Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Die Frage nach dem Sinn

Beitrag 6: Die Sinngeschichte des Universums (Bodo Fiebig)

Eine „Sinngeschichte des Universums“ zu schreiben, ist ein allzu großes Vorhaben. Da würde man schnell an Grenzen stoßen. Deshalb will ich das gar nicht erst versuchen. Aber vielleicht ist es möglich, einige wesentliche Kern-Aussagen dieser Geschichte grafisch dar-zustellen, als Bilder-Geschichte. Dabei werde ich mich weitgehend entlang der Inhalte bewegen, die in den vorangehenden Beiträgen schon sprachlich dargestellt worden sind. Die folgenden acht Bilder mit jeweils einigen Anmerkungen sollen dazu beitragen, die in den Beiträgen „Im Anfang schuf Gott?“, „Die Sinn-Sucher“, und „Die Berufung des Menschseins“ beschriebenen Inhalte in einem fortschreitenden Sinn-Zusammenhang darzustellen und sie als „Ablauf“, als Stationen auf einem Weg, als Bewegung auf ein Ziel hin erkennbar zumachen. (Siehe auch den Beitrag „Die Progressive Weltformel“ und das Thema „Zwischen Schöpfung und Vollendung“).

Wir merken immer wieder, wenn wir von Glaubensinhalten reden wollen: Wir haben nur sehr menschliche, und damit unzureichende Wörter und Begriffe, um etwas Göttliches anzudeuten. Freilich gibt es auch andere religiöse Ausdrucksformen als nur die Sprache: Musik (z. B. Gesang), Bewegung (z. B. Tanz), Rituale, Gemeinschaftsformen … Aber wir werden feststellen: Die beste Ergänzung zur Sprache, wenn es darum geht, Zusammenhänge erkennbar zu machen und Veränderungen in der Abfolge von Ereignissen darzustellen, sind Bilder-Geschichten. Die Begleittexte zu den folgenden acht Bildern sind zu einem großen Teil wörtlich aus den vorangehenden Beiträgen übernommen. Bibeltexte sind halbfett-kursiv gedruckt.

Bild 1

Wir sehen: Ein farbiges Quadrat. Die Farbe gelb füllt hier das ganze Bild aus, ohne Veränderungen und ohne Zwischentöne. Ich verwende die Farbe „gelb“ oder „gold“ hier als Bild für „Gott“, als Zeichen für Licht und Liebe, für Heiligkeit und Herrlichkeit, für Schöpfungswillen und Schaffenskraft, für Hoheit und Hingabe, Zuwendung und Zärtlichkeit. Dass diese Farbe das Bild ganz ausfüllt, soll zeigen: Gott erfüllt alles, ohne Veränderungen und Zwischentöne. Er ist ganz er selbst und „alles in allem“ (1. Kor 15, 28). Die quadratische Form zeigt nur einen Ausschnitt des eigentlichen Bildes, das wir uns nach allein Seiten unbegrenzt weiter fortgesetzt vorstellen können.

Bild 2

Dann aber (im Bild 2 angedeutet) geschieht etwas Seltsames und nie zu Erwartendes: Gott schafft im Innern seines alles umfassenden und alles erfüllenden Seins einen Leer-Raum, eine Offen-heit, einen Frei-Platz für etwas, das noch werden soll. Warum? Im Beitrag 3 „Die Berufung des Menschseins“ finden wir es angesprochen: Aus der Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass seine Existenz wesentlichen einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben. 1. Joh 4, 7-8: „Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“

Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, sein „Geist“, seine „Substanz”, seine „Person“, seine „Identität” (siehe dazu auch das Thema „AHaWaH – das Höchste ist Lieben“)“. Die Liebe aber kann niemals nur für sich selbst da sein. Sie braucht und sie sucht ein Gegenüber, das ihre Liebe erwidert. Das ist nicht nur bei den Menschen so; das ist auch bei Gott so. Deshalb macht Gott in seiner alles erfüllenden Einheit Raum für etwas Zweites; sein „Ich-bin“ schafft Platz für ein „Du“. Dieses „Du“ ist bei Gott schon immer gegenwärtig, schon lange vor aller Schöpfung (so wie ein Kind als Gegenüber ihrer Liebe bei seiner Mutter schon da ist, schon geliebt wird, lange, bevor es geboren ist). Der Frei-Raum in Gott wird zur Verheißung künftiger Beziehung.

Bild 3

Dieser Leer-Raum, diese Offen-heit, dieser Frei-Platz soll eine Füllung, eine Er-Füllung bekommen. Dazu ist er da. Dort soll etwas entstehen, dem zumindest die Möglichkeit inne-wohnt, dass es zum Gegenüber der Liebe Gottes werden könnte. Die Erfüllung dessen, was hier entsteht, wird etwas in Gang setzen, durch das so etwas wie eine „Liebesgeschichte“ möglich wird. Die Liebe Gottes „äußert“ sich, indem sie aus sich heraus Raum schafft für ein Gegenüber, zu dem sie eine „Liebesbeziehung“ aufnehmen will.

Dieses „Gegenüber“ wird hier (zunächst) im Bild als eine blaue Kugel dargestellt, d. h. als etwas, das deutlich unterschieden ist von Gott, aber doch von ihm gewollt, von ihm mit Schöpfungs-Potenz erfüllt und schon von seiner vorausgehenden Liebe umfangen: Ein Kraftfeld der Liebe Gottes, in dem eine „Entstehungsgeschichte“ angestoßen werden könnte. Vorerst ist aber nur ein erster Schritt auf dieses Ziel hin erkennbar: Gott macht als Voraussetzung für alles Kommende die materielle Schöpfung des Universums.

Wie können wir uns diesen ersten „Schöpfungsakt“ vorstellen? Wir haben in unseren Köpfen zwei konkurrierende Vorstellungen davon: Wir reden erstens von einem „Urknall“, wo ein aufs Äußerste verdichtetes „Etwas“ aus Ur-Materie und -Energie explodiert und die Bruchstücke dieser Explosion als Galaxien, Sonnen und Planeten durch den Weltraum fliegen. Die zweite Vorstellung kommt unserem heutigen Erkenntnisstand näher: In einem Kraftfeld (hier als kugelförmige Oberfläche dargestellt) bewirkt ein Impuls (dargestellt durch den Pfeil) eine Wellenbewegung wie bei einem Teich, in den man einen Stein wirft (hier in dem Bild wäre der „Teich“ etwas größer: Ein wasserbedeckter Globus. Aber Teich oder Globus, beide wären nur „Zeichen“ für das Kraftfeld der Liebe Gottes, in dem der Schöpfer etwas „schaffen“ will). Diese Wellenbewegung durchläuft das Kraftfeld. Neues ist entstanden, ein „Etwas“, aus dem „etwas“ werden kann.

Bild 4

Wir sehen im Bild 4, wie ein Impuls, der von Gott ausgeht, das neu entstandene „Empfängliche“ trifft und dort Veränderungen in Gang setzt (sichtbar dann in der Wellenbewegung in Bild 5). Dies ist der Schöpfungsimpuls für die Entstehung des Universums. Aber, und das ist entscheidend wichtig: Die materielle Schöpfung des Universums ist nicht Sinn, Zweck und Ziel des Schöpfungshandels Gottes, sondern nur der erste Schritt dahin. Es genügt dem Schöpfer nicht, ein gigantisches, aber stummes, lebloses und sinnloses Universum zu schaffen, wie ein riesiges Feuerwerk, das aufleuchtet, eine Weile in großartigen Farben und Formen brennt und dann verlischt. Gott macht das Universum als „Bühne“, als Bühne für ein „Spiel der Liebe“. Und für dieses „Liebesspiel“ braucht er (das werden wir noch sehen) einen „Mitspieler“. Und wenn dieses Spiel sich entfaltet, will er, der selbst ganz Liebe, ist, dadurch im Geschaffenen gegenwärtig sein. Er will sich in seiner Schöpfung ein Gegenüber erwecken, das sein Ebenbild ist, bewegt von der gleichen Urkraft, der Liebe, die das Universum in Gang setzte.

Mitten in der materiellen (und damit vergänglichen) Schöpfung soll durch die Verwirklichung von Liebe unvergängliches göttliches Sein entstehen. In den Beiträgen 1 „Im Anfang schuf Gott“, 2 „Die Sinn-Sucher“ und 3 „Die Berufung des Menschseins“ werden die Zusammenhänge ausführlicher dargestellt. Dabei geht es um das Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung, auch von Entstehung und Bedeutung dieser Schöpfung. Hier werden dazu nur einige Anmerkungen aus diesen Beiträgen wiedergegeben: Wir könnten unsere Vorstellungen etwa so formulieren (wohl wissend, dass unsere sprachlichen Möglichkeiten, wenn es um „Gott“ geht, noch viel unzureichender sind, als wenn wir den „Urknall“ und die Entstehung des Universums zu beschreiben versuchen): Das „Medium“, in dem Gott die Schöpfung anstößt und in Bewegung setzt, ist (mit menschlichen, hier physikalisch klingenden Wort-Bildern gesprochen) das Kraftfeld seiner Liebe, und der Impuls, der in diesem Kraftfeld zur Wirkung kommt, ist der Impuls seines Willens durch das Wort. Das heißt: Das Universum entstand durch den Impuls des Wortes Gottes, der im Kraftfeld seiner Liebe zum Schwingen kam. Zum ersten Mal wurde „gegenüber“ dem Schöpfer etwas, das existiert. Wir nennen dieses „Etwas“ das Universum – Raum und Zeit, Energie und Materie.

Stellen wir uns als Vergleich einen „Modellglobus“ vor, einen Himmelskörper, dessen Oberfläche ganz mit Wasser, mit einem Ozean ohne Kontinente und Inseln bedeckt wäre. Diese Oberfläche wäre dann eine kugelförmig gekrümmte Wasserfläche. Diese wäre ohne Grenze, aber keineswegs unendlich groß. Diese kugelförmige Wasseroberfläche unseres „Modellglobus“ stellen wir uns so vor, dass ihre Oberfläche ganz glatt und unbewegt wäre, ohne Wind, Wellen, Wärmeströmung usw. Sie soll in unserer Modellvorstellung das „Medium“ darstellen, in dem sich das Universum ausbreitet (jede Wellenbewegung braucht, physikalisch gesehen, ein Medium, in dem sich das Wellensystem ausbreiten kann und einen Impuls, der diese Bewegung anstößt). Wenn nun diese Kugeloberfläche an einer Stelle von einem Impuls getroffen wird, dann breiten sich von da her Wellenkreise aus, die vom „Pol“ des Anfangspunktes bis zum „Äquator“ der äußersten Ausdehnung auseinanderlaufen . Danach würden sie auf der „anderen Seite“ der Kugel wieder zum gegenüberliegenden Pol zusammenlaufen und sich dort in einem Punkt treffen, und es bliebe von ihnen nichts übrig, als der Anfangsimpuls, aus dem alles entstand.

In den sich ausbreitenden und wieder zusammenlaufenden Wellenkreisen auf der gekrümmten Oberfläche der Kugel hätten wir ein vereinfachtes Bild für den „gekrümmten Raum“, den unser Universum bildet. Dabei müssen wir beachten: Nicht das „Meer“ der Liebe Gottes selbst, das für unser Forschen und Erkennen unfassbar ist, sondern nur das „Wellensystem“, dessen Schwingungen dieses Meer durchlaufen, ist in unserem Bild das Symbol für unsere sichtbare und greifbare materielle Welt. Und nur der Glaube kann etwas wahrnehmen von der Weite und Tiefe des Meeres der Liebe Gottes, in dem alles materielle Sein nur ein Wellenspiel an der Oberfläche ist (im Bild 5 dargestellt in den Ringen auf der Oberfläche der blauen Kugel).

Bild 5

Gott setzt einen Anfang, indem er im „Medium” des Kraftfeldes seiner Liebe den „Impuls” seines Willens durch das Wort zum Schwingen bringt. Ein Universum entsteht und breitet sich aus. Es läuft wie eine Welle durch dieses Kraftfeld und bildet das in sich gekrümmte Raum-Zeit-Gefüge des Alls. Wenn die Impulswellen des Universums wieder in einem Punkt zusammenlaufen, wird nichts übrig bleiben als das, was schon immer war: das Kraftfeld der Liebe Gottes und der Impuls seines Willens. Das heißt: Die Schöpfung Gottes verschwindet nicht durch eine unendliche Expansion in einem unendlichen Nichts und sie kehrt auch nicht wieder in ihren eigenen Ursprung zurück. Sie geht von einem Anfangspunkt aus und sie läuft auf einen Zielpunkt zu. Anfang und Ziel sind nicht identisch, aber sie haben die gleiche Kraftquelle: die Liebe Gottes.

In diesem Ziel liegt auch der Sinn allen Daseins. Wir werden sehen: Alles Dasein kann nur dadurch den Sinn seines Seins finden, dass es durch die Liebe verwandelt wird in eine Existenz, die dem „Sein” Gottes entspricht und ihm zum Gegenüber seiner Liebe wird. Das würde aber voraussetzen, dass im Wellensystem der materiellen Schöpfung etwas von der „Ursubstanz des Seins“, d. h. von der schöpferischen Liebe Gottes selbst zum Schwingen kommt. Aber: Die ungeheuren Weiten des Universums mit ihren Galaxien, Sternen und Planeten, mit ihren „Roten Riesen“, „Weißen Zwergen“ und „Schwarzen Löchern“, die können ja nicht lieben, in denen findet sich nicht die geringste Spur dessen, was Gott in seiner Schöpfung sucht.

Damit dieser Schöpfungssinn dennoch zum Vollzug kommen kann, bringt der Schöpferwille Gottes nun (in der vorhandenen Schöpfung aus Materie und Energie, Raum und Zeit) eine zweite, völlig neue Wirklichkeit hervor: Das Wunder des Lebens. Die Erschaffung des Lebens mitten in einer Welt aus totem Material ist ein ebenso bedeutsamer und unverzichtbarer (zweiter) Schöpfungsschritt, wie es die Erschaffung des Universums (als erster Schritt) war. Und Gott umkleidet die Erde mit einem Gewand aus lebendem Grün und atmender Vielfalt, in dem alles miteinander in Beziehung steht und voneinander abhängig ist.

Aber auch das Leben ist noch längst nicht geeignet, Gegenüber der Liebe Gottes zu sein. Das Leben will leben und kann es nur auf Kosten anderen Lebens: Kampf ums Dasein, Fressen und Gefressen-Werden, Kampf um den Platz an der Sonne, um Standorte und Nährstoffe, Beute und Sexualpartner ….

Trotzdem ist mit der Entstehung des Lebens ein ganz entscheidender Schritt getan, durch den Gott seine eigentliche Schöpfungsabsicht verwirklichen will: Gott schafft (als dritten Schöpfungsschritt) in der schon bestehenden biologischen Schöpfung ein Wesen, den Menschen, dem er die Möglichkeit gibt, bewusst über seine biologischen Grenzen hin-auszugehen und einen Auftrag anzunehmen, für dessen Erfüllung Gott die ganze Schöpfung gemacht hat: Eben-Bild und Gegenüber der Liebe Gottes zu werden. (Der Pfeil mit zwei Spitzen deutet das Hin-und-Her der nun beginnenden Beziehung an: Aus den bis dahin stummen Materialien und Energien des Universums kommt eine Antwort: Ja, ich will!)

Bild 6

Im Bild 6 soll sichtbar werden, dass durch das Menschsein inmitten der Wellenbewegung der materiellen Schöpfung eine Existenz vergegenwärtigt wird, die weit über alles materielle und biologische Sein hinausgeht, indem es dort etwas vom „Wesen“ Gottes verwirklicht: Die Liebe (hier wieder dargestellt in der gelben Farbe im Wellenmuster der materiellen Schöpfung).

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das etwas „soll“ (siehe das Thema „sein und sollen“). Jedes andere Lebewesen erfüllt sein Dasein allein schon durch sein Da-Sein. Es kann seinen Lebenssinn nicht verfehlen. Der Mensch aber hat seinen Lebenssinn als Aufgabe bekommen, die er erfüllen oder verfehlen kann. Diese Aufgabe wird schon im ersten Kapitel der Bibel genannt (1. Mose 1, 27): Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie.

Die Aufgabe und Berufung des Menschseins ist es also, etwas sichtbar abzubilden und erfahrbar darzustellen, was für menschliche Augen eigentlich immer unsichtbar bleiben müsste und für menschliche Erfahrungen immer unvorstellbar wäre: Gott selbst, sein „Wesen“, seine „Substanz“, seine „Person“. Wenn man die Menschen anschaut, wie sie miteinander leben und miteinander umgehen, dann soll man etwas davon wahrnehmen (in aller menschlichen Unvollkommenheit, aber doch erkennbar): So ist Gott.

Jedes Menschsein ist zur Gottesebenbildlichkeit bestimmt, aber nicht jedes Menschenleben gelingt automatisch; auch das körperlich vollendetste und kulturell gebildetste nicht. Damit ist das Eigentliche des Menschseins noch nicht im Blickfeld. Es muss im Menschsein noch eine Neuschöpfung, eine „Neue Geburt“ (Jo 3,3) geschehen, damit es das werden kann, wozu es eigentlich da ist.

Bei aller Zurückhaltung, die uns die Vorläufigkeit und Begrenztheit unseres Forschens und Denkens gebieten, scheint doch dies als Mitte und Angelpunkt der Schöpfung erkennbar: Durch die Liebe und um der Liebe willen wurde das Universum geschaffen. Um der Liebe Raum zu geben und ihr handfeste Wirksamkeit zu ermöglichen, entstand das Leben und wurde das Menschsein gebildet. Und diese Liebe ist nicht selbstverständliche Beigabe, sondern Aufgabe jedes Menschseins (siehe das Thema „AHaBaH – das Höchste ist Lieben“). Mt 22, 35-40: Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Darin also besteht die Berufung des Menschseins, dass ein Ich da ist, das sich seiner selbst als Individuum bewusst ist, und das sich bewusst hingibt an ein Du. Das Gott-Eben-bildliche im Menschen ist bewusstes Ich-Sein in Liebe zum Du. Wir sehen: Es soll nach dem Willen des Schöpfers nicht nur ein großartiges Universum entstehen aus Materie und Energie in Raum und Zeit, mit den verschiedensten Himmelskörpern, Energieströmen und Veränderungsvorgängen in den unvorstellbaren Weiten des Alls, sondern es soll auf einem der bedeutungslosesten Materiebrocken im All (auf unserer Erde), in einem der Milliarden Sonnensysteme, innerhalb von einer der Milliarden Galaxien etwas völlig neues entstehen: Das Wunder des Lebens, und in der Fülle des Lebens ein Lebewesen, der Mensch, als Geistbegabtes Wesen und im Menschsein das noch viel größere Wunder der Liebe.

Es soll auf dieser Erde nicht nur eine weltumspannende Biosphäre entstehen, eine alle Kontinente und Meere umfassende Lebens-Schicht, die rund um die Erde, von Pol zu Pol und von den Tiefen der Ozeane bis in die Höhen der Atmosphäre reicht, und in der alles Leben wechselseitig voneinander abhängt und aufeinander bezogen ist, sondern in dieser Biosphäre soll etwas ganz Neues werden: Ein Wesen (der Mensch), das die Fähigkeit entwickelt, in einem zusammenfassenden Welt- und Selbstverständnis sein Dasein geistig zu bewältigen: Wahrnehmen und erkennen, forschen und verstehen, denken und handeln, planen und gestalten, und glauben und anbeten.

Es soll jedoch auf dieser Erde nicht nur eine alle Völker, Sprachen, Kulturen und Religionen umfassende Weltsphäre des Geistes entstehen, die in alle Jahrtausende der Menschheitsgeschichte aller Völker zurückreicht und die sich im Erkennen und Verstehen, Wissen und Gestalten, im Austausch der Gedanken, Bilder und Worte zu einem globalen Gesamtkunstwerk menschlichen Geistes verknüpft und verdichtet. Es soll auf dieser Erde auch eine die ganze Menschheit umfassende Weltsphäre der Mitmenschlichkeit entstehen, ein Beziehungsgeflecht der Liebe, das alle Völker und Kulturen, alle Sprachen und Rassen, alle Gesellschaftsformen und Lebensgemeinschaften durchdringt, ein weltweites Leuchtmuster des Miteinander und Füreinander, das inmitten der verfinsterten Gegenwart in aller Unvollkommenheit doch schon die gottgewollte Liebeseinheit der Menschheitsfamilie vor-abbildet, ein Weltorganismus der Für-Bitte und des Für-Handelns, ein globaler Blutkreislauf und Austausch geistlicher und materieller Gaben, durch den das eine und alles überstrahlende Bild der Liebe Gottes im Menschsein trotz aller menschlichen Schwächen anschaubar und lebendig wird.

Durch diese „Weltsphäre der Mitmenschlichkeit“ wird der Schöpfer in der Schöpfung vergegenwärtigt, indem das Menschsein zum „Eben-Bild“ der Liebe Gottes wird. (Im Bild 6 wird diese „Weltsphäre der Mitmenschlichkeit“, dieses weltweite „Beziehungsgeflecht der Liebe“ mit den gelben Punkten im Wellenmuster der materiellen Schöpfung angedeutet.)

Bild 7

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Diese Menschheitsberufung ist in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder gescheitert – bis heute. Die Menschen sind (als Einzelne und als Gemeinschaften) von Natur aus Egoisten (wie alle anderen Lebewesen notwendigerweise auch, die ihre Lebens-Fähigkeiten und Überlebens-Strategien im „Kampf ums Dasein“ erworben haben): „Ich bin es“, „wir sind es!“ „Mein bzw. unser Überleben, Wohlergehen, Vorteil, Sieg … das hat höchste Priorität“.

Wie sollte auch aus einer Ansammlung von (individuellen und kollektiven) Egoisten eine „Gemeinschaft der Heiligen“ werden, an deren Leben und Zusammenleben ein Ebenbild der Liebe Gottes erkennbar und erfahrbar wird? Das war ja die Schöpfungsabsicht Gottes, dass inmitten von toter Materie das Leben entsteht und inmitten der Ego-Zentriertheit des Lebens ein Wesen, das zum Ebenbild und Gegenüber, das heißt zum „Du“ der Liebe Gottes werden könnte.

Ist diese Schöpfungsabsicht Gottes mit den Menschen schon im Ansatz gescheitert? Ja und nein. Von den Menschen aus gesehen: Ja. Von Gott aus gesehen: Nein.

Bei Gott war ja das Menschsein vor aller Schöpfung als geliebtes und ersehntes Gegenüber seiner Liebe schon gegenwärtig: Im „Sohn“, der im Lebensraum dieser Liebe schon immer und vor aller Schöpfung das Menschsein vertritt (das Menschsein als „Kindschaft“    in der Geborgenheit der „Vaterschaft“ Gottes) als Vor-Vergegenwärtigung des Menschseins aller Völker und Generationen im Nahraum der Liebe Gottes).

Als das Vorhaben der Schöpfung zu scheitern drohte (weil Menschen es ablehnten, sich zum Ebenbild und Gegenüber der Liebe Gottes formen zu lassen), geschah der entscheidende Durchbruch:  Die Mensch-gewordene Liebe Gottes „entäußerte“ sich, indem sie aus dem Lebens- und Schutzraum unmittelbarer Gottesgegenwart heraustrat und sich hineinbegab in die irdische „Kampfzone“ materieller Veränderungs- und Zerfallsprozesse, biologischer Selbstbehauptung, geistiger Auseinandersetzung und sozialer Machtkämpfe: Als Mensch unter Menschen geboren und aufgewachsen, um dort ein unverfälschtes „Ebenbild“ der Liebe Gottes erkennbar und erfahrbar zu verwirklichen, auch auf das Risiko hin, dass es da zerstört wird.

So wurde die alle verändernde und erneuernde Kraft der Liebe Gottes durch den Menschen Jesus (Jeschuah) aus Nazareth nun auch im irdischen Menschsein präsent: sichtbar, spürbar, erkennbar, erfahrbar: Ein anschauliches „Bild“ des Schöpfers in der geschaffenen Welt. Das war es ja, was die Menschen seiner Zeit an diesem Mann aus Nazareth so faszinierte: Dass in seinem Leben, Reden und Handeln die Gegenwart Gottes zum greifen nahe und real wurde. In Jesus, seinen Leben, Reden und Handeln, war die Berufung der Menschen (jedes Einzelnen und der Menschheit als ganzer), nämlich die Vergegenwärtigung eines „Gott-Ebenbildes im Menschsein“, vollgültig verwirklicht, wenn auch nur in einem Einzigen.

Dabei soll es aber nicht bleiben, sondern durch ihn und seine Jünger und Jüngerinnen soll nach und nach die ganze Menschheit mit hineingenommen werden in die Fülle der Liebe Gottes. Das messianische Reich der Liebe (und des Friedens, der Freude und der Vollkommenheit durch die Liebe), das Jesus verkündigt, wird die Schöpfung Gottes zur Erfüllung bringen: als einen Ort, an dem Gott selbst gegenwärtig ist durch den zwischenmenschlichen Vollzug seiner Liebe, die sein innerestes „Wesen“ ist, sein „Geist“, seine „Substanz“, seine „Identität“.

Dazu muss sein „Reich“ hier auf dieser Erde Realität werden „wie im Himmel so auf Erden“, nicht in einem sagenhaften, jenseitigen Irgendwo. Zunächst modellhaft und vorläufig in aller menschlichen Unvollkommenheit, dann aber vollkommen und endgültig im Friedensreich des Messias.

Die Vor-Verwirklichung dieser erneuerten Menschheitsberufung begann mit der Hingabe, dem Tod und der Auferstehung des „Sohnes“ und mit der Entstehung einer „Gemeinschaft der Heiligen“, durch die (trotz aller furchtbaren Verirrungen der vergangenen Jahr-hunderte) die Berufung allen Menschseins, Ebenbild und Gegenüber der Liebe Gottes zu sein, anfängt, Realität zu werden. (Die vielen Doppelpfeile zeigen hier die Vielfalt der Beziehungen an.)

Bild 8

Wir sehen im achten Bild, wie das Gold des Anfangs, das zuerst nur Gott selbst zu eigen war, nun auch alles Menschsein erfüllt. Gott und Mensch und das Menschsein untereinander als Beziehungsgeschehen zwischen Liebenden. Das vollendete Menschsein, umfangen von der Liebe Gottes und selbst bestehend aus der gleichen „Ur-Substanz“ (der Liebe) wie Gott selbst, wird zum Gegenüber und Ebenbild des Schöpfers.

Das verändert alles: Die Materie des Universums und die Fülle des Lebens werden „vergoldet“ (nicht nur mit einem hauchdünnen goldigen Überzug, sondern ganz), wird durch und durch verwandelt, wenn das „Gold der Liebe“ alles Sein erfüllt. Das ist der Sinn allen Menschseins, dass es eine Berufung hat, durch die (als Zielbeschreibung und doch auch als Vor-Verwirklichung im Hier und Heute) alles Leben und alles Sein in den Nahbereich und in den Lebensraum und in die Dynamik der Liebesbeziehung bei Gott kommen kann.

Diese Berufung kann man annehmen, man kann sie ablehnen oder man kann gleichgültig an ihr vorbeileben. Das heißt: Die Erfüllung des Lebens-Sinnes allen Menschseins ist ein Angebot, keine Zwangsveranstaltung. Wer dieses Angebot jedoch annimmt, der wird die Auswirkungen davon schon hier und jetzt (bei aller menschlichen Unvollkommenheit und Schuldbelastung) als beglückende Befreiung und Bestärkung, als Aus-Weitung und Auf-Wertung des alltäglichen Lebens erfahren. Die Zukunft der Schöpfung und der Sinn alles Geschaffenen sind bei Gott unverfehlbar vorgegeben. Nur der Mensch hat die Freiheit der Entscheidung, ob er selbst daran teilhaben will oder nicht.

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Bodo Fiebig „Die Sinngeschichte des Universums“ Version 1019-5

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