Die geistige Zerrüttung der Menschheit

1 Europäische Kunst im 21. Jahrhundert*

* Vgl. unter „Arbeitsbereiche“ den Bereich Sprache und Kultur

Im 20. Jahrhundert erlebte nicht nur die Politik, sondern auch die Kunst in Europa ihre großen Brüche, Umbrüche, Abbrüche, Zusammenbrüche. Es begann mit dem Ersten Weltkrieg, dem ersten großen Völkermorden dieses bisher mörderischsten aller Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte. Die Idylle von Biedermeier und Gründerzeit zerbrach und das Entsetzen über das Menschen-Mögliche gebar den Schrei der Verzweiflung, der sich im Expressionismus Ausdruck verschaffte.

Dann kamen die kommunistischen Diktaturen im Osten und die nationalistischen Diktaturen im Westen und der Zweite Weltkrieg. Es kam das große Sterben in den Schützengräben der Fronten und in den Bombennächten der Städte. Es kamen die Bomben von Hiroshima und Nagasaki und das Bewusstsein, dass alles Leben auf dieser Erde von einem Tag auf den anderen ausgelöscht werden kann. Und es kamen die unfassbaren Nachrichten über die Schrecken von Auschwitz, Treblinka, Maidanek, Babi Yar …, über das Grauen im Archipel Gulag und das Sterben am Kältepol menschlicher Existenz in den Eiswüsten Sibiriens oder in den Umerziehungslagern des maoistischen China, es kamen die Nachrichten über den Tod in den Dschungeln von Vietnam und in den Reisfeldern von Kambodscha, über das Wüten der Stammes-Krieger und Kindersoldaten in den Weiten Afrikas und über das lautlose Sterben von Millionen an Hunger und AIDS.

Der Glaube an Sinn und Würde des Menschseins zerbrach und mit ihm zerbrach die Kunst und zerriss in zwei Teile: die „ernste“ Kunst und die „leichte“ Unterhaltung.

Letztere ging daran, das innere Beben mit dröhnender Lautstärke, ekstatischen Rhythmen und unaufhörlicher Allgegenwart zu übertönen, es mit immer exzessiveren Darstellungen von Gewalt und Pornografie zuzudecken oder mit einer bis ins lächerliche kommerzialisierten „Volkskunst“ rosarot zu übermalen bzw. sich in eine Fantasiewelt als Gegenmodell zur entleerten Wirklichkeit zu flüchten (Harry Potter, Herr der Ringe usw.) und schließlich ging man daran, alles Menschlich-Zwischenmenschliche in absurder Blödelei aufzulösen.

Die sogenannte „ernste“ Kunst zelebrierte den Schrei der Verzweiflung in grellen Farben und zersprengten Formen, in Sprachfetzen und Gewaltszenen, in schrillen Klängen und aggressiven Dissonanzen immer wieder neu. In der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde alles, die Dinge, die Menschen, die Beziehungen… als gestört und zerstört dargestellt. Alles war zerrissen, verzerrt bis zur Unkenntlichkeit, alles war schreiend und grell, erschrocken und erschreckend, kaputt und kaputt machend.

Über Jahrzehnte durfte keiner, der als Künstler ernst genommen werden wollte, es wagen, irgendetwas Schönes, Wohltuendes, Harmonisches darzustellen. Hohn, Spott und Verachtung wären so einem „Heile-Welt-Propheten“ sicher gewesen. Kunst, die ernst genommen werden wollte, wurde zur Selbstinszenierung des eigenen Lebensüberdrusses, zum Erbrechen des eigenen Lebensekels. Sie wollte nicht mehr Mitteilung irgendeinen Inhalts sein, sondern sinnloses Selbstgespräch, das nur noch die eigenen inneren Spannungen hinausschreit und kein hörendes Gegenüber mehr braucht und sucht.

Am Anfang waren das Erschrecken und der Schrei der Verzweiflung wirklich echt gewesen; aber auch später, als der Schrecken längst verklungen, die Sinne längst abgestumpft, die verstörte Künstlerseele längst beruhigt war, blieb die große Geste des Negativen, des alles Verneinenden erhalten. Der Schrei der Verzweiflung, der einmal echt gewesen war, wurde zum elektronisch verstärkten Spektakel, wurde zur gefeierten Modeerscheinung. Der Schrecken wurde kommerzialisiert, wurde zum Geschäft, zum Geschäft mit Mord und Gewalt, mit Blut und Tod, mit jeder Form menschlicher Abartigkeit und Verirrung.

Unter dem Deckmantel von „Kunst“ wurden (und werden) Gewalt und Mord gewinnbringend vermarktet, werden Bosheit und menschenverachtende Einstellungen quotensteigernd eingesetzt, werden ethische Perversionen stolz als Markenzeichen der Freiheit präsentiert. Weltweit sitzen Zehntausende, Hunderttausende kluge und kreative Menschen in ihren Büros und an ihren Schreibtischen und Bildschirmen und haben nichts anderes zu tun, als sich Szenen von Gewalt und Mord auszudenken, die noch ein wenig extremer, noch ein wenig grausamer, noch ein wenig brutaler und verrückter sind, als es die in der letzten Folge der Filmserie, des Computerspiels usw. waren (sonst schaut ja niemand mehr hin und die Werbeeinnahmen gehen verloren!!). So endete die Kunst des 20. Jahrhunderts.

Nun, am Beginn des 21. Jahrhunderts, stehen Kunst und Kultur nicht etwa an einem Abgrund, wie manche meinen, sondern eher in einem übel riechenden Morast. Aus der großen Geste der Verneinung (Schopenhauer, Nietzsche …), die im 19. Jahrhundert existenzielles Erschrecken und intellektuelle Begeisterung zugleich hervorrief, ist im Kulturbetrieb der Gegenwart eine müde wegwerfende Bewegung geworden, die ihren Überdruss in bemüht witzigen Pointen portioniert und quotenträchtig vermarktet.

Die modernen Nachfolger der großen pessimistischen Philosophen sind die Spaßmacher von heute, die mit wortwitziger Niedertracht (Niedertracht hier wörtlich gemeint als etwas, das immer nach dem Niedrigsten trachtet) sich über alles und jeden lustig machen, alles und jeden in den Dreck ziehen, denen menschliches Erleben und Erleiden, Wollen und Mühen höchstens eine hämisch-abfällige Bemerkung wert sind und denen selbst das Großartigste und Heiligste gerade noch für einen Beifall heischenden Witz taugt. Das, was da an Komik und Satire über unsere Bildschirme flimmert (Komik und Satire waren einmal zu Zeiten, als es gefährlich war, den Mächtigen unangenehme Wahrheiten direkt zu sagen, eine hohe Kunstform, ein mutiges Mittel, solche Wahrheiten in einer gekonnt verfremdeten Verpackung öffentlich zu darzubieten), ist ja meist nicht das, was es sein will und sein sollte, nämlich eine scharf überzeichnete Karikatur unserer gesellschaftlichen und historischen Wirklichkeit, sondern nur ein ins Lächerliche gezogenes Zerrbild nach den Vorgaben einer geschäftstüchtigen Unterhaltungsindustrie. Nicht einmal billig, sondern wertlos, ja alles entwertend.

Das einundzwanzigste Jahrhundert hat seine Kunst noch nicht gefunden. Es wird sie erst finden, wenn es aus der egozentrischen Versponnenheit in der eigenen Gefühlswelt wieder herausfindet und sich wieder dem Mitmenschen zuwendet. Die Alternative für die Kunst des 21. Jahrhunderts heißt nicht „Heile-Welt-Illusion“ oder Verzweiflung, sondern Kunst als egomanische Selbstbetrachtung oder als Mitteilung an ein wertschätzend angesehenes Du.

Die Kunst des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird erst dann das Zwanzigste überwinden, wenn sie bereit ist, das Unbehauste und Entstellte menschlicher Existenz (das es neben allem Guten und Schönen eben auch gibt) ehrlich wahrzunehmen und anzunehmen, aber dann den Schmerz darüber umzuwandeln in ein hingabebereites „Ja“ zum Du. Erst wenn es der Kunst gelingt, das Angesicht des Nächsten wieder zu suchen und anzuschauen, seinen Schmerz und seine Freude wahrzunehmen, seine Wunden und seine Schönheit zu berühren und eine achtsam zugewandte Kommunikation mit ihm zu beginnen, wird sie neue Worte, Geschichten, Formen, Farben und Klänge finden, wird sie neue, wirklich andere Ausdrucksformen entwickeln als das zutiefst destruktive Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts es vermochte. Kunst ist intellektuelle und spirituelle Energie. Sie kann, wie jede Energie, zerstörend oder aufbauend wirken.

.

2 Die Verdächtigung des Positiven (siehe Das Thema „Wirklichkeit und Wahrheit“, Beitrag 2 „Die Macht der Lüge“)

Was hier gemeint ist, könnte man als „unbeachtete Kehrseite der Werbung“ bezeichnen. Werbung ist zunächst einmal und ursprünglich einfach Information. Ein Unternehmen hat ein neues Produkt entwickelt und informiert potenzielle Kunden über das neue Produkt und seine Eigenschaften. Solche Art von Werbung ist nicht zu kritisieren und hat mit Beeinflussung gar nichts zu tun, aber sie ist selten geworden.

Beeinflussung durch Werbung geschieht fast immer durch Aussagen, die gar nicht das Produkt selbst ansprechen. Fast immer sind den Werbeinformationen Botschaften beigemischt, die mit den tatsächlichen Eigenschaften des beworbenen Produkts gar nichts zu tun haben. Wie sollten denn auch die Bilder einer attraktiv aufgemachten jungen Frau über die Fahreigenschaften eines Autos informieren? Das wollen und sollen sie auch gar nicht. Sie wollen und sollen bewirken, dass der potenzielle Käufer (das sind bei Autos meistens Männer) die positiven Emotionen, welche die Bilder von der jungen Frau bei ihm wecken, auf das Auto überträgt, so dass dieses eine emotionale Attraktivität erhält, die ursprünglich der jungen Werbe-Frau galt. Oder: Das Sehnsuchtsbild von sonnigen, blühenden Wiesen in einer atemberaubend schönen Alpenlandschaft lässt uns im Supermarkt zu einer bestimmten Käsesorte greifen, auch wenn die Milch dafür von Kühen stammt, die in riesigen Ställen mit vollautomatischen Fütterungs- und Melkanlagen stehen und die das Licht des Tages nie gesehen haben.

Nun ja“, könnte man sagen, „solche Werbung ist zwar nicht ganz ehrlich, aber sie schadet ja schließlich niemandem. Die meisten Leute sehen halt gern Bilder von schönen und erotisch attraktiven Menschen, oder Bilder von herrlichen Alpenlandschaften und stimmungsvollen Sonnenuntergängen am Palmenstrand, oder Bilder von glücklichen Paaren und von harmonischen Familien mit lachenden Kindern“. Na, und?

Das ist aber sehr naiv gedacht. Doch, solche Bilder richten Schaden an, unermesslichen Schaden, aber ganz anders als wir meinen. Die modernen Menschen, die ständig von einer Überfülle solcher Werbung umgeben sind, sind ja nicht dumm, jedenfalls nicht so dumm wie manche Werbefachleute meinen. Obwohl die Werbebilder und -Szenen bewusst nicht auf den Verstand der Menschen zielen, sondern auf ihre Gefühle, so wissen sie es doch: Das ist ja nur Werbung, das ist doch alles nicht wahr, falscher Schein, verlogene Verführung. Und so entsteht im Laufe der Zeit bei vielen, unbemerkt und ungewollt, in ihrer Umweltwahrnehmung eine Verknüpfung (wie ein „Link“ im Computer-Programm) zwischen der (emotionalen) Empfindung „gut und schön“ und der (sachlichen) Einschätzung „falsch und verlogen“.

Die Bilder von schönen und erotisch attraktiven Menschen, die Bilder von herrlichen Alpenlandschaften mit klarer Luft und weitem Blick oder von stimmungsvollen, friedlichen Sonnenuntergängen am Palmenstrand, die Bilder von glücklichen Paaren in unbeschwerter Zweisamkeit oder von harmonischen Familien mit lachenden Kindern, die sind ja nicht zufällig ausgewählt. Da haben die Werbepsychologen ganze Arbeit geleistet. Die Werbebilder beschreiben in beeindruckender Kürze das, wonach sich die meisten Menschen sehnen, weil sie es bei sich selbst vermissen.

Wenn aber nun das, wonach sich die Menschen sehnen, in ihrem (bewusst oder unbewusst) mit dem Einschätzung „unecht“ verknüpft ist, als etwas, das uns beeinflussen will, etwas zu kaufen, was wir vielleicht gar nicht brauchen, wenn alles, was Menschen als gut und schön empfinden und gerne haben möchten, gleichzeitig (bewusst oder unbewusst) mit dem Urteil „falsch und verlogen“ verbunden ist, dann entsteht eine gesellschaftliche Gesamtatmosphäre des Misstrauens gegen alles, was irgendwie positiv zu sein scheint. Und dann bekommt alles, was negativ erscheint, was gewalttätig und hässlich daherkommt, den Stempel, „unschön, aber wenigstens ehrlich“.

Und das gilt nicht nur für Werbung im engeren Sinn (also da wo es darum geht, jemanden zu motivieren, eine bestimmte Ware zu kaufen), sondern z. B. auch für die Werbung von politischen Parteien in der Zeit vor der Wahl, oder für die Selbstvermarktung von „Promis“ in den einschlägigen Blättern, Sendungen und Foren und unterdessen auch oft für die Selbstdarstellung von ganz normalen Menschen in den sozialen Medien.

Die Werbung mit ihren missbrauchten Sehnsuchtsbildern trägt wesentlich zu einer solchen negativen Einstellung zu allem Positiven bei. Wir sind es so sehr gewöhnt, hinter jeder schönen Fassade etwas verborgen Böses zu vermuten, dass der Begriff „schöne Fassade“ selbst schon zu einem Begriff für etwas versteckt Boshaftes geworden ist. Und wir kommen gar nicht mehr auf die Idee, nachzuschauen, ob es denn wirklich so ist. Dass hinter einer „schönen Fassade“ (das meine ich jetzt nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich) auch ein schöner Innenraum sein könnte, mit Menschen, die da gern und harmonisch zusammen wohnen, das scheint uns (jedenfalls im Bereich Kunst und Kultur) völlig undenkbar.

Die Macht der Lüge in Form der Beeinflussung durch Werbung hat alles Gute unter den Generalverdacht gestellt, in Wahrheit etwas Verlogenes und verborgen Böses zu sein und sie kann in ganzen Gesellschaften eine Atmosphäre des Misstrauens gegen alles positiv Menschliche erzeugen. Die Folge ist: Das Misstrauen gegen das vermeintlich Gute wird nach und nach und je länger je mehr zum offenen Tor für das tatsächlich Böse. Nach dem Motto: Also mir ist das ehrlich Böse immer noch lieber als das verlogen Gute“ (ohne zu prüfen, ob das Gute denn wirklich immer verlogen und das Böse den wirklich ehrlich ist). Prüfen wir uns doch einmal selbst, wie weit sich diese negative Abwehrhaltung gegenüber allem, was irgendwie gut, schön und menschenfreundlich erscheint, bei uns selbst schon festgesetzt hat.

Ein sehr deutliches Beispiel für die Verdächtigung des augenscheinlich Guten als etwas Verlogenes und verborgen Böses ist das Verhältnis vieler moderner und intellektueller Menschen zu den Kirchen. Der immer schneller gallopierende Ansehensverlust der Kirchen hat seine Haupt-Ursache nicht darin, dass die Kirchen nicht modern genug auftreten, nicht darin, dass in den Kirchen altmodische Ansichten vertreten oder langweilige Gottesdienste gefeiert werden, auch nicht in den Fällen von tatsächlichen und schlimmen Fehlverhalten und Missbrauch von einzelnen Kirchen-Vertretern.

Nein, aber Menschen, in deren Weltverständnis sich diese Verknüpfung von „schön und gut“ und „falsch und verlogen“ festgesetzt hat (alles, was schön und gut aussieht, ist in Wirklichkeit falsch und verlogen), sehen die Kirchen von außen und sie sehen: Da gehen Menschen freundlich, vielleicht sogar liebevoll miteinander um, da gibt es Menschen, die sich um andere kümmern, wenn sie in Not sind, die leben in Gemeinschaften, so wie sie diese Beobachter es sich eigentlich für sich selbst auch wünschen und dann können sie gar nicht anders als mehr oder weniger bewusst diese Verknüpfung nachzuvollziehen: Falsch, verlogen und in Wirklichkeit voll heimlicher Bosheit. Alles nur schöne Fassade! Und dahinter?? Und dann kommen große und sehr geschickt gemachte „Kunst-Werke“ Romane und Filme, (z. B. Umberto Eco „Der Name der Rose“ – schriftstellerisch großartig gemacht), die ihnen genau das bestätigen: Ja die Kirche ist in Wirklichkeit im Innern voller Intrigen und Gemeinheit, voller Machtgier, Gewalt und Mord. Da können viele Menschen gar nicht anders, als auch diesen Reflex nachzuvollziehen: „Unschön, aber wenigstens ehrlich!“ Auch wenn die dargestellten Inhalte solcher Romane und Filme mit der historischen Wirklichkeit der Kirche nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Das Urteil steht fest.

.

3 Die falschen Feinde

Was ist los in der digitalen Welt? Wer hat diese Flamme entzündet, diesen Sturm entfesselt? Hasserfüllt und menschenfeindlich, hemmungslos und ohne Maß wird geschimpft und beleidigt, gehetzt und verurteilt. Gerade jene, die irgendwie Verantwortung übernehmen in der Gesellschaft, die irgendwie sichtbar werden in der Menge der (medial) Gesichtslosen, die werden aggressiv angegangen, als wäre sie schuld an allem Unheil dieser Welt.

In den Medien und in gesellschaftlich verantwortlichen Institutionen wird immer wieder die Verwunderung geäußert, dass so viele Menschen offenbar gar kein Gespür mehr haben, was im Miteinander einer Gesellschaft angemessen oder wenigstens noch erträglich ist. Öffentliche Hasskommentare, Wutausbrüche, Tabubrüche, Raserei, Gewalt … woher kommt das? Unerklärlich!

Freilich: Die selben Medien und Institutionen haben aber in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten genau solche Ausbrüche und Tabubrüche gefeiert, sie mit Ehrungen und Preisen überhäuft, jedenfalls, solange sich das „Kunst“ nannte. Eine gewaltige weltweite Medien- und Unterhaltungsindustrie hat jahrzehntelang aus dem Schauer der Gewalt, der Allgegenwärtigkeit des Verbrechens, aus dem Genuss fremden Leides, den Flammen des Hasses, der Glut der Bosheit, dem Schrecken des Krieges, dem Höllenfeuer des Untergangs gewaltige Gewinne geschlagen. Und sie haben das „Kunst“ genannt, um es unangreifbar zu machen, denn die Freiheit der Kunst ist grenzenlos, auch da, wo die angebliche „Kunst“ in Wirklichkeit nur billiger Kommerz ist. Damit hat man das ethischen Fundament von Mitverantwortung und Mitmenschlichkeit in der Gesellschaft aufgeweicht, hat es verleumdet als etwas Gestriges, Überholtes, geradezu lächerlich Unmodernes, hat es zerbröselt und aufgelöst.

Nein, man muss sich nicht wundern über all das Negative, das uns begegnet, man muss sich eher wundern, dass es nach all der Verächtlichmachung des Positiven, so viel Ehrlichkeit, Anständigkeit, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit immer noch gibt, ja dass manchmal sogar so etwas wie Güte und Hingabe noch erhalten sind. Das ist offensichtlich doch nur schwer ganz kaputt zu kriegen (aber man arbeitet mit aller Kraft daran).

Diese geistige Zerrüttung der Menschheit (vor allem Europas und der sogenannten „westlichen Welt“) ist schon seit (mindestens) einem Jahrhundert im Gang; insofern ist es nichts wirklich Neues: Was sich aber in den letzten Jahren geändert hat und was nun wirklich neu ist gegenüber den früheren Jahrzehnten, das ist die technische Möglichkeit, im Internet jetzt selbst das nachzumachen und mit einem Mausklick einer weltweiten Öffentlichkeit zu präsentieren, was man jahrzehntelang von den Medien als Spiel und Unterhaltung vorgesetzt bekam: Aggressivität und Gewalt als Mittel der Selbstinszenierung! Und warum sollte das auf einmal etwas Schlechtes sein, wenn ich jetzt so handle, wie man mir das tausendfach in den Medien vorgemacht hat?

Allerdings: Europa war auch in früheren Jahrhunderten kein dauerhafter Hort des Friedens und der Mitmenschlichkeit. Immer wieder wurden Zeiten friedlichen Miteinanders von Ausbrüchen von Feindschaft, Gewalt und Krieg unterbrochen. Die aber waren meist zeitlich und regional begrenzt (Ausnahmen gab es, z. B. im Dreißigjährigen Krieg, der große Teile Europas erfasst hatte). Jetzt aber haben nicht nur die technischen Möglichkeiten, sondern auch die Friedlosigkeit der Menschen globale Dimensionen. Und wir müssen uns immer wieder bewusst machen: Es gibt (leider, aber es ist so) eine große Anzahl von kleinen und großen Mächten, die, ausgestattet mit viel Geld und manchmal auch mit staatlicher Vollmacht nicht anderes zu tun haben als Desinformation und Lüge, Hass und Hetze zu verbreiten, um damit dem Gewinn- und Machtzuwachs ihrer Auftraggeber zu dienen.

Aber (so kann man nun mit Recht einwenden), ist nicht eine solche Haltung der Feindschaft und des Kampfes schon in unseren Genen vorprogrammiert? Ist sie nicht das natürliche Erbe unserer Herkunft? Ist nicht das Leben selbst im Laufe von Jahrmillionen als Ergebnis eines unerbittlichen „Kampfes ums Dasein“ entstanden und weiterentwickelt worden? Und ist nicht auch die ganze Menschheitsgeschichte von solchen Kämpfen gekennzeichnet, in denen nur diejenigen bestehen und überleben konnten, die sich als die Stärksten, Geschicktesten – und auch Rücksichtslosesten durchzusetzen vermochten? (Siehe dazu auch die Themen „Friede auf Erden?“ und „sein und sollen“.)

Sind nicht in unserem biologischen und kulturhistorischen Erbe mehr als genug solcher Kampfinstinkte erhalten geblieben, die uns heute, im Zeichen der Globalisierung und der Massenvernichtungswaffen zum Verhängnis werden können?

Da sind noch (um ein paar Beispiele zu nennen) tief in uns die Instinkte des Jägers, der das Beutetier hetzt, bis es, zu Tode erschöpft, gestellt und erlegt und im Triumph auf den Schultern nach Hause getragen werden kann. Nun hat die Familie und Sippe wieder ein paar Tage lang zu essen.

Da sind, übermächtig seit Jahrtausenden, die Instinkte des Mutter-Tiers, die ihre Jungen verteidigt mit Zähnen und Klauen und die Instinkte der Sammlerin, die, damit ihre Familie den harten Winter oder die sommerliche Trockenzeit überleben kann, unermüdlich Vorräte anlegt, und nie das Gefühl hat, jetzt ist es genug.

Da sind die Instinkte des Kriegers, der sich und seine Sippe in Gefahr sieht durch die „Fremden“, die sie bedrohen, so dass er Waffen bereithalten muss, Angriff und Verteidigung vorbereiten, Strategien für den Kampf überlegen, den Gegner täuschen, im günstigsten Moment zuschlagen, den „Feind“ töten und dessen Lebensgrundlagen zerstören muss.

Da sind die Instinkte des Weibchens, das den stärksten, potentesten, vermögendsten, mächtigsten Mann erobern muss, der ausreichend Nachwuchs zeugen und ihre Brut ernähren und schützen kann vor allen Angriffen und der ihr selbst eine geachtete Stellung verschafft im Sozialgefüge der Sippe und des Stammes (so weit nur einige wenige, stark vereinfachte, überzeichnete und typisierte Beispiele).

Und alle diese Instinkte und noch viel mehr, die im Laufe von Jahrtausenden im harten Existenzkampf der Sippen und Stämme entstanden sind, die toben sich heute aus in den Vor- und Hinterzimmern, den Großraumbüros und Kantinen, den Gängen und Treppenhäusern unserer Bürotürme oder zwischen den Vorgärten und Blumenbeeten unserer Reihenhäuser oder in den Klassenzimmern und Pausenhöfen unserer Schulen …

Diese Instinkte wirken sich aber auch aus in den entrückten Chefetagen der internationalen Konzernmanager, in den abgeschirmten Konferenzräumen mächtiger Politiker, in den Labors und Hörsälen hochbegabter Wissenschaftler, in den Redaktionsbüros und Schreibstuben einflussreicher Journalisten, in den Gerichtssälen zwischen Staatsanwälten, Verteidigern und Richtern, in den Armeen zwischen Offizieren, Rekruten und Zivilisten… Wir können nicht einmal ungefähr abschätzen, wie viele der Entscheidungen der Mächtigen dieser Erde nicht auf sachlich-rationalen Grundlagen gefällt werden, sondern auf Grund von uralten Instinkten und Verhaltensmustern.

Und dazu kommt noch: Nicht nur die Erbanteile aus den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte und die Erbanlagen aus unserer Vor-Geschichte im „Kampf ums Dasein“ leben in uns (vgl. im Thema „Friede auf Eden?“ den Beitrag „Ursachen des Unfriedens I – Das Erbe der Frühzeit), sondern auch die Eindrücke und Prägungen unserer eigenen, individuellen Lebensgeschichte, die entscheidend durch unsere persönlichen Erfahrungen, aber auch durch die Geschichte unserer engsten Bezugspersonen in den letzten drei, vier Generationen mitbestimmt werden (vgl. im Thema „Friede auf Eden?“ den Beitrag „Ursachen des Unfriedens II – Das Erbe der Generationen).

Krieg oder Frieden, Freiheit oder Unterdrückung, Wohlstand oder Armut, das entscheidet sich oft (nein, fast immer!) nicht an sachlich unausweichbaren Gegebenheiten, sondern an der persönlichen Verfassung, an den unbewussten Antrieben und den bewussten Motivationen der handelnden Personen. Und diese persönliche Verfassung ist wesentlich mitbestimmt durch das genetische Erbe unserer Familie und das soziale, kulturelle, weltanschauliche und religiöse Erbe unserer Familiengeschichte und darin eingebettet, unser eigenen persönlichen Biografie.

Dabei müssen wir beachten: Die Einstellungen und Handlungsweisen von Menschen werden nicht unausweichlich von deren persönlichen Lebensgeschichte festgelegt. Aber die Erfahrungen der Vergangenheit und persönliche Biografie mit allen ihren positiven und negativen Erlebnissen können in ihnen doch eine Tendenz hervorrufen und bestärken, die bestimmte Einstellungen und Handlungsweisen wahrscheinlicher werden lässt:

Wiederholte und als bedrohlich empfundene Erfahrungen von Mangel und Verlust (besonders in der frühen Kindheit) bringen (nicht zwangsläufig, aber als Tendenz) einen Typus von Menschen hervor, der durch ein unstillbares Haben-Wollen und Festhalten-Wollen geprägt und beherrscht ist und der damit den Frieden im Miteinander der Menschen gefährdet.

Wiederholte und als bedrückend erlebte Erfahrungen von Erniedrigung und Unterdrückung bringen (nicht zwangsläufig, aber als Tendenz) einen Typus von Menschen hervor, bei denen eine persönliche und soziale Verunsicherung und ein persönliches Minderwertigkeitsgefühl umschlagen können in die Neigung zu Selbstüberhöhung und skrupelloser Machtausübung, sobald sich dazu die Möglichkeit bietet.

Wiederholte und als existenzgefährdend erlittene Erfahrungen von Bedrohung und Verletzung bringen (nicht zwangsläufig, aber als Tendenz) einen Typus von Menschen hervor, der, sobald er Macht und Gelegenheit dazu hat, selbst zur Anwendung von bedrohender und verletzender Gewalt neigt.

Die Spiralen des Unfriedens und der Gewalt, die sich überall auf der Welt, im kleinen, privaten Bereich ebenso, wie im Großen zwischen Völkern und Rassen, Kulturen und Weltanschauungen mal langsam, mal schneller drehen, können auf Dauer nur dann zum Stillstand gebracht werden, wenn man verhindert, dass Menschen solche Erfahrungen machen müssen: Mangel und Verlust, Erniedrigung und Unterdrückung, Bedrohung und Verletzung.

Das unbewusste aber um so mehr wirksame Erbe aus der Frühzeit des Menschseins und das geistige, kulturelle und emotionale Familienerbe der letzten 3-4 Generationen prägen uns mehr als wir ahnen.

Dabei müssen wir solche vorgeprägten Denk- und Handlungsmuster gar nicht grundsätzlich verdammen. Sie hatten ja in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit durchaus ihren Sinn. Und (machen wir uns da nichts vor) wir werden sie den Einzelnen und Gruppen, den Völkern und Kulturen, den Weltanschauungen und Religionen nicht innerhalb einer Generation psychologisch „weg­therapieren“ können, es würde (wenn es überhaupt möglich wäre) Jahrhunderte dauern. Dazu aber haben wir nicht die Zeit und das ist auch gar nicht notwendig. Solche Prägungen und Antriebe müssen sich ja heute nicht unbedingt negativ auswirken. Wir brauchen sie ja auch heute noch als Stimulation und Motivation für unser Handeln. Ja, geben wir es zu: Wir (vor allen die Vertreter des männlichen Geschlechts unter uns) brauchen Ziele, für die wir kämpfen können, wir brauchen die Herausforderung des Kampfes, um unsere körperlichen und geistigen Kräfte optimal zu entfalten. Und wir brauchen dazu auch klare Vorstellungen davon, wogegen wir kämpfen müssen. Sagen wir es rundheraus: Wir brauchen Feindbilder. Aber: Der Feind, gegen den es heute zu kämpfen gilt, das ist nicht der „Andere“, der Fremde, der Andersartige und Andersdenkende und Andersglaubende, auch nicht die andere Kultur, Weltanschauung oder Religion; der Feind des Menschseins im 21. Jahrhundert ist die Feindschaft, sind feindseliges Denken und Handeln, sind der Hass, die Gewalt und der Krieg. Darauf kommt es an, dass wir wissen, welches wirklich unsere Feinde sind, sonst bekämpfen wir die falschen und richten mehr Schaden an als wir als wir nützen könnten!

Wenn es gelingt, die „Kampfbereitschaft der Menschen“, also das Engagement der Einzelnen, der Gruppen und Völker gegen diesen Feind zu mobilisieren, also gegen die Feindschaft, den Hass und die Gewalt (und das ist möglich!), und gegen viele andere Feinde, die z. B. „Hunger” heißen oder „Armut” oder „Ungerechtigkeit” oder „Ausbeutung”, „Umweltzerstörung”, „Habgier”, „Machtgier”, „Sucht”, und noch einige andere, dann sind wir auf dem Weg zum Frieden ein gutes Stück vorangekommen. Und das ist ja nichts Neues oder Unmögliches. Es gibt ja schon heute viele Einzelne, Gruppen, Organisationen, die unter großem persönlichen Einsatz diesen Kampf führen. Es geht nicht anders, das muss auch uns ein dringendes Anliegen werden. Und wenn sich viele da mit angagieren, ist dieses Bemühen nicht aussichtslos.

Aber noch einmal, denn das ist das alles Entscheidende: Wir dürfen nicht in die Versuchung geraten, die Falschen als Feinde anzusehen und zu bekämpfen. Unser Kampf gilt der Feindschaft, nicht dem „Feind“ (wen immer wir dann als „Feind“ bezeichnen), er gilt dem Fremdenhass, nicht „dem Fremden“. Wir kämpfen gegen die Armut, nicht gegen „die Reichen“, gegen die Ausbeutung, nicht gegen „die Ausbeuter“ (obwohl es da manchmal in der Sache auch harte Auseinandersetzungen geben muss)… Aber es ist doch von entscheidender Bedeutung: Wenn wir nicht gegen das Böse kämpfen (das es in jedem Menschen gibt, auch in uns selbst) sondern gegen die Bösen (bzw. gegen die, die welche wir für die Bösen halten und das sind ja immer die anderen) dann sind wir doch wieder nur Teil des alten Kampfes „wir, die Guten gegen euch, die Bösen“. Unser Ringen muss aber gegen das Böse gerichtet sein: Bei uns und bei euch, in uns und in euch.

Zusammengefasst: Machen wir es wie Gott: Gott hasst das Böse, nicht die Bösen (siehe das Thema „gut und böse“). Wie sollte Gott das Böse nicht hassen angesichts der Verfinsterung dieser Welt, einer Welt voller Verbrechen, Lüge, Betrug, Gewalt, Raub und Mord. Wie sollte Gott das Böse nicht hassen, wenn er sieht, wie es immer mehr um sich greift und das Miteinander und den Frieden unter den Menschen stört und zerstört. Gott hasst das Böse, ja, denn das ist der Feind alles Menschseins, so wie er es gewollt geschaffen hat. Aber Gott liebt die Menschen, alle Menschen, sogar die, die Böses tun oder getan haben, weil er in ihnen das Gute sieht, das er selbst in sie hineingelegt hat, und das erneuert, hervorgehoben, bestärkt und bestätigt werden kann.

Aber: Wie soll denn das gehen, das Böse zu bekämpfen, ohne gegen „die Bösen“ Gewalt anzuwenden? Die werden sich ja kaum mit guten Worten von ihren bösen Vorhaben abbringen lassen! Das ist schon richtig, deshalb muss dieser Kampf auch immer zwei Zielrichtungen haben: Die Verhinderung des Bösen und die Förderung des Guten. Das Böse geschieht oft von allein, es entspricht ja auch in vielem den Urinstinkten des Lebens: Kampf ums Dasein, ums Leben und Überleben, und Kampf um die besten Plätze in der Gesellschaft. Das Gute aber muss man (manchmal auch gegen die eigenen Interessen und Triebe) bewusst wollen und tun, muss es suchen und fördern. Und das ist möglich. Lassen wir uns nicht entmutigen; es gibt Erfahrungen über Jahrhunderte in diesem Kampf, Erfahrungen, die uns auch heute noch weiterhelfen können.

Seit Jahrhunderten haben sich Gläubige in den christlichen Kirchen und in Einrichtungen des Judentums um Menschen gekümmert, die in Not waren oder die „unter die Räuber gefallen“. Die kirchliche Tradition nennt das Diakonie und das gibt es schon seit den ersten Tagen der Christenheit (vgl. Apg 6, 1-7): Zuwendung und Hilfe für Arme, Kranke, Behinderte, Alte, um Witwen und Waisen, um die Opfer von Gewalt und Krieg. Das war und ist Diakonie am Leben der Menschen (vgl. den Beitrag „Gesellschafts- und Friedensdiakonie“ auf der Startseite). Das bekannteste Vorbild für diese Diakonie ist der barmherzige Samariter aus dem Gleichnis Jesu (Lk 10, 30-36). Diese Samariter-Dienste gingen im Mittelalter meist von den Klöstern aus (später von den „Diakonischen Werken“) und sie waren Jahrhunderte lang die einzige Hilfe für alle Notleidenden und sie waren ein Bollwerk gegen die geistige Zerrüttung der Menschen durch die Erfahrung von Zuwendung und Hilfe. Und: Sie haben sich im Lauf der Jahrhunderte als menschlich und gesellschaftlich so notwendig und hilfreich erwiesen, dass sie heute in den meisten (auch nichtchristlichen) Ländern von staatlichen Einrichtungen übernommen werden: Krankenhäuser, Altenheime, Waisenhäuser, Behinderteneinrichtungen … Die Kirchen sind, zumindest in den hoch entwickelten Ländern, nur noch am Rande damit befasst durch diakonische Einrichtungen, die nach den Vorgaben der staatlichen Sozialsysteme arbeiten.

Statt dessen ist aber heute eine neue, ganz große Herausforderung hinzugekommen, für die es noch keine staatlichen Einrichtungen gibt: Nicht mehr nur das Leben der Menschen, sondern vor allem das Zusammenleben der Menschen ist gefährdet und gestört. Und das gilt weltweit, in Europa genau so wie in Afrika oder Asien, wie in Amerika oder Australien und es reicht bis in das letzte Südsee-Inselparadies im Pazifischen Ozean: Die traditionellen Bindungen haben sich aufgelöst und neue tragfähige Strukturen sind noch nicht gefunden. Der Zusammenhalt der Familien und der Generationen ist weithin zerbrochen. Den Schutzraum der Großfamilie, der Nachbarschaften, der Dorfgemeinschaft, auch der Arbeitsgemeinschaft einer Firma, in der man viele Jahre, ja möglichst ein ganzes Berufsleben tätig ist, gibt es kaum noch. Die Vereinzelung des Menschen inmitten von immer größeren und immer unüberschaubarer werdenden sozialen Einheiten macht ihn hilflos und anfällig gegenüber dem Zugriff globaler Mächte und Beeinflussungsstrategien durch „Weltmächte“ der Desinformation und der Lüge in den (leider oft gar nicht mehr) „sozialen“ Medien.

.

Was heute nötig ist, ist nicht mehr nur eine Diakonie am Leben der Menschen, sondern auch eine Diakonie am Zusammenleben der Menschen, in den Ehen und Familien, in Nachbarschaften und Kollegien, in überörtlichen Gemeinschaften und Netzwerken, zwischen den Interessenruppen und Parteien, zwischen den Völkern und Kulturen, den Weltanschauungen und Religionen … Der barmherzige Samariter von heute muss nicht nur die Wunden des unter die Räuber Gefallenen verbinden, er muss ihm vor allem wieder den Zugang zu einem sozialen Gefüge verschaffen, in dem er Nähe, Gemeinschaft und Geborgenheit erfahren kann. Das können staatliche Einrichtungen nicht leisten.

Was heute nötig ist, ist eine Gesellschafts- und Friedensdiakonie, durch die Menschen neu lernen können, wie man in Gemeinschaft lebt und wie verschiedene Gemeinschaften mit verschiedenen Traditionen, Mentalitäten, Lebensweisen und Ausdrucksformen in versöhnter Verschiedenheit miteinander auf diesem einen Globus leben können. Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes heißen (Mt 5, 9) sagt Jesus in der Bergpredigt.

Die Kirchen haben das ja selbst erst mühsam lernen müssen. Auch sie waren vielfach gespalten und zerrissen, standen sich manchmal sogar in feindlichen Lagern gegenüber, und sie sind erst in unserer Zeit dabei, allmählich wieder zu ihrer ursprünglichen Einheit in versöhnter Verschiedenheit zurückzufinden. Dadurch aber haben sie einen Erfahrungsvorsprung bezüglich der Nöte unserer Gegenwart, den sie heute in die regionalen und globalen Prozesse einbringen können.

Eine solche Gesellschafts- und Friedensdiakonie als Gegenwartspraxis des zukünftigen Heils (Heil hier verstanden als Gesundung der persönlichen und kollektiven Verwundungen im Leben und Erleben der Menschen) kann und soll heute überall geschehen, wo Menschen sich von Jesus zu einer Lebensgemeinschaft der Einheit in versöhnter Verschiedenheit durch die Bindungskraft seiner Liebe führen lassen. Und das nicht als weltferne Utopie und wirklichkeitsscheuen Wunschtraum, sondern als handfest-konkreter Lebensvollzug, in dem aber schon ein Vorgeschmack der verheißenen Vollendung wahrzunehmen ist.

Was sollen wir nun tun, wie sollen wir den unaufhörlichen Funkenregen von Hass und Gewalt in den digitalen Medien herunterkühlen auf ein erträgliches Maß? Wie sollen wir für Frieden und Verständigung eintreten in einer wuterfüllten Öffentlichkeit? Eines ist ganz gewiss: Es wird niemals möglich sein, allein mit Abwehr– und Strafmaßnahmen eine verhängnisvolle Entwicklung im Denken und Wollen der Menschen aufzuhalten und einzudämmen. Selbst wenn man die Hälfte der Bewohner eines Landes in Gefängnisse einsperren würde, weil sie hasserfüllte und menschenfeindliche Ansichten äußern und entsprechende Handlungen planen und manchmal auch durchführen, so würde das den Rest der noch „Freien“ nicht davon abhalten, aus der Feindschaft zu diesen Übeltätern nun selbst zwar etwas anders gefärbte aber im Grunde genau so hasserfüllte und menschenfeindliche Ansichten und Handlungsweisen zu entwickeln. Wenn wir anfangen die Bösen zu bekämpfen statt das Böse (das Böse, das in jedem Menschen Wurzeln schlagen kann, auch in uns selbst) dann haben wir den Kampf schon verloren.

Es gibt keine auf Dauer wirksame Möglichkeit, hasserfüllte und menschenfeindliche Ansichten zu überwinden, indem man versucht, sie einzugrenzen, zu isolieren wie eine ansteckende Krankheit, auch nicht, indem man sie mit Härte zurückdrängt und die Gewalt mit Gegengewalt bekämpft (obwohl man auch in der Sache notwendige harte Auseinandersetzungen nicht scheuen darf, aber die sind nur Symptombekämpfung, nicht Heilmittel).

Das einzig wirksame Gegenmittel gegen Ansichten und Gefühle von Hass und Gewalt, sind Erfahrungen von liebevoller Zuwendung und handfester Wohltat. Aber das zu verwirklichen ist ganz gewiss keine Möglichkeit für Einzelgänger und Einzelkämpfer. Nur in den alten (ebenso wie in den modernen)  Märchen können Superhelden die Welt retten. Wir müssen uns das immer wieder bewusst machen: Die modernen Kommunikationsmittel sind nicht reserviert für die Mitteilung von Hass und Hetze! Sie können auch (intensiver als bisher) für die Mitteilung von freundlichen, hilfreichen und wohltuenden Inhalten genutzt werden. Und: Weil der digital verbreitete Hass weltweit organisiert und vernetzt ist, muss auch eine Diakonie am Leben und Zusammenleben der Menschheit weltweit verbreitet, organisiert und vernetzt sein. Und das ist die Herausforderung an die jetzt junge Generation, damit jetzt zu beginnen.

.

Bodo Fiebig „Die geistige Zerrüttung der Menschheit“ Version 2020-3

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Form von kommerzieller Verwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.