Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Generationen und Geschlechter

Beitrag 2: Geschlechter (Bodo Fiebig1. Februar 2022)

1 Biologische Bedeutung der Zweigeschlechtlichkeit

Die Zweigeschlechtlichkeit alles höher entwickelten Lebens ist eine der großartigsten Erfindungen der Natur; oder anders ausgedrückt: eines der größten Geschenke des Schöpfers an das Leben. Es ist ja kein Zufall, dass alle komplexen Lebensformen sich durch die Kombination von zwei Sätzen von Erbinformationen (also durch Sexualität) fortpflanzen. Einfachste Lebensformen, Bakterien z. B., pflanzen sich hingegen ausschließlich durch Zellteilung fort. Das ermöglicht eine explosionsartige Vermehrung in Form einer exponentiellen Steigerung: 1-2-4-8-16-32-64-128-256-512-1024-2048 …, ein paar Schritte weiter geht es schon in  die Millionen und Milliarden. Da macht es nichts aus, wenn einzelne Zellen durch zufällige Mutationen geschädigt werden (zufällige Mutationen sind fast immer schädlich für das betreffende Lebewesen, denn Mutationen sind ja Störungen im Ablauf der Vererbung, da kann man nicht erwarten, dass die etwas Positives bewirken). Den Bakterien schadet das aufs Ganze gesehen kaum, es sind ja immer genug gesunde Zellen da. Allerdings können in sehr seltenen Ausnahmefällen solche Mutationen auch Vorteile für die jeweilige Lebensform bringen, indem sie eine bessere Anpassung an die Umweltgegebenheiten ermöglichen. Je höher die Anzahl der einzelnen Organismen in einer bestimmten Population sind, desto wahrscheinlicher werden auch solche (eigentlich sehr, sehr seltenen) „positiven“ Mutationen (positiv für das Bakterium, nicht für den Menschen, der davon befallen ist).

Eine Rechnung mit vereinfachten Zahlen, die nicht die tatsächlichen Größenverhältnisse wiedergeben, soll das veranschaulichen: Nehmen wir an, von einer Billion* (das sind Tausend Milliarden) Bakterien erlebt nur jede Tausendste eine Mutation. Das wären dann 1 Milliarde Mutationen, und alle diese Mutationen wären für die betroffenen Bakterien negativ, so dass sie nicht optimal vermehrungsfähig wären. Das wäre nicht schlimm für die Bakterien, denn es blieben ja 999 Milliarden vermehrungsfähige übrig. Aber bei einer einzigen unter der einen Milliarde Mutationen würde sich diese zufällige Mutation so auswirken, dass sie die Vermehrungschancen dieser Zelle erhöht **. Nochmals: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zufällige Mutationen für eine Lebensform positiv auswirken, ist wirklich sehr, sehr gering. Aber, diese eine Mutation (in einer von 1 Billion Zellen!) würde die betroffene Zelle so verändern, dass sie sich noch besser und schneller vermehren kann. Dann würde diese eine Zelle sich so schnell vermehren, dass sie ihre Herkunftsvariante nach und nach völlig verdrängen könnte.

*Zum zahlenmäßigen Vergleich: Die Darmflora eines einzigen erwachsenen Menschen z. B. enthält bis zu 100 Billionen Bakterien, die alle nicht zum eigenen Körper gehören, weil sie eine fremde DNA haben, die er aber trotzdem unbedingt zum Leben braucht.

**Dass ich hier bei der Betrachtung von statistischen Wahrscheinlichkeiten von „Zufällen“ rede, schließt nicht aus, dass hinter der Unzahl von „Zufällen“, die in jeder Sekunde unseres Lebens um uns her stattfinden, in der Gesamtheit ihrer Auswirkungen der Wille Gottes steht, auch wenn wir im Einzelfall diese Auswirkungen nicht erkennen und ihr Zusammenwirken nicht verstehen können.

Das erleben wir gerade bei den „Corona-Viren“ (obwohl die Vermehrung der Viren noch ganz anders verläuft, aber die Massen-Effekte sind die gleichen): Je mehr Menschen das Virus in sich tragen und je größer dadurch die bloße Zahl der Viren wird (und auch hier handelt es um riesige Zahlen), desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, das einzelne Mutationen entstehen, die das Virus noch resistenter gegen Impfungen und Arzneimittel machen. Deshalb muss man, wenn man die Gefahr von gefährlichen Mutationen verringern will, die Zahl der Virusträger verringern (z. B. durch impfen). Das hat etwas mit Mathematik in der Biologie zu tun, nichts mit „Verschwörungen böser Mächte“.

Viren, Bakterien und andere wenig komplexe Lebensformen, organisieren ihr Überleben und ihre Vermehrung einfach über irrsinnig große Zahlen. Die einzelne Bakterie ist dabei völlig ohne Bedeutung. Gott aber wollte (wenn wir die biblische Botschaft ernst nehmen), dass das Leben auf dieser Erde eine bestimmte Lebensform hervorbringt (den Menschen), die für ihn zum „Eben-Bild“ und zum Gegenüber seiner Liebe werden soll. Das wäre aber nur möglich, wenn nicht nur die große Zahl Bedeutung hätte, sondern auch das Leben jedes einzelnen Individuums. Liebe ist immer individuell (ich und du), nie mathematisch fassbar als statistische Zufalls-Wahrscheinlichkeit.

Das, was bei einfachen Lebensformen die große Zahl leistet (nämlich die Lebensform trotz schädlicher Mutationen am Leben zu halten), das erreicht die Schöpfung bei komplexeren Lebensformen (also z. B. bei einem Gänseblümchen oder einer Maus) durch Sexualität: Neues Leben entsteht durch die Kombination von zwei Sätzen von Erbinformationen. Das gilt für alle höher entwickelten Tier- und Pflanzen-Arten, einschließlich des Menschen. Wir sehen: Gott, der Schöpfer, schafft den Menschen (biologisch gesehen) nicht als herausgehobenes Sonder-Dasein (biologisch gesehen ist der Mensch ein relativ intelligentes Säugetier), sondern er passt das Menschsein in das Gesamtgefüge des Lebens ein, um es dann von dort aus  in eine einzigartige Rolle und Verantwortung zu berufen (siehe das Thema „sein und sollen“), (siehe in diesem Beitrag weiter unten den Abschnitt „Mann und Frau“).

Durch die sexuelle Fortpflanzung stehen für jedes Individuum der nächsten Generation zwei komplette Erbinformationen zur Verfügung (die mütterliche und die väterliche). Störungen im Erbgut von Individuen (z. B. durch Erbkrankheiten oder durch aktuelle Mutationen, die sich ja fast immer negativ auswirken) die können (da sie vor allem rezidiv, also nachrangig vererbbar sind) durch das entsprechende gesunde Erbgut des Sexualpartners ausgeglichen werden, einfach, indem die Natur für die Vererbung bevorzugt die gesunde Variante auswählt (nicht weil die „Natur“ das für gut hält, die Natur hat keine Vorlieben oder Abneigungen, sie folgt einfach den ihr vorgebenen Gesezmäßigkeiten, sondern weil gesunde Gene sich besser vererben). So entstehen (ganz überwiegend) gesunde Individuen, nun aber nicht durch die Wucht der großen Zahl, sondern durch die vorbeugend ausgleichende Wirkung der Sexualität.

Wir können nun mehrere Auswirkungen von sexueller Fortpflanzung erkennen:

  1. Sexualität ist Voraussetzung für biologische Komplexität: Nur einfachste Lebewesen (z. B. Bakterien) können sich dauerhaft ungeschlechtlich fortpflanzen (und sogar die praktizieren manchmal einen Austausch von Geninformationen durch „horizontalen Gentransfer“), etwas komplexere Lebewesen (auf noch sehr niedrigem Niveau), brauchen schon Zwischenphasen zweigeschlechtlicher Vermehrung. Alle komplexeren Lebensformen im Tier- und Pflanzenreich können nur durch die Vereinigung von weiblichen und männlichen Erbinformationen eine nächste Generation hervorbringen (das Klonen von Pflanzen und Tieren ist hier, um die Sache nicht unnötig zu komplizieren, nicht einbezogen). Das bedeutet: Ohne Zweigeschlechtlichkeit und Sexualität wäre die Entwicklung des Lebens auf dieser Erde über den Stand der Einzelligkeit nicht weit hinausgekommen. Und ganz gewiss gäbe es kein Lebewesen, dem man irgendeine Form von Individualität zuschreiben könnte. Ohne Zeigeschlechtlichkeit und Sexualität gäbe es auf dieser Erde nur die alles überwältigende Menge sehr primitiver identischer Massenorganismen.
  2.  Zweigeschlechtlichkeit und Sexualität sind auch Voraussetzung für genetische Stabilität (dadurch, dass schädliche Mutationen durch gesunde Gene des Partners ersetzt werden können, siehe oben). Wir kennen ja auch das Phänomen, dass bei fortgesetzter Inzucht, also bei zweigeschlechtlicher Vermehrung von nahen Verwandten (bei Menschen, aber auch bei höher entwickelten Tieren) die jeweils nächste Generation mit immer mehr Erbkrankheiten und Fehlentwicklungen aufwächst. Das kommt daher, dass bei nahen Verwandten die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass beide Sexualpartner die gleichen Gendefekte in ihrem Erbgut tragen, so dass sie nicht durch gesunde Erbanlagen des Partners/der Partnerin ausgeglichen werden können. Genetische Stabilität erreichen wir durch zweigeschlechtliche Vermehrung von zwei nicht nahe verwandten Individuen. Das heißt aber umgekehrt: Ohne Zweigeschlechtlichkeit und Sexualität wäre jede komplexe Form von Leben schon längst an ihren angesammelten und immer weiter vererbten Gendefekten ausgestorben.
  3.  Zweigeschlechtlichkeit und Sexualität sind auch Voraussetzung für persönliche Variabilität und Individualität. Nachfolgegenerationen, die durch Zellteilung entstehen, sind genetisch (abgesehen von Mutationen) absolut identisch mit ihrer Elterngeneration. Bei der sexuellen Vermehrung dagegen werden bei der Vereinigung von weiblicher Ei-Zelle und männlicher Samen-Zelle die Erbanlagen der Eltern immer neu gemischt. Das geschieht über sogenannte Allele, also Varianten innerhalb der gleichen Gene (da gibt es z. B. bei den Genen, die für die Augenfarbe zuständig sind, ein Allel für blaue Augen oder braune …, und bei der Haarfarbe eines für blonde Haare oder schwarze usw.), so dass auch innerhalb von stabilen Familien (also bei mehreren Kindern der gleichen Eltern) jedes Kind ein Individuum ist (Ausnahmen sind eineiige Zwillinge, Drillinge …). Durch die „Erfindung“ der Sexualität gelingt es der Schöpfung, zwei sehr widersprüchliche „Wünsche“ zu vereinen: Stabile Abstammungs- und Lebensgemeinschaften (Familien), in denen trotz der genetischen Nähe eine große Bandbreite an Variabilität möglich ist. Das können wir so deuten (wenn es um das Handeln Gottes geht, können wir ja nichts „beweisen“, sondern nur Deutungsversuche machen), dass Gott stabile Familien will (Mutter, Vater und deren gemeinsame Kinder) und er deswegen die sexuelle Fortpflanzung so ausgestaltet, dass auch in Familien mit einer stabilen Paar-Beziehung der Eltern jedes einzelne ihrer Kinder ein unwiederholbares Individuum sein kann.

Wir erkennen, welche großartige „Erfindung“ des Schöpfers die Zweigeschlechtlichkeit mit Sexualität ist. Freilich ist das bis hierher nur eine biologische Erklärung (die Bedeutung der Sexualität als Beziehung muss noch folgen). Aber so viel können wir schon sagen: Ohne Sexualität gäbe es (wenn überhaupt) nur ganz primitive Formen des Lebens auf dieser ganzen Erde.

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2 Geschlechtliche Zuordnung und sexuelle Orientierung

Wenn es um das Verhältnis der Geschlechter zueinander geht, muss man unterscheiden zwischen geschlechtlicher Zuordnung und sexueller Orientierung. Das sind zwei ganz verschiedene Fragestellungen.

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2.1 Geschlechtliche Zuordnung

Es gibt in der Biologie (bei höher entwickelten Arten der Tier- und Pflanzenwelt, nicht z. B. bei Bakterien und Viren) zwei Geschlechter: Männlich und weiblich. Das ist ein durchgehendes Schöpfungsprinzip und das gilt selbstverständlich auch für die Menschen (siehe den vorangehenden Abschnitt).

Allerdings kann es bei höher entwickelten Lebewesen vorkommen, dass die Zuordnung eines Individuums zu einem der beiden Geschlechter zeitweise unbestimmt ist oder auch dauerhaft unbestimmt bleibt. Und das kann es auch bei Menschen geben. Dass es bei Tieren und auch bei Menschen vorkommen kann, dass bei der Geburt eines „Kindes“ die Geschlechtsorgane nicht eindeutig ausgebildet sind, ist eine Realität, auch wenn solche Fälle verhältnismäßig selten vorkommen. Solche zeitweise oder dauerhafte Unbestimmtheit ist kein „drittes Geschlecht“ (divers), sondern ein „nicht-eindeutig-festgelegt-Sein“ innerhalb der Zweigeschlechtlichkeit, das genetisch bedingt sein kann und das von der Allgemeinheit als gleichwertige und gleichberechtigte Lebensform anerkannt werden muss.

Wenn das bei Menschen der Fall ist, muss man mit Behutsamkeit und Zurückhaltung abwarten, bis der junge Mensch selbst in der Lage ist, eine persönlich begründete Entscheidung zu treffen, ob der sich dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen will oder ob er/sie die geschlechtliche Unentschiedenheit beibehalten will. Dabei kann die betroffene Person fachliche (medizinische, psychologische …) Hilfe in Anspruch nehmen. Aus der Art dieser Entscheidung darf der betreffenden Person in der Öffentlichkeit kein Nachteil entstehen.

Unerträglich und jeder Menschenwürde zuwiderlaufend ist es aber, wenn Gender-Ideologen die ungeklärte und oft belastete Situation dieser Menschen ausnutzen, um (mit der angeblichen Fürsorge für sie) nur ihre eigene Ideologie durchzudrücken, welche sagt, dass es eben überhaupt keine eindeutige und bleibende Geschlechterzuordnung geben kann und die Bipolarität von Mann und Frau selbst schon eine Diskriminierung darstellt (siehe das Thema „Das Gender-Konstrukt“, Beitrag 1 „Die Gender-Ideologie“, die Inhalte können hier nicht wiederholt werden). Hier wird der Versuch gemacht, Minderheiten-Rechte (die diesen Minderheiten selbstverständlich zustehen) so um-zu-interpetieren, dass man sie als Hebel für gesellschaftliche Veränderungen in Sinne einer abseitigen Ideologie verwenden kann. Es geht hier um die Destabilisierung von Ehe und Familie.

In der gegenwärtigen Diskussion muss man da noch einen Unterschied machen: Die gegenseitige geschlechtliche Zuordnung von männlich und weiblich ist von der Natur vorgegeben. Die Institution der Ehe nicht. Sie ist eine kulturbedingte gesellschaftliche Vereinbarung (die biblische Bedeutung der Ehe ist hier noch nicht angesprochen, siehe den Abschnitt 3 „Mann und Frau“). In den meisten Kulturen gilt heute: Eine auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft einer Frau mit einem Mann kann auf Wunsch beider öffentlich als „Ehe“ anerkannt werden und die steht dann unter dem Schutz der Allgemeinheit und hat (vor allem wenn sie als Familie zum Lebens- und Entwicklungsraum für Kinder wird) ein Recht auf besonderen Förderung durch die Allgemeinheit. Diese kulturbedingte Vereinbarung bezieht sich freilich im Hintergrund (bewusst oder unbewusst) auf die Schöpfungsrealität der Zweigeschlechtlichkeit und auf die Berufung und Segnung der Mann-Frau-Beziehung als „Ebenbild Gottes“ (siehe das Thema „sein und sollen“).

1.2 Sexuelle Orientierung

Die „sexuelle Orientierung“ eines Menschen ist im Gegensatz zur „geschlechtlichen Zuordnung“ keine von der Natur (genetisch) vorgegebene Gegebenheit, sondern eine entwicklungsbedingte und von Erfahrungen beeinflusste Zu-Neigung oder Ab-Neigung bezogen auf Erotik und Sexualität (Freundschaften, Interessengemeinschaften, Arbeitsgemeinschaften, Glaubensgemeinschaften usw. sind normalerweise von der sexuellen Orientierung unabhängig, auch wenn sie emotional starke Bindungen enthalten können). Der Begriff „sexuelle Orientierung“ benennt die bevorzugte Ausrichtung eines Menschen hinsichtlich der sexuellen Partnerwahl. Die ist in der Kindheit noch spielerisch offen und veränderlich. Erst in der Pubertät festigt sich bei den meisten Jugendlichen die sexuelle Orientierung in Richtung auf das jeweils andere Geschlecht. Durch verschiedene innere und äußere Einflüsse kann es aber sein, dass diese Orientierung zeitweise oder dauerhaft nicht gelingt. Ob sie gelingt, haben die betroffenen Personen oft gar nicht selbst zu verantworten, weil entscheidende Prägungen meist in der frühen Kindheit geschehen oder durch Umstände und Vorgänge beeinflusst werden, die gar nicht in ihrer Entscheidung liegen, sondern von außen (z. B. durch Gewalt-Erfahrungen) auf sie zukommen.

Auch später, also nach Ende der Pubertät, sind Veränderungen in der sexuellen Orientierung noch möglich. Das oft gebrauchte Argument, homosexuelle Orientierung sei eine unveränderliche „Schöpfungsvariante“, hat sich als falsch erwiesen (siehe z. B. in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ vom 30.8.21, dort wird eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ zitiert mit dem Titel: „Heterosexualität: Das Selbstbild kann sich ändern“.) Offensichtlich gibt es zwischen eindeutiger Heterosexualität oder Homosexualität viele Varianten, in denen Anteile beider Orientierungen vorhanden, aber verschieden stark ausgeprägt sind. Und diese Anteile sind offenbar auch im Erwachsenen-Alter noch veränderbar.

Homosexualität ist keine „Schöpfungsvariante“ und keine genetisch fixierte Eigenart. Es gibt kein Homo-Gen, aber es gibt Menschenschicksale, die sind nicht homogen, sondern geprägt durch Abbrüche, Umbrüche, Zusammenbrüche, durch Gewalt und Unterdrückung, durch Fehlerziehung oder fehlende Erziehung und, und, und…, manchmal schuldbelastet, manchmal einfach nur hilflos erlitten. So entstehen Fehlentwicklungen, Fehlsteuerungen, Fehlorientierungen, Fehlprägungen (manchmal begünstigt durch hormonelle Vorgänge während der Schwangerschaft), die durch eine Vielzahl schädigender Erfahrungen und Einflüsse in Gang gesetzt und verstärkt werden können. Solche Fehlentwicklungen sind grundsätzlich umkehrbar, auch wenn das nicht in jedem Falle gelingt.

Das bedeutet: Homosexualität ist keine „Schöpfungsvariante“ und keine „Krankheit“, sondern eine Fehlentwicklung, die im Laufe eines Menschenlebens stattgefunden hat . Etwa vergleichbar mit dem Erleben und Verhalten eines Menschen, der als Kind einmal ins Wasser gefallen war und fast ertrunken wäre und nun auch noch als Erwachsener das Wasser scheut. So könnte ein/e Jugendliche/r oder Erwachsene/r, der/die in der Kindkeit von Erwachsenen des anderen Geschlechts sexuell missbraucht wurde, nun blockiert sein, eine vertrauensvolle Beziehung zu Angehörigen des anderen Geschlechts aufzubauen (das wäre freilich nur eine von vielen möglichen Urasachen). Solche traumatisierenden Erfahrungen können dann in Situationen persönlicher Verunsicherung (z. B. bei Jugendlichen in der Phase des hormonellen Umbruchs während der Pubertät) Stimmungen anregen, die eine (meist vorübergehende) Orientierung hin auf das eigene Geschlecht begünstigen. Das ist kein „Verbrechen“ und keine „Sünde“.

Aber: Wenn Gender-Aktivisten Jugendliche in einer Phase noch nicht gefestigter Orientierung dazu drängen, sich als „homosexuell“ zu „outen“, dann wollen sie diesen Jugendlichen nicht helfen, sondern wollen sie auf ihre eigene Gender-Ideologie festlegen. Und das kann sehr wohl ein Verbrechen sein. Denn das ist eine (Vor-) Entscheidung, die diese Jugendlichen (in der gegenwärtigen aufgeheizten gesellschaftlichen Debatte) wahrscheinlich nie mehr los werden können, auch wenn sie in einer fortgeschrittenen Phase der Entwicklung selbst nicht mehr homosexuell empfinden.

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Wenn ein Staat homosexuelle Beziehungen den heterosexuellen rechtlich weitgehend gleichstellt, dann muss er auch gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (so, wie die heterosexuelle Ehe) unter den Schutz der Allgemeinheit stellen, nicht aber (im Gegensatz zur Ehe von Mann und Frau) unter eine besonderen Förderung durch die Allgemeinheit. Das ist gut begründet: Jedes Menschenleben und jede Lebensgemeinschaft muss grundsätzlich unter dem Schutz der Allgemeinheit (z. B. des Staates) stehen, wer sich aber für eine homosexuelle Partnerschaft entscheidet, wählt bewusst eine Lebensform, in der Kinder nicht von diesen beiden Partnern gezeugt, ausgetragen und geboren werden können. Sie brauchen daher nicht die besondere Förderung wie eine Familie. Wenn es aber die Gesetze eines Staates erlauben (ob dies sinnvoll und angemessen sein kann, ist eine andere Frage), dass aus einer homosexuellen Gemeinschaft (in welcher Weise auch immer) eine Familie wird, in der Kinder zwar nicht gezeugt oder geboren werden, aber doch (z. B. durch Adoption) aufwachsen können, so steht ihr von staatlicher Seite die gleiche Förderung zu, wie jeder anderen Familie auch.

So weit können Christen und christliche Institutionen solche gesellschaftlichen Entscheidungen mitgehen. Wir müssen aber unterscheiden zwischen den Rechtsbestimmungen in staatlich organisierten Gesellschaften und den Folgerungen aus einem biblisch begründeten (individuellen und kollektiven) Menschenbild. Beide gehen von verschiedenen Voraussetzungen aus und sie haben verschiedene Zielausrichtungen. Und die Kirchen sollten sich hüten, ihr Menschenbild auf ein bestimmtes Modell gesellschaftlicher Ordnungen und sexuellen Verhaltens reduzieren zu lassen. Ihr Menschenbild ist unendlich weiter und größer und von daher stellt sich die Frage nach der Einordnung von Homosexualität anders.

Was ist Homosexualität? In den meisten gegenwärtigen Gesellschaften versteht man sie als eine mögliche Lebensform unter anderen und daran ist, gesellschaftlich gesehen, nichts auszusetzen. Für eine biblisch fundierte Antwort gelten aber andere Begründungen (wir kommen noch darauf). In der Diskussion wird die Frage nach der Homosexualität gegenwärtig oft noch einmal zugespitzt: Ist Homosexualität eine „Schöpfungsvariante“, also eine ganz normale, angeborene und unveränderliche Variante der sexuellen Orientierung, oder ist Homosexualität eine Fehlentwicklung, die, möglicherweise schon während der Schwangerschaft hormonell vorbelastet, meistens aber im Laufe der Kindheit und Jugend eines Menschen durch schädigende und desorientierende Einflüsse zu Stande gekommen ist?

Warum diese Frage so sehr in den Vordergrund gestellt wird, erkennt man an ihren Folgerungen: Indem man Homosexualität zu einer „Schöpfungsvariante“ erklärt, kann man das Fundament christlichen Glaubens im Wort Gottes wieder ein Stückchen weiter demontieren: „Da seht ihr es wieder mal! Gott selbst hat doch die Homosexualität geschaffen (als eine Variante seiner Schöpfung) und gleichzeitig verbietet er sie in seinem Wort! Welch ein Widerspruch! Entweder ist die Bibel nicht Gottes Wort oder (wahrscheinlicher) sind beide (Gott und die Bibel) nur menschliche Erfindungen!“ Da wird die eigentliche Absicht hinter den Argumenten erkennbar: Es geht gar nicht um die homosexuell empfindenden Menschen. Aber man kann sie wirkungsvoll als Mittel zum Zweck benutzen, um den Prozess der Entkirchlichung unserer Gesellschaft wieder ein Stück voranzutreiben. Man will die Kirche in Widerspruch bringen zu sich selbst und zu ihren biblischen Grundlagen und so ihre Glaubwürdigkeit untergraben. Und: Man will die Kirchen zwingen, ihre Kräfte auf einem abseits gelegenen „Kampfplatz“ zu verschleißen und so verhindern, dass sie in unserer Zeit ihre eigentliche Berufung erkennt und wahrnimmt. Man will dazu beitragen, die Kirchen (nach innen und zwischen den Konfessionen) zu spalten, will immer neue Gegensätze konstruieren und Feindschaften aufbauen zwischen den Vertretern der verschiedenen Positionen, auch zwischen den verschiedenen Konfessionen. Und man ist zur Zeit sehr erfolgreich damit.

Wenn wir in der Frage nach der Bedeutung der Homosexualität zu einem biblisch begründeten Standpunkt kommen wollen, müssen wir im Gesamtzusammenhang der biblischen Botschaft nach der Bedeutung von Liebe und Sexualität fragen (siehe dazu auch das Thema „AHaBaH – das Höchste ist lieben“ im Bereich „Grundfragen des Glaubens“). Das soll im folgenden Kapitel „Mann und Frau“ geschehen (siehe die Abschnitte „Das biblische Menschenbild“ und „Der Segen“. Davor soll aber noch auf Entwicklungen hingewiesen werden, durch die die soziale Stellung von Männern und Frauen innerhalb von Lebens- und Kulturgemeinschaften entscheidend geprägt wurden (siehe Abschnitt 3.1 „Gaben und Aufgaben“).

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3 Mann und Frau

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3.1 Gaben und Aufgaben (vgl. im Thema „Wirtschaft“ den Beitrag „Leben in Gemeinschaft“)

Wie schon im Beitrag 1 „Generationen“ will ich hier einige Zusammenhänge verdeutlichen, indem ich sie in eine fiktive Gruppe von Jägern und Sammlern in der Frühzeit der Menschheit zurückverlege.

Die moderne Forschung über Menschen-Gemeinschaften aus der Zeit vor der sogenannten „Landwirtschaftlichen Revolution“ (mit der auch die Sesshaft-Werdung der Menschen in wachsenden Siedlungen begann und die in vielen Welt-Gegenden nach und nach das Zeitalter der Jäger und Sammler ablöste), zeigt immer deutlicher, dass damals das Verhältnis von Männern und Frauen noch nicht so einseitig zugunsten der Männer ausgebildet war. Das patriarchalische Prinzip der Herrschaft der Männer über die Frauen entstand wahrscheinlich erst, als sich allmählichen eine ortsfeste Lebensweise durch Landwirtschaft und Siedlungsbau durchsetzte. Die entscheidenden „Treiber“ dieser Entwicklung waren zunächst kaum erkennbar, ihre Auswirkungen aber um so deutlicher:

Erstens: Der Besitz. Die Menschen-Gruppen hatten nun als sesshafte Gemeinschaften einen erweiterten Besitz (z. B. gerodetes und bearbeitetes Land, ein unschätzbarer Wert, in dem die Arbeit von Generationen steckte, dazu Häuser, landwirtschaftliche Geräte, Vorräte, Viehherden bei Hirtenvölkern …). Besitz, der selbstverständlich Begehrlichkeiten weckte. Bis dahin hatten Menschengruppen, die als Nomaden von Lagerplatz zu Lagerplatz zogen und die dabei den Wanderungen ihrer bevorzugten Beute-Tiere folgten, nur so viel Besitz, wie sie selbst tragen konnten: Kleidung und Jagdwaffen, einige wenige Werkzeuge und Geräte, ihre Kleinkinder als kostbarste „Fracht“. Eine nomadisierende Gruppe dagegen, die eine landwirtschaftliche Siedlung eroberte, setzte sich ins „gemachte Nest“. Eroberung war wesentlich einfacher und führte schneller zum Erfolg als eigene Anstrengungen zum Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung. Das aber hatte zur Folge, dass die Verantwortung der Männer für die Verteidigung ihrer Familien, ihres Besitzes und ihrer Lebensgrundlagen nun eine wesentlich größere Bedeutung bekam. Die Folge: Die Männer einer Siedlung hatten nun als Verteidiger der Familien und ihres Besitzes eine herausgehobene Stellung und wurden nach und nach zu deren „Herren“.

Zweitens: Die leichtere Ernährung. Das über viele, viele Generationen angesammelte und sehr umfangreiche Wissen der Frauen über alles, was in der Natur als Nahrung zur Verfügung stand, verlor an Bedeutung. Bis dahin war eine große Bandbreite an pflanzlicher Nahrung (Früchte, Blätter, Pilze, Wurzeln, Knollen …) und tierischer Nahrung (Insekten, z. B. Heuschrecken, Kleingetier, Fische, Krebse, Eier …) nötig, um in jeder Jahreszeit die Sippe zu versorgen (eine nomadisierende Lebensweise ließ ja keine größere Vorratshaltung zu). Dabei machte die Jagd der Männer auf Großtiere wie Rehe oder Wildschweine oder gar einen Bären nur einen relativ kleinen Anteil der gesamten Nahrung aus, was die Bedeutung der Arbeit der Sammlerinnen noch vergrößerte. Nun aber ernährte man sich hauptsächlich von den wenigen Pflanzenarten, die man selbst anbaute (Reis, Mais, Weizen, Hirse…), und von den wenigen Tierarten, die man selbst domestiziert hatte und züchtete (Schafe, Ziegen, Rinder …). Das hatte zur Folge: Man lebte jetzt leichter, aber die Frauen waren nun nicht mehr die Wissenden, von deren Kenntnissen das Überleben der Gruppe im Winter oder in der Trockenzeit abhing, sondern sie wurden nach und nach so etwas wie  „Arbeits-Tiere“ auf den Feldern der Gemeinschaften, in denen die Männer nun die tonangebende Rolle spielten.

Zur Zeit der Jäger und Sammler (und das war in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit die weitaus größere Zeitspanne!) war die Zusammenarbeit der Geschlechter und Generationen noch viel unmittelbarer und von den Notwendigkeiten des Alltags und von den Herausforderungen des Lebens und Überlebens bestimmt. Und die jeweilige Besonderheit der Begabungen von Männern und Frauen (die auch heute noch weitgehend noch aus jener Zeit stammen), haben sich seitdem kaum verändert:

Noch immer sind Männer (jedenfalls durchschnittlich und aufs Ganze gesehen) körperlich stärker als Frauen, noch immer sind sie auf der Jagd nach Erfolgen, sind sachorientiert und auf eingeengte Aufgabenstellungen fixiert, noch immer sind sie so sehr auf vorgegebene Ziele fokussiert, dass sie viele andere Gegebenheiten aus den Augen verlieren, wenn sie einer bestimmten Fährte folgen. Das wäre auch gar nicht anders gegangen, wenn sie der Spur eines Rehes oder Wildschweins folgend die Urwälder durchstreiften, da mussten sie zäh und zielorientiert vorgehen.

Diese Eigenschaften sind aber auch noch heute aktiv, wenn Männer auf der Jagd sind, auf der Jagd nach Erfolg, als Manager oder als Fußballer, als Handwerker oder als Drogenhändler… Auch da sind sie sachorientiert, fokussiert, fixiert und kümmern sich wenig um die sozialen Bedingungen und die menschlichen und zwischenmenschlichen Folgen ihres Handelns. Ein extremes Beispiel: Der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, Rudolf Höss, war bis zuletzt, auch als er schon wegen seiner ungeheuerlichen Verbrechen als Angeklagter vor Gericht stand, noch stolz darauf (und hat das auch zum Ausdruck gebracht), wie perfekt und erfolgreich er die ihm übertragene Aufgabe der Ermordung von Millionen Menschen organisiert und durchgeführt hatte (und erwartete dafür Anerkennung!). Nun sind ganz gewiss nicht alle Männer mit solcher Gewissenlosigkeit gegenüber dem Leid anderer ausgestattet und mit solcher Blindheit gegenüber eigener Schuld, aber die Sachorientierung und Zielfixierung ihrer Vorgehensweisen kann auch heute noch dazu führen, dass sie die von ihrem Handeln  betroffenen Menschen mehr oder weniger aus dem Blick verlieren (z. B. wenn sie erfolgreich an den internationalen Börsen mit den Auf und Ab der Preise von Lebensmitteln spekulieren, und dabei völlig ausblenden, dass ja von eben diesen Preisen das Leben und Überleben von Milliuonen von Menschen abhängen kann).

Ganz anders die Frauen, damals wie heute. Dass Frauen gerne untereinander Klatsch und Tratsch bereden, über die und den und welche mit wem, ist eine oft belächelte Nebenerscheinung ihres Wesens, die aber gleichzeitig eine ihrer besondere Begabungen anzeigt: Ihre Fähigkeit, ihre Umwelt als soziales Beziehungssystem aufzufassen. Eben dieses soziale Beziehungssystem der erweiterten Familiensippe war ja jahrtausendelang ihr Aufgaben- und Wirkungsbereich! Sie (auch hier wieder im Durchschnitt und aufs Ganze gesehen) nehmen feinste Nuancen im Verhalten, im Reden und in der Stimmung aller Personen im Nahbereich* wahr und sie können daraus die Art und Intensität von Beziehungen und Beziehungsstörungen zwischen ihnen ablesen.

* Die Fern-Bereiche lagen ja eher im Aufgabenfeld der jagenden Männer

Während die Natur der Männer einem Pfeil gleicht, der sich den kürzesten Weg zum Ziel sucht, entspricht das Naturell der Frauen eher einer Trommel, die die Verstreuten zur Gemeinschaft ruft, deren gespanntes Trommelfell auf alle Schwingen aus allen Richtungen reagiert, die auch gern mal ihren eigenen Rhythmus dazwischentrommelt, um andere aus dem Takt zu bringen, die aber genau so gern alle zum gemeinsamen Tanz aufrufen will. (Das sind freilich Typisierungen, die der ganzen Bandbreite der Veranlagungen von Männern und Frauen nicht gerecht werden. Es gibt ja auf der weiten Skala der Eigenheiten und Fähigkeiten zwischen Männern und Frauen alle denkbaren Übergangsstufen; aber aufs Ganze und im Durchschnitt gesehen entsprechen die oben genannten Schwerpunkte doch den tatsächlichen Verhältnissen.)

Beide Grundkompetenzen (Sach- und Zielorientierung der Männer und Beziehungsorientierung der Frauen) können nur dann ihre je eigenen Einseitigkeiten und Begrenztheiten überwinden, wenn sie sich gegenseitig ergänzen.

Es ist also kompletter Unsinn, wenn sich große Firmen gezwungenermaßen ein paar „Quotenfrauen“ suchen und dabei darauf achten, dass diese möglichst „männliche“ Eigenschaften und Vorgehensweisen aufweisen, damit sie die gewohnten Abläufe nicht stören. Nein, erst dann, wenn Männer und Frauen unmittelbar zusammenarbeiten, (zahlenmäßig und auch von der Verantwortungsebene her einander entsprechend, also nicht „Der Chef und seine Sekretärin“, sondern „Abteilungsleiterin und Abteilungsleiter“ usw.) können sich ihre Grundkompetenzen der Sach- und Zielorientierung einerseits und der Beziehungsorientierung andererseits einander optimal ergänzen. Und das gilt im 21. Jahrhundert noch genau so wie in der Steinzeit. Politische Parteien in Demokratien (die besonders sensibel sein müssen für gesellschaftliche Strömungen, damit sie ihre Wahl-Chancen nicht verspielen) besetzen ihre leitenden Funktionen neuerdings mit weiblich- männlichen „Doppelspitzen“ und siehe da, sie sind (nicht immer, aber meistens) sehr erfolgreich.

Idealerweise müsste man innerhalb eines Unternehmens (in jedem Arbeitsbereich bis zur obersten Leitung) kleine Teams bilden, in denen Männer und Frauen (und bei beiden auch verschiedene Altersgruppen!) gleichmäßig verteilt sind und gleichberechtigt zusammenarbeiten. Dass heute immer noch große Firmen meist allein von Männern geleitet werden, liegt unter anderem daran, dass die bestimmenden Gremien (z. B. Aufsichtsräte oder Aktionärsversammlungen usw.) vor allem die kurzfristige Zielorientierung an der Gewinnmaximierung im Blick haben und nicht eine längerfristige Orientierung an der Gesamtentwicklung des Unternehmens (und für eine solche kurzfristige Zielorientierung sind im allgemeinen tatsächlich Männer besser geeignet, wobei dann die notwendigen langfristigen Perspektiven oft vernachlässigt werden).

Dazu eine Beobachtung aus einem Bereich, in dem eine gegenteilige Entwicklung in Gang gekommen ist: Vor einigen Jahrzehnten konnte man an Grundschulen abzählen, dass der ganz überwiegende Teil des „Lehrkörpers“ aus Frauen bestand. Der Schulleiter aber war fast immer ein Mann. An kleineren Schulen waren etwa ein Dutzend Lehrerinnen beschäftigt und der einzige Mann im Kollegium war der Schulleiter. Und man konnte oft sehr deutlich wahrnehmen, wie sehr das weibliche Element der Beziehungsorientierung in der Leitung fehlte und wie sehr das männliche Element der Sachorientierung im unterrichtenden Kollegium. Heute sind meist auch die Schulleitungen von Grundschulen mit Frauen besetzt und viele Kinder bekommen frühestens in der Hauptschule oder im Gymnasium einen männlichen Lehrer zu Gesicht. Und auch diese Einseitigkeit tut den Kindern nicht gut.

Zu der notwendigen Ergänzung der Begabungen von Männern und Frauen kommt als zweite Notwendigkeit die gegenseitige Ergänzung durch die Generationen (siehe dazu den ersten Beitrag „Generationen). Jugendliche „Singles“, Männer und Frauen im mittleren Alter (oft mit der Verantwortung für eine Familie mit kleinen und größeren Kindern) und alte Menschen haben (ganz selbstverständlich)  sehr verschiedene Sichtweisen auf ihre Wirklichkeit und verschiedene Herangehensweisen an Aufgaben und Herausforderungen (das ist richtig und muss so sein). Auch diese Verschiedenheiten sind auf Ergänzung angelegt und nicht auf Trennung in altershomogene Gruppen.

Gegenwärtig kann man aber beobachten, wie sich unter den Generationen ein gegenseitiges Nicht-Verstehen breitmacht. Die Älteren verstehen oft die Sprache, die Denkweisen und Verhaltensformen der „Jungen“ nicht und die Jüngeren wehren sich dagegen, die Ansichten, Vorgehensweisen, Absichten und Ziele der „Alten“ zu übernehmen und die Mittelgruppe der Eltern mit kleinen Kindern hat noch einmal andere Schwerpunkte. Die Folge ist oft ein sprachloses Aneinander-vorbei-Leben der Generationen (siehe Beitrag 1 „Generationen„). In der Realität der Aufgaben und Herausforderungen braucht aber jede Arbeitsgemeinschaft die Impulsivität und Beweglichkeit der Jüngeren, die verantwortungsbewusste Zuverlässigkeit der mittleren und die abwägende Erfahrung der älteren Generation (auch das pauschalisierende, aufs Ganze gesehen aber zutreffende Beschreibungen).

Die gelingende Zusammenarbeit der Geschlechter und Generationen ist eine wichtige Voraussetzung für jedes Gemeinschaftsleben, und das gilt auch für alle Belange des Lebens und Handelns, heute genau so  wie früher.

Nun aber geht es darum, das Miteinander der Genarationen auch spirituell zu begründen. Und hier ergeben sich verblüffende Perspektiven, wenn man dabein das biblische Menschenbild zugrunde legt.

3.2 Biblisches Menschenbild

Bisher haben wir vor allem das biologisch-natürliche Wesen des Menschen angesprochen. Nun soll erkennbar werden, dass jedes Menschenleben auch eine spirituelle Dimension hat: Welches „Menschenbild“ wird in den Aussagen der Bibel erkennbar?

Die Bibel sagt: Materiell gesehen ist der Mensch gar nichts Besonderes. „Staub vom Erdboden” ist er, heißt es da (1. Mose 2, 7, siehe den Themenbeitrag „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”). Und die Bibel hat recht: Die Atome, aus denen ein menschlicher Körper zusammengesetzt ist, unterscheiden sich in nichts von denen, die den „Staub vom Erdboden” bilden. Auch biologisch gesehen ist der Mensch nichts Besonderes. Biologisch funktioniert er genau so wie jedes andere Lebewesen auch. Und genetisch ist er den Säugetieren (einem Hund z. B. oder einer Maus) ganz eng verwandt. Das Besondere des Mensch-Seins liegt nicht in seiner Materie und nicht in seiner Biologie. Worin aber dann? Was macht denn dann das Mensch-Sein des Menschen aus? Die Bibel sagt: Das Besondere am Menschen liegt in seiner Berufung, liegt in dem, was er sein kann und werden soll. Jedes Tier erfüllt den Sinn seines Daseins allein schon durch sein Da-Sein als Mit-Geschöpf im Beziehungsgefüge des Lebens. Es kann seinen Lebenssinn nicht verfehlen. Der Mensch aber hat die Erfüllung seines Lebenssinns als Aufgabe bekommen, die er erfüllen oder auch versäumen kann. Er ist das einzige Lebewesen, das den Sinn seines Daseins nicht in sich selbst hat, sondern ihn suchen und finden und als Berufung annehmen muss.

Aber was ist das für eine Berufung? Das steht schon auf der ersten Seite der Bibel: 1.Mose 1, 26-27 (wörtliche Übersetzung): Und (es) sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (…) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn …

Biblisch gesehen ist dieses auf zwei Beinen aufrecht gehende Lebewesen „Mensch” nicht definiert durch das, was es ist (ein relativ intelligentes Säugetier) sondern durch das, was es sein soll: Der Mensch ist im Vergleich zu allem Vorangegangenen eine wirkliche Neuschöpfung Gottes, trotz seiner biologischen Nähe zu den Säugetieren. Und dieses „ganz Neue“ ist nicht materieller und nicht biologischer Art, sondern besteht in einer besonderen, nur die Menschen betreffenden Berufung: Die Schöpfung „Mensch“ soll „Bild“ sein, Ikone – Ikone Gottes, das heißt: sichtbare Darstellung des Schöpfers in der Schöpfung, anschaubare Vergegenwärtigung Gottes mitten in einer scheinbar gottlosen Welt. Dabei ist aber der Mensch keine optische Abbildung Gottes, als wäre Gott ein Wesen mit menschenähnlicher Gestalt, mit Armen und Beinen, mit Augen, Mund und Nase… (dann wäre ja Gott ein Abbild des Menschen, und so haben sich Menschen zu allen Zeiten ihre Götter vorzustellen versucht, schauen wir uns doch die Götterbilder der Religionen an).

Nein, der Mensch ist keine optische Abbildung Gottes sondern eine wesentliche. Durch das Menschsein soll das Wesen Gottes in der Schöpfung anwesend sein. Aber, wer ist Gott, was ist denn sein eigentliches Wesen? Und wozu hat er uns geschaffen und was erwartet er von uns? Die Antworten auf solche Fragen sind von uns aus nicht zugänglich. Wir können mit den Mitteln menschlicher Erkenntnisfähigkeit nur so viel von Gott erfassen und mit den Mitteln menschlichen Sprache nur so viel von Gott aussagen, als er selbst sich uns offenbart.

Und Gott hat sich offenbart: In der Schöpfung, in der Geschichte Israels, im Leben, Reden und Handeln Jesu, auch in der Geschichte des Judentums und der Christenheit der vergangenen 2000 Jahre und in der Weltgeschichte und Heilsgeschichte bis heute. Und in dieser Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass die Existenz Gottes wesentlich in einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, einem „In-Beziehung-Sein“, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben (siehe den Themenbeitrag „AHaBaH – das Höchste ist Lieben).

In der Bibel klingt das so: 1. Joh 4, 7-8: Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, seine „Person“, seine „Substanz”, seine „Identität”, sein „Geist“.

Die Bibel beschreibt (in deutscher Übersetzung) das Wesen Gottes in drei Worten: Gott – ist – Liebe. Damit ist alles Wesentliche über den Gott der Bibel ausgesagt: Sein Wesen ist ein „Für-den-andern-da-sein“ in voraussetzungsloser Annahme und uneingeschränkter Zuwendung, in unerschütterlicher Treue und opferbereiter Hingabe. Und diese Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht, die soll nun als sein „Ebenbild” auch das Mensch-Sein des Menschen bestimmen. Das, was das Menschsein des Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zu lieben. Zu lieben aus bewusster Hingabe an ein Du. Zu lieben, auch wenn es für das eigene Ich Nachteile einbringt. Zu lieben, auch wenn es etwas kostet; auch wenn es in einer extremen Situation viel kostet.

Solche Liebe, die sich bewusst an ein Gegenüber hingibt, die nicht sich selbst erhöhen, sondern dem andern zur Erfüllung seines Menschseins und zur Freude am Dasein helfen will, die sich aus freiem Willen für eine Gemeinschaft engagiert und die sich sogar selbst unter Zurückstellung des eigenen kreatürlichen Lebenswillens für das Gefährdete und Verlorene einsetzen kann, um es zu retten, das ist das Göttliche, das sich im Menschsein widerspiegeln soll als sein Ebenbild und das durch den Menschen in der Schöpfung gegenwärtig und wirksam sein soll.

Diese Liebe soll auch zur Überwindung des universalen Ego-Prinzips der Evolution werden im Miteinander der Menschen. Sie ist das Gegenmodell zum „Kampf ums Dasein”, und zum Prinzip vom „Fressen und Gefressen-werden”, die sonst alles Leben beherrschen. Mitten in einer Natur, in der jedes Lebewesen um seinen Lebensraum und seine Lebensmittel kämpfen muss, schafft Gott mit dem Menschen ein Geschöpf, das die Möglichkeit hat, seinen Lebensraum bewusst als Raum der Gemeinschaft zu gestalten und seine Lebens-Mittel im bewussten Miteinander und Füreinander zu erwerben.

Wer und wie ist Gott? In der Bibel lesen wir nichts darüber wie Gott aussieht, aber die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite voll davon, was Gott tut, was er aus Liebe tut. Darin also, im Tun der Liebe, soll der Mensch, soll jede menschliche Gemeinschaft, ja soll das Menschsein als Ganzes ein erkennbares „Abbild“ Gottes werden. Nein, das ist nicht unmöglich! Trotz aller schuldhaften Verirrung und Entfremdung menschlichen Lebens und Handelns ist doch das Bild der Liebe Gottes im Menschsein nicht gänzlich verloren und zerstört. Es ist trotz allem erkennbar, anschaubar, erfahrbar und nachahmbar, wenn auch zunächst nur in einem Einzigen. Wer mich sieht, der sieht den Vater, sagt Jesus (Joh 14,9). Aber damit spricht Jesus für sich das aus, was eigentlich die Berufung allen Menschseins ist: Bild Gottes zu sein. Wenn man die Menschen anschaut, nicht wie sie aussehen, sondern wie sie als Gemeinschaft miteinander leben und miteinander umgehen, und wie sie einander lieben, dann soll man eine erste, vorsichtige Ahnung davon bekommen: So ist Gott. Und das kann sich in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit menschlicher Gemeinschaft hier und jetzt an jedem Ort dieser Erde vollziehen.

Gott ist die Liebe und deshalb handelt er als Liebender. Wir Menschen können Gott nicht sehen, wir können nicht direkt erkennen, wer er ist und wie er ist. So ist es ja auch bei unseren Mitmenschen: Wir können nicht in das Herz unseres Nachbarn schauen, dessen innersten Gedanken, Motive, Abtriebe bleiben uns verborgen. Wir können nur an seinem Verhalten, Reden und Handeln indirekt erahnen, wer er ist und wie er ist. So ist es auch bei Gott. Wir können nicht direkt wahrnehmen, wie Gott ist. Wir können aber auch das Handeln Gottes nur manchmal (und oft sehr unvollkommen) wahrnehmen und deshalb beruft Gott eines seiner Geschöpfe zu seinem „Ebenbild”, damit man an dessen Sein und Leben und Handeln etwas wahrnehmen kann vom Wesen Gottes. Von Gott her gesehen soll das Menschsein – jedes Menschsein – durch sein Leben und Zusammenleben zum erkennbaren „Bild” der Liebe Gottes werden, darum geht es. Aber das geht eben nur, wenn auch das Verhalten und Handeln der Menschen erkennbar von dieser Liebe gestaltet wird.

Wir wissen selbst, wie sehr dieses Bild Gottes im Menschsein unter uns überdeckt, verdunkelt, verzerrt und entstellt ist. Nur in Jesus, in seinem Leben, Reden und Handeln ist ein menschlich wahrnehmbares „Bild“ Gottes unter uns gegenwärtig, das wirklich die Fülle seiner Liebe widerspiegelt, aber eben nicht als optisch erkennbare Gestalt (wir wissen ja nichts darüber, wie Jesus als Mensch ausgesehen hat), sondern als Vergegenwärtigung und „Bild” der Liebe Gottes im Leben und Tun.

Es genügt dem Schöpfer nicht, ein gigantisches, aber stummes, lebloses und sinnloses Universum zu schaffen, wie ein riesiges Feuerwerk, das aufleuchtet, eine Weile in großartigen Farben und Formen brennt und dann verlischt (siehe das Thema „Zwischen Schöpfung und Vollendung”). Nein, Gott macht das Universum als eine Art „Bühne“, als Bühne für ein „Spiel der Liebe“ und das soll sich hier, hier auf dieser armen, leiderfüllten und doch auch so wunderschönen Erde „ab-spielen”. Und wenn dieses Spiel der Liebe sich entfaltet, will der Schöpfer-Gott, der selbst ganz Liebe ist, dadurch mitten im Geschaffenen gegenwärtig sein.

Gott will sich in seiner Schöpfung ein Gegenüber erwecken, das sein Ebenbild ist, erkennbare und erfahrbare Vergegenwärtigung seiner Liebe mitten in dieser Welt und mit dem er eine Liebesbeziehung beginnen kann.

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Die Verwirklichung von Liebe, welche die Bibel herausfordern will, meint jedes Miteinander und Füreinander in menschlicher Gemeinschaft, durch das ein Mensch einem anderen wohltun, ihm helfen, ihn schützen und fördern will. Jede Liebe, die bereit ist, um des andern willen sich selbst zurückzunehmen, die sich am andern freut, ohne ihn besitzen und beherrschen zu wollen, die sich verschenkt, ohne nach Gegenleistungen zu fragen, ist „Bild“ Gottes. Im Besonderen aber will Gott sein Wesen durch die Liebe zwischen Mann und Frau abgebildet sehen (1. Mose 1, 27 … zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau) und in dieser Liebe ist die Sexualität ein zwar kleiner, aber doch sehr bedeutender Teilaspekt.

Die Liebe zwischen Mann und Frau ist nach der ursprünglichen Schöpfungsordnung das Gleichnis, an dem unsere irdischen Augen das Wesen Gottes, den wir ja nicht sehen können, doch erkennen sollen. Das Zentrum und Geheimnis der Liebe zwischen Mann und Frau ist nicht zuerst die sexuelle Vereinigung (auch eine brutale Vergewaltigung oder Kindesmissbrach ist ja Sexualität!), sondern besteht in ihrer Abbild-Funktion für die Liebe Gottes. Und dies gilt trotz aller Entstellung und Verzerrung, die die Liebe zwischen Mann und Frau zu allen Zeiten, und gerade auch in unserer Gegenwart, erfährt. Immer wieder im Alten und Neuen Testament spricht Gott die Menschen an als Liebender, offenbart sich ihnen in menschlichen Bildern als Bräutigam oder Ehemann.

In der Liebe zwischen Mann und Frau begegnen sich zwei grundverschiedene Wesen mit je besonderer Eigen-Art und je besonderem Eigen-Wert, die nur durch die gegenseitige Ergänzung ihrer Verschiedenheit zur Einheit werden können. Und darin (und da ist auch die Sexualität von Mann und Frau mitgemeint) soll sie (diese Liebe) „Eben-Bild“, also anschaubare Vergegenwärtigung Gottes sein in dieser scheinbar so gottlosen Welt. Und deshalb kann eine homosexuelle Beziehung nicht als dem Willen und der Absicht Gottes entsprechend angesehen werden. Homosexualität ist eben nicht Begegnung und Ergänzung der (geschlechtlich und auch sonst) Verschiedenen (Mann und Frau – verschiedener geht‘s nicht), sondern Verdoppelung des grundsätzlich Gleichen; und sie hat deshalb auch nicht Anteil an der von Gott gegebenen Zeugungskraft der Sexualität für die Entstehung neuen Lebens (siehe den Abschnitt 2.1 „Biologische Bedeutung der Zweigeschlechtlichkeit“). Nicht die Doppelung des Gleichen, sondern die Ergänzung des Einen durch den grundsätzlich Anderen in liebender Zuordnung, das entspricht der Schöpfungsabsicht Gottes mit den Menschen. Homosexualität aber will bei sich selbst bleiben, will das Wagnis der Öffnung für das ganz andere nicht eingehen, sucht nicht Ergänzung, sondern Selbstbestätigung.

Selbstverständlich sind auch Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften verschieden, aber diese Verschiedenheit ist offensichtlich nicht so grundsätzlich und so tiefgehend (weder genetisch noch persönlich), dass ihre Überwindung und Ergänzung durch die Liebe von Gott als „Eben-Bild“ seines Wesens anerkannt werden könnte. Homosexualität ist im Grunde Furcht vor der Begegnung mit dem ganz anderen, dem unsere Liebe gelten sollte (mit dem man aber möglicherweise schlimme Erfahrungen gemacht hat). D. h., das Leben von Menschen in einer homosexuellen Beziehung widerspricht dem von Gott gewollten Schöpfungsauftrag des Menschseins. Deshalb spricht die Bibel davon, dass gleichgeschlechtliche Sexualität für Gott „ein Gräuel“ ist (z. B. 3. Mose 18, 22).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich sind Menschen, die in einer homosexuellen Gemeinschaft leben oder Singles, die allein leben oder verwitwete ältere Menschen usw. keine „Defizit-Menschen“ bei Gott, weil sie nicht in einer heterosexuellen Partnerschaft leben. Die Liebe, die Gott meint, kann und soll sich in jedem Miteinander von Menschen verwirklichen, und Gott selbst liebt sie gewiss nicht weniger als heterosexuell verheiratete Paare, aber die „Eben-Bild-Funktion“ des Menschseins für die Liebe Gottes kann eben in der Liebesgemeinschaft von Mann und Frau am deutlichsten erkennbar werden.

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Es ist seltsam: Die tatsächliche Zahl homosexueller Paare, die sich kirchlichen Gemeinden  zuordnen und die tatsächlich eine kirchliche Segnung wünschen, ist relativ gering. Und es gibt nur ganz wenige homosexuelle Pfarrer/innen, die tatsächlich im Pfarrhaus zusammenleben möchten (und auch bei denen müsste man noch fragen, welche Motive dahinter stehen) und doch stürzen sich alle kirchenleitenden Gremien auf dieses Thema, als wäre es das wichtigste Problem, das es in unserer Zeit zu lösen gilt. Und das, obwohl sie sehen, wie die Gemeinden und Kirchen daran zu zerreißen drohen.

Man will auf jeden Fall vermeiden, Menschen zu diskriminieren, die zu einer Minderheit in der Gesellschaft gehören, und das ist richtig und gut. Diskriminierung, also Herabsetzung, Verachtung, Entrechtung und Verfolgung kann und darf niemals eine angemessene Reaktion auf die Andersartigkeit von Minderheiten sein. Das muss selbstverständlich auch für Minderheiten mit homosexueller Prägung gelten. In der aktuellen Debatte geht es aber gar nicht um Diskriminierung im oben genannten Sinn, sondern darum, dass hier eine gut organisierte, aktive und zum Teil auch aggressive Minderheit versucht, ihren Lebensstil der Mehrheit als den einzig richtigen aufzuzwingen (siehe dazu das Thema „Das Gender-Konstrukt„). Gewiss, die Kirche ist Minderheiten gegenüber zu Offenheit und liebevoller Zuwendung verpflichtet, aber sie ist nicht verpflichtet, dafür sich selbst aufzugeben. Auch die Kirche muss das Recht haben, ihre Identität auf der Grundlage ihrer Verfassung (der Bibel) zu bewahren und zu schützen.

Noch einmal: Es geht nicht um Diskriminierung. Menschen mit homosexueller Orientierung (an der sie ja im Allgemeinen nicht selbst schuld sind) sollen in der Kirche einen Lebensraum haben, in dem sie (wie alle anderen auch!) an Leib und Seele heil werden können, wo sie eine Lebensperspektive finden, die über alle fehlgeleiteten Fixierungen hinausweist, und die sie (vielleicht) befreien kann für ein Leben in der Fülle der Liebe Gottes, die auch eine erfüllte Sexualität in der Paarbeziehung der Ehe zwischen Mann und Frau mit einschließt. Wenn aber in unserer Gegenwart aktive Schwulen- und Lesbenverbände die Mehrheit in der Kirche aus der Minderheiten-Position heraus als die angeblich Schwächeren zwingen wollen, ihre Vorstellungen (die zugleich auch eine Absage an die Gültigkeit des Wortes Gottes für das Leben in der Kirche bedeuten) als die alleingültigen zu akzeptieren und durchzusetzen, dann muss ihnen entschieden Widerstand geleistet werden. Kirche soll heilsame Gemeinschaft sein für aus Not und Schuld, aus Unrecht und Unheil Befreite, nicht Spielwiese für Zeitgeist-Begeisterte.

Das soll an folgendem Beispiel deutlich werden, um das es gegenwärtig heftige Auseinandersetzungen gibt: An der Frage, ob christliche Kirchen homosexuelle Verbindungen in gleicher Weise segnen können wie die Ehe von Mann und Frau.

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3.3 Der Segen

Das ist die Ur-Form des Segens in der Bibel: Der sogenannte „Aaronitische Segen“. Gott selbst redet hier Menschen an (Aaron und seine Söhne) und fordert sie auf, dass sie anderen Menschen den Segen Gottes zusprechen. „So sollt ihr sagen …: Der Herr* segne dich und behüte dich; der Herr lassen sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6, 24-27) Also: Gott ist der Segnende, immer, ausnahmslos. Aaron soll nicht sagen „Ich segne dich“, das wäre falsch und anmaßend. Er soll sagen: „Der Herr segne dich…“ Menschen sind (wie hier Aaron und seine Söhne) aufgefordert, anderen Menschen diesen göttlichen Segen zuzusprechen. Und dann will Gott selbst diesen Segen zur Auswirkung bringen, indem er die Gesegneten behütet, ihnen gnädig ist, ihnen nahe ist und auf sie achtet mit leuchtendem Angesicht, ihnen Frieden gibt …, in vielerlei Weisen und Erfahrungen.

*Die Redeform „der Herr“ ist in den meisten deutschen Übersetzungen ein Ersatz für den im Urtext stehenden Gottesnamen „JHWH“ (siehe dazu den Beitrag „Gottes- und Menschenliebe“ zum Thema „AHaBaH“ – das Größte ist lieben“ im Themenbereich „Grundfragen des Glaubens).

Und wer ist an dieser Stelle der oder die Angesprochene; wer soll da gesegnet werden? Ich kann die Namen der Gesegneten nicht sagen, denn angesprochen und gesegnet wird hier ein ganzes Volk, das Volk Israel, mit allen die dazugehören, ohne Ausnahme. Und das, obwohl ja Gott, als er Aaron diesen Segnungs-Auftrag gibt, sehr wohl bewusst ist, dass es in diesem Volk auch Menschen gibt, die Dinge tun, die nicht seinem Willen entsprechen (er spricht das ja an vielen Stellen selbst an). Trotzdem: Die Gabe des göttlichen Segens gilt allen; ob alle diese Gabe annehmen, das ist eine andere Frage. Menschen können den Segen Gottes auch bewusst ablehnen. Und dann wird er in ihrem Leben und Erleben auch nicht zur Auswirkung kommen. Gott wird ganz gewiss seinen Segen niemandem aufzwingen. Aber er selbst lässt sich auch nicht zwingen, etwas zu segnen, das er nicht segnen will. Beide sind frei: Gott, der Segnende und wir, die Gesegneten. Segnen ist keine Zwangshandlung.

Eines aber ist klar: Die Gesegneten sind immer Menschen (Einzelne oder Gemeinschaften), nicht deren Ideen, Pläne, Vorhaben, Wünsche, Verhältnisse, Werke usw. Die Gesegneten sind immer Menschen, Menschen, die Gott (wie im aaronitischen Segen) mit „Du“ anredet.
Das haben Christen nicht immer bewusst vor Augen: Gott segnet z. B. keine Kirchen (oder sonst irgendwelche Gebäude) aber wir (also Menschen, die etwas wissen von der menschenfreundlichen Kraft des göttlichen Segens) sollen den Menschen, die in diesen Gebäuden beten (Kirche) oder wohnen (Haus) oder arbeiten (Fabrik) oder lernen (Schule) oder ihren Lebens-Abend verbringen (Altersheim) usw. den Segen Gottes zusprechen: „Der Herr segne dich …“ Gebäude können nicht gesegnet werden, weil die den Segen ja gar nicht bewusst annehmen könnten – oder ablehnen. Und wenn z. B in 5. Mose 28 steht: Gesegnet wird sein (…) der Ertrag deines Ackers (…) Gesegnet wird sein dein Korb und dein Backtrog.“, dann ist ja nicht gemeint, dass Körbe und Tröge von Gott gesegnet werden, sondern dass die Besitzer der Körbe oder Tröge als Gesegnete erkennbar werden durch die Fülle der Gaben in ihnen.
Gott segnet auch keine Ämter, Titel und Ansprüche von Menschen, oder deren Besitz, deren gesellschaftliche Position usw. und schon gar nicht das Geld der Reichen, die Macht der Herrschenden und die Kriege der Eroberer … Aber er will (z. B.) auch die Reichen segnen, so segnen, dass ihr Reichtum zum Segen wird für die Armen. Er will die Regierenden segnen, so segnen, dass ihre Regierung zum Segen wird für die Menschen, die in ihrer Regierungszeit in ihrem Regierungsbezirk leben. Er will sogar die starken Kämpfer segnen, so segnen, dass sie zum Segen werden für die Schwachen, wenn sie für deren Recht, Freiheit und Wohlergehen kämpfen und für sie Gleichberechtigung und Anerkennung „erobern“. Dafür sollen wir für sie den Segen Gottes erbitten.
Gott segnet auch keine Ehe (und schon gar nicht die „Ehe für alle“), sondern er segnet Menschen, Menschen, die bewusst als Mann und Frau entsprechend seiner Schöpfungsordnung unter seinem Segen miteinander leben wollen, er segnet sie als Paar, und mit ihren Kindern als Familie (ach, wenn doch noch viel mehr von ihnen diesen ihnen schon zugesprochenen Segen annehmen wollten, wie gesegnet könnte ihr Leben sein. Sie sind ja nicht schon dadurch Gesegnete, dass sie als Mann und Frau zusammenleben, sondern dadurch, dass sie als Einzelne, als Paar und als Familie diesen Segen bewusst erbitten und annehmen).
Gott ist das Menschsein nicht gleichgültig. Deshalb ist ihm auch nicht jede menschliche Lebensform gleich gültig. Er hat sehr bewusst und um der Menschen willen die Liebesgemeinschaft von Frau und Mann zum „Eben-Bild“ für sich selbst erwählt. Es ist ja gerade die gegenseitige Wahrnehmung und Annahme, die gegenseitige Zu-Stimmung und Zu-Neigung, das gegenseitige Miteinander und Füreinander der Verschiedenen (Mann und Frau – verschiedener geht‘s nicht), die zur sichtbaren Vergegenwärtigung seiner Liebe werden soll als sein „Ebenbild“. Homosexualität dagegen bleibt im Eigenen und wagt nicht die unbegrenzte Offenheit für das ganz andere.
Trotzdem: Gott segnet auch homosexuell empfindende Menschen oder Menschen mit unbestimmter geschlechtlicher Identität: Er segnet sie und behütet sie, er erlässt sein Angesicht leuchten über ihnen und ist ihnen gnädig, er erhebt sein Angesicht über sie und gibt ihnen Frieden. Und Christen und kirchliche Amtsträger sollen ihnen diesen Segen zusprechen: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Und kein menschliches Gesetz wird je verhindern können, dass durch diesen Segen (wenn sie ihn nicht ablehnen) ihre Situation, ihr Leben und ihre Liebe, sich diesem Segen entsprechend formt und erneuert. Aber: Der Homosexualität als Lebensform hat Gott (wenn wir sein Wort in der Bibel ernst nehmen) keinen Segen verheißen (was ja nicht bedeutet, dass in homosexueller Gemeinschaft lebende Menschen ewiger Verdammnis anheimfallen; Gott will jeden Menschen segnen, und wenn da alle ausgeschlossen wären, die in irgendeiner Weise gegen seinen Willen verstoßen, wer bliebe dann übrig?). Ja, Gott will Menschen segnen, aber er will keine Lebensformen segnen, von denen er weiß, dass sie den Menschen auf Dauer nicht gut tun werden. Und kein noch so hoher Kirchenfürst und keine noch so heilige Synode wird Gott jemals zwingen können, etwas zu segnen, das er nicht segnen will. Wer meint, in der Kirche einen Segens-Anspruch durchsetzen zu können, wird den Segen Gottes nicht erlangen.

Wir müssen unterscheiden: Die Ehe ist eine gesellschaftlich anerkannte und geförderte Institution der Staaten, und die Staaten haben das Recht, dafür Regeln und Gesetze zu beschließen. Sie haben auch, wenn die Mehrheit in einem demokratischen Staat es so entscheidet, das Recht, die Institution der Ehe auch für homosexuelle Paare freizugeben (ob das eine kluge und auf Dauer „nachhaltige“ Entscheidung ist, sei dahingestellt). Aber es ist nicht sinnvoll, gesellschaftliche Institutionen mit göttlichen Verheißungen in einen Topf werfen.
Denn: Gott ist keine gesellschaftlich begründete Institution. Sein Wille kann nicht durch Mehrheitsbeschlüsse außer Kraft gesetzt werden. Seine Verheißungen stehen auch nicht unter dem Vorbehalt der Zustimmung leitender Kirchenorgane. Er will Menschen segnen, alle Menschen. Aber sein Segen ist eben mehr als eine günstigere Steuerklasse oder eine bessere Stellung im Adoptions- oder Erbschaftsrecht. Sein Segen gibt den Menschen Anteil an seiner Liebesfähigkeit. Und das gilt (wenn es angenommen wird) für alle Menschen, gleich welcher sexuellen Orientierung.
Der Liebesgemeinschaft von Mann und Frau aber gibt der Segen Gottes (wenn er angenommen wird) noch dazu Anteil an seiner Schöpfungskraft, nicht nur durch Zeugung und Geburt der nächsten Generation (das auch), sondern vor allem durch die Gestaltung eines Lebens- und Liebesraumes in der Familie, in dem sie, als Mutter und Vater, selbst zum Segen werden können für ihre Kinder (und darüber hinaus noch für viele andere).

Damit wir nichts falsch verstehen:  Nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau soll zum „Eben-Bild“ Gottes werden, sondern jede menschliche Gemeinschaft (als Ehe und Familie, Nachbarschaft, Freundschaft, Arbeitsgemeinschaft usw., bis hin zur Volksgemeinschaft, Kulturgemeinschaft, Glaubensgemeinschaft …), ja, jede Art menschlicher Gemeinschaft soll nach dem Willen Gottes zur Liebesgemeinschaft werden dadurch, dass der Segen Gottes ihnen hilft, ihre Liebesfähigkeit (und das ist viel mehr und viel umfassender als nur Sex) zu entwickeln. Ja, in der Zielperspektive der Vollendung der Schöpfung soll die ganze Menschheit eine einzige Liebesgemeinschaft werden und so – als Ganzes – zum Ebenbild der Liebe Gottes. Und wir ahnen, wie weit wir davon entfernt sind.

Wir alle (alle, unabhängig von jeder sexuellen Orientierung) leben vom Segen Gottes und nur durch diesen Segen können wir auch lieben. So ist jede Liebe (nicht jede Form von Sexualität, es gibt ja auch Sexualität als Gewalt-Akt oder Liebe-leere Sextechnik), aber jede gegenseitige Wahrnehmung und Annahme, jede gegenseitige Zu-Stimmung und Zu-Neigung, jedes gegenseitige Miteinander und Füreinander, das nicht nur das Eigene sucht, sondern sich auf ein Gegenüber orientiert, etwas Göttliches im Leben von Menschen.

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Aber trotzdem: Die in Liebe und Treue „in guten wie in schlechten Zeiten“ bleibende und zugleich sich immer erneuernde Lebens- und Liebesgemeinschaft von Mann und Frau, die macht das Menschsein als „Eben-Bild Gottes“, deutlicher erkennbar als irgendwo sonst. 1. Mose 1, 27: „Und Gott schuf den Menschen (oder das Menschsein) zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“. Gott macht die Liebesgemeinschaft von Mann und Frau zu einem „Bild“, an dem, mitten in dieser scheinbar gottlosen Welt, in besonderer Deutlichkeit etwas vom innersten Wesen Gottes sichtbar und anschaubar wird. (siehe das Thema „sein und sollen“ im Bereich „Grundfragen des Lebens“). Und diesem „Ebenbild Gottes“ ist von Gott ein besonderer lebenserhaltender und lebensgestaltender Segen zugesagt.

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