie geschieht es?“ und „warum geschieht es?“ und „wie ist dieses Geschehen zu beurteilen?“ und „wie wird es weitergehen?“

Das hat für Menschen existenzielle Lebens- und Überlebens-Bedeutung. Denn wenn er z. B. weiß, dass der Bach neben seinem Haus über das Ufer trat und sein Haus zerstörte, weil es zuvor stark geregnet hatte, dann wird er vielleicht schon vor dem nächsten starken Regen einen Damm bauen oder sein Haus auf einem höher gelegenen Platz errichten. Oder wenn er z. B. wahrnimmt (durch jahrhundertelange Erfahrungen und  Beobachtungen, die innerhalb seines Stammes über viele Generationen weitergegeben wurden), dass man bestimmte nahrhafte Pflanzen, die man sonst weiträumig suchen müsste, in der Nähe seiner Behausung vermehren kann, indem man bewusst Samenkörner dieser Pflanze dort in die Erde steckt, dann kann dadurch eine Entwicklung in Gang kommen, die man später die „landwirtschaftliche Revolution der Menschheit“ nennen wird.

Der Mensch kann in seinem Gedächtnis, d. h. in der Erinnerung und Verarbeitung seiner Erfahrungen die einzelnen Ereignisse nicht nur aneinanderreihen oder sie wie in einer Lagerhalle aufstapeln, sondern er kann sie so einander zuordnen, das ihr Verhältnis zueinander ihnen eine besondere Bedeutung gibt: Dass es Herbst wird und man sich auf den Winter vorbereiten muss, weil es da kalt wird und es keine frische Nahrung gibt, das „wissen“ viele Tiere. Menschen müssen bei ihren Reaktionen auf solche natürlichen Abläufe nicht einem unbewussten Trieb folgen, der von ihren Genen gesteuert wird, sondern sie können mit verschiedenen Formen von Vorratshaltung und Wohnraumbeheizung bewusst und sehr phantasievoll und flexibel auf Veränderungen in der Natur reagieren. Dass der Mensch als „Mängelwesen“ (A. Gehlen) sich überall auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen durchsetzen und ausbreiten konnte, verdankt er zu einem guten Teil dieser Fähigkeit, seine äußere Weltwahrnehmung in ein inneres Weltverständnis zu übertragen, das ihm ein sinnvolles, weil problemlösendes Handeln ermöglicht.

Wir kommen nicht aus ohne eine realistische Vorstellung von dem, was in unserer Umwelt vor sich geht und welche Auswirkungen das auf uns haben könnte. Das gilt für den Anführer einer Gruppe von Buschjägern auf der Fährte einer Gazelle ebenso, wie für den Vorstandsvorsitzenden eines Industriekonzerns im 21. Jahrhundert bei Verkaufsverhandlungen mit potenten Kunden. Seitdem sich Menschen Lebens- und Handlungsräume erschlossen haben, die nicht mehr mit der vorgegebenen Instinktausstattung bewältigt werden können, sind sie darauf angewiesen, ihre Lebensweisen und Handlungsoptionen durch Wissen und Erfahrung zu begründen. Wir haben und wir brauchen für unser Leben ein einigermaßen stimmiges Welt- und Selbstverständnis, um in den alltäglichen Situationen unseres Daseins angemessen reagieren und zielgerichtet handeln zu können.

Die Höchstform solcher „Weltwahrnehmung“ ist die Fähigkeit des Menschen, die Gesamtheit seiner Umwelterfahrungen in Form einer zusammenfassenden „Weltverinnerlichung“ in sich aufzunehmen, das heißt, seine Einzelerfahrungen so in Beziehung zueinander zu setzen, sie so zu ordnen und zu werten, dass er sie wie in einem riesigen Puzzlespiel passend zusammenzufügen kann, dass er seine Erlebnisse in sein persönliches Weltverständnis und Menschenbild einordnen und sie zu seinem eigenen Selbstverständnis in Beziehung setzen kann, dass er sein Welt- und Selbstverständnis vor sich selbst als eigene und besondere „Innenschau der Außenwelt“ darstellen kann, um sie dann, in einem Akt schöpferischer Bewältigung, als Sinnzusammenhang zu deuten. Das kann nur der Mensch, kein Tier, auch der intelligenteste Affe nicht. Ja, diese „Innenschau der Außenwelt“ ist sogar eine wesentlicher Faktor bei der Dynamik der menschlichen „Welteroberung“.

Dieses „Weltverinnerlichung“ ist allerdings kein statischer Bestand, sondern ein sich ständig veränderndes Geschehen, das in Folge jeder neuen Erfahrung die Form und die Richtung seiner Daseinsinterpretation in mehr oder weniger bedeutsamen Teilbereichen immer wieder neu justieren muss. (Nach unserem heutigen Kenntnisstand können wir nicht mehr, wie die alten Ägypter, davon ausgehen, dass es abends dunkel wird, weil die Göttin Nut die Sonne fraß und das es morgens hell wird, weil sie die Sonne wieder neu gebar). Und: unsere Weltverinnerlichung beschreibt keinen Zustand, sondern eine Geschichte: So und so ist das geworden, was ich jetzt wahrnehme und so und so wird es (wahrscheinlich) weitergehen. Das Besondere an der „Welt-Sicht“ der Menschen ist, dass die das Gegenwärtige als etwas in der Vergangenheit Gewordenes erkennt und als etwas, das sich in die Zukunft weiterentwickelt und dass sie dieses Erkennen in eine zusammenhängende „Sinngeschichte“ einordnen kann (siehe auch das Thema „Die Frage nach dem Sinn“). Und das kann dann bei dem Einen ein Welt- und Selbstverständnis von großer Weite, Vielfalt, Differenzierung, Farbigkeit, Beweglichkeit und tiefbegründeter Ethik beinhalten, bei einem andern eine begrenzte und schlichte Weltsicht mit einem sehr starren Handlungsrahmen.

In jedem Falle aber ist unsere doppelte Weltverinnerlichung aus Weltverständnis und Selbstverständnis das Steuerungselement für unsere Entscheidungen. In welcher Weise diese Steuerung funktioniert, werden wir noch sehen.

Die „Quelle“ unseres Welt- und Selbstverständnisses liegt aber nicht nur in uns selbst und unseren individuellen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Sie hat darüber hinaus noch einen ganz anderen und viel tieferen Ursprung: „Die Quelle des Verstehens“.

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Bodo Fiebig Die Verinnerlichung der Außenwelt Version 2019 – 4

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