Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Generationen und Geschlechter

Beitrag 1: Generationen (Bodo Fiebig)

1 Die Generationen-Folge

Im Folgenden werden Lebensphasen und Generationen zunächst einmal in einer erzählenden Weise angesprochen. Dabei mag es vielleicht etwas abwegig klingen, Phasen im Leben von Menschen und Beziehungen zwischen Generationen und Geschlechtern am Leben einer fiktiven Gruppe von Steinzeit-Menschen zu beschreiben, aber es kann ja vielleicht auch hilfreich sein, Lebenssituationen aus den vielfältigen Verwerfungen der Gegenwart herauszulösen und auf elementare Bedürfnisse, Beziehungen und Vorgänge zu reduzieren.

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Neki war eben dem Tode entkommen, einem atemlosen Tod, einem gewaltsamen Tod im Innern einer Gewalt, die sie stundenlang gefangen hielt in einer Druckkammer atemlosen Entsetzens. Und dann war sie doch entkommen, entkommen aus dunkler, weicher, warmer Geborgenheit durch die Druckkammer des Entsetzens hindurch und hinaus in eine furchterregend helle, kalte und harte Welt. Und nun war sie ganz und gar erfüllt von einem großen, namenlosen, alles erfüllenden Schrecken. Sie wusste nicht, dass man diesen großen Schrecken später einmal „Atemnot am Rande des Erstickens“ nennen würde. Dieser große Schrecken presste sie zusammen, als wollte er alles Leben aus ihr herauspressen und sie wehrte sich mit letzter Kraft. Und dann löste sich dieser Schrecken in einem Schrei. Sie selbst war dieser Schrei, ihr ganzes Sein lag in diesem Schrei; und dann fühlte sie, wie sich dieser erste großen Schrecken auflöste und zurückzog. Aber gleich danach kam der wieder mit neuer Gewalt. Sie wusste nicht, dass man diesen zweiten Schrecken später „Hunger“ nennen würde und „Kälte“ und „Tod“. Unruhig und getrieben von dem Verlangen, diesem zweiten Schrecken zu entkommen, wandte sie suchend den Kopf hin und her, hin und her, bis ihre Wange etwas berührte, etwas, was nicht schrecklich hart und kalt war, sondern weich und warm. Da formten sich ihre Lippen wie zu einem ersten Kuss. Und dann begegneten ihre suchenden Lippen dem Gegenkuss und ihre Lippen umfassten diesen Kussmund und sie begann zu saugen mit aller Kraft ihres kleinen Lebens. Und da begann auch der zweite Schrecken sich zu lösen und sie saugte und trank, bis der Schrecken sich ganz aufgelöst hatte. Dann schlief sie und sie spürte noch im Schlaf die Wärme des Körpers auf dem sie lag und fühlte den vertrauten Rhythmus seines Atems: Auf und ab, auf und ab.

Als Neki aufwachte, war dieses Auf-und-Ab verschwunden und auch die atmende Wärme war nicht mehr da. Diese Kälte und Bewegungslosigkeit erschreckte sie wieder zutiefst und auch die Todesangst kam wieder und ein Gefühl großer Verlassenheit und sie schrie mit aller Kraft. Da kam die Wärme zurück und mit ihr eine schaukelnde Bewegung: Hin und her, hin und her, hin und her … wie in der dunkel-warmen Zeit vor dem großen Schrecken: Wärme und Bewegung und Atem und Herzschlag. Und es kam die Stimme, die sie schon kannte, die jetzt ganz anders klang und trotzdem vertraut, mit einem Singsang, der sich so warm anfühlte wie die Zeit vor dem großen Schrecken. Und es kam wieder die weiche Wärme mit dem Kussmund des Lebens und Neki saugte sich wieder voll mit Nähe und Vertrautheit und Geborgenheit und warmer, satter Zufriedenheit. Neki lebte und sie würde weiterleben, obwohl doch ihr naher Tod schon beschlossene Sache war.

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Die Geburt eines Menschen ist die erste große Bewährungsprobe seines Lebens. Auch heute noch (wir nennen diese Ersterfahrung mit der Außen-Welt, mit dem Leben außerhalb des Mutterleibes das „Geburts-Trauma“). Aber wieviel härter und todes-gefährlicher war diese Bewährungsprobe damals, als frühe Menschengruppen die Wälder und Steppen nach jagbarem Getier und essbaren Pflanzen durchstreiften. Da war jede Geburt ein Kampf um Leben und Tod. Die Frau, die Neki geboren hatte, war Teil einer Gruppe von Jägern und Sammlern, die in den Wäldern und im Brach- und Buschland einer hügeligen Landschaft lebte. Es war Schnee-Zeit und das bedeutete Kälte und Mangel und Hunger und täglicher Kampf ums Überleben für die ganze Gruppe. Immer seltener konnten jetzt die Jäger ein größeres Tier erlegen, von dem die ganze Gruppe für ein paar Tage satt wurde. Zwar sammelten die Frauen und älteren Kinder immer noch Teile von essbaren Pflanzen, die sie aus den Schnee gruben, fanden Insektenlarven und Reste von Pilzen und Früchten, aber das reichte nicht und die Vorräte waren längst aufgezehrt.

Kinder, die in den Schnee-Monaten geboren wurden, hatten keine Überlebenschance. Zu grausam war die Kälte, zu wenig die Nahrung, zu groß waren die Anstrengungen, wenigstens die etwas älteren Kinder der Gruppe, die schon in der Blüh-Zeit und Früchte-Zeit des Jahres geborenen worden waren, jetzt durch die Schneezeit zu bringen. Neugeborene wären jetzt eine zu große Belastung, nicht nur für ihre Mutter, sondern auch für die ganze Gruppe, die in dieser Zeit als Ganzes ums Überleben kämpfen musste.

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Nekis Mutter war schwach und hungrig und müde und sie fror entsetzlich, aber sie drückte das kleine Bündel Leben an ihren Leib, um es warm zu halten und sie schlug ihren Fellumhang darüber und es schien ihr, als wären sie nun ein Leib, ein Leben, ein Mensch – ein Mensch, der leben wollte.

Natürlich wusste sie es. Natürlich wusste sie es, dass die in der Schneezeit geborenen Kinder ausgesetzt werden mussten: In den Schnee, in die Kälte, für die Tiere des Waldes. Das war schon immer so. Ein Neugeborenes, jetzt in der Schneezeit, wo die Männer tagelang auf Jagdzügen waren und die Frauen mit den Kindern im Schnee nach Essbarem suchten, nur für die Nacht mit einem wärmenden Feuer in einen Erdloch mit ein paar Zweigen abgedeckt, und mehrmals während der Schnee-Zeit in langem Fußmarsch in ein neues Jagdrevier wechseln …, das …, das ging eben nicht. Der Tod der Schnee-Geborenen war unausweichliche Notwendigkeit, wenn die Gruppe als Ganzes überleben wollte. Welcher Tod? Welcher Tod, das würde davon abhängen, wer schneller sein würde, die Kälte oder die Tiere.

Und dann kamen sie. Zwei Männer, auch sie hungrig und frierend, um das Neugeborene zu holen. Sie würden es ein ganzes Stück in den Wald tragen, so weit, dass man sein Schreien nicht mehr hören könnte …, dann würden sie zurückkehren.

Nekis Mutter konnte nicht reden, nicht schreien, nicht weinen, sie versuchte, dem kleinen Leben unter ihrem Umhang noch einmal die Brust zu geben, aber Neki schlief. Da kamen einige von den älteren Frauen, die nicht mehr empfangen und gebären konnten, die nahmen Nekis Mutter mit dem Bündel unter ihrem Umhang in ihre Mitte und führten sie etwas bergab, wo ein teilweise zugefrorener Bach floss. Auf der einen Seite des Baches war eine weite Waldlandschaft, auf der anderen Seite eine Felswand. Die beiden Männer folgten ihnen.

Sie mussten nicht weit gehen. Am Ufer des Baches hatte das Wasser vor undenkbar langer Zeit eine Höhle aus der Felswand gewaschen. Ziemlich weit und hoch war diese Höhle. Die Gruppe hatte dort schon oft längere Regenperioden abgewartet. Aber sie nutzten die Höhle nicht als dauerhafte Wohnung. Sie mussten ja den Wanderungen der Tiere folgen. Wenn sie hier bleiben würden, wäre bald die nähere Umgebung leer von jagbaren Tieren und dann würden sie in der nächsten Schnee-Zeit alle verhungern.

Im Innern der Höhle hatten zwei andere Frauen an einer Stelle, wo der Rauch gut abziehen konnte, ein Feuer gemacht. Alle Erwachsenen der Gruppe beherrschen die Kunst des Feuer-Machens, eine Kunst, die jetzt in der Schneezeit noch viel schwieriger war als sonst, aber auch noch viel überlebens-notwendiger. Die Frauen führten Nekis Mutter zum Feuer, wo sie ein Lager aus getrockneten Moospolstern hergerichtet hatten. Als ihre Mutter dort lag, wachte Neki auf. Die suchte und sie fand die warme Lebensquelle und sie trank.

Die beiden Männer standen unsicher und ratlos dabei. Sie wussten: Wenn das Kind noch einige Tage bei der Mutter leben könnte, dann würde der notwendige Abschied noch viel härter und grausamer sein. Schließlich verließen sie die Höhle und gingen zurück zu dem Rest der Gruppe. Ihr Zuhause war der große, sich ständig verändernde, manchmal großzügige, manchmal karge, aber doch immer lebenspendende Wald. Die Höhle konnte nur Notbehelf sein für kurze Zeit.

Auf dem Weg begegneten ihnen die übrigen Frauen der Gruppe mit einer ganzen Schar von Kindern verschiedenen Alters, dazu die restlichen Männer der Jagdgruppe. Auch der Mann, der Neki gezeugt hatte. Aber der hielt sich zurück. Bei allem, was mit Schwangerschaft und Geburt und Aufzucht der kleinen Kinder zu tun hatte, bestimmten allein die älteren Frauen das Geschehen. Auch die Alten, Männer und Frauen, waren dabei.  Da kehrten auch die beiden wieder um und so versammelte sich wenig später die ganze Gruppe rings um das Feuer in der Höhle.

 

Neki lebte noch. Und sie würde weiterleben. Sie war das erste Schnee-Kind der Gruppe, das nicht ausgesetzt wurde und das die Schnee-Zeit überlebte. Die Gruppe von Jägern und Sammlern hatte sich nun doch für die Dauer des Winters fest in der Höhle eingerichtet. Das bedeutete zwar, dass die Jäger der Gruppe nun noch weitere Wege gehen mussten um ergiebige Jagdgründe zu finden. Aber der Schutz der Höhle mit dem wärmenden Feuer überwog doch alle Nachteile. Die Männer würden nun eine Warm- und Kaltzeit lang nur im Bergwald, der in Richtung der Morgen-Sonne lag, jagen, aber im weiterem Umkreis als bisher und dann in der nächsten Warm- und Kaltzeit nur in Richtung des ebenen Wald-und Buschlands in Richtung der Abend-Sonne, und so immer abwechselnd, damit sich der Tier-Bestand jeweils wieder erholen konnte, so hofften sie, ihre Jagdgründe zu erhalten.

Neki lebte jetzt in einem Trage-Fell, das sich ihre Mutter unter ihrem Winter-Umhang um den Leib gebunden hatte, nahe an ihrer Körperwärme, nahe am Herzschlag, nahe an der Lebensquelle. Etwas später würde sie, schon etwas selbständiger, im Trage-Fell auf dem Rücken ihrer Mutter leben, damit diese die Hände frei hätte. Im Überlebenskampf der Schneezeit wurde jede Hand gebraucht.

Nekis Name war eigentlich „Schnee-Kind“, weil sie das erste in der Schneezeit geborene Kind war, das die kalte Jahreszeit überlebt hatte. Im Gebrauch war dann das schwierig zu sprechende „Sch“ am Anfang ihres Namens weggefallen ebenso wie die Endung, so blieb nur noch Ne-Ki übrig. Neki wusste nichts davon. Ihr war dieser Name vertraut, als wäre er ein Teil von ihr, etwa wie ein Bein oder ihre Hand. Und sie hatte ein warmes, vertrautes Gefühl von Geborgenheit und Nähe, wenn ihre Mutter sie so anredete und ein Gefühl von Zugehörigkeit und Angenommensein, wenn andere sie so nannten. Und die Erfahrung, dass alle anderen Kinder mit anderen Namen gerufen wurden, weckte in ihr die Empfindung, dass sie etwas Eigenes sei, etwas Besonderes, Einmaliges. Und diese Empfindung der Einmaligkeit verband sich bei ihr mit dem Gefühl von Wärme: mit der Wärme des Körpers ihrer Mutter, an dem sie lebte, mit der Wärme ihrer Milch, die sie trank und mit der Wärme ihrer Stimme, wenn sie „Neki“ sagte, oder wenn sie leise summend bei der Arbeit sang.

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So begann die Zeit der Kindheit für Neki. Und so beginnt auch heute noch die Zeit der Kindheit für alle Menschenkinder, auch zur Zeit von Wohnungen mit Zentralheizung, mit Fertig-Nahrung und Fertig-Windeln und mit Überfluss an allem Lebensnotwendigen (was ja auch heute, im 21. Jahrhundert, nicht für alle Menschen in allen Ländern auf dieser Erde selbstverständlich ist. In manchen Weltgegenden überleben auch heute noch viele Kinder nicht ihre ersten Lebens-Wochen oder Monate). Und damals wie heute besteht jede Menschen-Gemeinschaft aus mehreren Generationen, deren Lebens-Situation sich jeweils deutlich voneinander unterscheidet. Davon soll im Folgenden die Rede sein. Dabei klingt es vielleicht etwas abwegig, Phasen im Leben von Menschen und Beziehungen zwischen Generationen und Geschlechtern am Leben einer fiktiven Gruppe von Steinzeit-Menschen zu beschreiben, aber es kann auch hilfreich sein, Lebenssituationen aus den vielfältigen Verwerfungen der Gegenwart herauszulösen und auf elementare Bedürfnisse, Beziehungen und Vorgänge zu reduzieren.

Kindheit bei Menschen ist zwar auch werdendes Erwachsen-sein, aber eben auch hinausgezögertes Erwachsen-Werden. Die Gattung „Homo-Sapiens“ leistet sich eine im Vergleich mit anderen Lebensformen ungewöhnlich lange Zeit biologisch „unproduktiver“ Vor-Erwachsenen-Zeit. So eine verlängerte Kindheit ist eigentlich (vom Standpunkt der Evolution her gesehen) ein Selektions-Nachteil für eine Lebesform, weil sie eine verlängerte Zeit der Hilfsbedürftigkeit und des Pflege-Aufwands darstellt, welche die Wahrscheinlichkeit verringert, das ein neugeborener Mensch überhaupt das Alter der Fortpflanzungsfähigkeit erreicht. Und tatsächlich: Der Preis für diese verlängerte Zeit biologisch unfruchtbaren Daseins war hoch: In vielen Kulturen gab es lange Zeiten, in der die Kindersterblichkeit eine der häufigsten Todesursachen war, so das viele Neugeborene ein zeugungs- und gebärfähiges Alter gar nicht erreichten. Allerdings: So eine rein biologistische Betrachtungsweise wäre für das Menschsein unangemessen, denn aufs Ganze gesehen hat sich diese evolutions-feindliche Phase doch „gelohnt“. Menschen-Kinder gewinnen durch die verlängerte Kindheit eine Zeit biologisch un-ökonomischen Lernens, ohne die es die Entwicklung des Menschseins, wie wir es heute kennen, nicht gegeben hätte und ohne die sich die Menschen niemals auf die Höhe der Kulturen hätten entwickeln können, die wir heute vorfinden.

Das bedeutet aber auch eine Dauer und Tiefe der Beziehungen zwischen den Generationen, wie sie sonst nirgends vorkommt: Die mittlere Generation übernimmt eine doppelte Für-Sorge: zum einen für die Kinder-Generation von der Geburt bis zu deren Erwachsen-Sein und zum andern für die Großeltern-Generation von deren altersbedingten Einschränkungen (z. B. zunehmende Arbeitsunfähigkeit) bis zum Sterben. Das gilt grundsätzlich auch für jene modernen Gesellschaften, wo die Verantwortung für die nachkommende und vorausgehende Generation zeitweilig „ausgelagert“ wird in gesellschaftliche Institutionen (Kinderkrippe, Kindertagesstätte, Schule … bzw. Altenheim, Pflegeheim … oder unabhängig vom Alter: Krankenhäuser, Behinderteneinrichtungen …).

Der sogenannte „Generationen-Vertrag“ hat immer persönliche und gesamtgesellschaftliche Aspekte. Die Beziehungen der Generationen zueinander vollziehen sich deshalb auch auf zwei unterschiedlichen Ebenen, zum einen auf der persönlichen Ebene (also: meine oder unsere Großeltern, meine/unsere Eltern, meine/unsere Kinder, meine/unsere Enkel), und zum andern auf einer allgemein gesellschaftlichen Ebene (die Generation der Alten insgesamt, dann die in Beruf und Verantwortung stehende mittlere Generation, dann die Jugendlichen, die Kinder, die Babys). Die Vorgänge auf beiden Ebenen (der persönlichen und der gesellschaftlichen Ebene) können sehr verschieden sein, aber sie überschneiden und beeinflussen sich gegenseitig.

Sehen wir uns diese Generationen an. Wobei die genetische Folge „Großeltern-Eltern-Kinder-Enkel“ hier noch differenziert wird durch eine Folge von Lebensphasen, die eine jeweils besondere Situation im Leben von Menschen beschreiben: Säuglingsphase, Kleinkind-Phase, Großkind-Phase, Jugendlichen-Phase, Aufbau-Phase der Erwachsenen, Ausbau-Phase der Erwachsenen, aktive Altersphase, pflegebedürftige Alters-Phase. Dazu muss eine Anmerkung vorausgeschickt werden: Es gibt kein starres Alters-Schema für diese Lebens-Phasen. Menschen sind sehr verschieden und  deshalb können auch diese Phasen verschieden lang sein und verschieden intensiv erlebt werden. Manche Phasen (z. B. die Aufbau- und Ausbau- Phasen der Erwachsenen) können auch mehrmals durchlaufen werden und sind dann emotional und sachlich mit  verschiedenen Inhalten gefüllt. Manche Phasen, können auch jäh abgebrochen werden (z. B. wenn ein bis dahin noch rüstiger älterer Mensch durch einen Schlaganfall plötzlich pflegebedürftig wird).

1.1 Säuglings-Phase

Neki war ein zufriedenes Kind, jedenfalls, solange sie sich nicht allein gelassen fühlte. Dann wurde sie unruhig und quengelig. Am zufriedensten war sie, wenn sie, nachdem sie getrunken hatte, am Körper ihrer Mutter lag, umfangen von Nähe und Wärme, gehalten von Schutz und Geborgenheit. Und so wie die Mutter-Milch sie innerlich gesättigt hatte, so sättigte sie nun äußerlich und zugleich in der Tiefe ihres Seins die Mutter-Berührung von Haut zu Haut, von Wärme zu Wärme, von Atem zu Atem, von Herzschlag zu Herzschlag. Am allerzufriedensten aber war Neki, wenn dann noch ein sanft umfangenes und sicher gehaltenes Schaukeln dazukam, hin und her, hin und her (wie in der Vor-Zeit, die, längst vergangen, in ihr nur noch als unbewusste Empfindung gegenwärtig war), und dazu noch der warme, körperlich vibrierend spürbare und für ihr Hören so sehr vertraute Klang der Mutter-Stimme. Neki wusste nicht, dass es Worte waren, die ihr die Mutter-Stimme ins Ohr sang, Worte von Sonne und Wärme, von Früchten und Saft, von Brei und Mus, von Blumen und Honig, von Spiel und Tanz. Neki verstand alle diese Worte nicht, aber später, als sie diese bewusst hörte und lernte, da kamen sie ihr alle bekannt und vertraut vor.

Säuglingszeit ist Zeit existenzieller Nähe. Die Auseinandersetzung mit der Welt und die Ablösung von engen Bindungen kommen später. Sie müssen kommen, aber nicht jetzt. Jetzt geschieht die Grundlegung des Vertrauens durch die Erfahrung der Verlässlichkeit (wer Verlässlichkeit in der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse und in der Zuwendung seiner Bezugspersonen erfahren hat, kann leichter Vertrauen entwickeln: in Menschen – und in die Zukunft – und in sich selbst). Jetzt geschieht die Grundlegung der Offenheit durch die Erfahrung der Vertrautheit (wer sich geborgen weiß im Vertrauten kann eher offen sein für Neues, Ungewohntes). Jetzt geschieht die Grundlegung des Mutes durch die Erfahrung der Sicherheit (wer Schutz und Sicherheit erfahren hat in der frühen Kindheit, kann später freier und mit sicheren Schritten auf Unbekanntes zugehen). Jetzt geschieht die Grundlegung der Beziehungsfähigkeit durch Vertiefung der Ursprungsbeziehungen und Erweiterung des Beziehungsrahmens (wer in der frühen Kindheit die Beziehungen zu seinen nächsten Bezugspersonen als beglückende Nähe und gleichzeitig als sich erweiternde Beziehungsgemeinschaft erfahren hat, kann später leichter Nähe zulassen und auch den Rahmen seiner Beziehungen erweitern). Vertrauen, Offenheit, Mut, Beziehungsfähigkeit, das alles lernt ein Mensch sein Leben lang. Aber die Grundlage dafür wird im Säuglingsalter gelegt.

1.2 Kleinkind-Phase

Kindheit ist beim Menschen nicht nur werdendes Erwachsen-Sein. Im Tierreich ist das selbstverständlich so, weil nur das Erwachsenen-Stadium die Zeugungs- und Fruchtbarkeits-Phase bietet, die eine neue Generation der jeweiligen Art hervorbringen kann. Bei Insekten zum Beispiel bildet die „Kindheit“ eine völlig eigene Lebensform aus (die Larve, die dem fertigen Insekt äußerlich nicht erkennbar ähnlich ist), die nur dazu da ist, zu fressen und zu wachsen, und so das biologische Material bereitzustellen für die große Verwandlung, die Metamorphose, die erst die erwachsene und vermehrungsfähige Lebensform hervorbringt: eine Fliege oder einen Schmetterling… Dabei ist es ja beim Menschen grundsätzlich ja auch so, dass nur die Erwachsenen-Phase biologisch „fruchtbar“ ist, aber mit einem höchst bedeutsamen Unterschied: Der Lebens-Sinn des Menschen ist nicht auf die biologische Reproduktion beschränkt*, obwohl die ja auch hier ihre wichtige Rolle spielt. Und nur deshalb, wegen dieser Sinn-Erweiterung menschlicher Existenz, kann sich die menschliche Entwicklung eine viele Jahre umfassende Phase der Kindheit vor dem Erwachsen-Sein leisten und eine ebenso lange Phase des Alters nach der biologisch fruchtbaren Zeit (deutlicher begrenzt bei Frauen). Nur wenn das menschliche Leben einen übergeordneten Lebens-Sinn hat, der weit über die biologische Reproduktion hinausgeht, nur dann können menschliche Kindheit und menschliches Alter einen eigenen Sinn und eigenen Wert haben.

*siehe das Thema: „Die Frage nach dem Sinn“; die entsprechenden Inhalte können hier nicht wiederholt werden

Neki erwachte aus tiefem Schlaf. Sie spürte die Wärme des Körpers ihrer Mutter und dessen Bewegungen. Die Wärme wollte sie wieder einschläfern, aber die Bewegung machte sie hellwach. Irgendwie war sie anders als sonst. Neki riss die Augen auf und schaute sich um. Das war nicht das gewohnte Halbdunkel der Höhle. Die Umgebung war so hell, dass es fast weh tat und sie musste die Augen wieder schließen. Vorsichtig blinzelnd versuchte sie sich umzuschauen. Alles war neu, vieles unverständlich, aber die vertraute Nähe der Mutter gab ihr Sicherheit. Und da war noch etwas, was sie schon kannte: Das, was ihre Mutter „Mann“ nannte und „Vater“ und „Dako“. Neki kannte seine Stimme, die sie oft neben der Stimme ihrer Mutter gehört hatte und sie erkannte sein Bild, auch wenn es jetzt in der Helligkeit anders aussah. Und da war noch mehr, das ihr vertraut war: Zwei helle Stimmen, die sie oft gehört hatte und zwei bewegte Gestalten, deren Bewegungen ihr vertraut vorkamen: „Semi“ und „Paro“ sagte ihre Mutter zu ihnen. So viel Bekanntes und Vertrautes beruhigte ihr aufgewühltes Empfinden und sie begann diese neue Umwelt interessiert zu betrachten. Zuerst nahm sie eine Wärme wahr, die nicht von ihrer Mutter kam und auch nicht von einem Feuer, sondern von der Helligkeit, die sie nicht anschauen konnte. Und dann wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas angezogen, was sie noch nie gesehen und erlebt hatte: Etwas, das in Bewegung war und das doch immer an der gleichen Stelle zu bleiben schien, etwas, was leise Geräusche machte, die fast so klangen, wie wenn sie in die Hände klatschte. Das musste Neki gleich ausprobieren und sie klatschte in die Hände. Aber das Geräusch war doch anders, so als ob ganz viele Hände klatschten, kleiner und größer, lauter und leiser.

Nekis Mutter hatte bemerkt, was deren Aufmerksamkeit so gefangen nahm und sie trug ihre Tochter ganz nahe heran an die klatschende Bewegung, so dass sie diese mit der Hand anfassen konnte. Erschrocken zog Neki ihre Hand zurück von der kalten Berührung und noch erschrockener nahm sie wahr, das etwas von der klatschenden Bewegtheit an ihrer Hand geblieben war. Schnell versuchte sie, das mit der anderen Hand abzuwischen, aber das Ergebnis war, dass nun beide Hände davon berührt waren. Sie begann zu weinen und wandte sich hilfesuchend an ihre Mutter. Aber die schien gar nicht besorgt und nahm nun selbst etwas von dieser Bewegtheit in ihre Hand und ließ es durch die Finger zurücktropfen. „Bach“ sagte sie dazu und „Wasser“. Das gefiel Neki und sie wollte es der Mutter nachmachen. Das „Bach-Wasser“ war zwar immer noch unangenehm kalt, aber das Tropf-Spiel machte Spass, sodass sie es nochmal und nochmal wiederholte.

Die Kleinkind-Phase ist eine Zeit höchster Entwicklungsdynamik: Loslösung aus der Körper-nahen Abhängigkeitsbeziehung und Befähigung zu einer unterstützten Verselbständigung und gleichzeitig intensivste Lernphase auf Grund von Eigenerfahrungen. Am deutlichsten sichtbar wird diese Loslösung bei der Nahrungsaufnahme: Von der direkten Körper-zu-Körper-Ernährung mit Muttermilch hin zu einer erweiterten, differenzierteren und zunehmend selbständigen Nahrungsaufnahme. Solche allmähliche Loslösung und Verselbständigung aus der Primärbeziehung ist unabdingbar notwendig (obwohl das Kleinkind ja noch nicht selbständig lebensfähig ist), aber sie kann nur dann gut gelingen, wenn nun Sekundär-Beziehungen hinzukommen, die den sozialen Erfahrungsraum erweitern (ebenso wie auch den sachlichen Erfahrungsraum), aber trotzdem einen Rahmen der Vertrautheit bilden: Die Familie mit dem Vater, mit Geschwistern verschiedenen Alters und mit weiteren häufiger anwesenden Personen und deren Leben, Reden und Handeln.

Neki trommelte unzufrieden mit ihren kleinen Händen auf den Nacken ihrer Mutter. Das Trage-Fell, in dem sie auf dem Rücken ihrer Mutter steckte, war ihr zu eng, vor allem jetzt, wo die kleinen Kinder der Gruppe (aber doch schon etwas größer als Neki) rennend, hüpfend und quietschend vor höchstem Vergnügen auf dem Platz vor der Höhle spielten. Jetzt war Früchte-Zeit und das Leben spielte sich tagsüber im Freien ab und der Platz vor der Höhle mit dem plätschernden Bach und dem nahen Wald war für die Kleinen wie ein großer Spielplatz. Neki kannte sie alle, manche von ihnen mit Namen; manche konnte sie sogar an der Stimme erkennen, ohne hinzusehen.

Die älteren Kinder mussten den Erwachsenen helfen. Sie waren dabei, Samenkörner aus gesammelten Ähren zu lösen und in die runde Vertiefung eines flachen Steines zu häufen, wo sie von den Frauen mit einem glatten runden Stein zu Mehl zerrieben wurden, abwechselnd, denn diese Arbeit war anstrengend. Jetzt war Nekis Mutter an der Reihe und die hatte jetzt gar keine Zeit, sich um die Wünsche ihrer Tochter zu kümmern.

Neki wand sich in ihrer engen Hülle und wäre am liebsten hinausgesprungen, aber das ging nicht. Auch ein zorniges Kreischen konnte ihre Mutter nicht erweichen. Neki musste warten, bis ihre Mutter die Arbeit an die Nächste der Frauen weitergab. Dann band sie das Trage-Fell auf und ließ Neki auf den Boden hinab. Neki lief los, so schnell ihre kleinen Beine laufen konnten und – fiel prompt hin. Nach einer Schrecksekunde brach ein lautes Schreien aus ihr, vor Schmerz und vor Zorn, dass sie nicht so laufen konnte, wie sie wollte. Wie gut tat jetzt die Umarmung der Mutter! Aber nicht zu lange: Sie wollte laufen! Auch die führende Hand der Mutter wies sie zurück. „Neki“, sagte sie und noch einmal mit Nachdruck: „Neki!“ Und sie meinte: “Neki ist schon groß, Neki kann selber laufen! Wie die anderen Kinder“. Lachend ließ ihr die Mutter ihren Willen.

Die Beziehungs-Erweiterung in einem begrenzten und stabilen sozialen Nah-Raum (Familie, später Nachbarschaft, Freundschaft …) ist eine wichtige Zwischen-Phase, die nicht übergangen werden sollte. Es wäre nicht gut, wenn die körperlich und existenziell nahe Mutter-Kind-Beziehung der Säuglingsphase direkt und übergangslos in eine weite Sozial-Form mit wechselnden Bezugspersonen münden würde (z. B. in einer Kinderkrippe). Der vertraute Nah-Bereich der Familie mit gleichbleibenden Bezugspersonen ist eine wichtige Sozial-Form für die gesamte Kindheit, die nur nach und nach geöffnet und erweitert werden sollte. Da, wo eine Familie als sozialer Nah-Raum nicht vorhanden ist, sollte man versuchen, andere Gemeinschaftsformen mit begrenzter und möglichst gleichbleibender Zusammensetzung und enger Sozialbindung zu finden. Freilich verkraften die meisten Kinder auch den Abbruch und Umbruch eines plötzlichen Übergangs in eine neue, stark veränderte Lebenssituation irgendwie; unberührt und unbelastet lässt sie so ein sozial-emotionaler Einbruch aber nicht.

1.3 Großkind-Phase

Für beides ist Zeit in der Kindheit, der intensivsten Lernphase jedes Menschenlebens: Nachahmung der Erwachsenen und deren Rollen und Verhaltensweisen und Erproben eigener Ideen, eigener Aktivitäten und phantasievoller Kreativität, und das alles im Spiel, ohne (oder zumindest mit sehr eingeschränkter) Verpflichtung und Verantwortung (jedenfalls solange ein Kind wirklich Kind sein darf). Ein Kind muss die Stimmigkeit seiner Ideen und Deutungsversuche nicht begründen und beweisen. Es hat und braucht die Freiheit der Phantasie, denn nur so entstehen die Voraussetzungen, die dem erwachsenen Menschen später die Möglichkeit eröffnet, nun auch sinnvolle Verhaltensweisen, stimmige Handlungskonzepte und rational begründete Pläne zu entwickeln, aber auch neue Ideen, nie gehörte Gedanken, eigene Vorgehensweisen, ungewohnte Vorstellungen …

Während in der Kleinkindphase das Kind alles Neue in die Beziehung zu sich selbst setzt (das tut mir weh, das tut mir gut, das schmeckt mir, schmeckt mir nicht, …) haben Kinder später (eine Altersangabe wäre hier unpassend, weil Kinder diese Entwicklungsstadien sehr unterschiedlich durchlaufen) auch und vor allem Interesse an sachlichen Zusammenhängen: Was ist das? Wer ist das? Wie ist das? Sie haben nun nicht nur Interesse am Nahbereich ihrer eigenen Erfahrungen. Sie interessieren sich für alte Kulturen ebenso wie für neueste Weltraumforschung, für ferne Länder ebenso wie für Bakterien im eigenen Körper, sie lesen Bücher, schauen Filme, hören Geschichten um noch mehr zu erfahren. Eine der erfolgreichsten Kinderbuchserien der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum ist eine bebilderte  Sachbuchserie mit dem Titel „Was ist was?“

Neki konnte keine Bücher lesen und Filme anschauen, aber Geschichten hören, wenn die Alten abends am Feuer saßen und Ereignisse aus ihrem Leben erzählten, das konnte sie. Und so hörte sie, wenn sie nicht schon schlief, mit heißen Ohren die Geschichten von der Jagd auf gefährliche Ungeheuer: Auf reißende Bären und riesige Mammuts. Sie hörte die Erzählungen von fernen Felsengebirgen und großen Wassern, von tödlichen Feuern in trockenen Wäldern, von giftigen Schlangen und mordenden Kriegern aus fremden Ländern … und von den eigenen Heldentaten der Jäger, die alle Feinde bezwungen hatten. Sie verstand das meiste nicht und doch entstand in ihr eine verschwommen-vielgestaltige Vorstellung von einer Welt jenseits ihrer vertrauten Umwelt (in der Höhle und am Bach und im Nah-Bereich des Waldes), geheimnisvoll drohend und verlockend, die sie nach und nach mit eigenen Phantasien ergänzte und immer bunter ausschmückte.

Kindheit ist auch eine verlängerte Zeit von nicht an die sichtbaren und erfahrbaren Realitäten gebundener Phantasie. Und damit eine Vorstufe aller späteren Entwicklung von Kreativität, ja auch von Religion und Philosophie.

1.4 Jugend-Phase

Neki versuchte mühsam, sich zu beherrschen. Sie galt zwar als Mädchen, das noch nicht geschlechtsreif war, aber sie war kein Kind mehr, und wenn ihr älterer Bruder Paro versuchte, sie wie ein Kind zu behandeln, wurde sie wütend. Und jetzt war sie wütend! Sie stand als einziges Mädchen zusammen mit sechs Jungen auf dem Platz vor der Höhle und sie warteten auf Somm, den Anführer und Verantwortlichen für die neu zusammengestellte Schar junger Jäger, die heute ihren ersten Jagdzug machen sollten. Und Neki wollte dazugehören. Das aber passte Paro gar nicht. Er war der älteste der Schar (außer Somm natürlich). Und er wollte nicht, dass ein Mädchen zu ihnen gehörte. Ein Mädchen unter Jägern! Das hatte es noch nie gegeben! Und wie stand er da, wenn nun seine Schwester… Mit einem zornigen Ruf und ausgestrecktem Arm wies er sie dorthin, wo sie seiner Meinung nach hingehörte: Zu der Gruppe älterer Kinder, die Beeren und Pilze zum Trocknen auf einer flachen von der Sonne erwärmten Steinplatte ausbreiteten. Sie sollten, auf diese Weise haltbar gemacht, als Vorrat für die kommende Schnee-Zeit im hinteren Teil der Höhle aufbewahrt werden. Neki blieb trotzig stehen und hielt dem zornigen Blick ihres Bruders stand. Ja, sie war ein Mädchen, und trotzdem war sie mit den Jungen weite Tagesmärsche gelaufen und hatte mit ihnen das Zielen und Treffen mit Pfeil und Bogen geübt. Sie hatte in allen Strapazen durchgehalten und beim Zielen und Treffen war sie den meisten überlegen. Aber, wenn nun Paro bei Somm durchsetzte, dass sie bei den Kindern bleiben musste …? Von außen gesehen war Neki ein trotziges Mädchen, das sich in Dinge einmische, die sie nichts angingen. Im Innern aber war sie eine werdende Frau, die sich der Verantwortung ihres Frau-Seins bewusst wurde.

Neki kannte die Geschichte von ihrer Geburt als „Schnee-Kind“. Ihre Mutter hatte sie ihr oft erzählt. Und sie wusste, dass sie überlebt hatte, weil einige Frauen es nicht zulassen wollten, dass man sie aussetzte, obwohl es doch immer so gemacht wurde. Jetzt wollte sie als Jägerin mit dazu beitragen, dass nie mehr ein Schneekind ausgesetzt werden müsste, weil nicht genug Nahrung da war. Bis zum Beginn der Schnee-Zeit wollte sie eine gute Jägerin werden. Und wenn dann vielleicht mehrere Mädchen und junge Frauen mit zur Jagd gingen, könnten dann die Jagdgruppen sich häufiger abwechseln und erfolgreicher jagen. Und vor allem: Wenn sie selbst Kinder haben würde, sollte keines von ihnen in den Schnee ausgesetzt werden. Sie musste sich gegen Paro durchsetzen!

Da kam Somm. Er war nicht viel älter als Paro, aber schon ein erfahrener Jäger. Er sah Neki an, sagte aber nichts. Schweigend kontrollierte er bei jedem Einzelnen den Bogen und die Pfeile. Dann mussten sie, einer nach dem andern, ihre Füße vorzeigen; sie würden heute sehr weite Wege gehen müssen. Alle waren es gewöhnt, während der ganzen Warm-Zeit barfuß zu laufen und hatten dicke Hornhaut an den Füßen. Nur einer der Jungen wurde von Somm weggeschickt, weil er an einem Fuß eine wunde Stelle hatte. Da kam Paro zu Somm, zeigte auf Neki und sagte, dass die auch dableiben müsste, schließlich sei sie ein Mädchen, und Mädchen können ja nicht auf die Jagd gehen … Somm ging mit keinem Wort darauf ein, aber er sah Neki fragend an. Da nahm Neki ihren Bogen, legte den Pfeil an und zielte auf das fest gebundene Strohbündel, das, einem Hasen gleich, unter einem Strauch lag, und das ihnen beim Üben als Ziel gedient hatte. Allerdings war jetzt die Entfernung deutlich größer. Sie versuchte zweimal tief und ruhig zu atmen, dann ließ ihre Hand den Pfeil los. Und er traf! Traf fast genau ins Stroh-Hasen-Herz. Somm sah wortlos zuerst Paro an, dann Neki, dann nickte er ihr zu und ging einfach los. Neki rannte zum Stroh-Hasen, um ihren Pfeil wieder zu holen. Pfeile waren kostbar! Und dann musste sie noch einmal rennen, um die andern wieder einzuholen.

Die Jugendzeit ist eine emotional stark aufgewühlte Phase im Leben von Menschen, denn es geschehen hier zwei Veränderungen mit großer Tragweite: Zum einen eine körperliche Reifung und zum andern eine geistige Reifung für das beginnende Erwachsenen-Dasein, die beide, wenn auch auf ganz verschiedene Weise, die Frage nach der eigenen Identität stellen.

Die körperliche Veränderung bei Jugendlichen ist im Gegensatz zu allen vorangehenden nicht einfach nur Wachstum, sondern Bestätigung und Aktualisierung einer biologischen Identität. (Siehe dazu auch den Beitrag „Geschlechter“) Aber es ist eine Identität im Werden und muss sich im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Verunsicherung herausbilden. Zwar ist die körperliche Reifung bei den meisten Jugendlichen unübersehbar und (bei Jungen) auch unüberhörbar, aber sie ist immer auch Verunsicherung: Wer werde ich sein und wie werde ich sein als „Mann“ oder als „Frau“? Und je mehr das eigene Mann-Sein und Frau-Sein sich verdeutlicht, desto deutlicher wird auch die eigene Ergänzungsbedürftigkeit durch das andere Geschlecht. Aber wie und durch wen wird mein Frau-Sein ergänzt werden durch einen Mann oder mein Mann-Sein ergänzt durch eine Frau?

Diese Situation der Verunsicherung durch die körperliche Veränderung in der Jugendzeit wäre allein schon Anlass für ein emotionales Chaos. Aber es geschieht ja gleichzeitig auch noch eine geistige Reifung und diese geistige Reifung der Jugendzeit ist noch viel dramatischer und emotional noch viel herausfordernder. Auf sie will ich etwas genauer eingehen, weil sie oft übersehen wird.

Zunächst eine Anmerkung zur Bedeutung dieses Geschehens: Die geistige Reifung in der Jugendzeit eines Menschen ist ein Vorgang, den es sonst auf der ganzen Erde (und wahrscheinlich im ganzen Universum) nirgendwo gibt. Für kein Tier, auch nicht für den intelligentesten Affen gibt es etwas auch nur annähernd Vergleichbares.

In der Kindheitsphase formen sich kleinere und größere Kinder durch eigene Erfahrungen und aufgenommene Informationen ein je eigenes sachliches Bild von ihrer Welt. Sie interessieren sich für die Kämpfe der Gladiatoren zur Zeit des römischen Imperiums genau so wie für den Walfang auf hoher See oder den Klimawandel der Zukunft. Was ist das? Wer ist das? Wie ist das? So ist ihre Fragehaltung und dafür suchen sie nach Antworten. So weit ist das noch vergleichbar (wenn auch auf anderem Niveau) mit dem Verhalten von vielen jungen Tieren, die auch interessiert ihre Welt erkunden.

Jetzt aber, als Jugendliche, wandelt sich ihre Fragehaltung: „Warum ist das so, und wer ist dafür verantwortlich, dass es so ist? Darf das so sein – und bleiben? Ist das richtig so, wie es ist? Und wenn es falsch ist, muss man das dann nicht ändern, jetzt, sofort? Wer hat recht oder unrecht? Wer sagt die Wahrheit, die ganze Wahrheit?“ So fragt kein Tier. Und: Solche Fragehaltungen sind immer mit hochemotionalen Ansprüchen verbunden, die sich nur schwer ausgleichen lassen. Kompromisse sind keine Erfindung von Jugendlichen. An den oben genannten Beispielen entlang angedeutet, hieße die Fragestellung jetzt: „Was war das für eine Gesellschaft im römischen Imperium, in der Menschen aus ausgebeuteten Minderheiten, Sklaven z. B., bereit waren, sich für Schau-Kämpfe auf Leben und Tod herzugeben, in der Hoffnung, sich so aus der Sklaverei in ein freies Leben herauskämpfen zu können (wenn sie denn überlebten)? Und was war das für eine Gesellschaft, in der die Reichen und Mächtigen zu ihrer Unterhaltung und ihrem Vergnügen sich solche „Spiele“ ansahen und begeistert Beifall klatschten, wenn der eine Gladiator dem anderen vor den Augen der Zuschauer verletzte, wenn Blut floss und der Unterlegene zusammenbrach und verwundet oder sterbend hinausgetragen wurde?“ Oder: „Darf es sein, dass die letzten Wale von kommerziellen Walfängern gefangen und getötet werden? Muss man da nicht etwas dagegen unternehmen?“ Oder: „Müssen wir nicht jetzt mit allen Mitteln gegen den Klimawandel ankämpfen, um uns eine lebenswerte Zukunft in einer lebensfähigen Natur zu erhalten?“

Ein Kind würde so nicht fragen. Eine Jugendliche, ein Jugendlicher aber muss so fragen, denn sie fragen nun nach einer ethischen Bewertung dessen, was sie vorfinden (es sei denn, beide wären durch ein Übermaß an Konsum von erfundenen, künstlich konstruierten und hochemotional aufgeladenen Unterhaltungsangeboten so übersättigt, dass sie ihrer wirklichen Welt abgestumpft und verständnislos gegenüberstehen; so etwas gibt es leider auch).

Trotzdem: Jugend ist anders: Jetzt geht es nicht mehr nur darum, wie die Dinge sind, sondern wie sie sein sollen. Jetzt, in der Jugendzeit, werden zusammenhängende Konzepte ethischer Werte entworfen, verworfen, umgeworfen, neu entworfen … und jedes dieser Konzepte ist hochemotional mit dem jeweiligen Empfinden und mit dem Verständnis der eigenen Identität verbunden. Jetzt geht es nicht mehr nur um Sachzusammenhänge, sondern um Sinnzusammenhänge: Wo ist mein Platz im Ganzen und was bedeutet das für mein Leben und Tun, jetzt und hier und später, wenn ich erwachsen bin? Es geht nicht mehr nur um eine Deutung dessen, was existiert, sondern um die Bedeutung der eigenen Existenz.

Deshalb sind Jugendliche tendenziell auch leichter verführbar: Sie suchen nach Sinn und Bedeutung in ihrem Leben und Handeln und wer ihnen dafür einfache und emotional ansprechende Angebote macht, kann eine Begeisterung entfachen, die in eine mitreißende Bewegung mündet, auch wenn sich die später als menschenfeindlich und zerstörerisch erweist.

Eine wertende und sinnorientierte Haltung gegenüber den Verhältnissen und Vorgängen in ihrer Umwelt ist gewiss nicht auf die Jugendzeit beschränkt, sie sollte für jeden Erwachsenen selbstverständlich sein! Aber jetzt, in der Jugendzeit beginnt es und vor allem jetzt ist die Formbarkeit und Elastizität des Denkens vorhanden, die ausreichend Raum für experimentelle Umgestaltungen und situative Neuanpassungen bietet. Jetzt vollzieht sich die emotionale, geistige und spirituelle Ablösung von der Elterngeneration. Jetzt stoßen Wunschvorstellungen auf Alltagsrealitäten, stoßen Phantasien auf Erfahrungen. Jetzt werden bisher gültige Denkweisen, Verstehensweisen, Vorgehensweisen in Frage gestellt – und die dazugehörigen Personen gleich mit. Trotzdem: Gemessen an den Herausforderungen dieser Entwicklungsphase sind die Probleme, die Jugendliche manchmal älteren Personen (und oft gerade den nächsten Angehörigen) machen, meistens maßvoll, verstehbar und verzeihlich.

1.5 Erwachsene Aufbau-Phase

Neki war unruhig, einmal aufgeregt und begeistert und dann wieder angespannt und niedergeschlagen. Sie wusste nun schon seit einigen Voll-Monden, dass sie schwanger war, und unterdessen konnte man es ja auch deutlich genug sehen. Eines wusste sie schon sicher: Ihr erstes Kind würde nicht in der Schnee-Zeit geboren werden, sondern in der Warm-Zeit, wenn die Bäume und Sträucher Früchte tragen, wenn es Pilze gibt im Wald und Fische im Bach und wenn die Jäger genug Beute heimbringen, dass alle gut leben können.

Somm, der Mann, mit dem sie nun schon seit drei Warm-und-Kaltzeiten zusammenlebte, musste jetzt nicht mehr so oft auf die Jagd gehen. Seit auch einige Mädchen und junge Frauen, die nicht schwanger waren, mit jagen durften, konnten sich die Jagdgruppen häufiger abwechseln. Das war Somm sehr recht, denn er hatte große Pläne.

Neki kannte diese Pläne und die waren eine Ursache ihrer Beunruhigung. Somm wollte ein Warm-Zeit-Haus bauen für sich und Neki und ihre Kinder. Alle Familien hatten so ein Warm-Zeit-Haus. In der Warm-Zeit wohnten sie im Wald nahe bei der Höhle, aber nicht in der Höhle. Die Höhle war auch in der Warm-Zeit kühl, dunkel und feucht. Man nutzte sie als Rückzugsort bei langen Regenperioden oder wenn Gefahr drohte. Sonst war das Leben im Wald angenehmer. Somm wollte sein Haus etwas abseits bauen, an einer erhöhten Stelle, mit einem Felsen im Rücken. Dafür hatte er schon von einem Sturm gebrochene Äste und kleinere Stämme gesammelt. Er wollte ein festes Haus, wie eine Höhle aus Holz. Neki wollte ihr Haus lieber näher bei den anderen Familien bauen, nahe am großen Kreis, wo das Feuer brannte und wo die Familien zusammenkamen, wenn es am Abend dunkel wurde. Und Neki wollte ihr Haus flexibel und veränderbar: Rund, aus Geflecht von biegsamen Ästen errichtet, mit einem Dach aus geschichteten Zweigen, die den Regen abhielten, mit einem weichen Boden aus Schilf und Moos … Sie wollte, dass noch Platz wäre, direkt daneben, damit dort noch ein weiteres Haus gebaut werden könnte für die größeren Kinder, wenn sie noch ein kleines haben würde … Aber wie sollte sie Somm davon überzeugen? Er redete nicht viel. Seine Sache war nicht das Reden, sondern das Tun.

Nekis Vater war der Ansicht, dass sie gar kein neues Haus bräuchten, sie könnten ja das Haus neben seinem eigenen nehmen, aus dem die älteren Kinder schon ausgezogen waren. Und Nekis Mutter meinte, Neki sollte mit dem Neugeborenen erst einmal bei ihr einziehen, damit sie sich um sie und das Neugeborene kümmern könnte, ihr Mann könnte ja unterdessen im alten Kinder-Haus wohnen. Das aber wollte Neki auf keinen Fall, sie wollte ihr eigenes Haus einrichten, mit Somm …

In der Aufbau-Phase der jungen Erwachsenen werden eigene Lebenskonzepte entworfen und ausprobiert. In vielen Kulturen wird oder wurde das (und das kann man symbolisch sehen für die ganze Aufbau-Phase) konkret vollzogen, indem ein junges Paar sich (mit Hilfe von Verwandten, Freunden, Nachbarn, aber nach eigenen Plänen und Vorstellungen) ihr eigenes und gemeinsames Haus baut. Dabei muss es nicht immer um ein materielles „Haus“ aus Lehm und Stroh, Holz und Stein, Stahl und Beton gehen, sondern ganz allgemein um den Aufbau eines eigenen Lebenskonzepts, um die Ausgestaltung der (eigenen und gemeinsamen) Lebens-Räume und um die Verwirklichung der (eigenen und gemeinsamen) Lebens-Träume. Selbstverständlich werden diese Lebensträume (manchmal auch Luftschlösser) schmerzhaft auf die Realitäten und Grenzen der Umwelt stoßen, aber das ist (solange es die Lebensträume nicht ganz zerstört) nicht nur negativ zu werten, denn es trägt dazu bei, dass das neue „Haus“ realitätsnäher, standfester und sturmsicher wird. (Die berufliche Situation hat selbstverständlich in der ganzen Erwachsenen-Zeit seine eigene und besondere Bedeutung, die wird aber hier nicht angesprochen, denn hier, in diesem Abschnitt, geht es um die Besonderheiten in den Beziehungen zwischen den Generationen.)

Das Erbe der Eltern-Generation (materiell oder ideell) wird nun eher als lästig und einengend empfunden. Es geht um die Verwirklichung der eigenen Vorstellungen. Es ist deshalb besser, wenn die älteren Generationen den jungen Erwachsenen nun „Baumaterial“ zur Verfügung stellen (finanzielle und sachliche Ressourcen), als ihnen ein fertiges Haus (eine schon „fertige“ Existenz) zu überlassen.

Es ist auch richtig und gut, wenn sich die Überlegungen und Vorhaben, die Aktivitäten und Unternehmungen der jungen Erwachsenen in dieser Phase sich schwerpunktmäßig auf das Miteinander des Eltern-Paares beziehen und auf den Nahbereich der eigenen Familie. Die Verantwortung für die weiteren Bereiche des sozialen Umfeldes bekommt erst später ihre nachdrückliche Bedeutung. (Das ist hier sehr idealtypisch auf die angesprochenen Generationen und Lebensphasen bezogen. Im Einzelfall kann das sich auch sehr abweichend entwickeln, ohne dass da etwas „falsch“ laufen würde, Menschen sind nun mal sehr verschieden.) Trotzdem scheint es mir sinnvoll, so eine „idealtypische“ Generationenfolge zu beschreiben, um ein Bild vor Augen zu haben, das in den meisten Fällen auch von der Realität bestätigt wird.

1.6 Erwachsene Ausbau-Phase

Neki war zufrieden. Zufrieden mit der Situation und zufrieden mit sich selbst. Somm war nun der von allen anerkannte Verantwortliche für die Jagd. Er teilte die Jagdgruppen ein, er legte je nach Jagdgebiet und Jahreszeit die Jagdtaktik fest, er entschied, wer in welchem Gelände als „Spurensucher“ oder als „Treiber“ eingesetzt wurde und wo sich die sichersten Bogenschützen und Speerwerfer aufstellen sollten, um zum Jagderfolg zu kommen.

Und sie selbst, Neki, hatte in langen Auseinandersetzungen mit den Jägern (auch mit Somm) durchgesetzt, dass die Frauen ihren eigenen Verantwortungsbereich bekamen, der über die Belange von Schwangerschaft und Geburt hinausging. Zwar blieben, wie bisher, die Männer verantwortlich für alles, was mit der Jagd zu tun hatte und wenn junge Frauen mit auf die Jagd gingen, mussten sie sich, wie alle anderen auch, an die Vorgaben der Jagdverantwortlichen halten. Aber alles, was mit der Höhle, den Häusern, dem Feuer, der Beaufsichtigung und Anleitung der Kinder, vor allem aber mit dem Sammeln und Aufbewahren der Vorräte für die Schnee-Zeit zu tun hatte, das sollte nun allein in der Verantwortung der Frauen liegen. Das war sehr wichtig. Die Männer waren oft nicht da, wenn sie auf tagelangen Streifzügen waren. Dann mussten die Frauen selbst entscheiden können. Von ihnen hing ja auch entscheidend das Überleben der ganzen Gruppe in der kalten Jahreszeit ab. Schon deutete sich diese Kalt-Zeit in den Veränderungen des Waldes an. Noch gab es essbares Blattgemüse, Früchte, Wurzeln, Knollen, Insekten, Kleintiere, Fische, Muscheln, Krebse … im Überfluss, aber jetzt kam es auf den riesigen Erfahrungsschatz der Frauen an (besonders der älteren), die wussten, welche  Nahrungsmittel man wie haltbar machen konnte (durch trocknen, erhitzen, fermentieren, räuchern …), um sie als Vorräte für die Schneezeit aufzubewahren. Außerdem mussten die Frauen nun die Höhle wieder als gemeinsamen Lebensraum für die ganze Gruppe herrichten, denn in der Schneezeit würden sie alle wieder dort wohnen, mit dem Feuer, das nie ausgehen durfte, in der Mitte. Dazu mussten große Mengen von gut getrocknetem Holz bereitgelegt werden … Neki war zufrieden: Sie würden die Schnee-Zeit gut überstehen.

Die Aufbau-Phase des Erwachsen-Seins hat „natürlich“ (also von Natur aus) etwas mit der biologischen Entwicklung der Menschen zu tun. Besonders deutlich wird das im Lebens-Zyklus der Frau, deren fruchtbare Phase den zeitlichen Rahmen für die Familienbildung absteckt. Wie dieser Rahmen im Einzelfall genutzt wird, kann sehr unterschiedlich ausfallen. Aber meistens umgrenzt er eine Zeit der Konzentration auf den Nahbereich der eigenen entstehenden und wachsenden Familie.

In der darauf folgenden Ausbau-Phase des Erwachsen-Seins weiten sich die Perspektiven: Jetzt geht es um den Ausbau, die Erweiterung, Verbesserung, Optimierung und Konsolidierung des Bestehenden (in Haus und Hof, Werkstatt und Büro, im Geschäft und Unternehmen …). Jetzt geht es um die Erweiterung und Verdichtung persönlicher, beruflicher, gesellschaftlicher … Beziehungen. Jetzt geht es um die Übernahme von Verantwortung im weiteren gesellschaftlichen Bereich (z. B. in Gewerkschaften und Verbänden, in Stadt und Land …) Übernahme von Ehrenämtern (z.B. bei der Feuerwehr, in Vereinen …) Engagement in Politik, Wirtschaft und Kultur …

Diese beiden Phasen (Aufbau-Phase und Ausbau-Phase) können Erwachsene auch mehrmals durchlaufen. Es kann z. B.  auch nach den Phasen des Aufbaus und des Ausbaus noch einmal einen Umbruch geben (durch innere oder äußere Veränderungen angestoßen) der noch einmal einen Neuanfang und Neuaufbau erfordert.  Trotzdem: Die Aufbau-Phase des Erwachsen-Seins hat ihren Schwerpunkt in der Verantwortung für die Kinder; die Ausbau-Phase des Erwachsen-Seins hat ihren Schwerpunkt in der Verantwortung für die Gemeinschaft, unter anderem auch für die Alten.

1.7 Aktive Alters-Phase

Neki ging jetzt schon lange nicht mehr mit auf die Jagd und auch die Verantwortung für die Sammlung und Vorratshaltung der Nahrungsmittel hatte sie an jüngere Frauen abgegeben. Manchmal spürte sie schon die Zeichen des kommenden Alters am eigenen Körper, wenn sie die Schmerzen in den Knien und Schultern spürte, die sie an ein gutes, manchmal frohes, aber doch immer hartes und arbeitsreiches Leben erinnerten. Sie hatte fünf Kinder geboren. Eines war bald nach der Geburt gestorben. Ihre beiden Töchter waren schon erwachsene Frauen und deren (zusammengenommen) sechs Kindern waren Nekis Freude im Alter. Sie kamen oft zu ihr, um in ihrem Warm-Zeit-Haus zu spielen oder um sich von ihr trösten zu lassen, wenn sie Ärger hatten mit ihren Eltern. Neki konnte aufmerksam und geduldig zuhören und allein das löste oft schon manche Spannungen.

Neki aber hatte noch andere Interessen. Sie war am weitaus häufigsten von allen Frauen mit bei der Jagd gewesen. Und sie galt als hervorragende Schützin mit Pfeil und Bogen. Gleichzeitig war sie aber wie alle Frauen vor allem Sammlerin und hatte einen riesigen Erfahrungsschatz, wenn es um die Pflanzen und Tiere des Waldes ging. Und: Sie hatte eine Entdeckung gemacht. Eines der Probleme der Jäger war es, geeignetes Material zu finden für die Herstellung guter Pfeile. Gute Pfeile konnten geradeaus fliegen, ohne im Flug zu verdrehen und zu verwirbeln und nur mit solchen Pfeilen konnte man gut treffen. Solche Pfeile gab es aber kaum. Und nun hatte Neki einen Strauch entdeckt, dessen junge Triebe gerade und ohne Verbiegungen in die Höhe wuchsen. Aber sie hatten einen Nachteil: Ihr Holz war zu weich. Und nun hatte Neki, zusammen mit einer etwas jüngeren Frau begonnen, mit diesen geraden Zweigen verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren, wie man trotzdem gute Pfeile aus ihnen machen könnte. Und schließlich hatten sie eine Idee: Sie versuchten, in die Spitze des Pfeiles einen geeigneten Steinsplitter einzusetzen. Dazu mussten sie den Steinsplitter in eine passende Vertiefung einfügen, die Stelle dann mit einem Bastfaden straff umwickeln und das ganze mit Baumharz so verkleben, dass sich die Steinspitze nicht lösen konnte. Sie mussten sehr viele Versuche machen, bis es endlich gelang. Dann zeigten die beiden Frauen diese Pfeile Nekis ältestem Sohn, der auch ein guter Jäger und Schütze war. Dieser war erst skeptisch, aber schon die ersten Versuche zeigten: Mit diesen Pfeilen konnte man wirklich genauer zielen und treffen als mit allen, die sie bisher verwendet hatten. Am nächsten Tag ging Neki nach langer Zeit wieder einmal mit den Männern auf die Jagd, nicht sehr weit, das Laufen fiel doch schon schwer, aber sie hatte einige der neuen Pfeile dabei. Und tatsächlich, ihr gelang es, ein Reh zu erlegen, weil ihre Pfeile geradeaus und damit genauer und auch weiter fliegen konnten als die Pfeile der Männer. Seitdem verwendeten auch sie nur noch Nekis neue Pfeile.

 

 

Mit zunehmenden Alter beginnt für die meisten Menschen eine Phase, die nichts Eigenes mehr aufbauen und ausbauen will, sondern wo die Alt-Gewordenen ihre noch vorhandenen Kräfte dafür einsetzen, den jüngeren Generationen beim Aufbau und Ausbau ihrer Lebens-Planung zu helfen. In dieser Phase haben die Älteren oft gute Beziehungen zu ihren jugendlichen Enkeln. Von denen werden sie nun nicht als verantwortliche Direktbeziehung und fordernde Elterngeneration empfunden, sondern als nahe, aber nicht mehr verantwortliche Bezugspersonen, von denen sich die Jugendlichen nicht bevormundet fühlen.

Außerdem erleben viele aus der Gruppe der aktiven Alten jetzt eine Phase in der sie noch einmal das Leben genießen wollen, Reisen machen, etwas erleben, ohne die Verpflichtungen im Beruf, in der Familie und in der Gesellschaft. Das ist nicht kritisch zu sehen, solange nicht aus der „aktiven Altersphase“ eine „egoistische Altersphase“ wird, die meint: „Wir haben das ganze Leben lang gearbeitet, jetzt wollen wir nur noch an uns selbst denken“.

1.8  Pflegebedürftige Alters-Phase

Neki erwachte, aber sie erwachte nicht zu einer hellen Wachheit, sondern zu einer dämmrigen, dumpfen Müdigkeit, die sich kaum vom Schlaf unterschied. Diese Müdigkeit war immer da, sie und der Schmerz. Müdigkeit und Schmerz kämpften in ihr jeden Tag um die Vorherrschaft. Wenn sie still lag, siegte die Müdigkeit, wenn sie sich bewegte, herrschte der Schmerz. Sie lag auf einem Lager von getrocknetem Gras und Moos im hinteren Teil der Höhle. Durch die große Eingangsöffnung der Höhle kam Helligkeit herein, aber hier, im hinteren Teil, war es dämmrig, eine Abenddämmerung, die schon am Morgen begann.

Auch Geräusche drangen herein, Arbeitsgeräusche und Stimmen, aber Neki konnte die Geräusche nicht mehr bestimmten Arbeiten zuordnen und die Stimmen nicht mehr bestimmten Menschen. Alles war dumpf und dämmrig und ohne erkennbare Herkunft. Und sie schlief wieder ein und vergaß Licht und Klang und Schmerz und Müdigkeit.

Sie erwachte wieder und spürte, dass jemand bei ihr war. Zweimal am Tag kam eine von den Frauen und versuchte, ihr etwas zum Essen zu geben. Aber sie wollte nichts essen und nahm nur einen Schluck Wasser vom Bach, den ihr die Frau in einer flachen Rinden-Schüssel reichte. Da merkte Neki, dass noch jemand da war. Das war Romi, eine ihrer Enkelinnen. Ein liebes Mädchen, das sie sehr gern hatte. Mühsam hob sie den Kopf und Romi versuchte ihr zu helfen. Und diese Berührung und der Blick in das Gesicht des Mädchens mit den strahlenden Augen gewannen mühelos den Kampf und besiegten für einen Augenblick Müdigkeit und Schmerz. Romi sagte noch etwas, was Neki nicht verstand und dann war sie fort. Aber der Nachklang ihrer Gegenwart blieb noch eine Weile bei Neki, bis die Dämmerung wieder alles zudeckte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Romi wiederkam. Dann aber kam sie nicht allein, die Höhle hallte von Stimmen – Männerstimmen, Frauenstimmen, Kinderstimmen. Rufe und Bewegung … Nekis dumpfe Müdigkeit löste sich auf wie eine Rauchwolke über dem Feuer und der Schmerz konnte der Bewegung um sie her nicht folgen, verlor den Anschluss, verlor den Kampf und blieb ohnmächtig zurück.

Romi hatte die jungen Männer dazu gebracht, eine Trage zu bauen und die Mädchen, ein Lager zu formen aus Stroh und Moos und Fellen, wo Neki halb liegend, halb sitzend mitten unter ihnen sein könnte, im Freien, im Licht!

Neki spürte den stechenden Schmerz als die jungen Männer sie vorsichtig auf die Trage legten, aber sie wollte diesem Schmerz nicht recht geben, wollte ihn nicht gelten lassen. Was war der gegen die Sonnenwärme auf ihrer Haut, gegen das Lachen und Spielen der Kinder um sie herum, gegen die Klänge der Arbeit mit Holz und Stein, gegen die Berührung ihrer Enkelin, die nahe bei ihr saß, gegen das Leben, das Leben, das lebendige Leben! So saß Neki noch einmal bei denen, die sie kannte und bei denen, die sie liebte und der Schmerz und die Müdigkeit hatten verloren und sich in die Dämmerung der Höhle verkrochen. So ging einer der glücklichsten Tage ihres Lebens zu Ende … Und dann ging ihr Leben, einfach so, gleich mit.

Das Hauptbedürfnis der „pflegebedürftigen Alten“ ist es, teilzuhaben am Leben aller Generationen. Aber wie selten wird das Wirklichkeit im 21. Jahrhundert, in den wohlhabenden Ländern dieser Erde! Die Generationen leben getrennt: Die jungen Familien mit kleinen Kindern und den vielfach belasteten Eltern für sich, die Jugendlichen in ihrer eigenen Welt, die Älteren mit sich beschäftigt. So wird das Alter zur Last auch für die bedürftigen Alten selbst, die erschrocken oder resigniert feststellen, welche Last ihre Bedürftigkeit den Jüngeren aufbürdet. So bleibt meistens nur noch die Isolierung der hilfsbedürftigen Alten in spezialisierten Pflegeeinrichtungen.

2 Beziehungen zwischen den Generationen

Zur besseren Übersicht werden diesen Beziehungen zunächst in einer Grafik dargestellt (und zwar der rechten Spalte in der Reihenfolge der Bedeutung von links nach rechts), dann kommen kurze Erklärungen hinzu. Selbstverständlich gibt es noch viele andere Beziehungen zwischen den Generationen, hier werden nur die wichtigsten innerhalb der eigenen Familie und nahen Beziehungs-Umfeld genannt. Diese Darstellung geht von der „Ideal- Situation“ aus, dass die Generation räumlich und existenziell in einer „Nah-Beziehung“ leben, innerhalb derer sie sich überhaupt begegnen können. Das ist ja nicht selbstverständlich und im 3. Anschnitt „Der Generationen-Abstand“ wird auch von gegenwärtigen sozialen Defiziten die Rede sein.

Lebensphase                    Welche Generationen-Beziehungen werden jetzt besonders wichtig?

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1 Säugling                            Mutter – Vater – Geschwister

2 Kleinkind                          Eltern – Geschwister – Spielgruppe – aktive Alte

3 Großkind                          Eltern – Geschwister – Spielgruppe – Lerngruppe – aktive Alte

4 Jugendliche                    Jugendlichen – Gruppe – Geschwister – aktive Alte – Eltern

5 junge Erwachsene         Säugling – Kleinkind – Großkind – junge Erwachsene – aktive Alte

6 ältere Erwachsene         Kleinkind – Großkind – hilfsbedürftige Alte

7 aktive Alte                         Jugendliche – Kleinkind – Großkind – junge Erwachsene

8 hilfsbedürftige Alte        ältere Erwachsene – Kleinkind – Großkind – Jugendliche – junge Erwachsene

Anmerkungen dazu:

  1. Die erste und elementarste Beziehung des Säuglings ist die zu dessen Mutter. Erst nach und nach kommen Beziehungen zum Vater, zu den Geschwistern und evtl. weiteren Personen hinzu.
  2. In der Kleinkind-Phase sind die Eltern und Geschwister weiterhin wichtigste Bezugspersonen. Jetzt kommen Spielgruppen hinzu. Auch aktive Alte suchen jetzt die Beziehung zu kleinen Kindern.
  3. Auch in der Großkind Phase sind Eltern und Geschwister nächste Bezugspersonen. Spiel- und Lerngruppen (z. B. in der Schule) gewinnen an Bedeutung. Beziehungen zu aktiven Alten bleiben.
  4. Für Jugendliche sind Gruppen von Jugendlichen der wichtigste Bezugsrahmen, hinzu kommen Geschwister, aktive Alte und oft erst dann die eigenen Eltern.
  5. Junge Erwachsene sind selbstverständlich zuerst an ihre Kinder gewiesen. Wichtig sind aber auch Beziehung und Austausch mit anderen jungen Erwachsenen und mit erfahrenen aktiven Alten.
  6. Ältere Erwachsene, deren eigene Kinder schon selbständig sind, sind gern mit Kindern zusammen und können damit die jungen Erwachsenen entlasten, ebenso durch Hilfe bei der Betreuung von hilfsbedürftigen Alten.
  7. Aktive Alte verstehen sich mit Jugendlichen oft besser als Jugendliche mit den eigenen Eltern, auch Kinder sind oft gern mit aktiven Alten zusammen.
  8. Das Haupt-Bedürfnis dieser Generation ist es, an der Gesamtheit der Generationen-Folge vom Säugling bis zum aktiven Alter teilzuhaben und in ihr so eingebettet zu sein, dass die eigene Gebrechlichkeit keiner Nachkommen-Generation zur übermäßigen Belastung wird. Aber das scheint in „modernen“ Kulturen kaum mehr möglich.

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3 Der Generationen-Abstand

Zwischen den Generationen, zwischen jung und alt gab es schon immer Spannungen und gegenseitige Missverständnisse. Das ist nichts Neues. Neu ist allerdings die gegenwärtige Weite dieses Generationen-Abstands im 21. Jahrhundert. Der ist unterdessen so groß geworden, dass aus einzelnen Auseinandersetzungen eine sprachlose Distanz, und aus einzelnen Missverständnissen ein ratloses Unverständnis entstanden ist. Vor allem aus der Sicht der Älteren scheint die Welt der Jüngeren ein unbekanntes Land, unbekannter als die Antarktis oder die Rückseite des Mondes. Was steckt hinter dieser Distanz und diesem Unverständnis?

Zunächst und vordergründig eine Beschleunigung der technischen Entwicklung und eine kommunikative Revolution. Später wird auch von den Hintergründen dafür zu reden sein.

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3.1 Die technische Entwicklung

Die genannte technische Entwicklung ist allerdings weniger ein technisches Problem, sondern vor allem ein Zeit-Problem. Wesentliche Veränderungen, die das Leben von vielen Menschen stark beeinflussten, gab es immer wieder, aber sie dauerten früher sehr lange Zeiträume, Jahrhunderte manchmal, in denen das alte und das neue Wissen zusammen von Generation zu Generation weitergegeben werden konnte. Über Jahrzehnte gewonnene Erfahrungen und die dazugehörigen Werkzeuge und Methoden waren der wertvollste Schatz der älteren Generation, der weitergegeben und von den Jüngeren auch weiterverwendet werden konnte. Der Schmied im Dorf konnte seine Werkstatt mit allen Geräten und mit seinem Wissen und seinem Erfahrungsschatz an die nächste und übernächste Generation weitergeben und diese konnten das Erbe wirklich gebrauchen und anwenden.

Diese Generationen-Staffel der Wissensweitergabe funktionierte seit Jahrtausenden, bis sie im zwanzigsten Jahrhundert jäh und für immer abgebrochen wurde. Die technischen Entwicklungen und die Anwendbarkeit der erworbenen Erfahrungen wurden in immer kürzeren Zeitabständen überholt. Das Erfahrungswissen und die Werkstattausstattung z. B., die ein Schmied von seinem Vater und Großvater Anfang des 20. Jahrhunderts übernommen hatte, waren Ende dieses Jahrhunderts an der CNC-gesteuerten Maschine nichts, aber auch gar nichts mehr wert. Und diese Entwertung des Erfahrungswissens geschah auf fast allen Gebieten beruflicher Tätigkeit und entwickelt sich gegenwärtig immer noch in ungebremster Beschleunigung. Die Älteren haben den Jüngeren für ihr berufliches Weiterkommen nichts mehr zu bieten (Ausnahmen gibt es, aber die spielen aufs Ganze gesehen kaum eine Rolle). Der Abstand zwischen Generationen wächst.

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3.2 Die kommunikative Revolution

Die oben angesprochene kommunikative Revolution kommt noch hinzu und vertieft und erweitert diesen Abstand. Die Erfindung und Verbreitung des Smartphones und der „sozialen Netzwerke“ ermöglicht eine Vielfalt, Weite und Dichte von Kommunikation, wie sie noch nie vorher möglich war und die weit über das hinausgeht, was z. B. die Erfindung des Telefons vor 100 Jahren bewirken konnte. Damals ging es um eine Überbrückung von Entfernungen bei der Kommunikation. Man konnte von Hamburg aus mit der Oma in München reden, als wenn sie direkt neben einem stünde. Die Art der Kommunikation selbst war aber im Wesentlichen die gleiche: Ein Hin und Her von Äußerungen zwischen zwei Gesprächspartnern.

Das hat sich nun grundlegend geändert. Man kommuniziert sehr oft nicht mehr mit einem einzelnen Gegenüber, sondern innerhalb von Netzwerken. Selbstverständlich kann man auch heute noch mit einzelnen Gesprächspartnern telefonieren, aber das eigentlich Neue ist, dass man nun ganz oft mit einer ganzen Gemeinschaft verbunden sein kann, an die man Nachrichten, Meinungen, Bilder usw. in Form von Datenpaketen sendet und von der man ebensolche Antworten empfängt. Das bewirkt eine grundsätzliche Veränderung menschlicher Kommunikation und zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Kommunikation geschieht jetzt sehr oft in einem Raum der (Halb)-Öffentlichkeit. Die vielen Entfernten und weit Verstreuten werden zu Teilnehmern einer simulierten Nah-Kommunikation.

Das hat riesige Vorteile und Chancen, aber auch ebenso große Risiken. Eine solche Vielfach-Kommunikation stellt gewaltige Anforderungen an die Sach- und Sozialkompetenz der Teilnehmer. Und viele sind diesen Anforderungen nicht gewachsen. Vor allem deshalb, weil jede Information, die man weitergibt oder empfängt, nun von einem verwirrenden Gespinst von sozialen Bedeutsamkeiten überlagert ist. Wenn ich nur mit einem Gegenüber rede, kann ich (meistens) in etwa abschätzen, wie der/die andere reagiert und mich darauf einstellen. Wenn ich mit einer ganzen (real weit vertreuten) „Community“ kommuniziere, dann sende ich meine Botschaften wie in eine Nebelwand und ich weiß nie, welches Echo daraus zurückkommen wird. Wer geschickt damit umzugehen vermag, wird zum „Influenzer“ (Beeinflusser) und zum Sprachrohr für jene Zehntausende, die den Eindruck haben, selber nicht mehr ganz mitzukommen mit der Fülle und der Verschiedenheit an Inhalten, Bedeutungen und versteckten Absichten.

Das Ansehen einer Person hängt nun entscheidend an der Art und den Inhalten, am Umfang und an der Qualität ihrer Kommunikation und an der Überzeugungskraft ihrer Selbstdarstellung in ihren Netzwerken. Und an den zählbaren Reaktionen, den „Klicks“ und „Likes“ der „Community“. Das erfordert völlig veränderte Kompetenzen, wenn man in den entsprechenden Medien überhaupt wahrgenommen werden will und vielleicht sogar noch erfolgreich sein will. Die jüngere Generation lebt in einer Welt, in der die soziale Wertschätzung weniger durch direkte persönliche Begegnungen angelegt und verändert wird, sondern vor allem durch indirekte, aber massenhaft verbreitete digitalisierte Informationen. Das macht jede Kommunikation (oder auch jede Nicht-Kommunikation) zum Risiko-Spiel mit möglicherweise dramatischen Folgen. Was macht es z. B. mit den Selbstgefühl und dem Zugehörigkeitsempfinden von Kindern und Jugendlichen, wenn sie damit rechnen müssen, dass jede peinliche Ungeschicklichkeit, die ihnen passiert, von den Gruppenmitgliedern (z. B. den Mitschülern ihrer Klasse) gefilmt werden könnten und sie Minuten später das Ergebnis in der Weltöffentlichkeit des Internet wiederfinden würden?

Diese für viele Jugendlichen sehr belastenden Vorgänge (ich habe sie weiter oben „vordergründig“ genannt) spielen sich vor einem Hintergrund ab, der dem Ganzen eine zusätzliche und grundsätzliche Bedeutung gibt. Neben und hinter der Beschleunigung der technischen Entwicklung und der kommunikativen Revolution steht noch eine andere Realität, die jedoch äußerlich kaum wahrnehmbar ist, im Innern der Gesellschaft aber um so wirksamer: Der Wertehintergrund für die vordergründigen Entwicklungen.

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3.3 Der Wertehintergrund

Es geht immer um Wertungen. Und innerhalb eines differenzierten Wertesystems geht es vor allem um die soziale Position der eigenen Person. Wenn wir noch genauer hinsehen, merken wir: Eigentlich geht es weniger um eine feststehende Position der Wertungen meiner Person, als vielmehr um die Entwicklungstendenz einer Vielzahl von Meinungen und Wertungen: Sind sie insgesamt eher aufwertend oder eher abwertend? Geht es aufs Ganze gesehen nach oben oder nach unten? Aber: Hängt diese Tendenz wirklich nur an unseren technischen und kommunikativen Fähigkeiten? Nein, solche Wertungen geschehen immer auf der Grundlage von Grundwerten, die in einer Gesellschaft bewusst oder unbewusst gültig sind und hier liegt ein entscheidendes Problem unserer Gegenwart.

In früheren, kulturell relativ homogenen und von eindeutigen und allgemein anerkannten und gültigen Werthaltungen geprägten Gesellschaften ging es meist um bipolare Spannungsfelder: Richtig oder falsch, erlaubt oder verboten, gut oder böse. Man musste sich entscheiden! Und wer seine Entscheidungen so traf, dass die im Rahmen dessen blieben, was allgemein als richtig, erlaubt und gut galt, konnte damit rechnen, gesellschaftlich anerkannt zu sein. Die Gesamtheit der sozialen Werte und die Bereitschaft, sich darin einzufügen, gab für jeden Einzelnen eine einigermaßen sichere Grundlage, auf der man seine soziale Stellung stabil und dauerhaft aufbauen konnte. Wer sich an die bestimmenden Ordnungen, Regeln und Werte hielt, bewegte sich auf relativ sicheren Grund.

Heute aber leben wir weltweit (abgesehen von abgeschotteten Diktaturen oder entlegenen Kulturinseln, wo kleinere Völker oder Volksgruppen in relativer Isolation leben) nicht mehr in eindeutigen Wertesystemen mit solchen bipolaren Spannungsfeldern (richtig oder falsch, gut oder böse), sondern in einem multipolaren Wertepluralismus. Wir bewegen uns (moralisch gesehen) in einem riesigen „Markt der Möglichkeiten“ mit verlockenden Angeboten (die sich manchmal auch als gefährliche oder sogar tödliche Fallen erweisen können) und mit einem Wirrwarr von konkurrierenden Wertesystemen.

Für die Heutigen geht es nicht mehr darum, sich zwischen richtig oder falsch, gut oder böse zu entscheiden (das geht auch oft gar nicht, weil es dafür keine allgemein gültigen Maßstäbe mehr gibt. Die geltenden Gesetze hinken ja oft jahrelang hinter den rasanten Entwicklungen hinterher, vor allem im IT-Bereich mit den schier unbegrenzten aber auch unheimlichen Möglichkeiten „künstlicher Intelligenz“). Es geht eher darum, einen eigenen, für sich selbst einigermaßen stimmigen Weg zu finden, auf dem man möglichst unbeschadet, ja vielleicht sogar erfolgreich durch diesen moralischen „Markt der Möglichkeiten“ und die sich rasant verändernden Rahmenbedingungen der Zeit kommen kann. ).

Den wechselnden Umständen immer wieder neu angepasste Orientierung statt grundsätzliche Entscheidung, das scheint das Gebot der Stunde, (wobei die Grenzen zwischen gut oder böse, erlaubt oder verboten für viele eine immer weniger wichtige Rolle spielen).

Viele junge Leute vermeiden es, sich irgendwie dauerhaft festzulegen, weder beruflich noch privat, weder gesellschaftlich noch politisch, weder ethisch noch religiös. Vereine und Institutionen (ob ein Fußballclub oder ein Gesangverein, die Feuerwehr oder eine Kirche), die auf dauerhaftes Engagement von Mitgliedern angewiesen sind, sind in der Gefahr personell auszubluten. Das ist nicht bloßes Desinteresse bei der jüngeren Generation, sondern ein konsequentes Verhalten in einer ungeklärten Werte-Situation, in der zukünftige Entwicklungen kaum absehbar sind. Zeitlich begrenztes Engagement? Ja, vielleicht. Dauerhafte Bindung an eine bestimmte Zugehörigkeit und Herausforderung? Unmöglich! Die heute Jungen wissen, dass sich in ihren Lebensjahren alles verändern wird (na ja, sagen wir: fast alles), das sagen die Experten (aber welchen Experten kann man schon glauben?), aber niemand kann ihnen einigermaßen zuverlässig sagen, wie es sich verändern wird, und wer die Gewinner sein werden und wer die Verlierer im Zukunfts-Lotto.

Trotzdem sehnt man sich, auch und gerade als junger Mensch, nach einer einheitlichen und allgemein anerkannten ethischen Grundlage für das eigene Leben und Handeln (siehe weiter oben die Anmerkungen zur Lebensphase der Jugendlichen). Und weil es die in der Gesamtgesellschaft nicht mehr gibt, sucht man sich eine Kommunikations-Blase, innerhalb derer man auf relativ einheitliche Anschauungen trifft, die man aber, wenn einem die Art oder Richtung nicht mehr passt, auch wieder wechseln kann. Die Kommunikations-Blase ist das technisch leicht zu handhabende und gesellschaftlich leicht zu verwirklichende Ergebnis der Suche nach einer vertrauten Meinungsumgebung (man könnte auch sagen: der Suche nach einer „spirituellen Heimat“), aber die bitte auf Distanz, denn man weiß ja nie, ob das, woran man da glaubt, nicht doch ein „fake“, eine aufgebauschte Lüge ist. Die fridays for future – Bewegung z. B. ist bei jungen Menschen deshalb so populär, weil hier endlich mal eine Bewegung ist, wo man den Eindruck hat: Ja, hier stehe ich auf der allgemein anerkannt „richtigen“ Seite, für eine eindeutig gute Sache, hier kann ich mich engagieren, ohne dass ich befürchten muss, schon morgen stellt sich raus, dass das doch wieder nur eine Werbekampagne und einträgliche Geschäftsidee eines Weltkonzerns war.

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Der unverbindliche Werte-Pluralismus hat konkrete Folgen. In den Medien wird immer wieder die Verwunderung geäußert, dass so viele (nicht nur junge) Menschen offenbar gar kein Gespür mehr haben, was im Miteinander einer Gesellschaft angemessen oder wenigstens noch erträglich ist. Öffentliche Hasskommentare, Wutausbrüche, Tabubrüche, Raserei, Gewalt … woher kommt das? Unerklärlich!

Die selben Medien haben aber in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten genau solche Ausbrüche und Tabubrüche gefeiert, jedenfalls, solange sich das „Kunst“ nannte. Eine gewaltige weltweite Medien- und Unterhaltungsindustrie hat jahrzehntelang aus dem Schauer der Gewalt, der Allgegenwärtigkeit des Verbrechens, aus dem Genuss fremden Leides, den Flammen des Hasses, der Glut der Bosheit, aus der Tragödie ethischer Verirrungen, der Entleerung von „Liebe“ bis auf den Rest beziehungslosen Sex-Gebrauchs, aus dem Schrecken des Krieges, dem Höllenfeuer des Untergangs gewaltige Gewinne geschlagen. Und sie haben das „Kunst“ genannt, um es unangreifbar zu machen, denn die Freiheit der Kunst ist grenzenlos, auch da, wo die angebliche „Kunst“ in Wirklichkeit nur billiger Kommerz ist. Damit hat man das ethischen Fundament der Gesellschaft aufgeweicht, hat es verleumdet als etwas Gestriges, Überholtes, geradezu lächerlich Unmodernes, hat es zerbröselt und aufgelöst.

Nein, man muss sich nicht wundern über all das Negative, das uns begegnet, man muss sich eher wundern, dass nach all der Verächtlichmachung des Positiven, so viel Ehrlichkeit, Anständigkeit, Freundlichkeit, Zuverlässigkeit, ja manchmal sogar Güte und Hingabe (gerade auch unter den Jüngeren!) doch noch erhalten sind, das ist offensichtlich doch nur schwer ganz kaputt zu kriegen (aber man arbeitet mit aller Kraft daran).

Das Phänomen der ethischen Auflösung ist aber nicht auf die Unterhaltungsindustrie beschränkt. Sie vollzieht sich z. B. auch im beruflichen Umfeld. Man kann heute (Ausnahmen bestätigen die Regel) nicht mehr damit rechnen, anerkannt und wertgeschätzt zu werden, weil man ehrlich, anständig und zuverlässig versucht, das Richtige und Verantwortbare zu tun. Gewiss: Man braucht solche Leute, ja, aber man verachtet sie (von den oberen Ebenen aus gesehen) mehr als dass man sie schätzt. Man wird sie nicht fördern oder gar befördern, denn man braucht sie auf der unteren Ebene, wo die tatsächliche Arbeit geleistet werden muss. Oben, wo die Entscheidungen fallen, wären sie eher störend. Für verantwortliche, leitende Aufgaben wird man sie nicht einsetzen. Sie gelten als nicht „durchsetzungsstark“ und „effizient“ genug: Zu wenig Ellenbogeneinsatz, zu wenig Skrupellosigkeit, zu wenig „Biss“ im Umgang mit Kollegen und Geschäftspartnern.

In den sogenannten „westlichen“ Kulturen hat der Indikator „Erfolg“ einen entscheidenden Einfluss auf die Tendenz der eigenen Wertigkeit. Erfolg (oder was ich anderen als Erfolg darstellen und „verkaufen“ kann) hebt die Tendenz in Richtung Aufwertung; Misserfolg (oder was ich als Misserfolg empfinde oder was mir von anderen als Misserfolg angelastet wird) drückt die Tendenz in Richtung Abwertung. „Erfolg“ ist aber immer weniger von der Kompetenz und Tüchtigkeit der Einzelnen abhängig, sondern immer mehr vom Geschick ihrer „Selbstmarktung“ im weltweiten System der „sozialen Medien“ und im Nahbereich des beruflichen Umfelds. Und: Mit einer ethisch begründeten und gefestigten Haltung ist „Erfolg“ normalerweise kaum mehr zu haben.

Und diese Diagnose gilt auch im Privatbereich. Auch hier entscheidet oft die  „Selbstdarstellung“ in den „sozialen Medien“ und im Nahbereich der „ Community“ über die „Wertigkeit“ und Stellung der beteiligten Personen und kaum deren Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft …

Die heute jüngere Generation ist in diesem ethischen Mangelzustand aufgewachsen. Und sie versucht, darin einen eigenen gangbaren Weg zu finden. Sie vermeidet (aus gutem Grund!) Entscheidungen und Festlegungen, weil sie überhaupt nicht abschätzen kann, was morgen gelten wird. Die heutige ältere Generation hat noch Restbestände ihres alten Wertefundaments (das allerdings auch Restbestände jener Werte enthält, auf denen sich auch die Todeslager der Vergangenheit aufbauen ließen), ein Fundament jedenfalls, das nicht mehr zu dem „Haus“ passt, in dem die Menschheit im 21. Jahrhundert dauerhaft wohnen könnte. Das heißt: Der Abstand zwischen den Generationen wird wohl noch weiter wachsen.

Allerdings: Bisher war nur vom technischen Erbe und von gesellschaftlichen Werten die Rede und von unserer Hilflosigkeit angesichts des immer rascheren Wandels. Es gibt aber auch Bereiche in den Beziehungen zwischen den Generationen, die sich in Jahrhunderten kaum gewandelt haben. Die Menschen sind ja immer noch die Gleichen, auch wenn sich ihre Lebensbedingungen verändert und sie ihr Welt- und Selbstverständnis den veränderten Umständen angepasst haben. In diesem Zusammenhang kann ich aber jetzt nur auf weiterführende Themen hinweisen, in denen solche Fragen schon eingehender behandelt sind: (Zunächst im Bereich „Grundfragen des Lebens“) die Themen: „Wer bin ich?“  – „Sein und sollen“ – „Die Frage nach dem Sinn“ (und im Bereich „Grundfragen des Glaubens“) die Themen: „Schuld und Vergebung“ –  „AHaBaH – das Höchste ist lieben“.

Vielleicht könnte auf einer so erweiterten Basis ein gegenseitiges Verstehen zwischen den Generationen wachsen, das ausreicht, um gemeinsam auf dem ur-alten aber immer noch tragfähigen Fundament des biblischen Glaubens ein neues zukunftstaugliches Haus zu bauen (siehe auch den Bereich „Vision und Konkretion“).

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