Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Wer bin ich?

Beitrag 4: Der Strom des Geistes (Bodo Fiebig)

Das Denken und Verstehen eines beliebigen Menschen irgendwo auf dieser Erde ist insofern nicht unabhängig und voraussetzungslos, als es mitbeeinflusst ist durch das Denken und Verstehen von Hunderten von Generationen der Menschheitsgeschichte vor ihm“. So haben wir das am Ende des vorausgehenden Beitrags gelesen. Aber, hilft uns das wirklich bei der Frage nach den Wurzeln unserer persönlichen Identität? Das macht die Sache doch auch nicht besser, wenn unsere Suche nach dem „Ich-Selbst“ nicht durch deterministische biochemische Vorgänge im Gehirn, zusammen mit zufälligen Ereignissen im atomaren und subatomaren  Bereich unserer Gehirnsubstanz ad absurdum geführt wird, sondern durch die geistige Vor-Geschichte der Menschheit, die unser eigenes Denken bis ins Detail vor-bestimmt.

Aber das wäre auch viel zu eingleisig gedacht. Die Entwicklung menschlichen Denkens und Verstehens ist eben nicht eingleisig verlaufen. Sie ist eher vergleichbar mit einem gewaltigen, kaum überschaubaren Strom mit fast unendlich vielen parallel laufenden und zugleich sehr unterschiedlichen Strömungen, mit breiten Flüssen, in denen die Religionen und Weltanschauungen der großen Kulturen die allgemeine Strömungsrichtung vorgaben, mit kleineren Seitenarmen und neuen Denkrichtungen, von denen wichtige Impulse ausgingen, zuweilen auch mit Stromschnellen und Abstürzen, die das menschliche Denken und Handeln in furchtbare Abgründe rissen und überall mit Abzweigungen und Verästelungen in feinsten Nuancen der individuellen Ansichten und Meinungen.

Selbst wenn nun auf der MikroEbene der einzelnen biochemischen Impulse alles nach dem deterministischen Ursache-Folge-Prinzip ablaufen würde, dem nur eine Menge von subatomaren Zufalls-Ereignissen störend dazwischenfunken, (die Frage, ob das wirklich so ist, bleibt hier vorläufig noch unberücksichtigt) so würde doch daraus auf der Makro-Ebene menschlichen Erlebens aus Millionen oder Milliarden von ineinander verflochtenen Kausal-Ketten, kombiniert mit ebenso vielen unvorhersehbaren Zufallsereignissen eine Bandbreite realen Geschehens entstehen, die viele Varianten des Verstehens, Entscheidens und Handelns zulässt. Die Freiheit des Denkens und Entscheidens entsteht (nicht nur, aber auch) in einer Offenheit, die durch die unermessliche Vielzahl, den Variantenreichtum und die gegenseitigen Beeinflussung des Zufälligen zur Verfügung gestellt wird. Und unter der Regie des Gottes, der jedes Atomteilchen geschaffen hat, kann eines von ihnen in einer bestimmten Situation dann eine Bedeutung bekommen, die auf der Makro-Ebene für das Leben und Zusammenleben der Menschen Entscheidendes bewirkt.

Es gibt eben nicht die eine Kausal-Kette, die in einer bestimmten Situation am Ende nur eine einzige Handlungsoption zulässt, sondern in jeder konkreten Situation und in jeder Sekunde menschlichen Lebens laufen fast unendliche viele ineinander verflochtene Verursachungs- und Handlungsstränge zusammen, die in ihrer Konsequenz nicht eine deterministische Festlegung auf eine einzig mögliche Reaktion bewirken, sondern eine offene Entscheidungssituation mit vielen mehr oder weniger frei wählbaren Handlungsmöglichkeiten anbieten. Dabei müssen die vor einer Entscheidung Stehenden keineswegs alle Kausal-Ketten, die zu der gegenwärtigen Situation geführt haben, kennen und in ihrem Zusammenwirken verstehen, es genügt zu einer Verwirklichung freien Willens von Menschen, wenn sie in einer bestimmten Situation mehrere Handlungsmöglichkeiten unterscheiden und sich für eine davon entscheiden. Ich-Bewusstheit und persönliche Entscheidungsfähigkeit setzt Erfahrung, Denken und Verstehen bezogen auf die aktuelle Situation voraus, nicht aber bezogen auf alle ihr vorausgehenden und sie verursachenden Ereignisse.

Das bedeutet: Jedes Lebewesen (und da gibt es eben nur eine Art auf dieser Erde!) das bewusst verschiedene Handlungsmöglichkeiten unterscheiden kann und deren Folgen in etwa abzuschätzen und zu vergleichen vermag, und das dann auch die Möglichkeit hat, sich bewusst für eine der Handlungsoptionen zu entscheiden, ist für sein Tun und lassen verantwortlich. Der „Strom des Geistes“ ist kein reißender Fluss, der alles mit sich reißt und keinen Widerstand zulässt, auch wenn es in manchen Situationen sehr schwer sein mag, „gegen den Strom zu schwimmen“.

Unser persönliches und individuelles Erkennen, Verstehen, Denken, Glauben und Hoffen ist wie ein vorübergehender kleiner Wirbel im großen Strom des Geistes. Und so unabhängig sich dieser kleine Wirbel auch dreht, bekommt er dennoch seine Energie und seine Strömungsrichtung, seine Geschwindigkeit und seine Wellenbewegung vom großen Strom. Gleichzeitig teilt er aber auch seine eigene Energie, Strömungsrichtung, Geschwindigkeit und Wellenbewegung dem großen Strom mit, so dass er ihn, wenn auch noch so gering und meistens kaum merkbar, mit beeinflusst. Jeder Mensch, der in den vergangenen Jahrtausenden irgendwo auf dieser Erde irgendetwas gesagt, geschrieben, gebildet oder veranlasst hat, der hat damit den Strom des Geistes auf irgendeine Weise beeinflusst und mitgestaltet. Und jeder Mensch, der heute lebt und etwas sagt, schreibt, bildet und veranlasst, der gestaltet, meistens ohne dass er das merkt und weiß, den Strom des Geistes seiner Zeit in irgendeiner Weise mit und dieser trägt etwas von seiner geistigen Existenz weiter in die Zukunft.

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Bodo Fiebig Der Strom des Geistes Version 2018 – 3

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